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    Von der Muskelverletzung zur Prähabilitation

    Medizin neu denken: Ein Dialog über die Entwicklung und Zukunft der Sportmedizin
    Dr. med. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Niklas Haberstroh, Dr. med. Andreas Schubert, Dr. med. Alexander-Stephan Henze, Robert Erbeldinger , Masiar Sabok SirBy Dr. med. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Niklas Haberstroh, Dr. med. Andreas Schubert, Dr. med. Alexander-Stephan Henze, Robert Erbeldinger , Masiar Sabok Sir14 Mins Read
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    Muskelverletzungen gehören seit Jahrzehnten zu den prägenden Themen der Sportmedizin. Die Münchner Konsensus-Klassifikation auf Basis von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrts Pionierarbeit markierte dabei einen entscheidenden Schritt: Sie entstand aus klinischer Erfahrung für die klinische Praxis und bildet bis heute eine wichtige Grundlage für Diagnostik, konservative Therapie und wissenschaftliche Weiterentwicklung.

    © sportärztezeitung

    Seit vielen Jahren arbeitet die sportärzte­zeitung gemeinsam mit Spezialisten und Anwendern aus dem universitären und klinischen Bereich, erfahrenen Mannschaftsärzten sowie weiteren Partnern an der Entwicklung der konservativen Sportmedizin. Beispiele hierfür sind die seit 2014 etablierte CME-zertifizierte Ausbildung in der Stoßwellentherapie sowie Kongresse und Symposien, die sich zuletzt neben Verfahren zur physikalischen Therapie und Trainingstherapie auch zunehmend mit der Rolle der Ernährung in Therapie, Prähabilitation und Rehabilitation im Sinne einer Targeted Nutrition sowie den weiteren Bausteinen (z. B. Mind-Body-Medizin) dieser interdisziplinären Bereiche befassten. Eine fundierte Fortbildung soll dabei die Grundlage für eine moderne und zukunftsorientierte Patientenversorgung liefern. Pionierarbeiten – u. a. aus dem Umfeld des 1. FSV Mainz 05 – sowie zahlreiche wissenschaftliche Beiträge und klinische Erfahrungen aus Universitäten, Praxen und dem Spitzensport haben diesen Weg entscheidend mitgestaltet. Der in diesem Jahr in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte Artikel über die Arbeit der sportärztezeitung griff diesen Zusammenhang bereits auf: Anhand der wissenschaftlichen Arbeiten zur Stoßwellentherapie bei Muskelverletzungen – unter Bezug auf die Münchner Klassifikation – wurde die Entwicklung der konservativen Sportmedizin eingeordnet. Vor diesem Hintergrund erhielt der Dialog mit Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und seinem Team, fünf Jahre, nachdem wir das erste Mal mit ihm gesprochen hatten, eine besondere Bedeutung. Die Quintessenz dieser von Respekt und Tatendrang geprägten Diskussion war eindeutig: Entscheidend sind nicht allein neue Verfahren, sondern ihre wissenschaftliche Einordnung, die strukturierte Ausbildung und vor allem die klinische Erfahrung in der täglichen Versorgung. 


    Es gibt Momente in einem Gespräch, in denen deutlich wird, dass es eigentlich um mehr geht als um das ursprüngliche Thema. So ist es auch an diesem Tag in München. Ausgangspunkt ist die Frage zu Muskelverletzungen – doch schon nach wenigen Minuten entwickelt sich eine viel grundlegendere Diskussion: über die Zukunft der Sportmedizin, über verlorengegangenes Wissen, über die Bedeutung der klinischen Untersuchung und über die Frage, wie Ärzte künftig ausgebildet werden müssen. Nach fünf Jahren diskutierten Robert Erbeldinger, Dr. Alexander-Stephan Henze und Masiar Sabok Sir wieder mit Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und seinem Ärzteteam, Niklas Haberstroh und Dr. Andreas Schubert in seiner Münchner Praxis. Dabei wird schnell klar: Es geht nicht um einen Gegensatz zwischen moderner Technik und klinischer Erfahrung. Es geht um die richtige Reihenfolge. Und um die Frage, ob der Mensch wieder vor dem Bild stehen muss. „Ich glaube dem, was ich fühle“, sagt Müller-Wohlfahrt irgendwann im Verlauf des Gesprächs. Ein Satz, der zunächst einfach klingt, aber den Kern der gesamten Diskussion trifft. 

