Sauerstoff ist für die aerobe Energiegewinnung in den Mitochondrien unverzichtbar. Seine medizinische Wirkung folgt jedoch nicht dem einfachen Prinzip „mehr ist besser“. Abhängig von Dosis, Dauer und Applikationsform kann sowohl ein kontrollierter Sauerstoffmangel als auch ein zeitlich begrenztes Überangebot adaptive Prozesse auslösen.
Bei der intermittierenden Hypoxie-Hyperoxie-Exposition (IHHE) wechseln sich hypoxische und hyperoxische Atemphasen ab. Die vorübergehende Absenkung der Sauerstoffsättigung wirkt dabei als dosierter biologischer Stressreiz. Erste Studien weisen auf mögliche Verbesserungen der Belastungstoleranz, der maximalen Sauerstoffaufnahme sowie einzelner kardiometabolischer und kognitiver Parameter hin. Diskutiert werden Anpassungen der mitochondrialen Funktion, der Gefäßregulation und des autonomen Nervensystems. Die bisherige Evidenz ist jedoch noch begrenzt; optimale Dosierungen und eine Überlegenheit gegenüber der Hypoxie-Normoxie-Exposition sind nicht abschließend geklärt.
Davon klar abzugrenzen ist die hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT). Sie führt unter erhöhtem Umgebungsdruck zu einer ausgeprägten Steigerung des Sauerstoffangebots in Blut und Gewebe. Für definierte Indikationen wie Dekompressionskrankheit, Kohlenmonoxidvergiftung, ausgewählte Wundheilungsstörungen oder Strahlenschäden ist sie medizinisch etabliert. Anwendungen bei Long COVID, neurodegenerativen Erkrankungen oder zur allgemeinen Leistungssteigerung sind dagegen als Off-Label beziehungsweise experimentell einzuordnen.
Für die Sportmedizin eröffnet die gezielte Modulation des Sauerstoffangebots ein interessantes Feld zwischen metabolischer Konditionierung, Prähabilitation und Regeneration. Entscheidend bleiben eine ärztliche Indikationsstellung, individuell angepasste Protokolle, medizinische Überwachung und messbare Behandlungsziele. Sauerstoff ist damit weder Lifestyle-Versprechen noch universelle Therapie – sondern ein potenter, präzise zu dosierender biologischer Reiz.
Mehr Infos zu der Thematik finden Sie in dem ausführlichen Artikel von Dr. med. Robert Percy Marshall ARTIKEL_IHHT_HBOT
Veröffentlicht: 11.09.2026
Autoren
ist Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin und seit 2025 beim AFC Bournemouth als Director of Medical and Performance tätig. Davor war ab 2018 Mannschaftsarzt von RB Leipzig. Als Gründungsmitglied des Athleticums am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf ab 2012 für die medizinische Betreuung des HSV, zunächst für das komplette NLZ, von 2014 – 2017 auch stellvertretend für die Bundesligamannschaft zuständig. Spezialgebiete: konservative Orthopädie, alternative Heilmethoden, Mikronährstofftherapie. Außerdem ist er wiss. Beirat der sportärztezeitung.


