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    Startseite » Übergewicht und Adipositas
    Training

    Übergewicht und Adipositas

    Bedeutung und Umsetzung von Training
    Dr. med. Kay NiemierBy Dr. med. Kay Niemier7 Mins Read
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    © istockphoto.com / kwanchaichaiudom
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    Übergewicht und Adipositas spielen im medizinischen Alltag eine zunehmende Rolle. Ca. 60 % der deutschen Erwachsenen leiden an Übergewicht (inkl. Adipositas) und über 20 % an einer Adipositas. Die Prävalenz nimmt mit steigendem Lebensalter zu. 15 % der deutschen Kinder sind übergewichtig, 6 % adipös. Die Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas steigen [1]. Aufgrund der hohen Komorbiditäten mit Herz-Kreislauferkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, aber auch chronischen Schmerzen, gewinnt das Management von Adipositas und Übergewicht zunehmend an ökonomischer und medizinsicher Bedeutung. Weiterhin erschweren Übergewicht und Adipositas medizinische Maßnahmen und führen zu vermehrten Komplikationen.

    Genetische Faktoren tragen zum Übergewicht bei, erklären jedoch nicht die pandemische Ausweitung von Übergewicht und Adipositas. Vielmehr ist das Ungleichgewicht von Energiezufuhr und -abgabe relevant für deren Entwicklung. Die Energiezufuhr hat kontinuierlich zugenommen. Essen ist ständig verfügbar, unsere Lebensmittel und Getränke haben einen hohen Energiegehalt und Snacks / Süßigkeiten sind dauerhafte Begleiter [2]. 

    Auf der anderen Seite hat sich unser Bewegungsverhalten massiv geändert. Kinder bewegen sich deutlich weniger als früher (Abb. 1, Tab. 1).

    Abb. 1 Kinder und
    Jugendliche – Erfüllung der WHO-Bewegungskriterien [3]
    Tab. 1 Bewegung an der frischen Luft, Kinder und Jugendliche [4]

    Bewegungsempfehlungen WHO Kinder und Jugendliche

    • Täglich 60 Minuten moderate bis kräftige körperliche Aktivität pro Tag
    • An drei Tagen in der Woche hoch intensive körperliche Aktivität zur Kräftigung von Knochen und Muskeln

    Auch das Bewegungsverhalten von Erwachsenen ist problematisch. So bewegen sich nur 37 % der Erwachsenen mehr als eine Stunde pro Tag (Abb. 2), ca. die Hälfte der deutschen Erwachsenen treiben nie oder selten Sport und ein hoher Anteil der Menschen erfüllt nicht die Bewegungsempfehlungen der WHO [5].

    Abb. 2 Bewegungs­verhalten Erwachsene (Minuten pro Tag)

    Bewegungsempfehlungen WHO Erwachsene

    • Regelmäßige körperliche Betätigung
    • 150 – 300 Minuten pro Woche moderate körperliche Aktivität oder 75 – 150 Minuten kräftige körperliche Aktivität pro Woche
    • Krafttraining 2x pro Woche oder häufiger
    • Steigerung der körperlichen Aktivität auf mehr als 300 Minuten pro Woche

    Zusammenfassend wird das Gesundheitssystem zunehmend mit Patienten konfrontiert, die sich u. a. hochkalorisch ernähren und zu wenig bewegen und das, obwohl Sport und Bewegung präventiv und therapeutisch bei der Mehrzahl von chronischen Erkrankungen wirksam sind (Abb. 3).

    Abb. 3 Zusammenhang Bewegung / Sport und chronisc

    Die alleinige Reduktion der Energieeinfuhr (Diäten, bariatrische Chirurgie, Medikation) führt immer auch zu einer signifikanten Abnahme der Muskelmasse (25 – 50 % der verlorenen Masse sind Muskeln und Bindegewebe). Neben einer Reihe von anderen medizinischen Problemen, führt die Reduktion der Muskelmasse zu einem verminderten Grundumsatz, dies verhindert / erschwert eine weitere Gewichtsabnahme. Training allein sorgt zwar für eine geringere Gewichtsreduktion als andere Maßnahmen, sorgt jedoch für eine verbesserte Körperzusammensetzung [6 – 8]. Eine häufige Aussage zum Thema Sport und Gewichtverlust ist, dass Sport nicht zu einer relevanten Gewichtsreduktion führt. Warum ist das so:

