Cortisol & Immunsystem

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Die Auswirkungen einer erhöhten Cortisolausschüttung auf das Immunsystem sind vielfältig und gerade in der aktuellen Situation nicht zu unterschätzen. Wir fragten Dr. Eva Brandt, Erziehungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Psychologie, die seit mehr als 20 Jahren als Unternehmensberaterin, Seminarleiterin, Trainerin und Dozentin (Universität Mainz) tätig ist, welche Aus­wirkungen stattfinden und welche Konsequenzen man daraus ziehen sollte.

Eine erhöhte Cortisolausschüttung wirkt sich negativ auf das Gehirn und die Psyche aus sowie auf die Organe und das Immunsystem. Bei akutem Stress, der nur kurz anhält, wird die Aktivität des Immunsystems gesteigert und Entzündungen leichter bewältigt. Bei langanhaltendem Stress passiert jedoch genau das Gegenteil: das Immunsystem wird geschwächt und der Organismus kann nicht mehr mit der notwendigen Abwehr Krankheitserreger bekämpfen. Aus der Neuropsychologie wissen wir, dass wir in Stresssituationen noch vor der körperlichen Reaktion gedanklich nach Lösungen suchen, um den Stress zu bewältigen. Werden diese gefunden, bilden sich neue neuronale Schaltkreise im Gehirn, die dieses neu erlernte Verhalten zur Stressbewältigung abspeichern. Ebenfalls tritt ein Rückkopplungsmechanismus in Gang, der die weitere Ausschüttung von Cortisol herunterreguliert. Bewähren sich diese neuen Schaltkreise, weil sie zur Überwindung und Kontrolle des Stresses beigetragen haben, können sie bei wiederholtem Stress schneller und leichter im Gehirn abgerufen werden und durch weitere Wiederholung dazu führen, dass dieselbe Situation nicht mehr als Stress empfunden wird. Dies kommt einer „Stressimpfung“ gleich. Wird jedoch keine Lösung für den Stress gefunden, können wir dies als Kontrollverlust wahrnehmen. Der Rückkopplungsmechanismus zur Senkung des Cortisolspiegels wird durchbrochen und es kommt zu immer weiter ansteigendem Stress. Die aktuelle Corona-Pandemie kann bei vielen Menschen diesen Kontrollverlust sowie Angst auslösen. Wer die aktuelle ­Situation allerdings als ausweglos wahrnimmt, dem fällt auch keine Lösung zu dessen Bewältigung ein und es werden keine neuen neuronalen Schaltkreise entwickelt. Dies führt dazu, dass exakt das Gegenteil passiert und neuronale Verbindungen destabilisiert werden, also die bereits vorhandenen Stressbewältigungsmuster im Gehirn werden einfach gelöscht, um sie mit neu zu erlernenden, wirksameren, zu ersetzen. Allerdings ist das Gehirn unter dieser hohen Stressbelastung nicht wirklich lernbereit. Insofern sucht es nach Lösungen, wie die Angst leichter auszuhalten ist (für manche sind dies Rauschmittel, erhöhter Medienkonsum, usw.) und nicht wie sie zu bewältigen ist. Dies kann zu Depressionen und weiteren psychischen Belastungen führen. Das tatsächlich anzustrebende Ziel ist jedoch, die Kontrolle zurück zu erlangen.

Die Stressbewältigung sollte insofern körperlich und mental erfolgen sowie kurz- und langfristig. Kurzfristige Stressreduktion führt dazu, dass wir die Erregungsspitzen kappen und damit die andauernde Cortisolausschüttung unterbrechen, wodurch auch die negativen Mechanismen im Körper unterbrochen werden. Dies kann durch Entspannungsübungen, Yoga, Mentaltraining und Achtsamkeitsübungen erfolgen. Langfristig geht es darum, dass wir die Kontrolle zurückgewinnen und die Angst bewältigen. Dies gelingt z. B. durch neu gesetzte Ziele, die auch real erreichbar sind. Setzen wir diese Ziele erfolgreich um, können wir das ­Gefühl von Kontrolle und Stärke erlangen. Gleichfalls sollten wir uns die positiven Seiten der aktuellen Situation ins Bewusstsein rufen und uns an diesen freuen, auch dies unterbricht die Cortisolausschüttung für einen Moment. Überlegen wir uns darüber hinaus, welche Fähigkeiten wir für weitere Ziele besitzen oder welche wir aufgrund der aktuellen Corona ­Situation entwickeln könnten, steigern wir unser Selbstwertgefühl, ein probates Mittel gegen Angst. Die schnellste Form, um die von der Amygdala wahrgenommene Angst zu beruhigen, ist die Umarmung, durch die der Körper Oxytocin ausschüttet. Das sogenannte „Bindungshormon“, was nicht nur beruhigend wirkt, sondern auch Vertrauen stärkt.

Ein von der sportärztezeitung initiiertes ausführ­liches Interview von der Frankfurter Rundschau mit Dr. Eva Brandt finden Sie hier: www.fr.de/panorama/negativegedankenkarussell-anhalten-13641322.html

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studierte Erwachsenenbildung und Erziehungswissenschaft (Promotion Erziehungswissenschaft, Bildungs­Sponsoring). Sie war fünf Jahre Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg und ist seit 1999 selbständige Seminarleiterin und Coach in der betrieblichen Bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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