Ein 26-jähriger Fußballspieler stellt sich mit seit Monaten bestehenden Rückenschmerzen vor. Die Beschwerden treten vor allem bei intensiven Belastungen und schnellen Richtungswechseln auf. Bildgebende Verfahren zeigen keine eindeutigen strukturellen Veränderungen, neurologische Symptome fehlen. Solche Fälle sind in der sportphysiotherapeutischen Praxis häufig und diagnostisch wie therapeutisch anspruchsvoll.
Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten muskuloskelettalen Beschwerden im Leistungssport. Während Bandscheibenpathologien oder sakroiliakale Dysfunktionen häufig diskutiert werden, bleibt eine funktionelle Beteiligung der Facettengelenke im lumbosakralen Übergangssegment häufig unbeachtet. Das Segment L5 / S1 stellt die biomechanische Verbindung zwischen der beweglichen Lendenwirbelsäule und dem relativ starren Becken dar. Hier wirken erhebliche Kräfte aus Körpergewicht, Beschleunigungen und externen Belastungen sportlicher Bewegungen. Kommt es dabei zu einer unzureichenden neuromuskulären Kontrolle, kann eine funktionelle segmentale Instabilität entstehen, die zu einer Überlastung der Facettengelenke führt.
Ziel dieses Beitrags ist es, die biomechanischen und neurophysiologischen Mechanismen einer Facettengelenksreizung im Segment L5/S1 darzustellen und daraus praxisrelevante diagnostische sowie trainingsmedizinische Therapieansätze abzuleiten.
Biomechanik des Segments L5/S1
Das lumbosakrale Übergangssegment L5/S1 stellt eine biomechanisch besonders belastete Region der Wirbelsäule dar. Es verbindet die bewegliche Lendenwirbelsäule mit dem relativ rigiden Becken. Dadurch entstehen komplexe Belastungen aus Kompressions-, Scher- und Rotationskräften. Die Bandscheibe L5 / S1 trägt maßgeblich zur lumbalen Lordose bei, während die Facettengelenke aufgrund ihrer Orientierung vor allem ventrale Translation und Rotation begrenzen. Dieses Zusammenspiel entspricht dem Load-Sharing-Prinzip der Wirbelsäule, bei dem Bandscheibe, Facettengelenke, Bänder und Muskulatur gemeinsam zur Stabilität beitragen. Durch die ventrale Neigung der Sakralbasis entsteht zusätzlich eine lumbosakrale Scherkomponente, die auf den Wirbelkörper L5 wirkt. Diese Kräfte müssen ebenfalls durch die passiven Strukturen, sowie durch die segmentale Muskulatur kontrolliert werden.
Insbesondere der M. multifidus und der M. transversus abdominis stabilisieren das Segment durch Ko-Kontraktion und kontrollieren die sogenannte Neutral Zone des Bewegungssegments, also den Bereich um die Neutralstellung, in dem nur ein geringer passiver Widerstand durch Bandscheiben und Bandstrukturen besteht und die Stabilität maßgeblich von der muskulären Kontrolle abhängt. Bei dynamischen Sportbewegungen wie Sprint, Richtungswechsel oder Landung entstehen kurzfristig hohe Beschleunigungs-, Brems- und Scherkräfte, die über die untere Extremität auf das lumbosakrale Segment übertragen werden. Bei unzureichender neuromuskulärer Kontrolle steigt die Belastung der passiven Strukturen, sodass wiederholte mechanische Überlastungen zu einer Reizung der Facettengelenke führen können.
Pathophysiologie
Facettengelenksreizungen im Segment L5 / S1 entstehen bei Sportlern häufig nicht durch strukturelle Schäden, sondern durch funktionelle Störungen der segmentalen Stabilität. Aufbauend auf den zuvor beschriebenen biomechanischen Zusammenhängen, zeigt sich, dass insbesondere Veränderungen der neuromuskulären Kontrolle eine zentrale Rolle spielen. Studien belegen, dass bei Rückenschmerzpatienten die Aktivierung des M. transversus abdominis und des M. multifidus häufig verzögert oder reduziert erfolgt [1 – 3]. Dadurch geht die antizipatorische Stabilisierung der Wirbelsäule verloren. Die Neutral Zone des Segments vergrößert sich und es entstehen vermehrte Mikrobewegungen zwischen den Wirbelkörpern [4]. Die Gelenkkapsel der Facettengelenke enthält zahlreiche Mechanorezeptoren sowie freie, nozizeptive Nervenendigungen. Eine mechanische Reizung dieser Strukturen kann zu lokalen Schmerzen sowie zu Veränderungen der afferenten Rückmeldung führen [6]. Die daraus resultierende Störung der motorischen Kontrolle kann die segmentale Instabilität weiter verstärken und einen pathophysiologischen Kreislauf aus Schmerz, neuromuskulärer Dysfunktion und mechanischer Überlastung etablieren.
Klinische Diagnostik
Die Diagnostik basiert primär auf Anamnese, klinischer Untersuchung und funktioneller Bewegungsanalyse. Bildgebende Verfahren zeigen bei funktionellen Instabilitäten häufig keine eindeutigen Veränderungen. Typisch sind belastungsabhängige Schmerzen im Bereich des lumbosakralen Übergangs ohne radikuläre Symptome. Bei der Inspektion kann gelegentlich eine leichte Gewebsverquellung im Bereich L5 / S1 auffallen; palpatorisch zeigt sich in Bauchlage häufig eine reproduzierbare Druckdolenz über dem Facettengelenkbereich L5 / S1. Ergänzend sollten Bewegungsanalysen der Lendenwirbelsäule sowie funktionelle Stabilitätstests durchgeführt werden. Häufig zeigen sich dabei kompensatorische Bewegungsmuster oder eine eingeschränkte lumbopelvine Kontrolle. Zusätzlich können standardisierte Bewegungsscreenings, wie der Functional Movement Screen (FMS) eingesetzt werden, um globale Bewegungsdefizite, Asymmetrien sowie Einschränkungen der Rumpf- und Hüftfunktion zu erfassen. Diese liefern jedoch primär Hinweise auf übergeordnete Bewegungsmuster und sollten stets im Kontext der spezifischen, klinischen Untersuchung interpretiert werden.
