Fußball unter Pandemiebedingungen

Ein Erfahrungsbericht aus der 1. Bundesliga

Lesezeit: 4 Minuten

Am 01. März 2020 wurde die erste Person in Berlin positiv auf das SARS CoV2 getestet. In den nächsten Tagen zeigte sich eine weitere Zunahme der in Berlin positiv getesteten Personen. Dieser Situation war geschuldet, dass staatliche Theater-, Opern- und Konzerthäuser ihre Veranstaltungen in den großen Sälen in Berlin ab dem 10. März absagten. 

Weiterhin wurde die Saison der Deutschen ­Eishockeyliga am selbigen Tag vorzeitig beendet und die Basketballbundesliga entschied, ihre Saison zu unterbrechen. Es folgte am 11. März das erste Geisterspiel der Fußball-Bundesliga zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln. Zwei Tage später traf die Deutsche Fußball Liga (DFL) die Entscheidung, die laufende Saison zu unterbrechen. Am 14. März erfolgte der Shutdown im Berliner Nachtleben und nachfolgend des öffentlichen Lebens. 

Situation bei Hertha BSC Berlin

In dieser Zeit zeigten sich bei einem unserer Spieler Anzeichen eines Infektes. Wir isolierten den Spieler umgehend und führten einen Corona-Test durch. Dieser zeigte sich positiv, so dass wir in Rücksprache mit den Behörden (Gesundheitsamt Berlin) weitere Folgemaßnahmen festlegten. Wir schickten den Spieler in die häusliche Quarantäne und testeten alle Personen, die mit ihm in Kontakt gekommen waren (Mannschaft, Funktionsteam, andere Vereinsvertreter und natürlich das private Umfeld). Es wurde seitens der Behörden eine 14-tägige häusliche Quarantäne für das komplette Team ausgesprochen. Alle Beteiligten wurden über die Hygienegebote und Verhaltensregeln informiert, verbunden mit dem Verbot, die Häuslichkeit zu verlassen. 

Zudem wurden Hygieneartikel und Schutzkleidung in ausreichender Menge geordert und die Spieler vom Verein bei der Versorgung mit Lebensmitteln unterstützt. Um in dieser Zeit das Fitnesslevel zu erhalten, wurde den Spielern unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln Trainingsequipment wie beispielsweise Spinning Bikes geliefert. Die Trainings-Programme wurden virtuell über unsere Athletiktrainer initiiert und kontrolliert. Das Training war partiell auch in den sozialen Medien zu verfolgen. Nach Ablauf der Quarantäne gab es bei uns einen Wechsel des Trainerteams und wir begannen gleich damit, den Handlungsbedarf in dieser speziellen Situation zu besprechen und einzuordnen. