Herr Professor Schubert, Tennis gilt als eine der mental anspruchsvollsten Sportarten überhaupt. Welche besonderen psychoneuroimmunologischen Herausforderungen bringt der Tennissport im Vergleich zu Mannschaftssportarten mit sich?
Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, zu diesem wichtigen Thema ein paar Gedanken beisteuern zu können. Während bei Mannschaftssportarten psychischer Druck und Verantwortung auf mehrere Spieler einer Mannschaft verteilt sind und das Zusammengehörigkeitsgefühl zusätzliche Kräfte freisetzen kann, ist man bei Tennis mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Tennis ist die einsamste Leistungssportart der Welt, es gibt keinen Mitspieler, der einen physisch abklatschen und emotional stützen kann. Tennisspieler müssen darüber hinaus viel reisen, sind also oft auch außerhalb des Tenniscourts alleine unterwegs. Ein weiterer wichtiger Unterschiedsfaktor ist auch, dass Mannschaftssportarten in den meisten Fällen klar begrenzte Spielzeiten haben. Tennismatches hingegen sind in ihrer Dauer nicht einschätzbar, sie können Stunden oder sogar Tage dauern. Ich erinnere mich an das legendäre Match zwischen John Ilsner und Nicolas Mahut in der ersten Wimbledon-Runde 2010. Es ging im 5. Satz nach 11 Stunden und 5 Minuten 70:68 für Ilsner aus. Ilsner war danach so erschöpft, dass er die zweite Runde bereits nach 74 Minuten verlor.
Fernando Pérez, Osteopath und PNI-Experte im Sportbereich, betonte in einem Artikel, dass Emotionen die Funktionen aller Körpersysteme beeinflussen: des Muskelsystems, des Verdauungssystems und des Gehirns. Die PNI betrachtet Psyche, Nervensystem, Hormonhaushalt und Immunsystem als eng vernetzte Einheit. Wie beeinflussen Emotionen wie Frustration, Druck oder Einsamkeit während eines Turniers die Leistungsfähigkeit eines Tennisspielers auf biologischer Ebene?
Nehmen wir nochmals das Beispiel des Matches zwischen Ilsner und Mahut. Dass Ilsner im nächsten Match so sang- und klanglos unterging, deutet auf einen klaren PNI-Effekt hin. Die massiven stressbedingten Adrenalin- und Cortisol-Ausschüttungen im ersten Match dürften zu einem „Open-Window“-Phänomen geführt haben: Adrenalin und Cortisol sinken nach solchen Belastungen rapide ab. Dasselbe gilt für die natürliche Killerzellzahl und -aktivität sowie für die Antikörper, wodurch die Infektionsgefahr steigt. Die darüber hinaus während des Matches aufgrund von Muskelgewebs- und Darmschleimhautschäden angestiegene Entzündungsaktivität löst im Gehirn das Sickness Behavior-Phänomen aus: Man ist erschöpft, hat Schmerzen und es fühlt sich an, als ob man krank ist. Da Sickness Behavior eng mit einer Blockade der Serotonin- und Dopamin-Freisetzung im Gehirn verbunden ist, verliert der Spieler in dieser Phase auch den Kampfgeist, verfällt in Lethargie, neigt zur Resignation. Darüber hinaus sinkt die Spielfreude, es leiden Konzentration und Spielgenauigkeit und es steigt die Frustration. Immunsuppression und Entzündungsanstieg würden nun eigentlich längere Regenerationsphasen notwendig machen, die sich die Tennisspieler während eines Turniers aber oftmals nicht leisten können. Aber auch während eines Matches beeinflussen Emotionen über biologische Veränderungen die Spielqualität.
