Target Training – Biofeedback / EMG

Training & Kontrolle: Biofeedback in der Reha traumatischer Schulterverletzungen & Target Training der Schultermuskulatur nach SLAP Läsion

Lesezeit: 5 Minuten

Die Elektromyografie (EMG), vor allen Dingen das Biofeedbacktraining, nimmt einen immer
größeren Stellenwert in der Betreuung von Sportlern ein. Mein Kollege für Biofeedbacktherapie Simon Roth beschreibt in seinem Artikel in der sportärztezeitung hervorragend den Nutzen elektromyo­grafischer Daten und die daraus resultierende interdisziplinäre Zusammenarbeit im Leistungssport [1].

Im folgenden Artikel wird das Biofeedbacktraining eines professionellen Judokas nach SLAP Läsion und die daraus resultierenden Trainingsinhalte dargestellt. 

Diagnose Schulter links: SLAP-Läsion Typ III nach Synder mit begleitender fokaler 3 – 4°Chondromalazie am kranialen Glenoid, Bursitis subacromiales und ACG-Arthrose

Therapie Arthroskopie Schulter links: LBS-Tenotomie und subpectorale Tenodese, Knorpelglättung, subacromiale Bursektomie und laterale Clavicularesektion

Der betroffene Athlet hatte schon seit mehreren Monaten immer wieder über Probleme im Bereich der linken Schulter geklagt. Aufgrund der laufenden, 2-jährigen Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 und der noch tolerierbaren subjektiven und objektiven Schmerzsymptomatik, wurde in der Vergangenheit auf eine operative Versorgung verzichtet. Mit Verlegung der Olympischen Spielen und Pausieren der „Judo World Tour“, ergab sich die Option zu einer opera­tiven Versorgung. Im Judo spielen Verletzung der oberen Extremität, insbesondere Verletzungen des Schultergürtels, eine große Rolle. Eine Studie von Akoto et al. zeigte, dass drei Verletzungen im Top Ten Ranking der Verletzungen auf Schulterverletzungen zurückzuführen sind [2]. Dabei kann zwischen zwei typischen Verletzungsmechanismen unterschieden werden. AC-Gelenksverletzungen entstehen am häufigsten durch ein direktes Trauma beim Fallen durch einen Wurf auf die Schulter [3]. Schulterluxationen oder Verletzungen der Gelenklippe entstehen meistens durch „Abstütz-Reaktionen“, um einem Wurfversuch des Gegners auszuweichen. Zusätzlich scheinen Techniken mit großem Rotationsanspruch an die Schulter mit einem Risiko für chronische Verletzungen der Gelenklippe verbunden zu sein.

Postoperative Behandlung

  • 6 Wochen keine Gewichtsbelastung für Schulter, Ellenbogen und Bizeps. Mobilisation und Abschwellung führend
  • ab der 9. Woche Gewichtsbelastung mit bis zu 5 kg erlaubt
  • ab der 12. Woche Krafttraining und Techniktraining ohne Gegnerwiderstand
  • ab der 16. Woche Durchführung „Return to Randori“ Testung, dann Start mit leichtem Sparring
  • ab der 20. Woche Durchführung „Return to Competition“ Testung, dann Start mit erstem Wettkampf

(Operative Versorgung 6.5.2020 / Biofeedback Analyse am 2.7.2021)

Biofeedbackanalyse und Auswahl der Muskeln

Zum Zeitpunkt der Biofeedbackanalyse war nach der OP ca. ein Jahr vergangen. Der Judoka absolvierte in dieser Zeit ein umfassendes Rehabilitationsprogramm von Physiotherapie, Athletiktraining und Wettkämpfen. Zum Zeitpunkt der Analyse klagt er über eine starke Bewegungseinschränkung der betroffenen Schulter (GIRD) sowie Schmerzen nach intensiven Wettkampfvorbereitungen. Da starke, wiederkehrende Zugbewegungen einen wesentlichen Faktor im Training, aber auch für den Wettkampferfolg im Judo darstellen, lag das Hauptaugenmerk in der Analyse der Trapezmuskulatur und möglicher Kompensationsmuster. Zudem wird die Bedeutung der Bicepssehne für die Stabilität des Schultergürtels derzeit noch kontrovers diskutiert und soll nicht Thema dieses Artikels sein [4].

