Gesundheitswandern

Ein präventiver und therapeutischer Ansatz

Lesezeit: 6 Minuten

Bewegungsmangel stellt ein globales Problem für die Gesundheit dar und ist eine Ursache für die Entstehung von Zivilisationskrankheiten. Regelmäßige Bewegung hingegen wirkt positiv auf Körper und Seele. Das gemeinsame, nach dem Deutschen Wanderverband (DWV) zertifizierte Gesundheitswandern in der Gruppe verbindet Bewegung und Natur miteinander. Es steigert das Wohlempfinden, reguliert den Blutdruck, baut Musku­latur auf und reduziert das Körperfett. 

Darüber hinaus motiviert es die Teilnehmer zu einem aktiveren Lebensstil. Gegenwärtig wird eine Integration in das betriebliche Gesundheitsmanagement, die Gesundheitsförderung sowie eine Übertragung auf internationaler Ebene vorbereitet.

Was ist Gesundheitswandern?

Unter dem Begriff „Gesundheitswandern“ versteht man eine Verbindung von gemütlichen und relativ kurzen Wanderungen (meist drei bis fünf Kilometer) mit aktiven Pausen. In diesen Pausen werden Übungen zur Entspannung oder Verbesserung von Kraft, Beweglichkeit und Koordination ausgeführt. Die Ausdauer wird über die Wanderung selbst verbessert. Ausgeführt werden diese Wanderungen immer an naturnahen Wanderwegen, z. B. im Wald, auf Weinfeldern oder in den Bergen. Das Ziel des Gesundheitswanderns ist es dabei, die Gesundheit zu verbessern und/oder zu erhalten, aber auch Spaß zu haben und die Gemeinschaft zu genießen [1].

Studiendesign

Leitfragen und Methode der SRH-BKK-Pfalz-Studie

Das Ziel dieser SRH-BKK-Pfalz Studie war es, Auswirkungen des Gesundheitswanderns zu evaluieren und Empfehlungen im Bereich der Primär- und Sekundärprävention auszusprechen. Die Leitfragen dieser wissenschaftlichen Arbeit lauteten: 

  • Können Biomarker wie der Körperfett­anteil, das organische Fettgewebe oder die Muskelmasse beeinflusst werden?
  • Wie wirkt sich das Gesundheitswandern auf physische und psychische Parameter aus?
  • Ist es mit regelmäßigem Training mittels Gesundheitswanderungen möglich, das subjektive Wohlempfinden zu verbessern? 

Assessments und Ergebnisse

Bioelektrische Impedanz Analyse (BIA) – Veränderung der Körperzusammensetzung

Mit Hilfe der BIA (Bioelektrischen Impedanz Analyse) werden Veränderungen der Körperzusammensetzung aufgezeigt. Veränderungen des BMI, des prozentualen und gewichteten Körperfettanteils, der gesamten Skelettmuskelmasse und des viszeralen Fettlevels werden hervorgehoben.

Body Mass Index (BMI)

Der BMI wird berechnet, indem das Körpergewicht durch die Körpergröße im Quadrat geteilt wird. Er dient zur Einschätzung des Körperfettanteils. Limitationen des BMI bestehen darin, dass die Knochenstruktur, der Fettanteil sowie die Muskelmasse nicht berücksichtigt wird [7]. Abb. 1 zeigt die Unterschiede zwischen den Wandergruppen mit fünf Wanderungen und denen mit acht bis zehn. Die 10er Gruppe hatten anfangs einen Mittelwert von 26,7 ± 4,5 der sich auf 26,5 ± 4,4 reduzierte. Die 5er hatten zu Beginn einen Mittelwert von 27,7 ± 5,2. Dieser senkte sich nach der Intervention auf 27,6 ± 5,2 ab. Die positiven Veränderungen des BMI werden häufig mit einem gesünderen Lebensstil in Verbindung gebracht.

Abb. 1 Body Maß Index

Körperfettanteil

Das Körperfett dient vor allem als Energiespeicher und zur Wärmeisolation, kann jedoch auch Hormone und Vitamine bilden [3]. In Abb. 2 ist ersichtlich, wie sich dieser Anteil der Probanden prozentual veränderte. 80 % (n = 40) haben anteilig Körperfett verloren, 18 % (n = 9) Fett dazu erhalten. Bei 2 % (n = 1) der Testpersonen konnte keine Veränderung des Körperfettanteils festgestellt werden.