Die bei hohem Spieldruck gesteigerte Adrenalin- und Cortisol-Freisetzung kann durch seine Wirkung auf den präfrontalen Cortex die Fähigkeit zum logischen Denken und zur Entscheidungsfindung blockieren. Auch der Muskeltonus steigt bei vermehrter Adrenalin- und Cortisol-Ausschüttung – die Muskeln verkrampfen und die Schläge werden zu kurz. Letztlich signalisiert die verstärkte Cortisol-Ausschüttung unter Stress dem Organismus Gefahr, sodass vermehrt Kohlenhydrat- anstelle Fettreserven aufgebraucht werden. Dadurch ermüdet der Spieler energetisch schneller, manchmal noch bevor das Match in die entscheidende Phase eingetreten ist.
Was kann aus PNI-Sicht konkret unternommen werden?
Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, wie Tennisspieler Stress, Druck und Leistungsverlust aus Sicht der PNI gegensteuern können. Das Ziel sollte dabei sein, Adrenalin und Cortisol zu senken und die Parasympathikus-Aktivität zu steigern, sodass das Immunsystem positiv reguliert wird. Das kann man in jedem der genannten Zeitintervalle tun. Während des Spiels kann man die Stresssystemaktivität über Resonanzatmung und verschiedene kognitive Techniken positiv beeinflussen. Nach dem Spiel sollte man darauf achten, den Stress über leichtes Auslaufen, Kohlenhydrat- und Flüssigkeitszufuhr herunterzufahren. Wichtig ist auch, dass man zwischen den Turnierspielen Regenerationsphasen strikt einhält und auf die Schlafhygiene achtet. Das stärkt den Immunschutz und verringert Entzündungen. Unbedingt sollte man auch darauf achten, zwischen den Spielen soziale Probleme möglichst zu vermeiden. Insbesondere, wenn diese emotional nahegehen, kann das enorme Effekte auf psychisches Befinden und Stresssystemaktivität haben und sich auch noch negativ auf die Konzentration während des Spiels auswirken.
Viele Spitzenspieler arbeiten mit festen Ritualen vor dem Aufschlag, zwischen den Ballwechseln oder vor Matches. Rafael Nadal war dafür ein Paradebeispiel. So betrat er den Platz immer zuerst mit dem rechten Fuß, berührte während der Ballwechsel keine Linien, tippte den Ball vor dem Aufschlag mit dem Schläger, zupfte sich anschließend am Hintern, dann an der linken und der rechten Seite seines Shirts, fasste sich an die Nase, bevor er sich die Haare hinter beide Ohren wischte. Welche neurobiologischen Funktionen erfüllen solche Rituale – und können sie tatsächlich Stressreaktionen und sogar Entzündungsprozesse beeinflussen?
Zunächst klingt das, was Rafael Nadal da machte, nach Obsession und Perfektionismus. Das ist bekannt für Sportarten wie Tennis, bei denen der Spieler allein mit sich ist und sich oft kritisch mit sich auseinandersetzt. Nadal dürften seine berühmten Rituale darüber hinaus der eigenen Strukturierung und damit Beruhigung der Nervensystemaktivität während des Spiels gedient haben. Auch könnte er mit seiner extremen Detailfokussierung, z. B. auf die genaue Ausrichtung der Trinkflaschen, seine Aufmerksamkeit auf das Spiel gelenkt und alle anderen Einflüsse wie z. B. Zuschauerreaktionen oder Ablenkungsmanöver durch den Gegner ausgeblendet haben, was mentale Energie spart. Mit Ritualen wie dem Nicht-Betreten der Linien beim Seitenwechsel dürfte Nadal die neuronale Schleife des Frusts und des Ärgers über einen vergangenen Fehler durchbrochen haben, wodurch Stressreaktionen gestoppt wurden. Andere Rituale wie das lange Vorbereiten des Aufschlags wiederum dürften positive Wirkung auf die neurobiologischen Regelkreise während des Spiels gehabt haben, indem das Spiel entschleunigt und damit in seiner Dynamik kontrolliert wurde.
Im Zusammenhang mit PNI wird oft die Darm-Hirn-Achse diskutiert. Welche Rolle spielt sie für Tennisspieler, insbesondere in Drucksituationen, in denen schnelle und präzise Entscheidungen gefragt sind?
