Hüftverletzungen und -erkrankungen

Eine unterschätzte Entität im Handballsport?

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Handball zählt in Deutschland zu den am häufigsten betriebenen Sportarten und rückt nicht zuletzt durch die zurückliegenden Veranstaltungen der Europa- und Weltmeisterschaft sowie die Olympischen Spiele 2021 weiter in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. 

Handball wird wie Fußball oder Eishockey zu den sogenannten „High Impact“ Sportarten gezählt. Diese stehen an der Spitze der verletzungsgefährdenden Sportarten. Die typischen Verletzungen beim Handball betreffen das Knie­gelenk (Meniskus- und VKB-Läsionen) und das Sprunggelenk (Distorsionen und Kontusionen). Verletzungen der Hüftregion treten im Handball dagegen seltener auf, laut VBG-Report 2020 ­betreffen 5,5 % aller Verletzungen die Hüftregion [1], wobei etwa die Hälfte auf Distorsionen und Kontusionen entfallen. Zur Hüftproblematik im Handballsport ist bisher nur sehr wenig bekannt [10]. In einer 15 Studien umfassenden Übersichtsarbeit zum Thema Verletzungen beim Handballsport findet sich bei Raya-Gonzales [6] keine Untersuchung, die dezidiert auf die Hüfte eingeht. 

Risiken und Ursachen

Bekannt scheint, dass das Risiko für die Entstehung einer Hüftgelenksarthrose bei Handballsportlern erhöht ist [2, 3]. Nach Tveit [4] haben Handballer gegenüber einem Vergleichskollektiv ein doppelt so hohes Risiko zur Entwicklung einer Hüftarthrose und eine 2,5-fache Inzidenz für eine Hüft-TEP. Vigdorchik [12] berichtet gar von einem 5-fach erhöhten Risiko. Neben möglichen Verletzungsfolgen müssen also noch weitere Faktoren für die Entwicklung von Langzeitschäden bis hin zur Hüftgelenksarthrose eine Rolle spielen. Hier wird meist die spezifische Trainings- bzw. Wettspielbelastung mit der Kombination aus Lauf, Sprung und Wurf als Erklärung herangezogen. Schmitt [5] konnte bei einer Auswertung von 16 Studien feststellen, dass bei Spitzen­athleten im Bereich Wurf (Speerwerfer) und Sprung (Hochsprung) ein 3-fach erhöhtes Risiko für das Entstehen einer Arthrose des Hüftgelenkes besteht. Auch beim Handball spielen Wurf und Sprungbelastungen eine wichtige Rolle. Andererseits ist das Belastungsprofil beim Handball deutlich heterogener als bei anderen Sportarten. Es bestehen hier erhebliche Unterschiede in den physischen Anforderungen der verschiedenen Spielpositionen (Torwart, Flügel-, Kreis- und Rückraumspieler) sowohl hinsichtlich deren Lauf-, Wurf- und Sprungverhalten als auch hinsichtlich Zweikampfhäufigkeit, Zweikampfhärte oder Verletzungsmustern. Es müssen also noch weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Gemäß der DOHA Übereinkunft [7] werden unter dem Begriff „Hüftbeschwerden“ sowohl strukturelle intra­artikuläre Veränderungen des Hüftgelenkes als auch extraartikuläre myofasziale Probleme im Bereich von Leiste, Schambein und Hüftmuskulatur zusammengefasst. Bei den intraartikulären Ursachen wird häufig ein femoroacetabuläres Impingement (FAI) als präarthrotischer Faktor gefunden [8,11], wobei die Subtypen „Pincer-FAI“ und „CAM-FAI“ sowohl isoliert wie auch kombiniert vorliegen können. Über Entstehung, Klinik und Diagnostik zum Konzept des FAI sind in den letzten Jahren eine Vielzahl von Veröffentlichungen erschienen [14, 18], sodass Leunig [13] gar von einem „exponentiellen“ Anstieg der Publikationen zu diesem Thema spricht. Nach Leunig stellt das FAI „keine Krankheit per se“ dar, sondern ist als „ein mechanischer Schädigungsprozess der Hüfte“ anzusehen [13, S.394]. Häufig sind beim Handball repetitive Traumata durch Stürze auf den harten Hallenboden zu beobachten, die strukturellen Schädigungen von Kapselverletzungen bis hin zu Labrumläsionen verursachen können. Besonders Verletzungen am Labrum scheinen mit der Entwicklung eines FAI assoziiert. Zur Therapie des FAI werden je nach Ausmaß der Symp­­tomatik sowohl konservative Verfahren (z. B. Manuelle Therapie, Fasciendehnung, etc.) als auch operative Maßnahmen durchgeführt [15 – 17], wobei hier vor allem arthroskopische Techniken zum Einsatz kommen (Abb. 1 a – c). Nach Weber [19] wird die Return to Sport Rate mit 88 % angegeben. Dies entspricht in etwa der Rate bei Schulterverletzungen [20]. 