Trainingsmedizinische Therapie
Die Therapie zielt primär auf die Wiederherstellung der segmentalen Stabilität und der neuromuskulären Kontrolle. Im Vordergrund stehen Übungen zur Aktivierung der tiefen Rumpfmuskulatur sowie zur Verbesserung der lumbopelvinen Bewegungskontrolle.
Zentrale Therapieziele sind:
- Verbesserung der segmentalen Stabilität
- Optimierung der Lastverteilung zwischen passiven und aktiven Strukturen
- Erhöhung der Belastungstoleranz bei sportartspezifischen Bewegungen
Motor-Control-Training, verstanden als gezieltes Training zur Verbesserung der intersegmentalen Koordination und neuromuskulären Kontrolle der stabilisierenden Muskulatur, stellt einen wichtigen Bestandteil der Therapie dar.
Das Training erfolgt in mehreren Progressionsstufen:
- Phase 1: Aktivierung der tiefen Stabilisationsmuskulatur unter geringer Belastung.
- Phase 2: Verbesserung der Muskelausdauer und Stabilität unter dynamischen Bewegungen.
- Phase 3: Integration funktioneller Bewegungsmuster wie Kniebeugen oder Ausfallschritte.
- Phase 4: Sportartspezifische Belastungsprogression mit Sprint-, Richtungswechsel- und Landungsbewegungen.
Fallbeispiel
Ein 26-jähriger Fußballspieler stellte sich mit seit etwa einem Jahr bestehenden, lumbalen Beschwerden vor. Die Schmerzen traten vor allem während sportlicher Belastung auf. Zuvor hatte der Spieler wiederholt NSAR eingenommen, ohne nachhaltige Besserung. Die Untersuchung zeigte eine eingeschränkte Hüftbeweglichkeit sowie eine Druckdolenz im Bereich L5 / S1 mit leichter Gewebsverquellung in Bauchlage. Neurologische Auffälligkeiten bestanden nicht. Es wurde eine funktionelle, segmentale Instabilität mit Facettengelenksreizung diagnostiziert. Die Therapie bestand aus einem strukturierten Trainingsprogramm zur Verbesserung der segmentalen Stabilität und der Hüftmobilität und wurde in mehrere Progressionsstufen unterteilt.
- In Phase 1 lag der Fokus auf der gezielten Aktivierung der tiefen Rumpfmuskulatur sowie der Wiederherstellung der neuromuskulären Kontrolle unter geringer Belastung.
- In Phase 2 wurden dynamische Stabilisationsübungen integriert, um die Muskelausdauer und
die lumbopelvine Kontrolle unter funktionellen Bewegungsbedingungen zu verbessern. - In Phase 3 erfolgte die Integration funktioneller Bewegungsmuster wie Kniebeugen und Ausfallschritte mit besonderem Augenmerk auf eine stabile Rumpfkontrolle und eine verbesserte Kraftübertragung zwischen unteren Extremitäten und Rumpf.
- In Phase 4 wurde das Training schrittweise um sportartspezifische Belastungen erweitert, einschließlich Sprint-, Richtungswechsel- und Landungsbewegungen, um die Belastungstoleranz unter wettkampfnahen Bedingungen zu steigern.
Bereits nach einigen Wochen zeigte sich eine deutliche Reduktion der belastungsabhängigen Beschwerden. Nach Abschluss der dreimonatigen Therapie konnte der Spieler wieder vollständig und beschwerdefrei in den Trainings- und Spielbetrieb zurückkehren.
Fazit für die Praxis
Belastungsabhängige lumbale Schmerzen bei Sportlern können Ausdruck einer funktionellen, segmentalen Instabilität im Bereich L5 / S1 sein. Eine gezielte klinische Untersuchung sowie ein strukturiertes, trainingsmedizinisches Konzept zur Verbesserung der neuromuskulären Kontrolle stellen erfolgversprechende, zentrale Bausteine der Therapie dar.
Literatur
[1] Hodges PW, Richardson CA. Inefficient muscular stabilization of the lumbar spine associated with low back pain. Spine.
[2] Richardson C, Jull G. Muscle control–pain control. What exercises would you prescribe? Manual Therapy.
[3] Hides JA et al. Multifidus muscle recovery is not automatic after resolution of acute low back pain. Spine.
[4] Panjabi MM. The stabilizing system of the spine. Spine.
[5] Adams MA, Dolan P. Biomechanics of the lumbar spine. Journal of Biomechanics.
[6] Bogduk N. Clinical anatomy of the lumbar spine and sacrum.
Autoren
» Physiotherapeut und Osteopath, M.Sc. in Sportphysiotherapie (DSHS Köln)
» Inhaber und leitender Therapeut des Gesundheitszentrums „Therapiekonzept Kutzner“ in Würzburg mit Spezialisierung auf konservative Therapie muskuloskelettaler Beschwerden sowie sportphysiotherapeutische Betreuung
» Langjährige Betreuung nationaler und intern. Leistungssportler, insbesondere im Triathlon und Ultimate Frisbee; zudem umfassende Erfahrung in der Betreuung von Mannschaftssportarten, darunter Basketball (ProA), Handball (2. Liga) und American Football
(Stand 2026)


