Gesundheitsprävention

Stay & Play - Kommentar zu aktuellen Strategien

Lesezeit: 4 Minuten

Prävention – das Fundament für Erfolg. Prävention ist kein Automatismus, ­­sie muss organisiert und kontrolliert werden und kostet auch etwas! Eine solche Aufreihung von Darlegungen zum Thema „Prävention im Fußball“ sollte immer wieder wiederholt werden, insbe­sondere heutzutage im schnelllebigen Geschäft des Profisports. Beim Thema „Kosten“ zeigen sich in der Prävention meist große Diskrepanzen zwischen dem, was möglich ist und dem, was gemacht wird. 

Bei der Gesundheitsprävention außerhalb des Sports beginnt bereits das grundlegende Problem, dass Prävention nicht oder kaum vergütet wird. Prävention wird leider stiefmütterlich nebenher geschleppt und erreicht im medizinischen Sektor bei Weitem nicht den Stellenwert, den gut honorierte Maßnahmen der Diagnostik oder Therapie erreichen. Somit sind aktuelle Defizite in der Gesundheitsprävention kein sport-spezifisches Problem. Diese Defizite werden aber besonders im Profifußball zu einem besonders relevanten Problem, da der Druck und Anspruch auf Erfolg besonders hoch sind. Das Herauskitzeln der letzten 5 % an Leistungsfähigkeit („match performance“) oder das Erreichen einer möglichst hohen Verfügbarkeit an gesunden Spielern („match availability“) sind nur zwei von mehreren wichtigen Zielen des Gesamtthemas „Stay & Play“, die nur mit einem abgestimmten Konzept an Präventionsstrategien zu erreichen sind.  

Hygiene-Konzept der DFL/DFB Task Force – Die Lehren aus der Corona-Pandemie

Nachdem wir im Jahre 2020 eine medizinisch einmalige Situation im Lande haben, dabei noch nie so viele Mediziner in den Medien aufgetreten sind und ihre Expertise mitteilen mussten, ist es sinnvoll, die Lehren für die Prävention aus dieser Situation, die wir alle in der Gesellschaft, aber auch im Fußball gut gemeistert haben, zu ziehen. Der Begriff eines „Konzeptes“ ist nach dem gesellschaftlichen Lockdown im Rahmen der Corona-Pandemie nahezu inflationär verwendet worden. Jede Branche und jede Veranstaltung benötigten aktuell ein solches. Alle Konzepte haben dabei eines gemeinsam: den Gesundheitsschutz der beteiligten Personen, die Minimierung der Risikofaktoren, die strikte Einhaltung von Regeln und natürlich insbesondere die erfolgreiche Durchführung der Veranstaltung bzw. der Arbeit. Das Hygiene-Konzept der Task Force Sportmedizin & Spielbetrieb der Deutschen Fußball Liga (DFL) und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hatte genau diese Ziele gesetzt, als man direkt nach dem ersten abgesagten Bundesligaspieltag im März 2020 erstmals zusammenkam. Die folgenden Wochen der Konzept-Entwicklung, der zielgerichteten Recherche in verschiedenen Bereichen, der intensiven Beobachtung des Gesundheitssystems in der Pandemie-Entwicklung sowie der Darlegung des Präventionskonzeptes im medizinischen und öffentlichen Sektor führte letztendlich zu der Genehmigung des Konzeptes durch die Bundespo­litik und zum Re-Start der Bundesliga. Dieses Hygiene-Konzept war nicht nur Grundlage für viele andere Branchen der Gesellschaft, sondern auch das Fundament für viele Konzepte von Profisportarten aus allen Teilen der Welt. Die wichtigen Lehren aus solch einem Präventionskonzept sollten auf weitere Konzepte der Sportmedizin übertragen werden, insbesondere auch für Maßnahmen der Verletzungsprävention. 

I: Es beginnt mit einer Konzeptentwicklung

Ein Konzept zur Prävention der Gesundheit kann unter adäquater Einschätzung von Risiken und Schutzmechanismen auch in einer Pandemie funktionieren. Die Mixtur aus Präventionsmaßnahmen der Hygiene im privaten Umfeld, im Fußball-Setting, die Detektierung von Risikopersonen für Covid-19 und die zusätzliche Absicherung durch regelmäßige Durchführung von PCR-Testungen zur frühzeitigen Erkennung von symptomlosen Infektionen brachte den Erfolg im Hinblick auf die Ansteckungsprävention, aber auch den sportlichen Erfolg. Die Niederschrift eines Konzeptes mit den verwendeten Zielen und Methoden und im Bedarf auch die Darstellung von von eventuellen Situationsänderungen war hierbei die Grundlage dieser Arbeit. Das Ergebnis: die Saison konnte erfolgreich und ohne Erkrankungen der Beteiligten beendet werden. 

II: Limits und Ziele der verwendeten Methoden

Die PCR-Testungen in der Bundesliga zur Detektion sympromloser Covid-19-Infektionen konnten sich direkt nach dem Start bewähren, da tatsächlich positive Testergebnisse auftraten. Der positive Test war hierbei kein negatives Zeichen für das Hygienekonzept. Er war vor dem Start des gemeinsamen Teamtrainings genau dafür vorgesehen, mögliche okkulte Infektionen herauszufinden. Interessant dabei war, dass positive PCR-Tests nicht automatisch aktuell infizierte Personen markierten. Es zeigte sich, dass es grundsätzlich falsch-positive Tests geben kann, die in der Folge-Testung negativ sind oder auch positive Tests noch entstehen können, obwohl Personen diese Infektion bereits Wochen/Monate vorher schon durchgemacht hatten. Diese Erkenntnis hinsichtlich der Covid-19-Infektionen war in diesen Tagen von besonderem Wert, von besonderem Wert und sehr lehrreich für alle, da dies letztlich die Einschätzung und Bewertung möglicher Infektionen erleichterte.  