    Die Energieausgabe wird oft überschätzt

    • Die Energieausgabe wird nach dem Sport häufig (über) kompensiert
    • Muskel ist schwerer als Fett, d.h., ein (gesunder) Muskelaufbau führt zu einer Gewichtszunahme

    Energiezufuhr und Energieausgabe, Beispiele

    • 1 Tafel Schokolade ca. 530 kcal = 90 Minuten moderates Radfahren 
    • 100 ml Red Bull ca. 45 kcal = 13 Minuten moderates Radfahren 
    • 100 ml Rotwein ca. 85 kcal = 25 moderates Radfahren 
    • moderates Radfahren (16 kmh ca. 6 kcal / min)

    In der Beratung und zur Motivationsverbesserung von Patienten ist es also wichtig, neben dem Gewichtsverlust auch andere positive Effekte von regelmäßigem Sport und Bewegung zu adressieren:

    • Steigerung der aeroben Kapazität = Bessere Leistungsfähigkeit und schnellere Erholung nach
      Belastungen, Verbesserung der Stoffwechsellage
    • Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten
    • Zunahme der Muskelmasse und Kraft = höherer Grundumsatz (Energieausgabe), bessere
      Leistungsfähigkeit (z. B. weniger Stürze und Verletzungen)
    • Zunahme der Knochenmasse = geringere Frakturgefahr
    • Reduktion von somatischen und psychischen Erkrankungen
    • Höhere (gesunde) Lebenserwartung

    u. s. w.

    Regelmäßiger Sport und Bewegung verbessert die kognitiven Fähigkeiten und sind damit wichtig für die Lernfähigkeit und den resultierenden sozioökonomischen Status. Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status sind im Vergleich zu Menschen mit einem hohen sozioökonomischen Status signifikant häufiger von Adipositas und Übergeweicht betroffen (Abb. 4) [9]. 

    Abb. 4 Zusammenhang sozioökonomischer Status, Übergewicht & Adipositas [9]
    Wissenschaftliche Daten belegen, dass Sport auch ohne Gewichtsreduktion wirksam ist. Hier einige wenige Beispiele:

    • 150 Minuten Bewegung reduziert Entzündungsparameter, Blutfettwerte und erhöht die Insulinsensitivität
    • Viszerales Fett wird durch reguläre Bewegung reduziert. Intensives Training ist dabei effektiver als moderates Training
    • Verbesserung des Fitnesszustandes reduzieren die Mortalität mehr als sein alleiniger Gewichtsverlust

    Wichtig ist also, nicht allein auf den ­Gewichtsverlust zu fokussieren, sondern auf den Fitnesszustand des Patienten und die Körperzusammensetzung [10 – 13]. Training und Bewegung sind in unseren Gesellschaften nicht mehr natürlich. In der täglichen ärztlichen Praxis sind viele Patienten mit der Empfehlung „zu trainieren“ schlicht überfordert. Viele wissen, dass sie was tun müssen, haben jedoch keine Vorstellung über Trainingsarten, Intensitäten. Häufigkeiten und Aufbau. Weiterhin ist Training immer ein langfristiges Konzept und bedarf einer Planung (Tab. 2). 

    Tab. 2 Beispielhafter Trainingsaufbau

    Grundsätzlich ist es jedoch wichtig, auch auf Vorerfahrungen und Präferenzen von Patienten einzugehen.

    Fazit

    • Adipositas ist ein multifaktorielles Geschehen 
    • Training als alleinige Maßnahme ist nicht ausreichend und der Energieverbrauch wird überschätzt
    • Training gehört in jedes Präventions- und Therapie­programm gegen Adipositas
    • Die Effekte des Trainings und die Wirkung auf Adipositas sind vielfältig
    • Training braucht eine Planung 

