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    Prähabilitation & Sportmedizin

    Robert ErbeldingerBy Robert Erbeldinger4 Mins Read
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    Die Prähabilitation entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Thema – nicht nur in der Sportmedizin, sondern insbesondere in der Orthopädie, der Unfallchirurgie und der Allgemeinchirurgie. Siehe hierzu auch den Artikel Prähabilitation vor Operationen kann Komplikationen und Verweildauer reduzieren (Deutsches Ärzteblatt, 07.05.2026).

    Der Patient wird nicht erst nach dem Eingriff / Intervention rehabilitiert, sondern bereits vor der Operation oder anderer medizinischer Interventionen in einen therapeutischen Prozess integriert. Dies beschreibt Dr. Percy Marshall sehr treffend in seinem aktuellen Education-Video vom 19.05.2026 zu PREHAB – die Zeit zwischen Verletzung & Intervention

    Open Window und Window of Opportunity

    Es entsteht ein Open Window zwischen Prävention und Rehabilitation, zugleich ein Window of Opportunity in der Arzt-Patienten-Beziehung. Das Ziel besteht darin, bereits vor einer Operation bzw. konservativen Intervention im Rahmen motivierender Gespräche präzise Interventionen und Maßnahmen als kleinsten Teil einer „Education“ einzuleiten. Diese sollen nicht primär als Beratung oder Belehrung, sondern als gemeinsamer therapeutischer Einstieg verstanden werden, beispielsweise während der Wartezeit vor einer Operation (konservative Interventionsphase) oder beim Warten auf einen MRT-Termin bzw. einen Befund.

    Kliniken unter massivem Druck

    Betrachtet man dies alles im Rahmen unseres Gesundheitssystems, muss man zunächst erkennen, dass der Druck auf Klinken enorm hoch ist. Ein besserer und schnellerer Outcome, mehr Sicherheit und Effizienz sowie wirtschaftlicher Druck erfordern geradezu eine prähabilitative Vorbereitung der Patienten auf einen Eingriff.  Konzepte wie ERAS (Enhanced Recovery After Surgery) oder Fast-Track-Operationen verdeutlichen diese Entwicklung. Siehe hierzu auch den Artikel Warum Patienten vor der Operation Sport treiben sollen (FAZ, 16.05.2026). Dennoch bleibt die Implementierung der Prähabilitation nach wie vor anspruchsvoll und mühsam. Es geht dabei um weit mehr als die Optimierung der Patienten – Stichwort Reduktion von Komplikationen sowie Senkung von Mortalitätsraten. Siehe hierzu auch das Positionspapier zur Prähabilitation in Deutschland (Die Chirurgie 6/2026).

    Stärke der Sportmedizin & konservative Kompetenz

    Genau hier liegt seit Jahrzehnten die besondere Stärke der Sportmedizin. Sie verfügt über die Erfahrung aus dem Leistungssport, besitzt eine fundamentale konservative Kompetenz sowie Erfahrung in der Prävention und Rehabilitation. Die konservative Therapie und ihre seit Jahren geforderte Aufwertung (siehe dazu Weissbuch Konservative Orthopädie und Unfallchirurgie) in der Patientenversorgung bilden das Fundament und werden im Rahmen der Prähabilitation konsequent weiterentwickelt. Voraussetzung dafür ist, dass die konservative Therapie mit derselben Präzision, Struktur und Ausbildung entwickelt und umgesetzt wird, wie wir es aus der Chirurgie kennen.

    Konservativ bedeutet in diesem Kontext alles, was nicht chirurgisch ist: gezieltes, spezifisches Exercice, gezielte Ernährung (Targeted Nutrition im Kontext Prähabilitation gezielt und indikationsspezifisch integrieren), psychosoziale Unterstützung ( Mind-Body-Medizin – MBM / Psychoneuroimmunologie -PNI). Maßnahmen der Psychoneuroimmunologie einschließlich ihrer Anwendungen innerhalb der Mind-Body-Medizin, wie z.B die Relaxation Response (RR) oder Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) werden neben den physikalischen, regenerativen und manuellen Therapien integriert. All das findet sich in der Prähabilitation und wird darin integriert.

