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    Therapie

    Bandscheibenvorfall

    Mehr Zeit, mehr Team, mehr Wirkung
    Dr. med. Jan Holger HoltschmittBy Dr. med. Jan Holger Holtschmitt9 Mins Read
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    Bandscheibenvorfälle sind das klassische Krankheitsbild im mittleren Lebensalter und gehen oft mit erheblichen Schmerzen, neurologischen Ausfällen und deutlichen Limitationen im Alltag einher. Nicht selten steht für Patienten sowie für uns Behandelnde dabei früh die Frage im Raum,
    ob eine operative Therapie wirklich erforderlich ist – oder ob eine konsequent durchgeführte konservative Behandlung die bessere Option im Sinne der Patienten darstellt.

    Gleichzeitig wissen wir, dass 80 – 90 % aller Bandscheibenvorfälle nicht operiert werden müssen, wenn ein strukturiertes, leitliniengerechtes konservatives Vorgehen umgesetzt wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie eine moderne, multimodale Komplexbehandlung – wie sie das Konzept der ANOA (Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken) bietet – im klinischen Alltag so früh gedacht und eingesetzt werden kann, dass Patienten langfristig profitieren und unnötige Operationen vermieden werden. 

    Wann wir wirklich operieren müssen – und wann nicht

    Ob wir bei einem Bandscheibenvorfall operieren, hängt in vielen Fällen weniger vom MRT-Bild ab als von der konkreten klinischen Situation der Patienten. Dafür ist wichtig zu wissen: Eine notfallmäßige OP-Indikation ist selten und besteht vor allem beim Conus-Cauda-Syndrom mit Inkontinenz, Reithosenanästhesie und ausgeprägten Lähmungen. Ebenso muss bei relevanten Lähmungserscheinungen ab Kraftgrad 3 und schlechter zügig gehandelt werden: Hier ist zwar zunächst eine intensive konservative Therapie mit invasiver Schmerztherapie vertretbar, jedoch darf bei fehlender rascher Besserung die operative Option nicht zu spät diskutiert werden. Abseits solcher Notfallsituationen gilt jedoch, dass „nicht gleich operieren“, sondern zunächst ein konsequentes konservatives Vorgehen im Sinne der Bandscheibenvorfall- Patienten ist. In der täglichen Praxis erleben wir häufig, dass die Entscheidung für oder gegen eine Operation stark von der subjektiven Belastung, den Erwartungen und den bisherigen Therapieerfahrungen der Patienten geprägt ist. Gleichzeitig stoßen in der Praxis ambulante konservative Angebote bei hoher Krankheitsintensität, langer Beschwerdedauer und komplexen psychosozialen Konstellationen rasch an ihre Grenzen. Spätestens an diesem Punkt stellt sich daher nicht die Frage „OP ja oder nein?“, sondern vielmehr: „Ist die bisherige konservative Therapie überhaupt ausreichend multimodal, intensiv und interdisziplinär gewesen – oder braucht der Patient jetzt zunächst eine strukturierte multimodale Komplexbehandlung?“ 

    Multimodale Komplexbehandlung frühzeitig andenken

    Wenn trotz einer intensiven konservativen Therapie mit einem multimodalen Programm keine ausreichende Besserung erzielt wird, ist die Bandscheiben-OP eine Option, die mit dem Patienten offen zu diskutieren ist. Entscheidend ist jedoch, dass diese Operation nicht „anstatt“, sondern „nach“ einer ernstzunehmenden konservativen Therapie diskutiert wird. In den meisten Fällen führt eine Operation zwar kurzfristig zu einer schnelleren Schmerzlinderung, zeigt mittel- und langfristig aber keine Überlegenheit gegenüber einem konsequenten konservativen Vorgehen. Gerade deshalb empfiehlt es sich, frühzeitig an eine multimodale Komplexbehandlung nach dem ANOA-Konzept zu denken – insbesondere bei hoher Krankheitsintensität, deutlicher Funktionseinschränkung und drohender Chronifizierung.