Ablauf einer Biofeedback-Analyse

Einen wesentlichen Faktor für ein effektives Biofeedbacktraining im Spitzensport stellt die Kommunikation zu den Sportlern und den Athletiktrainern dar. In Rücksprache mit den Trainern können mittels elektromyografischer Analysen bereits beschriebene Defizite visualisiert, dokumentiert und ziel­genau therapiert werden. Somit bietet uns das Biofeedbacktraining eine quantitative Möglichkeit der Trainingssteuerung. Übergeordnetes Ziel der Analyse ist es, Aktivtäten der zentralen Stabilisatoren wieder ins Gleichgewicht zu bringen und Potenziale in inaktiven Muskeln zu wecken. Der Ablauf einer Biofeedback-Sitzung orientiert sich ­dabei immer am gegenwärtigen Leistungsvermögen des Sportlers und baut sich auf von einfachen Ansteuern der Muskeln über komplexe Bewegungen, bis hin zu sportspezifischen Trainingsinterventionen. Hervorragend zusammengetragen hat Cools den Rehabilitationsalgorithmus in seiner Studie aus dem Jahr 2013 [5]. Er beschreibt, neben der Muskelkraft, die Bedeutung der Muskelkontrolle, u.a. die der Co-Kontraktion und zeichnet einen ähnlichen Aufbau in seinen Therapiealgorithmus. Wichtigstes Kriterium zu Beginn eines Biofeedbacktrainings ist die Möglichkeit, Muskeln gezielt anzusteuern. Willkürliche und bewusste Aktivierungen einzelner Muskeln liefern uns dabei bereits einen detaillierten Einblick in das neuromuskuläre Zusammenspiel von Muskelgruppen. So können bereits einfache Bewegungen Spitzensportler in der neuromuskulären Koordination vor erhebliche Schwierigkeiten stellen. In diesem Praxisbeispiel zeigt der Judoka eine Kokontraktion im rechten M.trapezius ascendens bei posteriorer Depression der linken Scapula (Abb. 1). Dieses, möglicherweise als Defizit in der neuromuskulären Bahnung zu erklärendes Problem, wurde mittels einfachen Ansteuerungsmustern und der „Propriozeptiven Neuromuskulären Fazilitation“, einer Technik aus der Physiotherapie, behandelt. Diese Techniken dienen der Bahnung, umgangssprachlich mit den Sportlern/Patienten als „Rohr freipusten“ bezeichnet und tragen wesentlich dazu bei, den „richtigen Muskel zur richtigen Zeit“ zu finden.  Im weiteren Schritt wurden komplexe Zugbewegungen unter Gewichtsbelastung getestet. Hierbei zeigten sich bei trainingsrelevanten Klimmzügen deutlich geringere Aktivitäten im stabilisierenden M. Trapezius ascendens links sowie eine möglicherweise kompensierende Aktivität durch den M. Pectoralis major auf der betroffenen linken Seite. Die gesteigerte Aktivität im M. Pectoralis major ließ sich auch in anderen Tests (Bankdrücken 1) nachweisen (Abb. 2). Die Dysbalance der ventralen und dorsalen Schultermuskeln kann sich nachteilig auf die Behandlung des GIRD in der linken Schulter auswirken. 

Abb. 1 Kokontraktion
Abb. 2 mögliche Kompensation

Ziel des Biofeedbacktrainings

Ziel des Biofeedbacktrainings war es somit, den M. Trapezius ascendens auf der linken Seite in das Training wieder gezielt zu integrieren. Dafür erfolgte zunächst ein Training zur bewussten, selektiven Ansteuerung mittels einfacher Bewegungen (posteriore Depression der Scapula in unterschiedlichen Flexions- und Abduktionspositionen der Arme). Die dort gesammelte Bewegungserfahrung wurde dann vom Judoka in bereits bestehende Übungen integriert. Zum Teil wurden Übungen so Individualisiert, dass eine höhere Aktivität der Zielmuskulatur erreicht werden konnte. So war es möglich, durch eine kurze Klimmzugvariante die Aktivität des M. Pectoralis Major deutlich zu reduzieren und die der linken unteren Trapezmuskulatur um ein vielfaches zu erhöhen (Abb. 3).