    Die verlorene Sprache der Hände

    Wenn er über seine medizinische Entwicklung spricht, kommt er schnell auf eine prägende Begegnung zurück. In den 1970er-Jahren lernte er den Physiotherapeuten Hans Montag kennen – zunächst als Kontrahenten, später als Freund und wichtigen Lehrer. Diese Erfahrung wurde zur Grundlage eines Denkens, das die Münchner Praxis bis heute prägt: Der Körper muss verstanden werden, bevor man ihn behandelt. Hierbei sehen alle im Raum eine große Lücke in der medizinischen Ausbildung. „Die funktionelle Orthopädie wird in der Schulmedizin nicht wirklich gelehrt“, sagt Haberstroh. „Die Zusammenhänge zwischen Wirbelsäule, Gelenkfunktion und muskulärer Steuerung spielen in der klassischen Facharztausbildung kaum eine Rolle.“ Dabei seien gerade diese Zusammenhänge entscheidend. Ein Sportler verletze sich nicht, weil ein Muskel „zu schwach“ sei. Häufig sei das Gegenteil der Fall: Ein Muskel stehe bereits vor der Belastung unter zu hoher Spannung, weil die Steuerung im System nicht funktioniere. Blockierungen im Sprunggelenk, Funktionsstörungen der Wirbelsäule oder Einschränkungen der Beweglichkeit führen dazu, dass bestimmte Muskelgruppen permanent kompensieren müssten. „Diese funktionellen Zusammenhänge werden in der Ausbildung zu wenig vermittelt“, ergänzt Schubert. „Und was nicht gelehrt wird, wird später häufig auch nicht erkannt.“

    Ein Mensch ist nicht bloß ein Bild

    Viele Ärzte haben umfangreiche Erfahrung in operativen Verfahren, verfügen aber nur über begrenzte Möglichkeiten, komplexe funktionelle Zusammenhänge zu beurteilen. Gerade das Erkennen von Fehlfunktionen erfordert jedoch Erfahrung. Palpation, das gezielte Ertasten von Strukturen und Spannungsverhältnissen, lässt sich nicht ausschließlich theoretisch erlernen. „Palpation kann man nicht erklären, man muss sie zeigen“, sagt Müller-Wohlfahrt. „Man muss dem jungen Arzt zeigen, was man fühlt und warum man es fühlt.“ Hierbei wird auch auf ein fehlendes Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten junger Kollegen hingewiesen. Die Folge sei eine zunehmende Abhängigkeit von apparativer Diagnostik. „Wenn man sich nur auf Bilder verlässt, ist man bei Muskelverletzungen verloren“, sagt ­Haberstroh. Und genau hierbei sehen die Gesprächspartner einen großen Handlungsbedarf. Die konservative Sportmedizin müsse stärker an Universitäten, in Fortbildungen und auf Kongressen verankert werden. Dabei geht es nicht darum, ältere Methoden zu bewahren. Es geht darum, eine medizinische Kompetenz zu erhalten und weiterzuentwickeln, die durch moderne Diagnostik nicht ersetzt werden kann. Die Bildgebung kann krankhafte Strukturveränderungen zeigen, jedoch nicht die Funktionsstörung, die dazu geführt hat. Auch wenn betont wird, dass Magnetresonanztomografie (MRT) und andere bildgebende Verfahren wichtige Werkzeuge sind, so wird darauf hingewiesen, dass es problematisch wird, wenn aus einem Bild automatisch eine Diagnose und daraus wiederum eine Therapieentscheidung abgeleitet wird. Nicht jede Beschwerdesymptomatik entsteht durch einen sichtbaren strukturellen Schaden. Funktionsstörungen der Wirbelsäule, Bewegungseinschrän­kungen von Gelenken oder fehlerhafte muskuläre Steuerungen können erhebliche Pro­bleme verursachen, ohne dass die Bildgebung eine eindeutige Ursache liefert. Eine gestörte Beweglichkeit oder eine Reizung neuraler Strukturen kann dazu führen, dass Muskeln dauerhaft unter erhöhter Spannung stehen. Der Muskel wird anfälliger, die Belastbarkeit sinkt und Verletzungen entstehen. Diese Prozesse lassen sich häufig nicht in der Bildgebung erkennen. 

