Impfen im Mannschaftssport

Warum, was und wann?

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Im Rahmen der Prävention von Infektionskrankheiten haben Impfungen in Mannschaftssportarten wie z. B. Fußball und Handball eine hohe Bedeutung. Die vorgeschriebenen Leistungschecks zu Saisonbeginn sollten vom Mannschaftsarzt dazu benutzt werden, um den Impfstatus zu überprüfen. Folgende Gründe sprechen in der Nutzen-Risiko-Abwägung für einen optimalen Impfschutz des Sportlers. 

Die Vorbeugung von Infektionen ist insbesondere für Mannschaftsportler von weitreichender Bedeutung, da Infektionskrankheiten die Leistungsfähigkeit deutlich herabsetzen sowie zu möglichen wochenlangen Trainingsausfällen führen und damit wertvolle Platzierungen kosten können. Der zumeist enge Körperkontakt bedingt zudem das hohe Risiko der leichten Übertragung von Infektionskrankheiten, insbesondere von respiratorischen Erkrankungen, sowie auch Influenza, Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. Bei den durch Blutkontakt übertragbaren Krankheiten wie Hepatitis B, Hepatitis C und HIV besteht dagegen nur ein geringes Infektionsrisiko. Aufgrund des räumlichen und zeitweise sehr engen sowie häufigen Kontaktes breiten sich Infektionskrankheiten sehr schnell über weite Teile der Mannschaft aus und führen besonders in den Zeiten hoher sportlicher Beanspruchung zu krankheits­bedingten Ausfällen. Wegen des internationalen Charakters vieler Sportarten bestehen Risiken durch Erkrankungen bei Reisen und ­Auslandsaufenthalten. Importierte Infektionskrankheiten müssen bei ausländischen Spielern berücksichtigt werden. Impfungen gehören zu den wirksamsten und wichtigsten medizinischen Maßnahmen. Moderne Impfstoffe sind gut verträglich; bleibende gravierende unerwünschte Arzneimittelwirkungen werden nur in sehr seltenen Fällen beobachtet. Wenn möglich, ist Mehrfachimpfstoffen der Vorzug zu geben.

Welche Impfungen werden empfohlen?

Die Impfempfehlung der „Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO)“ ist die Grundlage für die Impfempfehlungen in der Allgemeinbevölkerung wie auch im Leistungssport. Es bleibt die Aufgabe des Mannschaftsarztes, eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung vorzunehmen. Im Gegensatz zur STIKO, die sich bei der Bewertung der Impfindikation auch an ökonomischen Faktoren orientiert, steht für den Mannschaftsarzt der optimale  gesundheitliche Schutz unter Berücksichtigung der sportartspezifischen Risiken und dem Erhalt der Leistungsfähigkeit von Spieler und Mannschaft an oberster Priorität. Die STIKO empfiehlt die Totimpfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Poliomyelitis, Influenza, FSME, Hepatitis B sowie die Lebendimpfungen gegen Masern, Röteln, Mumps und Varizellen. Je nach konkreter Situation kann auch eine Impfung gegen Hepatitis A, Typhus, Tollwut, Pneumokokken oder Meningokokken sinnvoll sein. Es fällt in die Verantwortung des Mannschaftsarztes, bei geplanter Urlaubsreise oder heimatlicher Rückkehr von ausländischen Spielern aus Endemiegebieten, die erforderlichen Impfindikationen zu stellen. In Fällen nicht eindeutiger Dokumentation im Impfpass oder Zweifel am Impferfolg besteht die Möglichkeit der Titerkontrolle im Labor. 

Die aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) finden Sie auf der Homepage des Robert-Koch-Instituts (RKI): www.rki.de

Masern, FSME und Influenza

Die Masernepidemien der jüngsten Zeit verdeutlichen die Bedeutung der Herdenimmunität mit einem erwünschten Durchimpfungsgrad von 95 %. Bei der Maserinfektion kommt es zu einem Masern-Paradoxon. Es besteht in einer Immunsuppression, die für einige Wochen bis Monate für opportunistische Infektionen prädisponiert sowie einer gleichzeitigen Immunaktivierung durch das Virus. Bei fehlendem oder nicht vollständigem Impfstatus empfiehlt das RKI ab dem Jahrgang 1970 eine einmalige Impfung mittels eines Masern/Mumps/Röteln Kombinationsimpfstoffes, da es einen Einzelimpfstoff für Masern in Deutschland nicht gibt. Bei zweifelhaftem Varizellenimpfschutz (ggf. Titerkontrolle) ist dann der Kombinationsimpfstoff Masern/Mumps/Röteln/Windpocken indiziert. Impfschutz der Spieler bedeutet auch Impfschutz der Familien. In Anbetracht dessen, dass viele Spieler auch Familiengründer sind, sollte bei notwendiger TDP Auffrischung auch die Pertussis Impfung erfolgen, um insbesondere die Risikogruppe der einjährigen Säuglinge zu schützen. Pertussis führt auch bei erwachsenen Sportlern zu langanhaltendem attackenartigem Reizhusten und einer langen Rekonvaleszenzzeit.