    Von der Co-Therapie zu First Line Treatment

    Die konkreten Maßnahmen in der Prähabilitation zeigen, dass sie mehr als reine Co-Therapien sind und zunehmend zur „First Line Treatment“ gehören. Sie sind ein wichtiger Bestandteil und Kernpfeiler moderner konservativer Therapien vor und nach Operationen / Interventionen. Darüber hinaus können sie edukativ dazu beitragen, eine Art „seamless continuity“ (Jon Kabat-Zinn: „There will be an emphasis on the cultivation of mindfulness in all daily activities to foster a seamless continuity of life and practice.“) im Home-Care-Bereich zu realisieren. Dabei geht es nicht nur um Therapie, sondern auch um die reproduzierbare Integration in den Alltag der Patienten durch Education (Guided Patient Education – GPE). Compliance und Adherence sind sowohl beim Athleten als auch beim Patienten zentrale Herausforderungen in der Rehabilitation und Prähabilitation.

    Ordnung aus Komplexität

    Bei der Prähabilitation wirken unterschiedliche Disziplinen mit unterschiedlichen Effekten synergistisch zusammen, wodurch emergente Effekte entstehen. Das Zusammenspiel einfacher Einzelteile eines Systems lässt völlig neue Strukturen entwickeln. Es entsteht Ordnung aus Komplexität. Die Folge sind neue Anforderungen an die Spezialisierung und Expertise aller beteiligten Leistungserbringer und Fachdisziplinen. Ärzte, Physiotherapeuten, Psychologen, Sportwissenschaftler und Trainer etc. arbeiten und wirken zusammen. Gerade wegen dieser Komplexität ist die Evidenz weiterhin heterogen. Das liegt nicht daran, dass das Konzept der Prähabilitation schwach ist, sondern daran, dass es komplex, multimodal, kontextabhängig und patientenindividuell ist. Gleichzeitig erscheint dieser Weg zunehmend alternativlos.

    Patient als Teil des Systems

    Wenn Prähabilitation präzise, reproduzierbar und indikationsbezogen umgesetzt wird, profitieren sowohl der Patient von einer schnelleren und besseren Genesung als auch das System, das sicherer und wirtschaftlicher wird. Diesen Weg begleitet die sportärztezeitung seit Jahren mit Artikeln in THE MIND, den Kongressen und dem Konzept der GME (Guided Medical Education). Wir unterstützen wissenschaftliche Organisationen, Kongresse und Vortragsblöcke im Bereich der Psychoneuroimmunologie und Mind-Body-Medizin, unter anderem im Rahmen des PNI-Kongresses 2026 in Innsbruck, der von Prof. Dr. Christian Schubert organisiert und veransatltet wird. Unser Ziel bleibt eine ganzheitlich integrierte und zugleich medizinisch präzise Umsetzung der Prähabilitation. Die sportärztezeitung wird diesen Weg weiter begleiten und bestätigen. Verbindung ist hier das emergente Element der Sportmedizin nach Jahren der teilweise wissenschaftlichen Isolation einzelner Fachbereiche!

     

    Veröffentlicht 27.05.2026

    Autoren

    Robert Erbeldinger

    ist Diplom-Sportwissenschaftler mit Professional Master’s Degree in Sports Medicine sowie postgradualen Weiterbildungen in Mind-Body-Medizin (Harvard Medical School), Psychoneuroimmunologie und Lifestyle Medicine (American College of Lifestyle Medicine); Verleger der sportärztezeitung.

    is a certified sports scientist with a professional master's degree in sports medicine and postgraduate training in mind-body medicine (Harvard Medical School), psychoneuroimmunology, and lifestyle medicine (American College of Lifestyle Medicine); publisher of the sportärztezeitung.

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