Abb. 2 Körperfett in %

Viszerales Körperfettgewebe und der Bauchumfangs

Viszerales bzw. die Eingeweide betreffendes Fettgewebe ist in der Bauchhöhle eingelagert. Es umgibt die inneren Organe, dient dem mechanischen Schutz der Verdauungsorgane sowie als Energiereserve bei Nahrungsmangel. Das viszerale Fettlevel ist bei 4 % der Probanden (n = 2) um zwei Level, bei 40 % (n = 20) um eins gesunken. 50 % (n = 25) blieben unverändert und 6 % (n = 3) konstatierten eine Steigerung um einen Rang. Im Mittelwert findet eine Reduzierung um 0,4 statt, die Standardabweichung beträgt ± 0,7 (p-Wert < 0,0001). Im Mittel ist der Bauchumfang aller Probanden um 1,9 cm (± 7,96 cm; p = 0,051) gesunken. Die Reduktion des viszeralen Fettgewebes verringert das Risiko an Typ II Diabetes, Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erkranken (Abb. 3).

Abb. 3 Viszerales Fettlevel

Muskelmasse

Die Skelettmuskulatur erfüllt im menschlichen Körper essentielle Aufgaben. Dazu gehören exemplarisch die aktive Bewegung, aufrechte Körperhaltung sowie die Produktion von Wärme [5]. 72 % der Probanden innerhalb der Gesundheitswanderstudie 2019 (n = 36) haben an Muskelmasse dazugewonnen, 2 % (n = 1) blieben unverändert und 26 % (n = 13) haben an Muskulatur verloren. Im Mittelwert ergibt dies eine Steigerung von 0,84 kg bei einer Standard­abweichung von ± 1,6 kg. Die maximale Zu­nahme lag bei 4,3 kg Muskeln, der Minimalwert bei einem Verlust von 2,3 kg (p-Wert < 0,001) (Abb. 4).

Abb. 4 Muskelmasse in Kilogramm

Subjektives Wohlempfinden

Der Fragebogen zum allgemeinen habituellen Wohlbefinden FAHW [9] umfasst 42 spezifische Fragen. Die Fragen beziehen sich auf das Wohl- und Missbefinden der Personen. Sie unterscheiden sich in drei Bereiche, den körperlichen, psychischen und sozialen (Tab. 1).

Tab. 1 Strukturmodell des allgemeinen Wohlbefindens [9]

70 % der Probanden hatten nach der Intervention ein höheres gesamtes Wohlbefinden, 4 % (n = 2) empfanden keine Veränderung, 26 % (n  = 13) eine Verschlechterung. Der Mittelwert liegt bei einer Verbesserung von 4,4, die Stand­ardabweichung bei ± 12,4. Die maximale Verbesserung wird mit + 33 gemessen, während weitere 36 % der Probanden (n = 18) einen Zugewinn im zweistelligen Bereich erreichten. Die stärkste Reduktion nach der Intervention waren –49 Punkte, die darauffolgende –12 (p-Werte < 0,02). (Abb. 5)

Abb. 5 Veränderung des Wohlempfindens

Veränderungen des Blutdrucks

Bei Studienstart wurden 35% aller Probanden in der Kategorie „normal“ eingestuft. Zudem konnten 47% aller Teilnehmer der Kategorie „Grad I“ zugeordnet werden. Nach Abschluss der Studie konnten 53% aller Probanden der Kategorie „normal“ und nur noch 27% der Kategorie „Grad I“ zugeteilt werden (Abb. 6).

Abb. 6: Veränderungen des Blutdruckes

Veränderungen der koordinativen Leistungsfähigkeit

Die motorische Grundeigenschaft der Koordination ist für das alltägliche Leben, das Zusammenspiel von sensorischen und motorischen Leistungen und das Steuern von Bewegung besonders relevant. Die Auswertung nach den Gesundheitswanderungen ergab mit dem linken Bein als Standbein nur noch durchschnittlich 1,4 und rechts 0,8 Fehler. Insgesamt wurden zum Studienstart 1,35, zum Studienende 1,1 Bodenberührungen festgehalten. Dies entspricht einer Verbesserung von 18,5% (Abb. 7).

Abb. 7 Koordinative Leistungsfähigkeit

Aktivität der Studienteilnehmer 3 Monate nach Studienende 

Die Gesundheitswanderungen fanden zwischen dem angegebenen Zeitraum t0 bis t1 statt. Drei Monate nach Studienende (Follow up), zum Messzeitpunkt t2, zeigt sich im Vergleich zum Zeitpunkt t1 ein um 8% gesunkenes Aktivitätslevel. Während der Gesundheitswanderungen haben sich die Teilnehmer aktiver gefühlt. Sie beantworteten die entsprechende Frage danach mit durchschnittlich 3,9 Punkten (von maximal 5,0) und fühlten sich um 18% aktiver (Abb. 8).

