Übergewicht und Adipositas spielen im medizinischen Alltag eine zunehmende Rolle. Ca. 60 % der deutschen Erwachsenen leiden an Übergewicht (inkl. Adipositas) und über 20 % an einer Adipositas. Die Prävalenz nimmt mit steigendem Lebensalter zu. 15 % der deutschen Kinder sind übergewichtig, 6 % adipös. Die Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas steigen [1]. Aufgrund der hohen Komorbiditäten mit Herz-Kreislauferkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, aber auch chronischen Schmerzen, gewinnt das Management von Adipositas und Übergewicht zunehmend an ökonomischer und medizinsicher Bedeutung. Weiterhin erschweren Übergewicht und Adipositas medizinische Maßnahmen und führen zu vermehrten Komplikationen.
Genetische Faktoren tragen zum Übergewicht bei, erklären jedoch nicht die pandemische Ausweitung von Übergewicht und Adipositas. Vielmehr ist das Ungleichgewicht von Energiezufuhr und -abgabe relevant für deren Entwicklung. Die Energiezufuhr hat kontinuierlich zugenommen. Essen ist ständig verfügbar, unsere Lebensmittel und Getränke haben einen hohen Energiegehalt und Snacks / Süßigkeiten sind dauerhafte Begleiter [2].
Auf der anderen Seite hat sich unser Bewegungsverhalten massiv geändert. Kinder bewegen sich deutlich weniger als früher (Abb. 1, Tab. 1).

Jugendliche – Erfüllung der WHO-Bewegungskriterien [3]
Bewegungsempfehlungen WHO Kinder und Jugendliche
- Täglich 60 Minuten moderate bis kräftige körperliche Aktivität pro Tag
- An drei Tagen in der Woche hoch intensive körperliche Aktivität zur Kräftigung von Knochen und Muskeln
Auch das Bewegungsverhalten von Erwachsenen ist problematisch. So bewegen sich nur 37 % der Erwachsenen mehr als eine Stunde pro Tag (Abb. 2), ca. die Hälfte der deutschen Erwachsenen treiben nie oder selten Sport und ein hoher Anteil der Menschen erfüllt nicht die Bewegungsempfehlungen der WHO [5].

Bewegungsempfehlungen WHO Erwachsene
- Regelmäßige körperliche Betätigung
- 150 – 300 Minuten pro Woche moderate körperliche Aktivität oder 75 – 150 Minuten kräftige körperliche Aktivität pro Woche
- Krafttraining 2x pro Woche oder häufiger
- Steigerung der körperlichen Aktivität auf mehr als 300 Minuten pro Woche
Zusammenfassend wird das Gesundheitssystem zunehmend mit Patienten konfrontiert, die sich u. a. hochkalorisch ernähren und zu wenig bewegen und das, obwohl Sport und Bewegung präventiv und therapeutisch bei der Mehrzahl von chronischen Erkrankungen wirksam sind (Abb. 3).

Die alleinige Reduktion der Energieeinfuhr (Diäten, bariatrische Chirurgie, Medikation) führt immer auch zu einer signifikanten Abnahme der Muskelmasse (25 – 50 % der verlorenen Masse sind Muskeln und Bindegewebe). Neben einer Reihe von anderen medizinischen Problemen, führt die Reduktion der Muskelmasse zu einem verminderten Grundumsatz, dies verhindert / erschwert eine weitere Gewichtsabnahme. Training allein sorgt zwar für eine geringere Gewichtsreduktion als andere Maßnahmen, sorgt jedoch für eine verbesserte Körperzusammensetzung [6 – 8]. Eine häufige Aussage zum Thema Sport und Gewichtverlust ist, dass Sport nicht zu einer relevanten Gewichtsreduktion führt. Warum ist das so:
Die Energieausgabe wird oft überschätzt
- Die Energieausgabe wird nach dem Sport häufig (über) kompensiert
- Muskel ist schwerer als Fett, d.h., ein (gesunder) Muskelaufbau führt zu einer Gewichtszunahme
Energiezufuhr und Energieausgabe, Beispiele
- 1 Tafel Schokolade ca. 530 kcal = 90 Minuten moderates Radfahren
- 100 ml Red Bull ca. 45 kcal = 13 Minuten moderates Radfahren
- 100 ml Rotwein ca. 85 kcal = 25 moderates Radfahren
- moderates Radfahren (16 kmh ca. 6 kcal / min)
In der Beratung und zur Motivationsverbesserung von Patienten ist es also wichtig, neben dem Gewichtsverlust auch andere positive Effekte von regelmäßigem Sport und Bewegung zu adressieren:
- Steigerung der aeroben Kapazität = Bessere Leistungsfähigkeit und schnellere Erholung nach
Belastungen, Verbesserung der Stoffwechsellage - Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten
- Zunahme der Muskelmasse und Kraft = höherer Grundumsatz (Energieausgabe), bessere
Leistungsfähigkeit (z. B. weniger Stürze und Verletzungen) - Zunahme der Knochenmasse = geringere Frakturgefahr
- Reduktion von somatischen und psychischen Erkrankungen
- Höhere (gesunde) Lebenserwartung
u. s. w.
Regelmäßiger Sport und Bewegung verbessert die kognitiven Fähigkeiten und sind damit wichtig für die Lernfähigkeit und den resultierenden sozioökonomischen Status. Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status sind im Vergleich zu Menschen mit einem hohen sozioökonomischen Status signifikant häufiger von Adipositas und Übergeweicht betroffen (Abb. 4) [9].

