Skibergsteigen

Einsatz als Wettkampfsport

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Skibergsteigen als Wettkampfsport – diese, für viele noch weitgehend unbekannte, jedoch enorm traditionsreiche Sportart erlebt derzeit einen rasanten Aufschwung. Skibergsteigen beschreibt die Urform des Skiports. Schon lange bevor Liftanlagen und moderne Skiresorts den alpinen Massentourismus ermöglichten, verwendeten Sportler Ski mit Steigfällen, um Steigungen zu bewäl­tigen, Hänge oder Berge zu erklimmen, um schließlich durchs Gelände abzufahren.  

Derzeit gibt es in Deutschland Schätzungen zufolge rund 500.000 aktive Skibergsteiger. Vor allem im Alpenraum wird diese Sportart unter fitnesssportlichen Aspekten ausgeführt. Diese klassische Form des Skisports wird seit Jahrzehnten auch als Wettkampfsport ausgeübt. Der Ursprung dieser Wettkampfformate lässt sich in Militärwettkämpfen (Patrouillen, Teamwettkämpfe, etc.) finden. Auch die heutige Form des Biathlons ist darauf zurückzuführen. Bereits in den Jahren 1924–1948 war Skibergsteigen Teil der olympischen Winterspiele. Aufgrund mehr-erer tödlicher Unfälle (Spaltenstürze, etc.), wurde das Wettkampfformat im Verlauf jedoch wieder aus dem olympischen Programm gestrichen. Ziel der International Ski Mountai­n-eering Association (ISMF) ist aktuell die Wiederaufnahme in das olympische Programm. Neben den beschriebenen Wettkampfformaten erfährt das sportlich ausgerichtete Skiberg­steigen aktuell insbesondere bei Hobby- und Freizeitsportlern einen großen Aufschwung. Anstelle anderer Ausdauersportarten wie Joggen, Walken, etc. wird aktuell insbesondere im Alpenraum oder den Mittelgebirgen abends und am Wochenende oftmals Skitourensport unter Fitnessaspekten ausgeführt. Dieser Trend wurde und wird unter anderem auch von der Industrie wahrgenommen und unterstützt, vergleichbar mit dem Trailrunning-Boom im Sommer. Auch die Skigebiete reagieren mittlerweile auf das wachsende Interesse am Skibergsteigen auf Pisten als Fitnesssport und öffnen nach Betriebsschluss der Skilifte einzelne Pistenabschnitte und Hütten.  

Ausrüstung 

Die Ausrüstung im Skitouren-Wettkampfsport unterscheidet sich per se von der eines Nicht­Wettkampfathleten bzw. Freizeittourengeher prinzipiell in nur einem Punkt: Dem Gewicht. Moderne Wettkampfsport Tourenski wiegen nur mehr ca. 700 g, ultraleichte Carbonschuhe ca. 500 g und Ultralightbindungen mit ca. 50 g. Hierbei unterschreiten die modernsten Ski- mit Bindungssysteme oftmals bereits das von der ISMF bei Wettkämpfen mittlerweile geforderte Mindestgewicht von 750 g. Neben der beschriebenen Ski- und Schuhausrüstung werden in den Wettkampfformaten weitere Komponenten als „Pflichtausrüstungen“ gefordert: z. B. Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Helm, Stirnlampe, Schutzkleidung usw. Die Gewichtsminimierung steht hierbei insbesondere im Profi- wie ambitionierten Freizeitsport absolut im Vordergrund, wodurch beim Faktor Sicherheit leider oftmals Abstriche gemacht werden (z. B. der Skibindung). 

Ultralight Bindung und Wettkampfschuh

Wettkampfprofil 

Moderne Skibergsteigwettkampfformate werden in verschiedenen Kategorien ausgetragen: Im Weltcup werden hierbei die Disziplinen Sprint, Vertikal und Individual ausgetragen. Innerhalb dieser Disziplinen gibt es wiederum verschiedene Passagen, in denen entweder mit Skiern und Fellen aufgestiegen wird, auf Skitragepassagen die Ski am Rucksack befestigt durch Steilstücke bergauf betragen werden müssen oder auf den Ski abgefahren wird. Dabei können Geschwindigkeiten von bis zu 100 km / h in teils hochalpinen, präparierten Geländen erreicht werden. Die Sturzgefahr ist dabei hoch, da der Athlet nach dem Aufstieg körperlich völlig erschöpft, mit „müden“ Beinen und ultraleichtem Material sowie mit vollem Risiko ins Tal rast. Im Gegensatz zu diesem Wettkampfformat wird beim sogenannten Vertikal-Rennen eine reine Aufstiegspassage absolviert. Dabei ist das Wettkampftempo so hoch, dass die Athleten mit ihren Skiern am Skistiefel joggend bzw. rennend den Berg hinaufsteigen. Ein weiterer relevanter Aspekt ist der Faktor Höhe. Da viele Rennen auf über 2.500 m ausgetragen werden, ist die soge­nannte „hypoxic load“ immens.  