    Die ANOA ist seit 2002 als medizinisch-wissenschaftliche Vereinigung tätig und bündelt aktuell 38 Mitgliedskliniken in ganz Deutschland. In diesen Kliniken werden Patientinnen und Patienten mit komplexen Schmerz- und Funktionsstörungen des Bewegungssystems, darunter viele Bandscheibenvorfall-Patienten, in einem akut-stationären Setting sowie in einigen der Kliniken auch in einem teilstationären Setting multimodal und interdisziplinär behandelt. Das Konzept wurde über mehr als zwei Jahrzehnte kontinuierlich weiterentwickelt und zuletzt 2020 grundlegend überarbeitet, um es an die aktuelle wissenschaftliche Evidenz anzupassen. Mittlerweile wurden seit 2003 mehr als 375.000 Patientinnen und Patienten multimodal nach ANOA behandelt – ein eindrucksvoller Beleg für die Versorgungsrelevanz dieser Struktur.

    Strukturierte Pfade für komplexe Fälle

    Kern des ANOA-Konzeptes ist die akutmedizinische, interdisziplinäre Komplexbehandlung multifaktorieller Erkrankungen des Bewegungssystems mit hoher Krankheitsintensität. Hierzu wurden klar definierte klinische Pfade entwickelt, die sich an den spezifischen Grunderkrankungsformen orientieren: die multimodal-nichtoperative Komplexbehandlung des Bewegungssystems (OPS 8‑977), die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (OPS 8‑918), die multimodale rheumatologische Komplexbehandlung (OPS 8‑983) sowie die teilstationäre interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (OPS 8 – 91c). Bei Bandscheibenvorfall-Patienten mit hoher Krankheitsintensität und komplexer Symptomatik spielt insbesondere der Pfad 1 (OPS 8‑977) eine zentrale Rolle, während chronifizierte Schmerzverläufe im Pfad 2 (OPS 8‑918) abgebildet werden. 

    In allen Behandlungspfaden ist eine interdisziplinäre Diagnostik zur Indikationsstellung für die stationäre Komplexbehandlung obligatorisch; dabei werden behandlungsrelevante Diagnosen insbesondere unter funktionellen Gesichtspunkten erarbeitet, die Behandlungsschwerpunkte interdisziplinär bestimmt und der passende klinische Pfad festgelegt. Im weiteren Verlauf der Komplexbehandlung wird die akutmedizinische Behandlungsnotwendigkeit kontinuierlich überprüft und der indi­­vi­duelle Behandlungsverlauf in regelmäßigen interdisziplinären Teambesprechungen evaluiert. Gerade für Bandscheiben-vorfall-­Patienten mit drohender Chronifizierung ermöglicht diese strukturierte Vorgehensweise, somatische, funktionelle und psychosoziale Faktoren in ein konsistentes Therapiekonzept zu integrieren, anstatt sie isoliert zu behandeln.

    Was das ANOA-Konzept auszeichnet: Mehr Zeit, mehr Team, mehr Wirkung

    Dieses Konzept geht weit über die reine Schmerzreduktion hinaus. Ziel ist eine wirksame und nachhaltige Verbesserung der Funktionsfähigkeit und damit der Lebensqualität – kurz: die Patienten sollen ihre Schmerzen am Bewegungssystem kurz- und langfristig besser bewältigen können. Besonders hervorzuheben ist der ganzheitliche Behandlungsansatz. In den ANOA-Kliniken werden nicht nur die körperlichen Ursachen der Schmerzerkrankung am Bewegungssystem betrachtet, sondern auch die multifaktoriellen Aspekte, die dazu geführt haben, dass ein zunächst „banales Rückenproblem“ sich zu einem komplexen Beschwerdebild mit hoher Krankheitsintensität entwickelt hat. Hierzu gehören soziale, berufliche und emotionale Einflüsse ebenso wie ungünstige Bewältigungsstrategien oder auch Angst-Vermeidungs-Muster. Erst auf dieser Grundlage kann eine individuelle, langfristig wirksame Behandlungsstrategie entwickelt werden, die über das reine „Symptombekämpfen“ hinausgeht. Ein zweites zentrales Merkmal ist das interdisziplinäre Team – enge Zusammenarbeit zwischen spezialisierten Fachärzten, Physiotherapeuten, klinischen Psychologen, Masseuren, Sozialarbeitern und speziell geschultem Pflegepersonal. Diese Form der Zusammenarbeit ist im Bereich der stationären Behandlung von Rückenbeschwerden in Deutschland nach wie vor nicht selbstverständlich. Für Bandscheibenvorfall-Patienten bedeutet dies, dass somatische, psychologische und soziale Aspekte der Erkrankung aufeinander abgestimmt behandelt werden.

