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    Training

    Parkinson

    Sport und Bewegung – evidenzbasierte Ansätze im sportmedizinischen Kontext
    Univ.-Prof. Dr. med. Brit Mollenhauer , Christoph KleinBy Univ.-Prof. Dr. med. Brit Mollenhauer , Christoph Klein6 Mins Read
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    Krafttraining © Paracelsus Elena Klinik, Kassel
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    Die Parkinsonkrankheit ist eine progrediente neurodegenerative Erkrankung, deren klinisches Bild durch motorische Symptome wie Bradykinese, Rigor, Tremor, Gangstörungen und posturale Instabilität sowie durch nicht-motorische Symptome wie Schlafstörungen und kognitive Einschränkungen geprägt ist. Neben der medikamentösen Therapie hat sich in den vergangenen Jahren die Bewegungstherapie als zentrale Säule eines multimodalen Behandlungskonzepts etabliert. 

    Studien zeigen, dass Sport, ergänzt durch eine gesunde Ernährung und gutes Schlafmanagement, die motorischen Symptome, die funktionelle Mobilität und somit die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann. Bewegung fördert die dopaminerge Transmission und verbessert die zerebrale Durchblutung. Diese Effekte sind aus sportmedizinischer Sicht vergleichbar mit Trainingseffekten bei Gesunden, haben jedoch bei Parkinson eine besondere therapeutische Relevanz. Studien weisen darauf hin, dass regelmäßige körper­liche Aktivität möglicherweise das Fortschreiten der Erkrankung sogar verlangsamen kann. Denn es ist bekannt, dass Sport Entzündungsfaktoren im Körper herunter reguliert durch die Ausschüttung von Myokinen. Da Entzündungsreaktionen die Parkinsonkrankheit voran­schreiten lassen, hat der Sport bei Parkinson einen wichtigen protektiven Effekt. Die Sporttherapie bei Parkinson verfolgt daher mehrere zentrale Ziele: Den Erhalt der funktionellen Selbstständigkeit, die Verbesserung von Gang- und Gleichgewichtsfähigkeit, Reduktion von Sturzrisiken sowie den Aufbau konditioneller Ressourcen und sollte als langfristige Therapie verstanden werden und möglichst frühzeitig beginnen.

    Trainingskomponenten

    Kraft – Schwerpunkt Aufrichtung und Beinkraft  

    Krafttraining ist für Parkinson-Patienten essenziell, da Muskelschwäche, ­reduzierte Schnellkraft und Haltungskollaps häufig zur Einschränkung von Alltagsfunktionen beitragen. Besonders relevant ist die gezielte Kräftigung folgender Muskelgruppen:

    Aufrichtende Rumpfmuskulatur: Eine Parkinson-typische Flexionshaltung verschlechtert Gangökonomie, Balance und Atmung. Das Training der Rückenstrecker und der rumpfstabilisierenden Muskulatur verbessert die posturale Kontrolle und unterstützt eine funktionelle Aufrichtung.

    Hüftstrecker und Beinkraft:  Die Hüftstrecker sowie Quadrizeps- und Wadenmuskulatur sind entscheidend für Schrittlänge, Aufstehen, Treppensteigen und reaktive Gleichgewichtskorrekturen. Progressives Krafttraining verbessert nachweislich funktionelle Mobilität und steigert die Muskelkraft. Systematische Reviews zeigen signifikante Verbesserungen in Ganggeschwindigkeit und Leistungsfähigkeit durch Widerstandstraining [1].

    Empfohlen werden zwei bis drei Trainingseinheiten pro Woche mit progressiver Belastungssteigerung, bevorzugt in funktionellen Bewegungsmustern (z. B. Kniebeugevarianten, Ausfallschritte, Hüftstreckübungen, Rumpfextension).

    Ausdauer – Training für Belastbarkeit und Symptomkontrolle  

    Aerobes Training verbessert kardiovaskuläre Leistungsfähigkeit, reduziert Fati­gue und wirkt sich positiv auf motorische Symptome aus. Besonders Trainingsformen wie Radfahren, Laufbandtraining oder Nordic Walking gelten als geeignet. Studien weisen darauf hin, dass regelmäßiges Ausdauertraining zu Verbesserungen der motorischen Funktion und der Gehfähigkeit führen kann [2]. Empfohlen werden zwei bis vier Einheiten pro Woche im moderaten Intensitätsbereich, angepasst an indi­viduelle Belastbarkeit und Medikamentenwirksamkeit.

    Beweglichkeit – großamplitudige Bewegung gegen Hypokinese  

    Ein wesentliches Problem bei Parkinson ist die Hypokinese mit kleinräumigen Bewegungen, reduzierter Rumpfrotation und eingeschränkter Schulter- und Hüftbeweglichkeit. Beweglichkeitstraining sollte daher über klassisches Dehnen hinausgehen und dynamische, großräumige Mobilitätsübungen integrieren. Großamplitudige Übungen (z. B. BIG-orientierte Bewegungen) verbessern Schrittlänge, Armmitbewegung und Rotationsfähigkeit und wirken dem Bewegungsverlust im Alltag entgegen.

    Koordination, Gleichgewicht und Sturzprophylaxe  

    Posturale Instabilität zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Stürze. Koordinations- und Gleichgewichtstraining sollte deshalb fester Bestandteil jeder Trainingsplanung sein. Inhalte sind Stand- und Gangvariationen, Richtungswechsel, Gewichtsverlagerungen, Reaktions- und Perturbationsübungen sowie dualtask Training. Evidenz zeigt, dass gezielte Gleichgewichtsprogramme die Sturzrate senken und die Mobilität verbessern können [3]. Entscheidend ist eine Kombination aus Kraft, Gleich­gewicht und funktionellen Transferübungen, da Sturzprophylaxe stark von Bein- und Rumpfkraft abhängig ist.

    Effektive Sportarten bei der Parkinsonkrankheit

    Boxen: Parkinson-spezifisches Boxtraining kombiniert Ausdauer, Kraft, Koordination und schnelle Reaktionsanforderungen. Untersuchungen zeigen Verbesserungen in Mobilität, Balance und subjektiver Selbstwirksamkeit [4]. Zusätzlich wirkt das Training motivierend und alltagsnah.

    Tanzen: Tanzen verbindet Rhythmus, Beweglichkeit, Gleichgewicht und kognitive Planung. Besonders Tango wurde wissenschaftlich untersucht und zeigte signifikante Verbesserungen von Gang und Balance [5]. Rhythmische Impulse können zudem Freezing-Symptome positiv beeinflussen.

    Tischtennis: Tischtennis fordert Augen-Hand-Koordination, schnelle Gewichtsverlagerung und Reaktionsfähigkeit. Erste Studien deuten auf günstige Effekte auf Motorik und kognitive Flexibilität hin, auch wenn die Datenlage insgesamt noch begrenzt ist. 

    Aufgrund des spielerischen Charakters ist Tischtennis eine sinnvolle Ergänzung. Die internationale Entwicklung der Ping-Pong-Parkinson Vereine zeigt hier einen deutlichen Trend auf.

    Tai Chi und Qigong: Bewegung und Entspannung – Tai Chi und Qigong kombinieren fließende Bewegungen mit Atmung und Körperwahrnehmung. ­Tai Chi zeigte in einer randomisierten Studie signifikante Verbesserungen von Balance und Sturzrate bei Parkinson-Patienten [6]. Beide Verfahren eignen sich als niedrigschwellige Ergänzung, fördern Beweglichkeit, Gleichgewicht und Stressregulation.

    Boxtraining © Paracelsus Elena Klinik, Kassel

    Ernährung und Schlaf als ergänzende Therapiebausteine 

    Ein weiterer zentraler Faktor für die Verbesserung der Symptome bei Parkinson ist ein gesundes Schlafmanagement. Schlafstörungen betreffen einen Großteil der Parkinson-Patienten. Ein stabiler und erholsamer Schlaf unterstützt regenerative Prozesse im zentralen Nervensystem und verbessert die Tagesfunktion. Aktuelle klinische Empfehlungen betrachten daher Bewegung und Schlaf als Bestandteile eines ganzheitlichen Therapiekonzepts. Auch die Ernährung gewinnt zunehmend an Bedeutung im Therapiekonzept von Parkinsonpatienten. Eine mediterrane, fleischarme Ernährung, kann positive Effekte auf neurodegenerative Prozesse haben. Sie ist reich an Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Olivenöl und Fisch, liefert zahlreiche Antioxidantien und entzündungshemmende Nährstoffe, die neurodegenerative Prozesse positiv beeinflussen können. Insgesamt trägt die mediterrane Ernährung damit zu einem besseren Stoffwechsel bei. Eine ausgewogene Nährstoffversorgung unterstützt die Muskelkraft, Energieverfügbarkeit und Regeneration.

    Sensomotorik © Paracelsus Elena Klinik, Kassel

    Fazit

    Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Bewegungstherapie nicht als ergänzende Maßnahme, sondern als fester Bestandteil der Parkinson-Behandlung zu verstehen ist. Seit einigen Jahren wird daher in spezialisierten Parkinson-Fachkliniken, wie der Paracelsus Elena Klinik in Kassel, die multimodale Komplextherapie angeboten. Dabei erhalten die Patienten während eines etwa dreiwöchigen Aufenthaltes im Rahmen eines inter­disziplinären Ansatzes intensiv abgestimmte und hochfrequente Therapieeinheiten. In Kombination mit einer angepassten Ernährung und einer Verbesserung der Schlafqualität entsteht ein ganzheitlicher, sportmedizinisch fundierter Therapieansatz. Dieser kann sowohl motorische als auch nicht-motorische Beschwerden verbessern und möglicherweise auch den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Für die Zukunft bleibt die Herausforderung, diese Erkenntnisse weiter zu präzisieren und in individualisierte, alltagsnahe Therapieprogramme zu überführen, die sich auch gut in den Alltag der Betroffenen integrieren lassen.

    Univ.-Prof. Dr. med. Brit Mollenhauer / Christoph Klein / Sandra Attendorn

    Literatur

    [1] Goodwin VA, et al. The effectiveness of exercise interventions for people with Parkinson’s disease. Cochrane Database Syst Rev. 2019

    [2] Fisher BE, Wu AD, Salem GJ, et al. The effect of exercise training in Parkinson disease. Neurorehabil Neural Repair. 2013

    [3] Allen NE, Sherrington C, Paul SS, Canning CG. Risk factors for falls in Parkinson’s disease: a systematic review and meta-analysis. Mov Disord. 2011.

    [4] Combs SA, Diehl MD, Staples WH, et al. Boxing training for patients with Parkinson disease: a case series. J Neurol Phys Ther. 2011.

    [5] Hackney ME, Earhart GM. Effects of dance on movement control in Parkinson disease. Mov Disord. 2009.

    [6] Li F, et al. Tai Chi and postural stability in patients with Parkinson’s disease. N Engl J Med. 2012.

    Nature, Long-term effects of exercise and physical therapy in people with Parkinson disease – Nature Reviews Neurology. 13. Oktober 2017

    Autoren

    Univ.-Prof. Dr. med. Brit Mollenhauer

    » Fachärztin für Neurologie
    » Chefärztin der Paracelsus Elena Klinik, Kassel und Professorin der Universitätsmedizin Göttingen
    » 3. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG)

    (Stand 2026)

    Christoph Klein

    » Diplom-Sportwissenschaftler und Sporttherapeut
    » Leiter der Therapieabteilung in der Paracelsus Elena Klinik, Kassel

    (Stand 2026)

    02/26
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