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    Startseite » Teamarzt bei den Olympischen Spielen 26
    Therapie

    Teamarzt bei den Olympischen Spielen 26

    Vom olympischen Traum zum olympischen Tagesablauf und den Besonderheiten der Dezentralisierung
    Dr. med. Henning OttBy Dr. med. Henning Ott7 Mins Read
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    © BSD
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    Als einer der Teamärzte der deutschen Bob- und Skeleton-Nationalmannschaft durfte ich zur Wettkampfwoche Bob mit zu den Olympischen Spielen nach Mailand /  Cortina d’Ampezzo 2026 reisen. Sicherlich das Highlight meiner mittlerweile fast 20 Jahre in der Sportbetreuung. Vorausgegangen war – wie so üblich bei Olympischen Spielen – ein langes Akkreditierungsverfahren über die sog. long-list und short-list des IOC und DOSB, bis dann wenige Wochen vor Beginn die finale Akkreditierung erfolgte.

    Das Abenteuer Olympia begann für die Athleten und uns als Medical Team so richtig am 12.01.2026. Da fand die offizielle Team D-Einkleidung in München statt. Mit großen Einkaufswägen und einer Checkliste ging es dann von Stand zu Stand, an dem wir von der Locke bis zur Socke mit dem entsprechenden Outfit ausgestattet wurden. Aufgrund der Wechselakkreditierungen begann meine Reise daher erst am 16.02.2026. Da hatten die Rodler und Skeletonies bereits für reichlich Medaillen im Eiskanal in Cortina gesorgt. Mit dem Flieger ging es nach Venedig und von dort aus mit einem perfekt organisierten Transfer nach Registrierung mit dem Kleinbus weiter in das 2 ½ Stunden entfernte Cortina d’Ampezzo. Die Anreise mit dem eigenen Auto war hier nicht so einfach möglich, da aufgrund der topographischen Lage nur wenige registrierte Fahrzeuge in den Ort dürften, um ein allzu großes Verkehrschaos zu verhindern. 

    Es folgte der Einzug im Olympischen Dorf, welches vor den Toren von Cortina auf einem Flugplatz aus Wohncontainern errichtet wurde. Auch dies stand im Zeichen der Nachhaltigkeit, da diese Container nach den Paralympics dann auf verschiedenen Campingplätzen in Italien aufgestellt und weiter­benutzt werden. Das olympische Dorf ist wie immer nicht von Luxus geprägt, Funktionalität und Logistik bestimmen den Aufbau. Die Zimmer sind klein und einfach. Ich hatte das Glück, ein Einzelzimmer beziehen zu dürfen. Zentrale Anlaufstellen im Dorf sind die große Mensa, die nahezu 24 h geöffnet hat, der Athletikbereich und die Büros des DOSB. Der Behandlungsraum war funktionell, aber weit entfernt von Wohlfühlambiente. Ausgestattet waren wir neben den üblichen Medikamenten und Verbandsmaterialien, mit einem Handheld-Sonogerät und der radialen Stoßwelle, die uns die Firma EMS freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Raus zum Eiskanal ging es immer mit dem Shuttlebus, was gut organisiert war. Pro Disziplin wurden 4 Läufe an 2 Renntagen absolviert. Im Bob wird bei den Frauen im Mono- und 2er Bob, bei den Männern im 2er und 4er Bob gestartet. Im ersten Weltcup der Saison hatten die insgesamt 6 deutschen Teams bereits gezeigt, dass ihnen die Bahn liegt. Wie bei den meisten Bahnen des Weltcups gibt es auch in Cortina eine Schlüsselstelle: die viel erwähnte Kurve 4. Die galt es perfekt zu treffen. Die Erwartungshaltung sowohl bei den Athleten, beim Verband und bei den Zuschauern war aufgrund der Favoritenrolle der deutschen Teams hoch.

    Was sind die Aufgaben als Teamarzt beim Bob?

    Natürlich geht es allen voran, wie soll es auch anders sein, um die Behandlung von Verletzungen. Neben muskulären Problemen stehen Beschwerden im Bereich des Rückens und der Sehnen im Vordergrund. Gefürchtet sind aber vor allem Stürze, die zu schweren Verletzungen (Frakturen, Commotio, Verbrennungen durch das Rutschen auf dem Eis etc.) führen können. Aber bei den Olympischen Spielen geht es um mehr. Wichtig ist, zusammen mit dem Trainerstab und den Athleten, die in diesem Sport extrem eigenverantwortlich denken und handeln, bei Beschwerden, die eine Verletzungsgefahr in sich bergen, die Belastung zu steuern und einzuschätzen, was geht und was nicht. Kommt es zu einer relevanten Verletzung muss entschieden werden, ob das Rennen, auf das sich die Athleten vier Jahre vorbereitet und um einen Startplatz gekämpft haben, möglich ist, zu fahren. Der Druck ist ein anderer als bei einem Ligaspiel in der Bundesliga. An diesem einen Rennen bzw. den 4 Läufen hängen Karrieren, Sponsorengelder und Träume. 