Abb. 3 Klimmzug Vergleich POI

Fazit

Das zielgerichtete Training gewinnt in der Betreuung von Leistungssportlern und Nicht-Leistungssportlern immer mehr an Bedeutung. Ist die betroffene muskuläre Struktur zu aktiv oder zu wenig aktiv? Kann der Betroffene die entscheidende Muskulatur auch richtig nutzen? Dieser Frage gehen immer mehr in Biofeedback spezialisierte Ärzte und Therapeuten nach. Das Fallbeispiel macht deutlich, wie wichtig eine vorgeschaltete Biofeedbackanalyse in der Trainingsplanung ist. Wir müssen in der Vor-, und Nachsorge überdenken, ob wir Leistungssportler oder Post-Operative Patienten ohne zumindest einmalige Biofeedbackanalyse in ein Aufbautraining überführen können. Meine langjährige Erfahrung auf dem Gebiet der Biofeedbackanalysen zeigt mir, dass ohne vorgeschaltete Analysen, „falsche“ Bewegungsmuster eingeübt werden können. Ein in regelmäßigen Abständen genutztes Biofeedbacktraining kann der Manifestation dieser Muster entgegenwirken, Trainingsinhalte ökonomisieren und das neuromuskuläre Zusammenspiel verbessern. Im Leistungssport Bereich lassen sich bereits erfolgreich erprobt Biofeedbackkontrollen in einem Pre-, Mid-, Post-Season Screening oder als Eingangsmessung vor dem Start einer Reha implementieren. Neben der, auch für den Sportler wichtigen Aspekt der Kommunikation, kann die Visualisierung Sportlern helfen, ihr volles muskuläres Potenzial zu entfalten. Christiano Ronaldo sprach einmal in einem seiner Interviews über das Geheimnis seines Trainingserfolges. Nur wer sich in Balance befindet, seinen Körper zu 100 % kennt und den Fokus auf Qualität, nicht auf Quantität des Trainings legt, erzielt die bestmöglichen Erfolge. Genau dies kann eine Biofeedbackanalyse herausfinden.  

Literatur

[1] Roth S. EMG – Anwendung und Nutzen funktioneller EMG-Analysen bei Muskelverletzungen. sportärztezeitung 01.18 

[2] Akoto R, Lambert C, Balke M, Bouillon B, Frosch KH, Hoher J. Epidemiology of injuries in judo: a cross-sectional survey of severe injuries based on time loss and reduction in sporting level. British journal of sports medicine. 2017

[3] Frey A, Lambert C, Vesselle B, et al. Epidemiology of Judo-Related Injuries in 21 Seasons of Competitions in France: A Prospective Study of Relevant Traumatic Injuries. Orthop J Sports Med. 2019;7(5):2325967119847470.

[4] Am J Sports Med 2012 Jan;40(1):202-12. doi: 10.1177/0363546511423629. Epub 2011 Sep 30.

[5] Cools AMJ, et al. Br J Sports Med 2014;48:692–697. doi:10.1136/bjsports-2013-092148

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ist examinierter Physiotherapeut und M.Sc. Sportphysiotherapeut (DSHS Köln). Seit 2019 ist er selbständig in eigener Praxis in Bornheim mit dem Schwerpunkt Elektromyografie & Biofeedbacktraining sowie Mitbegründer von MYOact. Er betreut verschiedene nationale und internationale Leistungssportler, in der Vergangenheit auch die Handballerinnen des FSV Mainz 05 und die Fußballer des TSV Schott Mainz.

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ist Assistenzarzt in der Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin und Sportmedizin. Er arbeitet an den Kliniken der Stadt Köln im Klinikum Merheim und ist zusätzlich Leitender Verbandsarzt des Deutschen Judobundes und Verbandsarzt des Deutschen Wellenreitverbandes und Kooperationsarzt am Olympiastützpunkt Rheinland. Außerdem ist Dr. Lambert ehema­liger Nationalmannschafts Judoka, Olympia­Starter 2012 London.

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