Sportmedizinische Betreuung – Leistungsdiagnostik 

Die Betreuung von Spitzensportlern sowie engagierten Leistungsportlern besteht aus sportmedizinisch-internistischen, sportorthopädischen und trainingsmethodischen Gesichtspunkten. In einem sportmedizinischen Zentrum decken wir hierbei diese Schwerpunkte interdisziplinär ab, wobei einer der Schwerpunkte auf der sportartspezifischen Leistungsdiagnostik liegt. Während die Athleten in der allge­meinen Vorbereitungsperiode im Sommer sportartunspezifische Leistungsdiagnostik (z. B. Fahrradergometer oder Laufbandergometer) zur Trainingssteuerung absolvieren, werden anschließend im Rahmen der spezifischen Trainingsphase sportartspezifische Spiroergometrien auf dem neigungsverstellbaren Laufband durchgeführt. Hierbei durchlaufen die Sportler einen Stufentest mit steigendem Neigungsprofil im sportartspezifischen Setup (mit Ski und Stöcken auf dem Laufband). Zur Erleichterung des Testaufbaus wird hierfür eine telemetrische Spiroergometrie verwendet. In der max. Ausbelastungsphase erreichen Topathleten hierbei Geschwindigkeiten auf dem Laufband, bei denen mit Ski auf dem Laufband gejoggt bzw. gerannt werden muss. Da sich im Wettkampf die entsprechenden Trainingsschwellen und Trainingsbereiche mit zunehmender Höhe ändern, führen wir neben diesen leistungs­diagnostischen Tests regelmäßig spiroergometrische Feldteste auf > 3.000 m Höhe durch.  

Mobile Spiroergometrie mit Laktatdiagnostik am Pitztaler Gletscher

 Verletzungen 

Verletzungen entstehen in dieser Sportart vor allem bei der Abfahrt oder im Massenstart. Beim Massenstart rennt das Starterfeld mit Ski und Stöcken von der Startlinie aus los, wobei es mitunter zu Kollisionen und gegenseitigen Verletzung im Sinne von Risswunden, Prellungen oder anderen Sturzfolgen kommt. Die weitaus größere Verletzungsgefahr liegt allerdings bei der Abfahrt und deckt sich mit den Verlet­z­ungsverteilungen im „normalen“ alpinen Skirennsport. So stehen Bandverletzungen im Knie und Sprunggelenk, Prellungen und Frakturen im Vordergrund. Auch Verlet­z­ungen durch die eigenen, mitgeführten Steigeisen und Harscheisen kommen vor, insbesondere wenn diese vor der Abfahrt nur an den Rucksack gehängt werden. Ein besonderes Unfallrisiko stellen die extrem leichten Rennschuhe dar, welche nur wenig Halt bieten. Zusätzlich weisen die Bindungen nur sehr eingeschränkte Auslösemechanismen auf. Die oftmals ebenfalls gefährlichen Skibrüche im Wettkampfsport vermögen mitunter zumindest beim „Nichtauslösen“ der Bindungen schwerere Verletzung zu vermeiden. Zusätzlich zu bedenken sind die äußeren Gefahren des alpinen Geländes. Da die Sportler ja nicht nur im Wettkampf, sondern täglich im Training in den Bergen aktiv sind, sind leider auch bei erfahrenen Spitzensportlern Lawinenunfälle und Spaltenstürze nicht ausgeschlossen und kommen mitunter vor. Im dünnen und durchschwitzten Rennanzug trägt der sogenannte „Windchill“ zusätzlich zur Unterkühlung bei und Erfrierungen kommen vor. Leider gibt es derzeit im Weltcup noch keine Temperaturuntergrenze, ab welcher nicht mehr gestartet wird, so dass 2018 Rennen bei unter –20 ° stattfanden; eine Tatsache die z. B. im nordischen Skisport bereits anderweitig geregelt und reglementiert ist. Durch die leichten, aber wenig gepolsterten und steifen Carbonschuhe gibt es häufig langanhaltende und tiefe Blasenbildungen bzw. Hautdefekte. Diese sind zwar an sich banal, aber mit der täglichen Trainingsload können sie eine therapeutische Herausforderung darstellen. Die materialtechnische Anpassung durch die Hersteller stellt dabei oftmals den wichtigsten Faktor dar. Im Training, vor allem im Freizeitsport, auf normalen Skipisten tritt oft ein Konflikt mit den Liftbetreibern und den Abfahrtsskifahrern auf. Ohne hier weiter auf die politische Diskussion des Pistentourengehens eingehen zu wollen, muss sich der Skibergsteiger an ausgewiesene Aufstiegsspuren bzw. den Pistenrand halten, um Kollisionen zu vermeiden. Nachttraining sollte nur auf vom Liftbetreiber freigegebenen Pisten stattfinden, da manche Pisten mit Pistenraupen am Zugseil präpariert werden und es dabei schon zu Dekapitationsverletzungen gekommen ist. Überlastungserscheinungen durch die hohen Trainingsumfänge (> 30 Wochenstunden) treten vor allem in der Vorbereitungsperiode auf. Hierbei stehen Reizungen des Tractus und weitere Insertionstendinosen im Vordergrund. Neben der symptomatischen Therapie steht hier immer eine Ursachenabklärung, meist in Form videooptischer Bewegungsanalysen im Vordergrund. 