    „Die MRT-Diagnose wird häufig so überbewertet, dass dem Spieler / Sportler eine Verletzung diagnostiziert wird, die dazu führt, dass er eine lange Ausfallzeit hat und dass er vielleicht sogar unnötig operiert wird“, so Haberstroh. Schubert nennt in diesem Zusammenhang ein einfaches Beispiel: „Man muss unterscheiden zwischen Schmerzen im Knie und Schmerzen am Knie. Im Knie kann beispielsweise ein Meniskusproblem verantwortlich sein. Am Knie kann aber auch ein Muskel oder eine funktionelle Störung die Ursache sein.“ Wenn ausschließlich das Bild behandelt werde, bestehe die Gefahr, dass operiert wird, während die eigentliche Beschwerdeursache bestehen bleibt. Es sollten die Ursachen, statt die Symptome behandelt werden. „Wir behandeln nicht nur einen Muskel. Wir behandeln einen Menschen, der diesen Muskel mitbringt“, beschreibt Haberstroh. Auch psychologische Aspekte dürfen nicht außer Acht gelassen werden: „Viele Patienten glauben mittlerweile, dass es besser wäre, vor dem ersten Arztbesuch schon MRT-Aufnahmen in der Tasche zu ­haben und mittels KI vorab Infos zur Diagnose-Stellung und potenziellen Therapie zu erhalten. Meiner Ansicht nach fatal, niemand weiß, was sowas mit einem macht. Der Patient weiß doch gar nicht, wie er reagieren soll, wenn er solche Infos und „Befunde“ ungefiltert erhält“, betont Erbeldinger. 

    Ein zentrales Beispiel für den Unterschied zwischen rein struktureller Betrachtung und funktionellem Verständnis ist die Münchner Konsensus-Klassifikation der Muskelverletzungen. Entstanden aus jahrzehntelanger praktischer Erfahrung, verfolgt sie einen Ansatz, der die klinische Untersuchung und die tatsächliche Funktion des Muskels in den Mittelpunkt stellt. „Diese Klassifikation ist praxisnah“, sagt Müller-Wohlfahrt. „Das andere ist oft reine Theorie.“ Besonders deutlich wird die Bedeutung der muskuloskelettalen Funktionsdiag­nostik beim Thema Rücken. Bei Rückenschmerzen stößt eine rein strukturelle Betrachtung häufig an ihre Grenzen. „Die Wirbelsäule ist die Schaltzentrale“, erklärt Müller-Wohlfahrt. Eine funktionelle Störung der Wirbelsäule führt dazu, dass Nerven gereizt werden und einzelne Muskeln in eine dauerhafte Überakti­vität geraten. Dadurch können Schmerzen entstehen und Bewegungsmuster verändern sich. Gerade im Sport ist dieser Zusammenhang entscheidend. Ein Athlet kann an einer scheinbaren Muskelverletzung leiden, obwohl die Ursache in einer funktionellen Störung der Wirbelsäule, des Beckens oder eines Gelenks liegt. Hier zeigt sich die Stärke einer auf die gesamte Person ausgerichteten Therapie: Sie behandelt nicht nur den Ort des Schmerzes, sondern sucht nach dem Auslöser.

    Konservative Therapie – First line treatment statt bloßer Alternative

    Wenn über Aus- und Fortbildung gesprochen wird, muss differenziert werden. Während die operative Ausbildung in Deutschland international einen hervorragenden Ruf genießt und ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz vermittelt, zeigt sich im Bereich der konser­vativen Sportmedizin, dass Nachholbedarf vorhanden ist und es Mut braucht, neue Wege zu gehen. Für Henze ist der Begriff „konservativ“ nicht unproblematisch und kann häufig missverstanden werden: „Es klingt verstaubt, weniger innovativ und eher wie eine Alternative. Es ist aber keine Alternative, sondern first line treatment.“ Eine zeitgemäße konservative Therapie verbindet klinische Erfahrung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und moderner Technologie. Sie nutzt funktionelle Diagnostik, apparative Unterstützung, Trainingstherapie, Physiotherapie, Osteopathie und gezielte regenerative Verfahren. Entscheidend ist dabei immer der Blick auf den gesamten Menschen – ganz im Sinne des Whole-Person-Health-Ansatzes. Nicht der einzelne Befund steht im Mittelpunkt, sondern die Frage: ­Warum hat dieser Mensch diese Beschwerden entwickelt? Genau darin liegt eine der größten Stärken der konservativen Medizin – und gleichzeitig eine ihrer größten Herausforderungen. Denn diese Form der Medizin benötigt Zeit. Zeit für die Anamnese, Zeit für die Untersuchung, Zeit für Erklärung und Kommunikation. Elemente, die in einem zunehmend standardisierten Gesundheitssystem schwer abzubilden sind. „Die Anfangsuntersuchung ist unsere größte Stärke, bei der wir viel Zeit investieren. Konzentration und Ruhe, da wird richtig geschaut – diagnostiziert“, beschreibt Müller-Wohlfahrt die Bedeutung. Gerade diese intensive Auseinandersetzung mit dem Patienten werde jedoch nicht ausreichend berücksichtigt und gewürdigt, dabei sei das doch die Basis der Medizin. Immer wieder kommt der Dialog auf den Patienten zu sprechen. Man merkt, dass alle Beteiligten die Bedeutung des Patienten für den gesamten Therapieerfolg als sehr groß bemessen. Eine nicht oft anzutreffende Patientenzentrierung, die konkrete, individuelle Interaktion, Empathie und Kommunikation zwischen Behandler und Patient betont. „Das ist ein grundsätzliches Problem der Orthopädie geworden. Ich weiß nicht, wie es in anderen Fachbereichen ist, aber dass dem Patienten nicht mehr zugehört wird, sondern er sofort zur apparativen Diagnostik geschickt wird, ist für mich unverständlich“, so Haberstroh.