Die Darm-Hirn-Achse ist die bidirektionale Verbindung zwischen Gehirn und enterischem Nervensystem. Diese Achse ist enorm wichtig für die Performance im Leistungssport. Steigt der psychische Druck im Spiel und damit die Freisetzung von Adrenalin und Cortisol, wird die Durchblutung im Darm gedrosselt, um im Fight / Flight-Modus Energie für die Muskeln bereitzustellen. Kommt dazu noch eine enorme physische Belastung, etwa durch Hitzeeinwirkung während des Spiels, steigt die Gefahr, dass aufgrund der Sauerstoff-Unterversorgung des Darms die Schleimhaut geschädigt wird und eine „Leaky Gut“ entsteht, d. h. die Darmschleimhaut durchlässig wird. Dadurch werden bakterielle Endotoxine in den Blutkreislauf geschwemmt und die Entzündungsaktivität steigt an. Erhöhte Entzündung in der Körperperipherie wird wiederum über unterschiedliche Mechanismen, zu denen auch der Parasympathikus gehört, ins Gehirn weitergeleitet, woraufhin es zum Sickness Behavior kommt. Da darüber hinaus der Darm einen Großteil des körpereigenen Serotonins und Dopamins produziert, kommt es in der Folge zu einem Mangel dieser Neurotransmitter im Gehirn. Der gestresste Spieler erlebt dies als Zunahme von Erschöpfung und Müdigkeit sowie als Abnahme von Konzentration, Spielgenauigkeit und Motivation. Tennisspieler sollten also während des Spiels möglichst den Stress mental minimieren können, um diesen Kreislauf zu blockieren oder zumindest zu verringern.
Turnierreisen, Jetlag, wechselnde Tagesrhythmen und Schlafprobleme gehören zum Alltag vieler Profis. Wie wirken sich gestörte Biorhythmen auf das Zusammenspiel von Nervensystem, Immunsystem und Regeneration aus – und welche Maßnahmen können aus psychoneuroimmunologischer Sicht empfohlen werden?
Das Wechselspiel zwischen Nerven-, Hormon- und Immunsystem steht in direkter Verbindung mit dem Tag-Nacht-Rhythmus. Untertags kommt es z. B. zur Konfrontation des Immunsystems mit Antigenen, über Nacht wird das Immungedächtnis etabliert und am Folgetag kommt es dann zur Zerstörung von beschädigten Muskelzellen oder eingedrungenen Krankheitserregern. Cortisol wiederum steht im gegenläufigen Zyklus zu diesen immunologischen Aktivitäten. Untertags unterdrückt Cortisol die inflammatorischen Aktivitäten, während das Cortisol in der Nacht sinkt und so das zelluläre Immunsystem in seiner Aktivität nicht behindert. Geraten diese und andere Biorhythmen aufgrund von Jetlag und Schlafproblemen in Konflikt mit der zentralen Uhr im Gehirn, dem suprachiasmatischen Nucleus, kann dies große Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Tennisspielers haben. Durch den gestörten Biorhythmus verzögert sich beispielsweise die gezielte Entsorgung von Mikro-Gewebeschäden, wodurch die Regeneration unvollständig bleibt und der Spieler quasi biologisch unvorbereitet in das nächste Match startet. Auch verlängert sich das Open-Window-Phänomen nach einem erschöpfenden Match, wodurch die Infektanfälligkeit länger als üblich erhöht bleibt. Um diesen schädlichen Entwicklungen im Zusammenhang mit langen Turnierreisen und damit verbundenen Störungen der Biorhythmen entgegenzuwirken, sollte man sich möglichst an die vorherrschenden Licht- und Dunkelzyklen anpassen. Setzt man sich beispielsweise direkt nach dem Aufwachen dem Tageslicht am Zielort aus, kann der interne 14- bis 16-Stunden-Timer im Gehirn gestartet und der Organismus langsam an die neuen Umgebungsbedingungen herangeführt werden. Bricht wiederum die Dunkelheit ein und man ist noch nicht müde, sollte man bei gedimmtem Licht möglichst ruhig sitzen bleiben und erst dann ins Bett gehen, wenn der Schlafdruck besonders groß ist.