Abb. 1a präoperatives Röntgenbild eines „CAM-FAI“. 1B intraoperatives Röntgenbild eines „CAM-FAI“, AC=Acetabulum FK=Femurkopf.
1C postoperatives Röntgenbild eines „CAM-FAI“

Extraartikuläre Ursachen können hüftgelenksnahe Muskel- und Sehnenverletzungen, Leistenhernien und mus­kuläre Dysbalancen darstellen. Diese Ursachen sollten durch spezifische Test (z. B. Ober-Test, Piriformis Stretch Test) eingegrenzt werden, bzw. können durch eine weitere Diagnostik ausgeschlossen werden (Sonografie, MRT). Gerade die muskuläre Komponente ist bei der Entstehung von Hüftbeschwerden bisher nur sehr unvollständig berücksichtigt worden [17]. Dies ist verwunderlich, da gerade bei Sportlern zum Teil erhebliche muskuläre Dysbalancen zu finden sind. Kontrakturen der periartikulären Hüftmuskulatur nehmen erheblichen Einfluss auf die Stellung der Beinachse, die Belastung des Hüftgelenkes, des Beckens und des Rückens [9]. Welche pathologische Wertigkeit die einzelnen Aspekte jeweils für sich allein spielen und wie sie sich wechselseitig beeinflussen können, ist bislang nicht bekannt. Dabei könnten unterschiedliche myofasziale Zustände erklären, warum identische intraarti­kuläre Pathologien einmal asymp­tomatisch bleiben, in anderen Fällen aber deut­liche Beschwerden verursachen(Abb. 2). Therapieoptionen sind myofasziale Dehnung oder tiefe Querfriktion der Muskulatur und Faszien. 

Abb. 2 modifiziert nach Thorborg et al. Journal of orthopaedics&Sports Therapy (April 2,2018)

Fazit

Zusammenfassend ist festzustellen, dass beim Profi-Handballsport trotz geringer Verletzungshäufigkeit eine erhöhte Inzidenz von Hüftgelenksarthrosen vorzuliegen scheint. Die Ursache hierfür könnte in handballtypischen Belastungsmustern liegen, welche über extraartikuläre Pathologien zu intra­artikulären Veränderungen und damit schließlich zur Koxarthrose führen. Zur weiteren Klärung soll daher am Universitätsklinikum Leipzig in einer prospektiv explorativen Studie mittels Fragebogen analysiert werden, wie sich spezifische Belastungen im professionell betriebenen Handballsport auf die Hüftregion auswirken. Die Zielkohorte wird aus aktiven und ehemaligen Handballspielern der ersten, zweiten oder dritten Bundesliga bestehen. Dabei soll geklärt werden, welche Arten von Sportverletzungen der Hüfte beim Handball wirklich zu einem langfristigen Schaden führen können. Müssen Handballprofis tatsächlich mit einem erhöhten Arthroserisiko der Hüfte rechnen? Lassen sich kofaktorielle Begleitursachen näher spezifizieren? Welche Rolle spielen anatomische Veränderungen wie FAI oder Differenzen der Beinlänge? Welche Auswirkungen haben erworbene funktionelle Dysbalancen? Welchen Einfluss haben Fehlstellungen des Beckens oder Beugekontrakturen der Hüftmuskulatur? Durch Beantwortung dieser Fragen könnte es gelingen, neue Aspekte für die Prävention und Therapie von Hüftbeschwerden aufzuzeigen.

Literatur

[1] Klein C et al. (2019) VBG-Sportreport 2019; Analyse des Unfallgeschehens in den zwei 

     höchsten Ligen der Männer: Basketball, Eishockey, Fußball, Handball

[2] L’Hermette M et al. (2006) Hip Passive Range of Motion and Frequency of 

     Radiographic Hip Osteoarthritis in Former Elite Handball Players British Journal of  

     Sports Medicine https://doi.org/10.1136/bjsm.2005.019026.

