Die Endoprothetik hat sich in den letzten Jahrzehnten sowohl in technischer als auch in materialwissenschaftlicher Hinsicht weiterentwickelt. Der Motor hierfür sind die gestiegenen Anforderungen und Erwartungen von Prothesenträgern an das Mobilitätsniveau sowie die demografische Entwicklung. Dies hat auch dazu geführt, dass bei passender Indikation, mehr Patienten im mittleren Lebensalter endoprothetisch versorgt werden [1, 2].
Damit einhergehend sind auch Beanspruchungen der Prothesen entsprechend der sportlichen Aktivität dieser Zielgruppe. Dies reicht von normalen Ausdauersportarten bis hin zu Ballsportarten mit entsprechenden Belastungen. Sowohl in der Klinik als auch im ambulanten Bereich tauchen daher zunehmend gezielte Fragestellungen nach passender sportlicher Betätigung nach endoprothetischer Versorgung auf [3 – 5].
Biomechanik, Materialien und Belastung
Moderne Prothesen verwenden verbesserte Gleitpaarungen wie hochvernetztes Polyethylen und bevorzugen, bei entsprechender Knochenqualität, zementfreie Verankerungen. Daraus resultieren geringere Abrieb- und Verschleißerscheinungen und somit geringere Revisionsraten [6, 7]. Minimalinvasive und muskelschonende Zugänge erlauben eine zeitnahe Belastung und eine gesteigerte Mobilität, auch in der unmittelbaren postoperativen Phase, was mit einer frühen Wiederaufnahme der sportlichen Belastbarkeit einhergeht.
Low-Impact vs. High-Impact-Sportarten
Im Alltag unterscheidet man sportliche Aktivitäten nach ihrer Belastungsintensität, Dauer und mechanischen Spitzenkräften auf das Kunstgelenk. Generell gelten folgende Aktivitäten als empfehlenswert bzw. weitgehend sicher nach Hüft- und Knieendoprothesen:
- Low-Impact-Sportarten: Schwimmen, Radfahren, Wandern, Nordic Walking und Golf zeichnen sich durch geringe Stoß- und Scherkräfte sowie gleichmäßige Bewegungsabläufe aus und werden von den meisten Fachgesellschaften als risikoarm eingestuft.
- Moderate Sportarten: Tanzen, Pilates oder moderate Gymnastik können je nach Patientenvoraussetzungen und ärztlicher Einschätzung sinnvoll sein.
- High-Impact-Sportarten: Laufen, Fußball, Basketball, Handball oder intensiver Skisport gelten traditionell als weniger empfehlenswert wegen der hohen Stoßbelastungen und potenziell gesteigerter Abrieb- bzw. Lockerungsrisiken sowie der erhöhten Gefahr von periprothetischen Frakturen.
In zahlreichen chirurgischen Umfragen und Reviews wurden Sportarten wie Wandern, Radfahren, Schwimmen oder Golf als die am häufigsten akzeptierten Aktivitäten nach Hüft- und Knieendoprothese genannt, während Kontaktsportarten und hochdynamische Disziplinen überwiegend nicht empfohlen wurden [8 – 11].
Timing und postoperative Phase
Ein frühzeitiger Wiedereinstieg der sportlichen Aktivität sollte erst nach abgeschlossener primärer Heilung und Reha-Phase erfolgen – in der Regel etwa 3 – 6 Monate postoperativ für Low-Impact-Sportarten. Für komplexere oder sportlich anspruchsvollere Aktivitäten wird häufig ein längeres Intervall empfohlen, um die muskuläre Stabilität, Koordination und das propriozeptive Niveau zu sichern.
Einfluss auf Prothesenstandzeit und Risiken
Die Datenlage zu langfristigen Auswirkungen sportlicher Aktivität auf die Standzeit von Hüft- und Knieprothesen ist derzeit noch limitiert und heterogen. Einige Studien deuten an, dass hohe Spitzenbelastungen und repetitive Stoßkräfte mit einem erhöhten Abrieb und damit potenziell früheren Prothesenwechsel assoziiert sein könnten. Die meisten Studien haben ein follow-up von 10 – 15 Jahren. In der Hüftendoprothetik zeigt die Verwendung hochvernetztes Polyethylene im Vergleich zu normalen Kunststoffen deutlich weniger Abrieb und damit abriebinduzierte Lockerung sowie Revisionsraten [12, 13]. Etwas heterogener zeigt sich das Bild in der Kniegelenksendoprothetik. Hier scheint sich der Vorteil erst nach einem längeren Zeitintervall von 20 Jahren follow-up abzuzeichnen [14]. Somit ist eine individuelle Empfehlung für Patienten mit Knie- oder Hüftprothesen bezüglich der verschiedenen Sportarten sinnvoll.
