Hintergrund der Studie ist die zunehmende Adipositas-Morbidität und ihre Begleiterkrankungen, die dringend alltagstaugliche Therapieansätze erfordern. Das vorgestellte Programm ist überregional, zeitlich unlimitiert und beratergestützt in Arztpraxen implementiert. Schwerpunkte sind eine verhaltensorientierte Ernährungsumstellung ergänzt durch Entspannungs- und Bewegungseinheiten. Die Mahlzeitenersatz-Therapie basiert auf individuell angepasster Trinknahrung mit spezifischer Makronährstoffzusammensetzung und hoher Pflanzenfaserquote. An der Per-Protokoll-Analyse nahmen 104 Teilnehmer (50 % Frauen, 50 % Männer, BMI > 30 kg/m²) teil, die über 24 Monate regelmäßig das Programm nutzten. Die Gewichtsdaten zeigen nach 24 Monaten eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von 12,6 kg, was 11 % des Anfangsgewichts entspricht. Dabei betrug die Reduktion der Fettmasse durchschnittlich 8,6 kg (18,3 %), was 68,3 % der Gewichtsabnahme ausmacht. Trotz Gewichtsverlust stieg der relative Anteil der stoffwechselaktiven Körperzellmasse (Body Cell Mass) am Körpergewicht von 30,9 % auf 31,9 % an, der absolute Verlust der Muskulatur war mit 2,8 kg gering. Die Einhaltung der S3-Leitlinien für Gewichtsverlust (5 % bis 10 % Reduktion je nach BMI) konnte bei einem Großteil der Teilnehmer über zwei Jahre erfüllt werden. Die Studie unterstreicht die Bedeutung der bioelektrischen Impedanzanalyse (BIA) zur regelmäßigen Kontrolle der Körperzusammensetzung, um unerwünschten Muskelverlust während der Diät zu minimieren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein einfach umsetzbares, ärztlich begleitetes Mahlzeiten-Ersatzprogramm in der ambulanten Praxis nicht nur eine nachhaltige Gewichtsreduktion ermöglicht, sondern auch den Erhalt muskulärer Substanz fördert. Limitierend ist das Fehlen von Labordaten, die Einnahme von Teilnehmern als Selbstzahler unter Alltagsbedingungen stellt jedoch praxisnahe Daten sicher. Die Autoren empfehlen zur weiteren Optimierung eine stärkere Betonung von körperlicher Aktivität und Proteinaufnahme, besonders um Sarkopenie vorzubeugen. Insgesamt legt die Studie nahe, dass ein solches Programm eine wertvolle Ergänzung zu multimodalen Therapiezentren darstellt und die medizinische Behandlung von Adipositas in der Primärversorgung bereichern kann.
Claussen M, Friese G, Theis S. Ambulante Gewichtsreduktion durch Mahlzeiten-Ersatz-Therapie in der ärztlichen Praxis: 2-Jahres-Ergebnisse einer nicht kontrollierten Beobachtungsstudie. Aktuelle Ernährungsmedizin 2022; 47(02): 122-134 DOI: 10.1055/a-1740-3572