    Prähabilitation: Der nächste Schritt einer modernen Medizin

    Genau hier schließt sich das nächste Thema des Dialogs an – die Prähabi­litation. Während Rehabilitation nach einer Verletzung oder Operation längst etabliert ist, setzt die Prähabilitation früher an: vor dem Eingriff. Die Idee dahinter ist einfach: Je besser ein Patient körperlich, mental und auch emotional vorbereitet ist, desto größer sind die Chancen auf ein gutes Behandlungsergebnis – egal ob es sich bei der maßgeblichen Therapie um eine OP oder eine andere beanspruchende therapeutische Intervention handelt. Es entsteht zwischen Diagnosestellung und der geplanten therapeutischen Intervention ein Open Window, ein wichtiges Zeitfenster, in dem die aus der Prävention, konservativen Therapie und Rehabilitation bekannten Behandlungsverfahren kompakt und zielgerichtet eingesetzt werden können. Diese Zeit kann zugleich als ein Window of Opportunity in der Arzt-Patienten-Beziehung angesehen werden, in dem die Edukation auf offene Ohren stößt und konkret umgesetzt wird, am und mit dem Patienten. Bewegung, Training, Ernährung, Stressmanagement und funktionelle Therapie können genutzt werden, um die Ausgangssituation zu verbessern. In diesem Zusammenhang betont Erbeldinger die größere Rolle der Sportmedizin: „Sie ist nicht nur dafür da, Sportverletzungen zu behandeln, sie hat einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag – Gesundheit zu fördern und zu erhalten! Die Prähabilitation ist eine historische Chance, dies umzusetzen. Wenn man dieses Zeitfenster nutzt, kann man den Raum gemeinsam mit dem Patienten ausfüllen.“ Diese Perspektive verändert auch die Rolle des Patienten – körperlich, mental und funktionell. Konservative Medizin funktioniert nicht ausschließlich durch eine einzelne Maßnahme. Sie lebt von aktiver Mitarbeit. Übungen, Training und Veränderungen im Alltag gehören zum Behandlungskonzept. Der Patient wird vom passiven Empfänger einer Therapie zum aktiven Partner und maßgeblichen Teil seines eigenen Behandlungsteams. Am Uniklinikum Ulm, wo Alexander-Stephan Henze als Oberarzt tätig ist, blickt man auf positive Erfahrungen aus der Onkologie, wo präoperative Assessments, Bewegungsinterventionen und Trainingsprogramme, Ernährung (Targeted Nutrition) und Inhalte der Mind-Body-­Medizin bereits stärker integriert werden und positives Feedback erzeugen. „Warum sollte dieses Prinzip nicht auch im muskuloskelettalen Bereich funktionieren?“ fragt sich Henze. Die Idee dahinter, welche die Prävention und Prähabilitation verbindet: Nicht erst behandeln, wenn ein Problem maximal ausgeprägt ist, sondern möglichst frühzeitig Ressourcen schaffen.

