Prof. Dr. biol.hum. Robert Schleip / Technical University, of Munich, Germany, TUM School of Medicine and Health, Dr.med. Emanuel Strüber, Athanasia Georgiou, Myles Pistor / Klinik für Multimodale Schmerztherapie, KRH Klinikum Region Hannover, Dr. med. Salah Layka / Neurochirurgie, Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben GmbH
Chronische Schmerzen nach chirurgischen Eingriffen betreffen bis zu 30 – 50 % der operierten Patienten und stellen eine relevante Herausforderung, auch in der Nachsorge dar [1]. Insbesondere Narbengewebe nach lumbalen Wirbelsäuleneingriffen kann durch erhöhte Gewebesteifigkeit, reduzierte Gleitfähigkeit und nervale Irritationen zur Persistenz von Schmerzen beitragen [2]. Die sichtbare Hautnarbe stellt dabei lediglich die „Spitze des Eisbergs“ dar, da sich fibrotische Veränderungen tief in die Gewebeschichten fortsetzen und Nervenstrukturen beeinflussen können [3]. Ziel dieser Arbeit war es, den Einfluss von Microneedling auf objektive Gewebeparameter sowie subjektive Schmerzangaben zu untersuchen.
Studiendesign und Patientenkollektiv
Es wurde eine prospektive, deskriptive Beobachtung durchgeführt. Eingeschlossen wurden 31 Patienten > 18 und < 80 Jahre. Alle Patienten hatten eine chronisch schmerzhafte Narbenbildung seit mindestens sechs Monaten, nach operativen Eingriffen an der Lendenwirbelsäule. Ausgeschlossen wurden Patienten < 18 und > 80 Jahre, mit psychosomatischen Erkrankungen und Sekundärerkrankungen, die eine kausale Zuordnung der Schmerzsymptomatik erschwert hätten.
- Geschlecht: 71 % weiblich
- Medianes Alter: 57 Jahre
- Mittlerer BMI: 28,7 kg/m²
- Beobachtungszeitraum: 12 Tage (T1 – T2)
Intervention
Die Behandlung erfolgte mittels Microneedling (Dermaroller®, Medical Device MC910 1.0 mm) im Bereich des postoperativen Narbengewebes mit einer Kraft von ca. 2 Newton und einer Rollgeschwindigkeit von 10 cm pro Sekunde. Es wurden 10 Wiederholungen je Richtung auf dem Narbengewebe, sowie rechts und links, 0,5 mm neben dem Narbengewebe entlang der Narbe durchgeführt. Diese Anwendung wurde insgesamt dreimal je Patienten innerhalb der zwölf stationären Aufenthaltstage wiederholt.
Messmethoden & Statistik
Gewebesteifigkeit: Von den fünf gerätespezifischen Messparametern des Myoton Pro haben wir in dieser Studie die Parameter Dynamic / Stiffness und Tone / Frequency ausgewählt, da beide Parameter sich für eine indirekte Ermittlung der Gewebesteifigkeit am besten eignen. Die Messungen erfolgte links, mittig und rechts der Narbe an fixierten Gewebemarkern. Es wurde vor der ersten Behandlung und einen Tag nach der letzten Behandlung die indirekte Gewebesteifigkeit gemessen. Schmerzintensität: Numerische Ratingskala (NRS 0 – 10), wurde vor der ersten und nach der letzten Intervention abgefragt. Die Auswertung erfolgte deskriptiv.
Veränderungen zwischen T1 und T2 wurden mittels Medianwerte dargestellt, die NRS-Veränderung statistisch geprüft.
Ergebnisse
Dynamic / Stiffness (Abb. 2)
Die Messungen zeigten folgende mediane Veränderungen zwischen T1 und T2:
- links: – 8,3 N/m
- mittig: – 9,7 N/m
- rechts: + 3,0 N/m

Tone / Frequency (Abb. 3)
Areal LWS / ErectorSpinae – links / rechts und Narbenareal in T1 und T2 (deskriptiv)

Schmerzintensität (Abb. 4)
Der mediane NRS lag in T2 bei 5 Punkten und war damit signifikant niedriger als in T1 mit 7 Punkten (Wilcoxon-Test für Paardifferenzen, p < 0,001). Die NRS zeigte damit eine signifikante Reduktion der Schmerzintensität zwischen T1 und T2.

Diskussion & Limitationen
Die Ergebnisse dieser Untersuchung deuten darauf hin, dass Microneedling eine Reduktion narbenassoziierter Gewebesteifigkeit bewirken kann. Die beobachtete Schmerzreduktion steht im Einklang mit bisherigen Untersuchungen, die bei bis zu 74 % der Patienten eine Verbesserung narbenbezogener Parameter nach Microneedling zeigen konnten [4, 5]. Ob durch eine veränderte Gewebesteifigkeit und verbesserte Schmerzsymptomatik auch die Gewebegleitfähigkeit und damit die Bewegungsökonomie positiv beeinflusst werden kann, sollte Gegenstand weiterführender Untersuchungen sein. Die begrenzte Fallzahl sowie das Fehlen einer Kontrollgruppe schränken die Aussagekraft ein. Zudem handelt es sich um eine zeitlich sehr begrenzte Beobachtung im Rahmen der stationären Standardtherapien.
Fazit für die Praxis
Microneedling stellt eine minimal-invasive, gut integrierbare Therapieoption zur Behandlung chronischer Narbenschmerzen nach LWS-Operationen dar. Die Methode führt zu objektiven Verbesserungen der Gewebesteifigkeit und zu einer signifikanten Reduktion der Schmerzintensität. Objektive Veränderungen der Gewebesteifigkeit und eine signifikante Schmerzreduktion sprechen für den Einsatz in einem Gesamtkonzept bei narbenassoziierten Schmerzen. Microneedling kann eine effektive Ergänzung im multimodalen Therapieansatz schmerzhafter Narbengewebe darstellen. Randomisierte, kontrollierte Studien mit funktionellen Endpunkten sind erforderlich, um die volle klinische Relevanz zu bestätigen.
Literatur
- Brown BC et al. The hidden cost of skin scars: quality of life after skin scarring. J Plast Reconstr Aesthet Surg. 2008;61:1049–1058.
- Tos P et al. Painful scar neuropathy: principles of diagnosis and treatment. Plast Aesthet Res. 2015;2:156–164.
- Choinière M et al. Pain and paresthesia related to scar tissue. Pain. 1991.
- Svenning M, Drejøe JB. Microneedling in mature burn scars. JMCRR. 2019;2:277–281.
- Abd-Elsayed A et al. Diagnosis, treatment, and management of painful scar. J Pain Res. 2022;15:1–12.
Interessenskonflikt: Es besteht kein Interessenskonflikt
Autoren
MAMT. MT.POST GRAD (CH), PT. BWL (HA) ist Institutsleiter am Institut für therapeutische Bereiche, Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben GmbH, Akademisches Lehrkrankenhaus der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Außerdem gesamtverantwortliche Leitung Ambulante Medizin im Klinikverbund, Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben GmbH.
(Stand 2026)