Abb. 8 Aktivitätslevel der Teilnehmer

Monitoring der Wanderstudie

Bei der durchgeführten Wanderstudie wurden die Teilnehmer der 10 Wanderungen mit einem Bewegungssensor ausgestattet. Der Sensor (Polar, Vantage M) erfasste mit 24 Stunden Tragedauer die gesamte Aktivität des Tages. Er wurde an 28,7 Tagen pro Monat getragen, an 1,3 Tagen nicht (Abb. 9 & 10).

Abb. 9 Monitoring der Wanderstudie
Abb. 10 Überblick der Aktivitäten eines Probanden (mittels Bewegungssensor)

Fazit

Gesundheitswandern wirkt! Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als das vollständige körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden und nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit [8]. In den Ergebnissen der SRH-BKK-Pfalz Studie finden sich alle diese Parameter wieder. Die Verbesserung der Biomarker, positive Wirkungen auf physische und psychische Größen und eine Steigerung des subjektiven Wohlempfindens kennzeichnen die Antworten auf die formulierten Leitfragen. Wenn die Teilnahme an einem wöchentlichen Bewegungsprogramm von 1,5 Stunden Dauer in der Natur ausreicht, um die Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren, könnte dies positive Auswirkungen auf die gesamte Gesundheit unserer Gesellschaft haben. Die Voraussetzung dafür ist ein ausreichendes Angebot in Stadt und Land. Gegenwärtig wird auch eine Integration in das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM), der Gesundheitsförderung (BGF) sowie die Einbindung auf internationaler Ebene vorbereitet.

Literatur

  1. Deutscher Wanderverband (2019). Gesundheitswandern – Kurzbeschreibung. Zugriff am 17.05.2019 unter https://www.gesundheitswanderfuehrer.de/text/56/de/jump,56/kurzbeschreibung.html
  2. Eichmann, B. & Erhardt, T. (2019). Die Wirkungen von Sport und Bewegung auf Körper und Seele. Sportkongress des Sportbunds Pfalz am 07.09.2019 an der Universität Kaiserslautern. Zugriff am 24.01.2020 https://www.sportbundpfalz.de/sportwissenschaft-sportmedizin-leistungssport.html
  3. Giebel, J., Pschyrembel (2016). Körperfett. Zugriff am 04.08.2019 unter https://www.pschyrembel.de/K%C3%B6rperfett/B0GXQ
  4. Guthold, R., Stevens, G., Riley, L., Bull, F. (2018). Worldwide trends in insufficient physical activity from 2001 to 2016: a pooled analysis of 358 population-based surveys with 1,9 https://health.gov/paguidelines/2008/report/pdf/committeereport.pdf. U.S. Department of Health and Human Services, Physical Activity Guidelines Advisory Committee Report, 2008, Washington D.C). Zugriff am 30.01.20 
  5. Huch, R. & Jürgens, K. (2015). Mensch Körper Krankheit. (7. Auflage). München: Urban & Fischer.
  6. Psaltopoulou, T., Hatzis, G., Papageorgiou, N., Androulakis, E., Briasoulis, A., & Tousoulis, D. (2017). Socioeconomic status and risk factors for cardiovascular disease: Impact of dietary mediators. Hellenic Journal of Cardiology : HJC = Hellenike Kardiologike Epitheorese, 58(1), 32–42. https://doi.org/10.1016/j.hjc.2017.01.022 .
  7. Rothmann, K.J. (2008). BMI-related errors in the measurement of obesity. DOI: 10.1038/ijo.2008.87.
  8. Weltgesundheitsorganisation (1946). Verfassung der Weltgesundheitsorganisation. Zugriff am 20.05.2019 unter https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19460131/201405080000/0.810.1.pdf.
  9. Wydra, G. (2014). Der Fragebogen zum allgemeinen habituellen Wohlbefinden (FAHW und FAHW-12). Entwicklung und Evaluation eines mehrdimensionalen Fragebogens (5. überarbeitete und erweiterte Version). Saarbrücken: Universität des Saarlandes.

ist als Professor für Sportwissenschaften an der SRH Hochschule für Gesundheit in Karlsruhe und Stuttgart tätig.

ist Studiengangsleiter (Physiotherapie) und Professor für Therapiewissenschaften an der
SRH Hochschule für Gesundheit in Karlsruhe, Stuttgart und Leverkusen.

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