Tumornachsorge

Trainingsstudie: Prüfung einer neuen Versorgungsstruktur

Lesezeit: 4 Minuten

Christian Bischoff1, Dr. Roberto Falz1, Dr. Antina Schulze1, Nora Großkopf2, Carolin Jödicke2, Prof. Dr. med. Dr. Martin Busse1

1 Universität Leipzig, Institut für Sportmedizin und Prävention

2 Universitätsklinikum Leipzig, Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Transplantations-, Thorax- und Gefäßchirurgie

In den aktuellen Leitlinien der postope­ra­tiven Krebstherapie ist strukturiertes Training gleichrangig mit anderen Behandlungsformen wie Operation, Chemo- und Strahlentherapien aufgeführt. Trotzdem fehlen trainingstherapeutische Strukturen in vielen Behandlungsstrategien. Das wissenschaftsinitiierte CRBP-TS* Projekt greift diese Situation und versucht eine neue Versorgungsstruktur zu prüfen.

Ausgangslage

Prostatakrebs und Brustkrebs sind die häufigsten bösartigen Tumoren bei Männern und Frauen mit jeweils etwa 60.000 – 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland. Das kolorektale Karzinom betrifft Frauen und Männer mit einer steigenden Inzidenz von ca. 60.000 Neuerkrankungen pro Jahr [1]. Die Ursachen für die Krebsentstehung und -progression sind vielfältig und in weiten Bereichen nicht verstanden. Dazu gehören genetische, Umwelt- und Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Alkoholkonsum und Rauchen. Auch die Korrelation mit chronischen Entzündungen wie der Parodontitis ist belegt [2, 3]. Bewegungsmangel kann die Krebssterblichkeit erhöhen [4]. Umgekehrt ist regelmäßiges physisches Training unter evidenzbasierten Gesichtspunkten eine der wirksamsten Präventionsformen [5 –7]. Eine repräsentative Zahl an Studien belegt die Trainingseffizienz für Kolorektal, Brustdrüsen- und Prostatakarzinome (CRBP) als wirksame, unterstützende Therapie, mit einer Reduktion der tumorspezifischen Morbidität und Rezidiv- bzw. Metastasierungsrate [8 – 14]. Positive Effekte zeigen sich auch auf Krebssymptome wie allgemeine Schwäche, Muskelverlust, metabolisches Syndrom, Depression oder chronische kardio-vaskuläre Entzündung. Die vorliegenden Studien beruhen ganz überwiegend aus retrospektiven Beobachtungen auf Basis von Anweisungen zur Lebensstiländerung und einer qualitativen Durchführung der Trainingsprogramme. Ungeachtet der starken Evidenzlage und der guten präventiven, protektiven und regenerativen Effizienz von physischem Training gibt es in der zertifizierten Tumortherapie keine systematisch angelegten Durchführungsstrategien oder Versorgungsstrukturen. Ziel dieser Studie ist daher die Implementierung und Evaluation einer Online-Trainingsplattform zur Stärkung der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Senkung der Rezidivrate sowie der krebsspezifischen und allgemeinen Sterblichkeit.

Studienmethodik

Das Kooperationsprojekt zwischen der Universität Leipzig, dem Sana Klinikum Borna, der Medizinischen Hochschule Hannover und dem TU Dresden greift diese Situation auf. Es verbindet neben einem individualisierten online-gestützten körperlichen Training und der automatisierten Erfassung der Aktivitäts- und Leistungsparameter, eine für Patienten und behandelnde Ärzte zugängliche elektronische Fallakte (ESF), in der die gewonnenen Daten dargestellt werden. Durch die Anwendung modernster diagnostischer Analyseverfahren („Liquid Biopsies“, Impedanzkardiographie) und die aktive Kommunikation erhalten die Patienten krankheits- und therapierelevante Informationen. Die Evaluation erfolgt in einer randomisierten kontrollierten Studie in drei Untergruppen (CR, B, P) (Studienregistrierung DRKS, DRKS00020499). Eine Poweranalyse  für das primäre Outcome der Patienten „13 %-ige Steigerung des VO2max-Werts [15, 16] innerhalb von sechs Monaten ergab je Indikation 100 Patienten. Insgesamt sollen 300 Patienten eingeschlossen werden.

Die Interventionsgruppe absolviert wöchent­liche individuell-dosierte heimbasierte Trainingseinheiten. Die Trainingsvideos sowie krankheits- und therapierelevante Informationen sind über ein Tablet für die Teilnehmer abrufbar. Zusätzlich wird die Belastung und Beanspruchung während des Trainings und im Alltag aufgezeichnet und für Proband und Arzt sichtbar in die elektronischen Fallakte übertragen. In jedem universitären Zentrum wird im Rahmen des Projekts als Kernstück der neuen Versorgungsform ein vernetzter Versorgungspunkt (vVP) bestehend aus Ärzten, Sportwissenschaftlern und Study Nurse, eingerichtet. Das organisatorisch-informationstechnische Zentrum des Projekts bildet die elektronische sektorenübergreifende Fallakte (ESF), welche sich aus den ärztlichen Befunden und den durch die Patienten erfassten Trainings- und Messdaten, sowie manuelle Eintragungen bidirektional generiert. Den beteiligten Sektoren sowie den Patienten (nur in Teilbereichen) werden die erhobenen Daten und Befunde aufbereitet. Aufgrund der steigenden Krebsinzidenz, die mit erheblicher Mortalität, Morbidität und eingeschränkter Lebensqualität verbunden ist, besteht ein dringender Bedarf an einer verbesserten Krebsversorgung, zu deren integralen Bestandteilen ein strukturiertes körperliches Training werden kann.Weiterführende Informationen zur Studie sind unter https://tumortherapie-online.de/ zu finden.

Die Studie wird vom Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsens mit 1.100.000 € gefördert und wird bis Ende 2021 durchgeführt.

* Kolorektal-, Brust- und Prostatakarzinom – Telemonitoring und Selfmanagement (CRBP-TS)

Literatur

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3. Volaklis KA, Halle M, Tokmakidis SP. Exercise in the prevention and rehabilitation of breast cancer. Wiener Klinische Wochenschrift. 2013;125:297–301.

4. Shaw E, Farris MS, Stone CR, Derksen JWG, Johnson R, Hilsden RJ, et al. Effects of physical activity on colorectal cancer risk among family history and body mass index subgroups: a systematic review and meta-analysis. BMC cancer. 2018;18:71.

5. Pernar CH, Ebot EM, Pettersson A, Graff RE, Giunchi F, Ahearn TU, et al. A Prospective Study of the Association between Physical Activity and Risk of Prostate Cancer Defined by Clinical Features and TMPRSS2:ERG. Eur Urol. 2019;76:33–40.

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13. Khan NF, Mant D, Carpenter L, Forman D, Rose PW. Long-term health outcomes in a British cohort of breast, colorectal and prostate cancer survivors: a database study. British Journal of Cancer. 2011;105.

14. Adamsen L, Midtgaard J, Rorth M, Borregaard N, Andersen C, Quist M, et al. Feasibility, physical capacity, and health benefits of a multidimensional exercise program for cancer patients undergoing chemotherapy. Support Care Cancer. 2003;11:707–16.

15. De Backer IC, Van Breda E, Vreugdenhil A, Nijziel MR, Kester AD, Schep G. High-intensity strength training improves quality of life in cancer survivors. Acta Oncol. 2007;46:1143–51.

ist Biochemiker und leitet seit 2015 das Labor für molekulare Onkologie der Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Leipzig. Die Schwerpunkte der Forschungstätigkeit liegen hierbei in der Identifizierung von genetischen Risikovarianten bei Krebspatienten, die Evaluation von molekulare Chemotherapieresistenzmechanismen und der Nutzen von „Liquid Biopsies“, wie Zell-freier Tumor-DNA, Exosomen und miRNAs, zur Identifikation gastrointestinaler Tumore.

ist Fachärztin für Allgemein-, Viszeral- und Spezielle Viszeralchirurgie und seit 2014 W3 Professorin für Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Leipzig.

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