[3] Seil R et al. (1998) Sports Injuries in Team Handball; The American Journal of Sports      

     Medicine  https://doi.org/10.1177/03635465980260051401.

[4] Tveit M et al. (2012) Former Male Elite Athletes Have a Higher Prevalence of  

     Osteoarthritis and Arthroplasty in the Hip and Knee Than Expected; The American   

    Journal of Sports Medicine https://doi.org/10.1177/0363546511429278

[5] Schmitt H et al. (2004) High Prevalence of Hip Arthrosis in Former Elite Javelin 

     Throwers and High Jumpers; Acta Orthopaedica Scandinavica

https://doi:10.1080/00016470410001708060

[6] Raya-González J et al. (2020) Injury Profile of Male and Female Senior and Youth 

    Handball Players: A Systematic Review; International Journal of Environmental  

    Research and Public Health  https://doi.org/10.3390/ijerph17113925.

[7] Weir A et al. (2015) Doha Agreement Meeting on Terminology and Definitions in Groin 

    Pain in Athletes. British Journal of Sports Medicine

https://doi.org/10.1136/bjsports-2015-094869.

[8] Leunig M et al. (2005) Femoroacetabuläres Impingement: Häufige Ursache von zur 

    Arthrose führenden Hüftbeschwerden; Der Unfallchirurg

https://doi.org/10.1007/s00113-004-0902-z

[9] Buckup K et al. (2005) Die klinische Untersuchung des Hüftgelenks

[10] Meyer RP et al. Hüftchirurgie in der Praxis. Springer Verlag    

https://doi.org/10.1007/3-540-26857-X_2

[11] Hölmich P et al. (2018) Hip, Groin and Abdominal Injuries in Handball Handball 

    Sports Medicine. Springer Verlag https://doi.org/10.1007/978-3-662-55892-8_18 

[12] Ganz R et al. (2003) Femoroacetabular Impingement, A Cause for Osteoarthritis of 

     the Hip, Clinical Orthopaedics and related Research

     https://doi: 10.1097/01.blo.0000096804. 78689.c2

[13] Vigdorchik et al. What Is the Association of Elite Sporting Activities With the 

    Development of Hip Osteoarthritis? The American Journal of Sports Medicine, doi:   

    10.1177/0363546516656359

[14] Leunig M et al. (2009) FAI – Konzept und Ätiopathogenese“, Orthopäde doi: 

    10.1007/s00132-008-1383-5 

[15] Ganz R et al. (2008) The etiology of osteo-arthritis of the hip: An integrated 

    mechanical concept. Clin Orthop Relat Res 

[16] Griffin DR et al. (2018) Hip arthroscopy versus best conservative care for the 

    treatment of femoroacetabular impingement syndrome 

[17] Kemp JL et al.  (2019) Is exercise therapy for femoroacetabular impingement in or 

    out of FASHIoN? We need to talk about current best practice for the non- surgical 

    management of FAI syndrome Br J Sports Med doi:10.1136/bjsports2018-100173 

[18] Kemp JL et al. (2014)  What fooled us in the knee may trip us up in the hip: lessons 

    from arthroscopy; Br J Sports Med doi:10.1136/bjsports-2014-093831 

[19] Weber A et al. (2020) Can we identify why athletes fail to return to sport after hip 

    arthroscopy for femoroacetabular impingement syndrome? A systematic Review and 

    Metaanalysis;The American Journal of Sports Medicine,    

    doi:10.1177/0363546520956292

[20] Hepp P, Henkelmann R, (2020). Die „Handballer-Schulter“ im Fokus von Diagnostik   

    und Therapie; Sportverletzungen Sportschaden doi:10.1055/a-1107-8514

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ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Klinikum für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie UKL Leipzig. Außerdem ist sie ehemalige Handball-Bundesligaspielerin.

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ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin und spezielle Unfallchirurgie. Er ist stellv. geschäftsführender Klinikdirektor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie UKL Leipzig. Außerdem ist Prof. Hepp Mannschaftsarzt des SC DHfK Leipzig (Handball Bundesliga).

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ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Er ist Oberarzt im Bereich Arthroskopische und Spezielle Gelenkchirurgie/Sportverletzungen in der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie des Universitätsklinikums Leipzig AöR (UKL) sowie Mannschaftsarzt des SC DHfK Leipzig Handball U21, A, B und C-Jugend.

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ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Spezielle Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie des Universitätsklinikums Leipzig AöR (UKL).

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