- 150 Minuten Bewegung reduziert Entzündungsparameter, Blutfettwerte und erhöht die Insulinsensitivität
- Viszerales Fett wird durch reguläre Bewegung reduziert. Intensives Training ist dabei effektiver als moderates Training
- Verbesserung des Fitnesszustandes reduzieren die Mortalität mehr als sein alleiniger Gewichtsverlust
Wichtig ist also, nicht allein auf den Gewichtsverlust zu fokussieren, sondern auf den Fitnesszustand des Patienten und die Körperzusammensetzung [10 – 13]. Training und Bewegung sind in unseren Gesellschaften nicht mehr natürlich. In der täglichen ärztlichen Praxis sind viele Patienten mit der Empfehlung „zu trainieren“ schlicht überfordert. Viele wissen, dass sie was tun müssen, haben jedoch keine Vorstellung über Trainingsarten, Intensitäten. Häufigkeiten und Aufbau. Weiterhin ist Training immer ein langfristiges Konzept und bedarf einer Planung (Tab. 2).

Grundsätzlich ist es jedoch wichtig, auch auf Vorerfahrungen und Präferenzen von Patienten einzugehen.
Fazit
- Adipositas ist ein multifaktorielles Geschehen
- Training als alleinige Maßnahme ist nicht ausreichend und der Energieverbrauch wird überschätzt
- Training gehört in jedes Präventions- und Therapieprogramm gegen Adipositas
- Die Effekte des Trainings und die Wirkung auf Adipositas sind vielfältig
- Training braucht eine Planung
Literatur
- RKI – Adipositas und Übergewicht – Themenschwerpunkt: Übergewicht und Adipositas, Zugriff 07.01.2026
- BMLEH – Ernährung – Deutschland, wie es isst – der BMLEH-Ernährungsreport 2025, Zugriff 07.01.2026
- Bundesministerium für Gesundheit (2022). Bewegungsförderung bei Kindern und Jugendlichen in; Deutschland. Bestandsaufnahme (Langversion). Online verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/publikationen.htm; Zugriff 07.01.2026
- Eichner et al.: Von einer bewegten zu einer sitzenden Kindheit? Bewegungstherapie und Gesundheitssport 2014; 30: 115– 117)
- Studie „Beweg dich, Deutschland!“: Das Land der Sportmuffel? – Die Techniker, Zugriff 07.01.2026
- Fothergill E, Guo J, Howard L, Kerns JC, Knuth ND, Brychta R, Chen KY, Skarulis MC, Walter M, Walter PJ, Hall KD. Persistent metabolic adaptation 6 years after „The Biggest Loser“ competition. Obesity (Silver Spring). 2016 Aug;24(8):1612-9. doi: 10.1002/oby.21538. Epub 2016 May 2. PMID: 27136388; PMCID: PMC4989512.
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Autoren
» Facharzt für Allgemeinmedizin sowie für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Schmerz-, Palliativ- und Manualmedizin
» Chefarzt des Schmerz und Rückenzentrums an den Westmecklenburg Kliniken Helene von Bülow
» Klinisch und wissenschaftlich befasst er sich vorwiegend mit funktionellen Aspekten von chronischen Schmerzerkrankungen des Bewegungssystems
(Stand 2026)