    Hinzu kommen eine hohe Therapiedichte und mehr Zeit für die Behandlung. Während in „normalen“ Kliniken für die stationäre Behandlung von Rückenschmerzen häufig nur wenige Tage vorgesehen sind, stehen Patientinnen und Patienten in ANOA-Kliniken durchschnittlich etwa zwei Wochen als Therapiemöglichkeit zur Verfügung. Diese verlängerte Behandlungsdauer kann über die OPS-Strukturen (8‑977, 8‑918, 8‑983) regulär mit den Krankenkassen abgerechnet werden und schafft den nötigen Rahmen, um komplexe Verläufe tatsächlich multimodal zu behandeln, statt sie nur anzuschneiden. Das ANOA-Cert-Qualitätssiegel stellt darüber hinaus sicher, dass das Konzept im klinischen Alltag der zertifizierten Klinik qualitativ hochwertig und einheitlich umgesetzt wird – ein wichtiger Kompass für Patienten und zuweisende Ärztinnen und Ärzte.

    Praktische Konsequenzen für Behandelnde 

    Für Fachärzte in der sportmedizinischen, orthopädischen und unfallchirurgischen Versorgung ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Bandscheibenvorfälle sollten nicht vorschnell operiert, sondern frühzeitig im Kontext einer strukturierten, multimodalen Komplexbehandlung gedacht werden. Typische Kandidaten für eine Zuweisung in eine ANOA-Klinik sind Patienten mit hoher Schmerzintensität, deutlicher funktioneller Einschränkung, langer Beschwerdedauer, immer wiederkehrenden Beschwerden oder ausgeprägten psycho-
    sozialen Belastungsfaktoren. Ebenso sollten Patienten, bei denen trotz ambulanter, vermeintlich konservativer Therapie eine OP diskutiert wird, kritisch daraufhin geprüft werden, ob sie bislang tatsächlich eine multimodale, interdisziplinäre Behandlung erhalten haben – oder ob dies der nächste sinnvolle Schritt vor der Operation sein kann. In der Praxis kann dies bedeuten, frühzeitig mit den regionalen ANOA-Kliniken in Kontakt zu treten, Zuweisungswege zu klären und Patienten aktiv über diese Behandlungsoption zu informieren. Gerade im sportmedizinischen Setting, in dem der Druck zur raschen Wiederherstellung der Belastbarkeit oftmals sehr hoch ist, lohnt es sich, mit den Betroffenen offen über die mittel- und langfristigen Ergebnisse konservativer, multimodaler Konzepte zu sprechen. Die Erfahrung aus mehr als zwei Jahrzehnten ANOA zeigt, dass eine gut strukturierte, multimodale Komplexbehandlung nicht nur Operationen vermeiden kann, sondern sehr häufig auch zu einer nachhaltigen Schmerzreduktion, einer deutlich verbesserten körperlichen Leistungsfähigkeit und somit zu einer hohen Patientenzufriedenheit führt. 

    Fallbeispiel Multimodale Konservative Orthopädie

    Patient, 43 Jahre alt, Angestellter mit überwiegend sitzender Tätigkeit. In seiner Freizeit spielt er Fußball und klagt seit über einem halben Jahr über lumbalischialgieforme Beschwerden im linken Bein, ausgehend von der LWS über das Gesäß entlang des Oberschenkels bis in den großen Zeh ziehend. Die Beschwerden treten insbesondere bei längerem Stehen und nach dem Fußballtraining auf. Wenn die Beschwerden besonders stark sind, treten auch Hypästhesien entsprechend dem Dermatom L5 im linken Bein auf. Zudem kommt es in diesen Phasen zu passageren Schwächen der Fuß- und Großzehenhebung (Kraftgrad 4 / 5).