    Die strukturellen Probleme: Anerkennung, Finanzierung und Zugang

    Trotz dieses Potenzials steht die konservative Medizin vor erheblichen Herausforderungen. Eine davon ist die fehlende Gleichstellung mit operativen Verfahren. Operationen sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil medizinischer Strukturen. Sie verfügen über etablierte Ausbildungswege, klare Qualitätsstandards und entsprechende Vergütungsmodelle. Die konservative Medizin hat diese Strukturen vielerorts noch nicht in gleicher Weise entwickelt. Das zeigt sich auch bei der Kostenübernahme. Viele konservative Verfahren, die im klinischen Alltag erfolgreich eingesetzt werden, sind nicht oder nur eingeschränkt Bestandteil der Regelversorgung. Gleichzeitig werden operative Maßnahmen häufig selbstverständlich finanziert. Dabei könnte eine hochwertige konservative Versorgung nicht nur medizinisch sinnvoll sein, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bieten. Wenn Beschwerden früh erkannt und behandelt werden, lassen sich möglicherweise invasive Eingriffe vermeiden oder hinauszögern. „Ich habe schon das Gefühl, dass all die konservativen Maßnahmen, sei es apparativer Natur, sei es Anfassen u. w. auch von den Patienten eingefordert werden, denn sie wollen sich nicht unbedingt operieren lassen und suchen nach Alternativen zur OP“, so Henze. Dafür braucht es jedoch einen Perspektivwechsel im Gesundheitssystem. Konservative Therapie darf nicht als Zusatzleistung verstanden werden, sondern als wesentlicher Bestandteil moderner Medizin – egal ob es sich dabei um Verfahren der manuellen Medizin / Therapie und Osteopathie, physikalischen Therapieverfahren (z. B. hochenerge­tische Stoßwellentherapie, gepulste LASER-Therapie, magnetfeldbasierte Verfahren), Injektionen (mit z. B. Actovegin, Eigenblutderivaten wie PRP und ACS, Stammzellentherapie wie SVF, Hyaluronsäure…), Targeted Nutrition oder die so elementare Trainingstherapie handelt. Einiges davon wird auch in der Münchner Praxis erfolgreich angewendet: „Du musst nicht Wunder bewirken, aber du musst Engagement zeigen“, bringt es Müller-Wohlfahrt auf den Punkt. Und konservative Medizin braucht Sichtbarkeit: „Wir müssen ausbilden, fortbilden und Wissen weitergeben. Daran führt kein Weg vorbei“, so Erbeldinger. Darin sind sich alle an diesem Tag einig.

    Die Zukunft: Verbindung statt Gegensatz

    Die Zukunft der konservativen Sportmedizin liegt nicht in der Rückkehr zu früheren Zeiten. Sie liegt in der Verbindung von Erfahrung und Innovation. Palpation und moderne Bildgebung schließen sich nicht aus. Anamnese und künstliche Intelligenz schließen sich nicht aus. Klinische Erfahrung und wissenschaftliche Evaluation schließen sich nicht aus. Entscheidend ist, wie diese Möglichkeiten eingesetzt werden. Die Sportmedizin kann hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Denn gerade der Sport zeigt täglich, wie wichtig funktionelle Zusammenhänge sind. Belastung, Regeneration, Prävention und Leistungsfähigkeit lassen sich nicht auf einzelne Strukturen reduzieren. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird deshalb sein, die konservative Medizin stärker in Ausbildung, Forschung und Versorgung zu integrieren. Dazu braucht es mehr Fortbildungen, mehr praktische Ausbildung, mehr Austausch zwischen erfahrenen Ärzten, Therapeuten und Nachwuchsmedizinern. Und es braucht ein neues Verständnis davon, was moderne Medizin leisten kann. Denn gute Medizin beginnt nicht mit einem Gerät und endet nicht mit einem Eingriff. Sie beginnt mit dem Menschen. Mit Zuhören, Verstehen und Untersuchen. Und mit der Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Genau darin liegt die große Chance der konservativen Sportmedizin: Nicht nur Verletzungen zu behandeln, sondern Gesundheit zu fördern und zu erhalten. Die zentrale Botschaft aller Gesprächspartner lautet: Die Medizin muss den Menschen wieder im Ganzen betrachten. Vielleicht ist deshalb der Satz von Müller-Wohlfahrt mehr als nur eine persönliche Haltung: „Ich glaube dem, was ich fühle.“

     


     

    Ergänzung Dr. med. Thomas Frölich:

    Hands On Unser Kollege H.-W.-Müller -Wohlfahrt hat bereits vor Jahrzehnten zusammen mit Hansi Montag, der uns leider viel zu früh verlassen hat, die Diagnostik und Therapie von Muskelverletzungen revolutioniert. Die Basis ist bei der Diagnostik wie bei der Therapie manuelles Ertasten und Erfühlen des Befundes. Auch aktuelle wiss. Arbeiten unterstreichen die Bedeutung manueller Verfahren in der Rehabilitation von Muskelverletzungen. Eine 2026 publizierte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von 47 Studien mit insgesamt 3.284 Athleten zeigte signifikante Effekte der Massagetherapie auf Schmerz, Beweglichkeit und muskuläre Erholungsparameter; insbesondere tiefengewebige Techniken zeigten deutliche Effekte auf die Schmerz­reduktion.