    Literatur

    1. RKI – Adipositas und Übergewicht – Themen­schwerpunkt: Übergewicht und Adipositas, Zugriff 07.01.2026
    2. BMLEH – Ernährung – Deutschland, wie es isst – der BMLEH-Ernährungsreport 2025, Zugriff 07.01.2026
    3. Bundesministerium für Gesundheit (2022). Bewegungsförderung bei Kindern und Jugendlichen in; Deutschland. Bestandsaufnahme (Langversion). Online verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/publikationen.htm; Zugriff 07.01.2026
    4. Eichner et al.: Von einer bewegten zu einer sitzenden Kindheit? Bewegungstherapie und Gesundheitssport 2014; 30: 115– 117)
    5. Studie „Beweg dich, Deutschland!“: Das Land der Sportmuffel? – Die Techniker, Zugriff 07.01.2026
    6. Fothergill E, Guo J, Howard L, Kerns JC, Knuth ND, Brychta R, Chen KY, Skarulis MC, Walter M, Walter PJ, Hall KD. Persistent metabolic adaptation 6 years after „The Biggest Loser“ competition. Obesity (Silver Spring). 2016 Aug;24(8):1612-9. doi: 10.1002/oby.21538. Epub 2016 May 2. PMID: 27136388; PMCID: PMC4989512.
    7. Look M, Dunn JP, Kushner RF, Cao D, Harris C, Gibble TH, Stefanski A, Griffin R. Body composition changes during weight reduction with tirzepatide in the SURMOUNT-1 study of adults with obesity or overweight. Diabetes Obes Metab. 2025 May;27(5):2720-2729. doi: 10.1111/dom.16275. Epub 2025 Feb 25. Erratum in: Diabetes Obes Metab. 2025 Nov;27(11):6823. doi: 10.1111/dom.70050. PMID: 39996356; PMCID: PMC11965027.
    8. Jensen SBK, Blond MB, Sandsdal RM, Olsen LM, Juhl CR, Lundgren JR, Janus C, Stallknecht BM, Holst JJ, Madsbad S, Torekov SS. Healthy weight loss maintenance with exercise, GLP-1 receptor agonist, or both combined followed by one year without treatment: a post-treatment analysis of a randomised placebo-controlled trial. EClinicalMedicine. 2024 Feb 19;69:102475. doi: 10.1016/j.eclinm.2024.102475. PMID: 38544798; PMCID: PMC10965408.
    9. Kurth BM, Schaffrath Rosario A. Ubergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2010 Jul;53(7):643-52. German. doi: 10.1007/s00103-010-1083-2. PMID: 20631974.
    10. Look AHEAD Research Group; Pi-Sunyer X, Blackburn G, Brancati FL, Bray GA, Bright R, Clark JM, Curtis JM, Espeland MA, Foreyt JP, Graves K, Haffner SM, Harrison B, Hill JO, Horton ES, Jakicic J, Jeffery RW, Johnson KC, Kahn S, Kelley DE, Kitabchi AE, Knowler WC, Lewis CE, Maschak-Carey BJ, Montgomery B, Nathan DM, Patricio J, Peters A, Redmon JB, Reeves RS, Ryan DH, Safford M, Van Dorsten B, Wadden TA, Wagenknecht L, Wesche-Thobaben J, Wing RR, Yanovski SZ. Reduction in weight and cardiovascular disease risk factors in individuals with type 2 diabetes: one-year results of the look AHEAD trial. Diabetes Care. 2007 Jun;30(6):1374-83. doi: 10.2337/dc07-0048. Epub 2007 Mar 15. PMID: 17363746; PMCID: PMC2665929.
    11. Trapp EG, Chisholm DJ, Freund J, Boutcher SH. The effects of high-intensity intermittent exercise training on fat loss and fasting insulin levels of young women. Int J Obes (Lond). 2008 Apr;32(4):684-91. doi: 10.1038/sj.ijo.0803781. Epub 2008 Jan 15. PMID: 18197184.
    12. Maillard F, Pereira B, Boisseau N. Effect of High-Intensity Interval Training on Total, Abdominal and Visceral Fat Mass: A Meta-Analysis. Sports Med. 2018 Feb;48(2):269-288. doi: 10.1007/s40279-017-0807-y. PMID: 29127602.
    13. Barry VW, Baruth M, Beets MW, Durstine JL, Liu J, Blair SN. Fitness vs. fatness on all-cause mortality: a meta-analysis. Prog Cardiovasc Dis. 2014 Jan-Feb;56(4):382-90. doi: 10.1016/j.pcad.2013.09.002. Epub 2013 Oct 11. PMID: 24438729.

    Autoren

    Dr. med. Kay Niemier

    » Facharzt für Allgemeinmedizin sowie für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Schmerz-, Palliativ- und Manualmedizin
    » Chefarzt des Schmerz und Rückenzentrums an den Westmecklenburg Kliniken Helene von Bülow
    » Klinisch und wissenschaftlich befasst er sich vorwiegend mit funktionellen Aspekten von chronischen Schmerzerkrankungen des Bewegungssystems
    (Stand 2026)

    01/26
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