Die FSME-Impfung empfiehlt sich für alle Sportler, die im Freien trainieren, insbesondere, wenn Sie in FSME-Risikogebieten leben, trainieren oder Wettkämpfe bestreiten. Eine FSME ist eine schwere Erkrankung mit erheblichen Komplikationen und damit verbundenen langen Ausfallzeiten. Die Influenza ist eine ernsthafte Erkrankung, die durch Viren mit variablem antigenen Muster übertragen wird. Neben den Symptomen wie Husten und Schnupfen treten teilweise sehr hohes Fieber (bis 40 Grad), Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit und Erbrechen im Krankheitsverlauf auf. Die jährliche Grippeimpfung im Herbst mit einem tetravalentem Impfstoff ist empfehlenswert, da neben langen Trainingsausfällen und rasanter Ausbreitungsgefahr in der gesamten Mannschaft auch das Risiko von Herzmuskelentzündung und Pneumonien mit schweren Komplikationen besteht. Im Gegensatz zur echten Grippe ist die Erkältung deutlich harmloser und verheilt in der Regel auch schneller. Durch die grippebedingten Folgekrankheiten sterben laut dem Robert Koch Institut jedes Jahr in Deutschland bis zu 20.000 Menschen. Sportler sind in Phasen intensiven Trainings anfälliger für Infektionen. Sie haben einen besseren Schutz, wenn auch das familiäre Umfeld einen guten Impfschutz besitzt. Lediglich für wenige Impfungen ergibt sich in der Regel keine Impfindikation: Cholera, Japanische Enzephalitis.

Hinweise auf Abschwächung der Impfwirkungen bei leistungsorientiert trainierenden Sportlern?

Die bisherigen Untersuchungen bei Personen mit hoher sportlicher Aktivität oder Leistungssportlern zeigen, dass bei körperlicher Belastung die Wirkung einer Impfung nicht verringert ist und die Serokonversion nach unterschiedlichen Impfungen nicht beeinträchtigt ist. Trotzdem sollte die körperliche Belastung nicht das bisher gewohnte Maß übersteigen, um einen optimalen Impferfolg zu gewährleisten. Die Impf­nebenwirkungen sind unter körperlicher Belastung nicht erhöht.

Besonderheiten bei Nachwuchssportlern?

Für Nachwuchssportler gelten uneingeschränkt die Empfehlungen der STIKO. Im Alter von 9 – 17 Jahren sollten die Auffrischimpfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Poliomyelitis und Pertussis erfolgen, wie auch Nachholimpfungen (Masern, Röteln, Mumps, Windpocken), als auch die Impfungen gegen Meningokokken C und die HPV Impfung. Seit Einführung dieser Impfung ist die Prävalenz von HPV-Infektionen mit Hochrisikovirustypen, Genitalwarzen und Zervixkrebsvorstufen deutlich zurückgegangen. Und zwar nicht nur bei geimpften, sondern auch bei nicht-geimpften Personen. Seit 2019 besteht auch eine Impfpflicht für Jungen.

Gibt es einen optimalen Zeitpunkt zum Impfen?

Die Wirkung der Impfungen und auch mögliche Impfreaktionen treten bei Leistungssportlern genauso wie in der Allgemeinbevölkerung auf. Der zu erreichende Impftiter zeigt unabhängig vom Impfzeitpunkt (vor, bzw. nach Wettkämpfen oder in Wettkampfpausen) keine Unterschiede, die Nebenwirkungen ebenso. Während bei Lebendimpfstoffe gelegentlich systemische Nebenwirkungen noch nach zehn Tagen auftreten können, sind lokale Nebenwirkungen nach Totimpfungen, wie Rötung an der Impfstelle, leichtes Fieber und Lymphknotenschwellungen in den ersten beiden Tagen nach der Impfung möglich, aber selten. Der optimale Impfzeitpunkt ist folgerichtig der vor einer Wettkampf- oder Spielpause, bzw. 24 Stunden nach einem Spiel, um ein möglichst langes ­Intervall zum nächsten Spiel zu gewährleisten. Wenn es sich nicht um eine Auffrischimpfung (Booster) handelt, tritt der Wirkbeginn einer Impfung 10 – 14 Tage nach der Impfung ein.  Die Mindestimpfabstände sind einzuhalten. Totimpfstoffe erfordern untereinander oder zu Lebendimpfstoffen keine Zeitabstände. ­Lebendimpfstoffe können gleichzeitig verabreicht oder im Abstand von mindestens vier Wochen separat geimpft werden.