    Zunächst wurde eine Therapie mit Ibuprofen 600 mg dreimal täglich unter Protonenpumpenhemmerschutz begonnen. Dies führte zwar zu einer kurzfristigen Schmerzlinderung, jedoch nicht zu einer nachhaltigen Beschwerdeverbesserung. Das anschließend durchgeführte MRT zeigte einen Bandscheibenvorfall L4 / L5 links lateral. Darüber hinaus leidet der Patient unter einem oral eingestellten Diabetes mellitus sowie einem ebenfalls medikamentös behandelten milden Hypertonus. Beim niedergelassenen Orthopäden erhielt er eine Verordnung für Physiotherapie (zwei 6er-Rezepte, insgesamt 12 Anwendungen). Darüber hinaus wurden keine weiteren Therapien durchgeführt. Bei persistierenden Schmerzen und einer Arbeitsunfähigkeit über 8 Wochen erfolgte schließlich die stationäre Aufnahme zur multimodalen Komplextherapie am Bewegungssystem (OPS 8 – 977). Im Rahmen des stationären Aufnahmeprozederes wurden sowohl neuroorthopädische, manualmedizinische als auch schmerzmedizinische Diagnostiken durchgeführt. Bei bereits vorliegendem aktuellem MRT der LWS wurde zusätzlich zum Ausschluss einer Wirbelsäulenfehlstellung eine 4D-Optrimetrie durchgeführt. Im Rahmen der psychotherapeutischen Diagnostik wurde u. a. der Stresslevel erhoben, der aufgrund beruflicher Belastung deutlich erhöht war. Es wurde dann in der Klinik zeitnah ein multimodales Therapieprogramm eingeleitet, das Physiotherapie, medizinische Trainingstherapie, verschiedene Verfahren der physikalischen Therapie sowie psychotherapeutische Entspannungsverfahren umfasste. Im Rahmen der interventionellen Schmerztherapie, die sich bei einer solchen Schmerz- und Befundkonstellation als sehr hilfreich erwiesen hat, wurde sowohl eine segmentale Infiltration auf Höhe des betroffenen Bandscheibenfaches nervenwurzelnah durchgeführt als auch eine Facettengelenkinjektion im betroffenen Segment vorgenommen. Hierbei hat sich die Kombination aus Lokalanästhetikum und Cordicoid als wirksam erwiesen. Alternativ wären hier auch Injektionen mit autologem konditioniertem Plasma in Betracht gekommen. Im Rahmen der Ernährungsberatung wurden dem Patienten Hinweise für eine antientzündliche Ernährungsweise an die Hand gegeben. Gerade bei derart hartnäckigen schmerztherapeutischen Verläufen erweist sich die multimodale Herangehensweise in intensivierter Form als besonders effektiv.

    Der Patient konnte nach 12 Tagen aus dem stationären Setting in eine weiterführende ambulante Therapie entlassen werden. Im Verlauf des stationären Aufenthaltes ließ sich eine Beschwerdelinderung von Schmerzgrad VAS 8 auf VAS 3 erreichen, sodass von einem erfolgreichen Therapieergebnis gesprochen werden kann.  Für das weitere Outcome wird es wichtig sein, dass der Patient kontinuierlich an einem wirbelsäulenstabilisierenden ambulanten Trainingsprogramm teilnimmt.

    Fazit

    Die meisten Bandscheibenvorfälle müssen nicht operiert werden. Entscheidend ist, dass wir bei hoher Krankheitsintensität und drohender Chronifizierung frühzeitig an eine multimodale Komplexbehandlung denken und Patientinnen und Patienten strukturiert in entsprechende Angebote einbinden. Das ANOA-Konzept hat sich in den vergangenen 24 Jahren als Goldstandard der nichtoperativen orthopädischen und schmerzmedizinischen Versorgung des Bewegungssystems etabliert und bietet mit seinen klar definierten Pfaden, interdisziplinären Teams, hoher Therapiedichte und mehr Zeit für die Behandlung einen Rahmen, der im Sinne der Betroffenen wirkt. Im Alltag heißt das: nicht gleich operieren – sondern frühzeitig multimodal und ganzheitlich denken.

    Weiterführende Informationen finden interessierte Kolleginnen und Kollegen auf der ANOA-Homepage im Bereich für Ärzte unter www.anoa-kliniken.de/aerzte.html.

    Autoren

    Dr. med. Jan Holger Holtschmitt

    ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung für Konservative Orthopädie an der Marienhausklinik St. Josef Losheim am See. Der Facharzt für Orthopädie ist Vizepräsident der ANOA e.V. (Arbeitsgemeinschaft nicht-operativer orthopädisch manualmedizinischer Akutkrankenhäuser) und verfügt über eine Vielzahl von Zusatzbezeichnungen, u.a. Rheumatologie, Sportmedizin, Manuelle Medizin und Schmerztherapie (IGOST).

    02/26
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