Potenzielle Risiken umfassen:
- Periprothetische Frakturen nach traumatischen Ereignissen, insbesondere bei sportlicher Kollision oder bei Stürzen.
- Luxationen (v. a. bei Hüftendoprothesen) durch extreme Bewegungsamplituden oder instabile mechanische Situationen.
- Abrieb und aseptische Lockerung durch repetitive Hochbelastungen, was langfristig zu einer Revision führen kann.
Präoperative Aktivität und Rückkehr zum Sport
Patienten, die vor der Operation aktiv waren, kehren mit höherer Wahrscheinlichkeit nach der OP zu sportlichen Aktivitäten zurück. Bei zuvor inaktiven Patienten ist die Wahrscheinlichkeit geringer. Gleichzeitig zeigt sich ein Trend zu einer Verlagerung zugunsten von weniger belastenden Sportarten nach operativer Versorgung (Tabelle).

Klinische Empfehlungen und individuelle Faktoren
Aktuelle Fachgesellschaften wie die American Association of Hip and Knee Surgeons (AAHKS) oder nationale sportmedizinische Verbände empfehlen ärztlich individualisierte Entscheidungen, die Alter, BMI, Knochenqualität, Prothesentyp, präoperative Aktivität und chirurgische Technik berücksichtigen. Generell gilt: die Rückkehr zu sportlicher Aktivität sollte schrittweise, gut begleitet und patientenspezifisch dosiert erfolgen.
Fazit
Sportliche Aktivität nach Hüft- und Knieendoprothese ist nicht nur möglich, sondern – sofern medizinisch sinnvoll dosiert – auch gesundheitsfördernd. Low-Impact-Sportarten sind breit akzeptiert und meist ohne signifikante Risiken für die Implantatstandzeit durchführbar. High-Impact-Sportarten sollten kritisch geprüft und meist reduziert oder modifiziert werden. Die derzeitige Literatur zeigt, dass sportliche Aktivität die Funktion, Muskelkraft und Lebensqualität deutlich verbessert, während der direkte Einfluss auf die Langzeit-Prothesenstandzeit sich durch die Verwendung neuer Kunststoffe verbessert. Dadurch bleiben individualisierte und interdisziplinäre Empfehlungen zwischen Operateur, Sportmediziner und Physiotherapeut essenziell. Auch werden künftige Studien zeigen, ob unterschiedliche Empfehlungen für Sportarten und Belastungen für Patienten mit einer Hüft- oder Knieprothesen gelten werden.
Fun Fact
Ich habe diesen Winterurlaub einen sportlichen Snowboarder im mittleren Rentenalter mit zwei künstlichen Kniegelenken kennenlernen dürfen, der aktiv fährt und damit besser zurechtkommt als mit Ski, da beide Beine fest auf dem Brett arretiert sind. Mit diesem Bild im Hinterkopf sollte gelten: individuelle Beratung, die zur jeweiligen Lebenssituation und Anspruch des Prothesenträgers passt.
Literatur
- Finkenstädt V, Niehaus F. Die Aussagekraft von Länder Renk links im Gesundheitsbereich -Eine Analyse des Einflusses der Altersstruktur auf die OECD Daten. 2015
- Wengler A, Nimptsch U, Mansky T. Hip and knee replacement in Germany and the USA: analysis of individual inpatient data from German and US hospitals for the years 2005 to 2011. Dtsch Arztebl Int. 2014; 111:407-416. doi:10.3238/arzebl.2014.0407
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- Hoorntje A et al. High activity levels after total hip arthroplasty: increased wear?
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- Prentice HA, et al. Highly crosslinked polyethylene is associated with a lower revision risk in total knee arthroplasty at 20-year follow-up. J Bone Joint Surg Am. 2026;108(2):123–131. doi:10.2106/JBJS.25.00456
Autoren
- Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Spezielle Orthopädische Chirurgie, Manuelle Medizin/Chirotherapie, Notfallmedizin
- Chefarzt im Zentrum für Künstlichen Gelenkersatz an der Sportklinik Hellersen
- Forschungsschwerpunkte: Standzeiten von Prothesen, Infektionen und Hüftgelenksluxationen sowie internationaler Consensus für Fast-Track in der
Endoprothetik