Was ist bei Auslandsaufenthalten zu beachten?

Einen nicht zu unterschätzenden Anteil der Impfberatung nimmt die Reisetätigkeit ein. Dies betrifft insbesondere auch die Urlaubsaktivitäten der Spieler sowie oftmals auch deren ­Familie, insbesondere auch den Heimataufenthalt z. B. südamerikanischer und afrikanischer Spieler mit Abklärung der speziellen Risiken. Die Planung sollte mindestens sechs Wochen vor Reiseantritt erfolgen. Angesichts des hohen Risikos der Infektionsgefahr für Hepatitis A im Ausland, selbst bei Aufenthalten in Luxushotels, sollte diese zweimalige Impfung bei allen Sportlern erfolgen. Möglich ist auch die Kombinationsimpfung mit Hepatitis B als dreimalige Impfung. Eine Impfung gegen Tollwut ist bei geplanten Aufenthalten in endemischen Gebieten mit geringer Impfstoffversorgung (vorwiegend subtropische und tropische Gebiete) zu erwägen. Die Typhusimpfung in oraler Form oder als i.m. Injektion empfiehlt sich beim Aufsuchen endemischer Gebiete. Bei Reisen in den Meningitisgürtel Afrikas oder bei Spielern afrikanischer Herkunft mit Heimataufenthalt im Urlaub sei an die tetravalente Meningitisimpfung ACWY erinnert. Trotz der Seltenheit der Erkrankung und des Altersgipfels in Kindheit und Jugend ist angesichts der Schwere der Erkrankung die Menigitisprophylaxe aller Spieler bei Auslandsaufenthalten in Endemiegebieten zu überprüfen. Die häufigsten Erkrankungsfälle der Meningitis in Europa sind durch den Serotyp B verursacht. Ein Meningokokken-B-­Impfstoff hat die Zulassung von der europäischen Zulassungsbehörde (EMA) erhalten und ist seit Ende 2013 verfügbar, jedoch besteht bei noch unzureichender Datenlage bisher keine Empfehlung der STIKO. Bis zum Alter von 17 Jahren sollte die Impfung gegen Meningitis C erfolgt sein. Bei Heimatrückkehrern sollte die Indikation einer Malariaprophylaxe bei längerer Abwesenheit aus einem Endemiegebiet evaluiert und beachtet werden, da sich die in der Kindheit erworbene Immunitätslage sich verändert haben könnte.

Wie und wo sollte die Impfung erfolgen und was ist zu dokumentieren?

Der Applikationsort ist entsprechend den Herstellerangaben zu wählen. Für i.m. Injektionen wird als Impfstelle (ohne Aspiration und ohne Benetzen der Nadel durch Entlüftung) der M. deltoideus auf der nichtdominanten Körperseite gewählt. Bei s.c. Injektion in das Fettgewebe ist der Impferfolg in Frage gestellt und es kann zu schmerzhaften Entzündungen mit Granulom- und Zystenbildung kommen. Der Spieler ist vor der Impfung über die zu verhütende Erkrankung sowie den Nutzen und die Risiken bzw. Komplikationen der Impfung aufzuklären. Die Dokumentation erfolgt im internationalen Impfpass und umfasst Impfdatum, den Namen des verwendeten Impfstoffes, die Charge sowie Stempel und Unterschrift des Mannschaftsarztes.  

Wie sieht das praktische Vorgehen aus?

Die jährliche Sporteingangsuntersuchung bietet sich als Kontrolle des Impfstatus an. Dabei besteht die Möglichkeit, einen Impfplan zur Komplettierung des Impfstatus aufzustellen. Es empfiehlt sich, ein Recallsystem zu installieren. Ein elektronischer Impfpass ist dazu ideal geeignet.

Fazit

Impfen gehört insbesondere im Mannschaftssport zu den wichtigsten präventiven Maßnahmen. Konsequentes Impfmanagement durch den Mannschaftsarzt ist ein kostengünstiges, wenig zeitintensives und effektives Instrument zum Schutz vor Infektion und Krankheit für den einzelnen Spieler und seine Mannschaft.

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ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Innere Medizin (FMH) mit den Zusatzbezeichnungen Akupunktur, Notfallmedizin, Sportmedizin und niedergelassen in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis. Er betreute von 2016 – 2019 als internistischer Mannschaftsarzt die Profifußballer von Eintracht Braunschweig.

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