Sportmedizinisch – Internistische Probleme 

Durch die Kombination „high Trainingsload“, „niedriges Körpergewicht der Athleten“ und „Kälteexposition“ ist die Infektanfälligkeit der Sportler in der Regel hoch. Diese rezidivierenden Infekte sind dabei das häufigste zu lösende Problem in der Teambetreuung. Viele der Athleten sind grenzwertig leukopen, erfahren aber andererseits durch die Weltcupreisen eine hohe Keimexposition. Im Training ist natürlich am „Gipfel“ immer die kritische Phase der Kälteexposition, ein Kleidungswechsel meist schwierig, da gerade in hohen Höhen dann auch starker Wind, große Kälte und oft Schneetreiben herrschen. Andererseits ist der Sportler durch das Aufstiegstraining natürlich verschwitzt. Wir legen hier höchsten Wert auf Kleidungsmanagement und Kleidungswechsel (soweit bergtechnisch möglich). Dies fällt im Wettkampf komplett weg, da die Athleten hierbei mit dünnen Rennanzügen und völlig durchgeschwitzt die Abfahrten absolvieren müssen. Diese Kälteexpositionen können das Immunsystem weiter schwächen. Die Sportler sind dabei den gesamten Winter in den Bergen und somit im Freien unterwegs und gutes Wetter bekanntermaßen nicht immer vorhanden. Unspezifische Maßnahmen zur Stärkung des Immunsystems (Wechselbäder, Vitamin C, kohlenhydratreiche Flüssigkeitszufuhr nach dem Training, etc.), welche die trainingsbedingte Immunsuppri­mierung reduzieren können, kommen regelmäßig zur Anwendung. Dennoch sind infektassoziierte Probleme die häufigsten in der Sportlerbetreuung und immer wieder müssen Myokarditiden usw. mittels Herzecho und / oder Kardio-MRT ausgeschlossen werden.  

 Fazit 

Skibergsteigen als leistungsorientierter Sport ist insgesamt eine kardiopulmonal anspruchsvolle Sportart mit hohen gesundheitsfördernden Trainingsaspekt auf das Herz-Kreislaufsystem. Die Sportart erlebt als Wettkampf und Freizeitsport einen rasanten Aufschwung und ist insgesamt, da natürlich auch insgesamt weniger Strecke abgefahren wird als im Skiabfahrtssport, als relativ verletzungsarm zu sehen. Die Betreuung von Spitzenathleten erfordert eine engmaschige sportmedizinische Rundum-Betreuung. Genaue Studien hierzu liegen noch nicht vor. 

Feldtest auf 3000 m Höhe mit mobiler Spiroergometrie

MHBA ist Leiter des Zentrums Interdisziplinäre Sportmedizin am Klinikum Bamberg und Verbandsarzt des Deutschen Alpenvereins. Er betreut seit Jahren die Nationalmannschaften im Skibergsteigen und Sportklettern.

MHBA ist Assistenzarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Bamberg und Mitarbeiter bei der Sportlerbetreuung am Zentrum für Interdisziplinäre Sportmedizin.

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