    Der finale Renntag (3. und 4. Lauf)

    Der Moment, auf den alle hinfiebern. Die Athleten sind kaum ansprechbar, weil sie im absoluten Tunnel sind. Zeit für uns als Medical Team, nur noch im Bedarfsfall in Erscheinung zu treten. Die Piloten fahren ein ums andere Mal die Strecke im Kopf durch. Die Augen dabei auf, sie schauen durch alles hindurch, was sich vor ihnen befindet. Mentales Training pur. Die Anschieber lassen ihre PS-starken Antritte im sog. Laufschlauch, der sich unter der Bahn im Startbereich befindet, aufheulen. Voller Fokus, aber eine Spur gelassener als ihre Piloten. Abgesehen von der Entscheidung im 4er Bob, die am letzten Tag der Spiele den Abschluss im Eiskanal bildete, fanden die Entscheidungsläufe immer abends statt. Start war ca. 19 Uhr, so dass das Rennen gegen 22 Uhr fertig war. Primetime im Fernsehen, aber lange Tage und Abende für die Athleten. Nach Ende des Rennens hatten sie einige wenige Minuten Zeit zum Jubeln mit Freunden, Familie und dem Staff. Danach ging es eskortiert und mit Nachdruck direkt zur Siegerehrung. Auch dann wenig Zeit zum Durchschnaufen, denn es folgte ein langer ein- bis zweistündiger Medienmarathon mit Interviews, Pressekon­ferenz und Fotos, um dann endlich in die Dopingkontrolle zu kommen. Getestet wurden immer Athleten der Gold- und Silberteams + ggf. weitere. Je nach Dauer der Kontrolle ging es entweder weiter zum Medal Walk ins Deutsche Haus, welches glücklicherweise in Cortina stand, oder gelegentlich auch gegen 1:30 Uhr direkt zurück ins olympische Dorf, weil am nächsten Vormittag wieder Bobfahren auf dem Programm stand. Das sind dann auch für das Medical Team lange Tage.

    Und wir waren jedes Mal in der Dopingkontrolle! Der Grund war ein erfreulicher: Auch der Bob lieferte in Cortina ab:

    • Monobob für Laura Nolte (2 x Silber). Was sich zunächst wie eine verlorene Goldmedaille anfühlte, war nachher die erste deutsche olympische Medaille in dieser Disziplin überhaupt.
    • 2er Bob Frauen: L. Nolte & D. Levi (1 x Gold); für L. Buckwitz & N. Schuten (2 x  Silber)
    • 2er Bob Männer J. Lochner & G. Fleischhauer (1 x Gold); F. Friedrich & A. Schüller (2 x Silber);  A. Ammour & A. Schaller (3 x Gold)
    • 4er Bob Männer Team J. Lochner/ G. Fleischhauer / T. Margis / J. Wenzel (1 x Gold);  Team Friedrich / A. Schüller / M. Sommer / F. Straub (2 x Silber)

    Am Ende gab es 3 x Gold, 4 x Silber und 1 x Bronze. Der Rest ist Geschichte. Und nach dem letzten Rennen fiel all die Anspannung ab. Die einen feierten im Deutschen Haus, die anderen im sog. Außenquartier, in dem während der Spiele 2 Bobteams und Teile des Staffs untergebracht waren.

    Fazit & Danksagung

    Es war ein tolles und unvergessliches Erlebnis. Ich wünsche jedem, der mit Herzblut in der Sportbetreuung ist, das erleben zu dürfen. Dabei sind die Winterspiele sicher von einem ganz anderen Flair begleitet als die Spiele im Sommer. Die Dezentralisierung der Spiele unter dem Gedanken der Nachhaltigkeit und auch den verschiedenen Anforderungen der Sportarten (Alpin, Loipe, Eiskanal, Eisstadien etc.) stellen große Herausforderungen an die Logistik, Zuschauer müssen sich mitunter für einen Austragungsort entscheiden und auch wir als Staff bekommen nur einen Ausschnitt des ganzen Großen mit. Die Eröffnung in Mailand, die Schlussfeier in Verona, bis zu 400 km zwischen den Sportstätten. Aber in einer Zeit von Klimawandel, Nachhaltigkeitsgedanken und zunehmenden Kosten, die solche Veranstaltungen kosten, ist das etwas, an das wir uns gewöhnen müssen. Und das ist auch in Ordnung so.

    Bleibt danke zu sagen: Dr. Christian Schneider als Head of Medical des IBSF und BSD, der es mir letztendlich ermöglicht hat, dabei zu sein. Rene Spieß (Bundestrainer) und Trainerteam für das Vertrauen und die tolle Zusammenarbeit. Michael Schwab als Teammanager und das ganze Team vom BSD und DOSB. Und natürlich als Medical Team, mit dem ich vor Ort sein durfte: Dr. Florian Dreyer, Dr. Uwe Heuer, Ingo Freitag, Axel Kautz, Rene Ackermann, Timo Schall (auch wenn wir uns gerade verpasst haben, weil er etwas früher als geplant erstmals Papa geworden ist) und Brigitte Schmailzl.

    Autoren

    Dr. med. Henning Ott

    - Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnungen Sportmedizin und Notfallmedizin
    - Inhaber der Praxis SPORTORTHOE rheinmain in Bad Homburg und Level Up Sports Performance Lab in Bad Homburg
    - Teamarzt der deutschen Bob- und Skeleton-Nationalmannschaft, Verbandsarzt Deutscher Leichtathletikverband (DLV); langjähriger Mannschaftsarzt

    (Stand 2026)

    02/26
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