Der Mensch ist ein Mensch, egal ob Profi oder Freizeitsportler. Können wir aus PNI-Sicht davon ausgehen, dass all das, über das wir eben gesprochen haben, genauso gut auf Freizeitsportler angewandt werden kann? Oder gibt es hierbei spezielle Unterschiede / Anforderungen etc.?
Ja absolut, in den physiologischen Mechanismen unterscheiden sich Menschen nicht, egal ob Tennisprofis oder Freizeitsportler. Jedoch gibt es psychosoziale Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen. Der Profisportler erlebt, wie beschrieben, durchaus massive psychische und körperliche Stresssituationen, die sich auf seine Performance im Spiel und auch auf seine gesamte Gesundheit auswirken können. Jedoch dreht sich seine gesamte Berufssituation um ein und dasselbe Thema: Tennis. So hat sich der Tennisspieler neben seiner hohen Spielqualität auch Bewältigungsmechanismen angeeignet, die er während des Spiels, kurz danach und zwischen den Spielen anwenden kann, um vom Stress zu regenerieren. Den Freizeittennisspieler hingegen trifft es mitunter härter, da er oftmals erst am Abend nach getaner Arbeit Tennis spielt. Dabei spricht man vom sogenannten „After-Work-Dilemma“. Durch das späte Match sind die Adrenalin- und Cortisolspiegel mitunter noch bis spät am Abend erhöht. Dadurch wird das nächtliche Immun-Processing gestört und die Schlafqualität ist schlechter. Um hier gegenzusteuern, sollte man seinen Biorhythmus am nächsten Tag durch frühes Tageslicht wieder einfangen, ausreichend Proteine zu sich nehmen und sich leicht bewegen, damit die verspätete Gewebereparatur gefördert werden kann.
Vielen Dank für das interessante Gespräch!
KONGRESSTIPP
Mehr zum Thema PNI und Sport gibt es auf dem 5. PNI-Kongress vom 2 –4. Oktober 2026 in Innsbruck. Unter dem Motto „Psychoneuroimmunologie im Lauf des Lebens – Mensch beweg Dich!“ erwartet Sie ein interessantes Programm mit renommierten Experten, bei dem gezeigt wird, dass gesunde Bewegung aus dem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Prozesse entsteht. Themen sind u.a. die Wechselwirkungen zwischen Stress, Entzündung und körperlicher Leistungsfähigkeit/der Einfluss von Bewegung auf Immunalterung und Resilienz/neue Erkenntnisse zur Prähabilitation und Regeneration/die Rolle der Sportpsychologie im Breiten- und Leistungssport/die gesellschaftliche Bedeutung von Bewegung in einer zunehmend beschleunigten und leistungsorientierten Welt.
Ganz besonders freuen wir uns, Partner des diesjährigen Kongresses zu sein und unter dem Motto „PREHAB NEEDS YOU!“ am Samstag, den 3. Oktober einen Vortragsblock zum Thema „Prähabilitation und Psychoneuroimmunologie“ anbieten zu können. Als Kooperationspartner der Veranstaltung möchten wir Herrn Prof. Dr. Dr. Schubert für die Möglichkeit danken und Ihnen gemeinsam mit unseren Referenten zeigen, wie dies zusammenpasst. Referenten: Robert Erbeldinger, Dr. Alexander-Stephan Henze, Dr. Robert Percy Marshall, Prof. Dr. Götz Welsch, PD Dr. Felix Post
www.psychoneuroimmunologie-kongress.at
Autoren
ist Arzt, Klinischer und Gesundheitspsychologe und Ärztlicher Psychotherapeut. Er ist Universitätsprofessor an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Dort leitet er ein Labor für Psychoneuroimmunologie. Sein wiss. Schwerpunkt ist die Entwicklung eines Forschungsansatzes zur Untersuchung von psychosomatischer Komplexität („Integrative Einzelfallstudien“).