    Unsere eigenen jahrzehntelangen Erfahrungen mit Hochleistungssportlern kommen zu demselben Ergebnis. Tiefe Querfriktionen bei Muskelverletzungen in Kombination mit sportartspezifischen, dem Behandlungsverlauf angepassten Belastungen stellen die Basistherapie dar und sind der Schlüssel zu schnellem und vor allem nachhaltigen Erfolg. Eine eingehende Anamneseerhebung und manuelle Untersuchung sind ebenfalls die Basis bei der Diagnosefindung und können bei Bedarf durch Sono und MRT ergänzt werden. Die Therapie sollte zeitnah nach der Ersten Hilfe und Diagnosestellung beginnen. Auch eine operative Indikation sollte bei ausgedehnten Verletzungen mit Sehnenbeteiligung von einem erfahrenen Team überprüft werden. Die überwiegende Mehrzahl auch der myotendinösen Verletzungen kann konservativ behandelt werden. Spätestens jetzt beginnt die anstrengende Arbeit für die Therapeuten, da manuelle Querfriktionen kräftezehrend sind, auch wenn sie ergänzend mit Handballen, Unterarm oder Ellenbogen ausgeführt werden können. Wir bevorzugen mehrere kürzere Therapiesitzungen am Tag, immer ergänzt durch befundgerechte, sportartpezifische leichte Belastungseinheiten. Generelle Regel: je schwerer die Verletzung, je langsamer tasten wir uns physio- und trainingstherapeutisch an die Verletzung heran.

    Dr. med. Thomas Frölich, Sporttraumatologie Südwest (Böblingen), langjähriger Teamarzt des VfB Stuttgart und der TSG 1899 Hoffenheim


     

    Autoren

    Dr. med. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt

    ist Facharzt für Orthopädie mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin. 2008 gründete er in München das Müller-Wohlfahrt Zentrum für Orthopädie und Sportmedizin. Von 1975-1977 war er Mannschaftsarzt Hertha BSC Berlin, von 1977-2015 und 2017-2020 Mannschaftsarzt des FC Bayern München. Zusätzlich Betreuung zahlreicher nationaler und internationaler Spitzensportler. Außerdem war Dr. Müller-Wohlfahrt von 1995-2018 Mannschaftsarzt der Deutschen Fußball Nationalmannschaft.

    Niklas Haberstroh

    - Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin
    - MW Praxis für Orthopödie & Unfallchirurgie, München

    (Stand 2026)

    Dr. med. Andreas Schubert

    - Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
    - MW Praxis für Orthopädie & Unfallchirurgie, München

    (Stand 2026)

    Dr. med. Alexander-Stephan Henze

    » Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnungen Sportmedizin und Manuelle Medizin
    » Oberarzt der Sportorthopädie der Sport- und Rehabilitationsmedizin des Universitätsklinikums Ulm
    » Vorsitzender des AGA-Komitees „Prävention, konservative Therapie und Rehabilitation“ sowie Vorsitzender der DVSE-Kommission „Konservative Therapie“ & stv. Vorsitzender der Handballärzte Deutschland

    (Stand 2026)

    Robert Erbeldinger

    ist Diplom-Sportwissenschaftler mit Professional Master’s Degree in Sports Medicine sowie postgradualen Weiterbildungen in Mind-Body-Medizin (Harvard Medical School), Psychoneuroimmunologie und Lifestyle Medicine (American College of Lifestyle Medicine); Verleger der sportärztezeitung.

    is a certified sports scientist with a professional master's degree in sports medicine and postgraduate training in mind-body medicine (Harvard Medical School), psychoneuroimmunology, and lifestyle medicine (American College of Lifestyle Medicine); publisher of the sportärztezeitung.

    Masiar Sabok Sir

    ist Chefredakteur der sportärztezeitung. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften, Germanistik und Soziologie (Magister) begann er 2006 seine Arbeit im sportmedizinsichen Bereich und war lange Jahre Redaktionsleiter der medicalsportsnetwork, bevor er 2016 zur sportärztezeitung wechselte. Dort ist er neben der Redaktion für die Entwicklung, Organisation und Umsetzung der guided medical education-Angebote im Rahmen der thesportgroup academy zuständig.

    03/26
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