III: Networking als Schlüsselrolle des erfolgreichen Stay & Play

Listet man im Nachgang einer erfolgreich abgeschlossenen Bundesligasaison 2019/2020 die Gründe des Erfolges auf, müssen viele genannt werden. Ein Grund ist aber der Offensichtlichste: die sehr gute Zusammenarbeit aller Vereine mit den gemeinsamen Zielen Re-Start des Spielbetriebes und Aufrechterhaltung des Teamworks innerhalb der Clubs zur erfolgreichen Saisonbeendigung. Die Anwesenheit eines einzigen, scheinbar allmächtigen, unsichtbaren, unbesiegbaren „Gegners“ (das Virus!), der den Fußball im Ganzen bedrohte, schweißte alle zusammen. Das Netzwerk der Vereine untereinander in der Krise wuchs enorm, der Austausch war auf verschiedenen Ebenen nie so eng wie während dieser Zeit. Der Zusammenhalt und das Verständnis der Zuschauer und Fans waren stets vorhanden. Alle arbeiteten an einem gemeinsamen Ziel: der Spielbetrieb soll wieder aufgenommen und die Saison beendet werden.  Der Schaden an den Clubs soll so gering wie möglich gehalten werden und die Arbeitsplätze in der Branche sollen gesichert werden. Dies alles funktionierte aber nur, weil der Gesundheitsschutz für alle an erster Stelle stand, sodass ein Spielbetrieb in Isolation und ohne Zuschauer notwendig und möglich war.  

Folgen des Hygienekonzeptes

Diese Form der Gesundheitsprävention in der Pandemie hat die Fußballmedizin im Deutschen Profi-Fußball zwar unerwartet getroffen und überrascht, aber nicht überrollt. Mit guten Organisationsstrukturen konnten viele neue Aufgaben bewältigt werden, ohne andere medizinische Maßnahmen zu vernachlässigen. Ein gutes medizinisches Setting in den Vereinen war sichtbar: Die Physiotherapeuten, die nahezu komplett in der Isolation agieren mussten, leisteten einen guten Job bezüglich Regeneration und Sofortbehandlung bei Spielern. Die Teamdocs, welche nicht nur Verletzungen behandeln mussten, sondern auf einen Schlag zu „Hygiene-­Beauftragten“ wurden und somit eine deutliche Job-Ausweitung hatten, haben erfolgreich bewiesen, dass der „Fußballmediziner“ ein interdisziplinärer Job ist. DFL und DFB haben in dieser Ausnahmesituation die Führung und Kontrolle über dieses Hygiene-Konzept übernommen und die Umsetzung erfolgte im engen Austausch mit den Clubs. Diese Aufteilung funktionierte.

Perspektiven für die Verletzungsprävention

Nachdem die vielen Maßnahmen des Stay & Play in der Corona-Krise exzellent funktionierten und primäre Prävention, Return to play-Aspekte sowie der Austausch untereinander außergewöhnlich gut waren und auch kurzfristig ermöglicht werden konnten, wären ähnliche Aspekte für die Verletzungsprävention ebenfalls wünschenswert und mit folgenden Zielen für die Zukunft denkbar:

  • Akzeptanz und Implementierung des Themas „Verletzungsprävention“ als einen wichtigen Pfeiler in der Saisonplan und im praktischen Alltag des Profifußballs
  • Gemeinsamer Konsens und offener Austausch von verwendeten Methoden aktiver Präventionsmaßnahmen in Training und Spiel oder an Screening- und Return to play-Testungen
  • Entwicklung und Etablierung von Initiativen zur wissenschaftlichen Begleitung verschiedener Präventions­maßnahmen im Profifußball

Nicht Alles beim Re-Start des Spielbetriebes im Profifußballs lief perfekt, auch wenn das gewünschte Ziel gut erreicht wurde. Von den Lehren in der Gesundheitsprävention der beendeten Saison werden Amateurfußball und andere Profi-Sportarten profitieren. Andere Präven­tionsfelder der Fußballmedizin, wie die Verletzungsprävention, sollten bei stets hohen Verletzungszahlen einen ähnlich wichtigen Stellenwert wie die Infektionsprävention aktuell erhalten,  da sie bei erfolgreicher Umsetzung zusätzlich und nachweislich neben der Gesundheitsprävention für die Spieler auch den sportlichen Erfolg für die Teams steigern kann.  

Acknowledgement: Herzlichen Dank an die Mitglieder der Task Force Sportmedizin und Spiel­betrieb von DFL und DFB, insbesondere den ärztlichen Kollegen, angeführt vom Leiter Prof. Dr. Tim Meyer (Saarbrücken),  Prof. Dr. Barbara Gärtner (Saarbrücken) und Dr. Markus Braun (Dortmund).

ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie bei SportDocsFranken/Nürnberg, sowie an der Klinik für Unfallchirurgie/Universitätsklinikum Regensburg. Außerdem gehört er zur Task Force Sportmedizin & Spielbetrieb DFL/DFB und ist Co-Leiter Fortbildung Fußballmedizin beim DFB.

ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Spezielle Unfallchirurgie, Notfallmedizin. Er ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie/Universitätsklinikum
Regensburg; FIFA Medical Centre of Excellence Regensburg. Seine klinischen Schwerpunkte liegen in der Behandlung von Frakturen und Verletzungen des Bewegungsapparates.

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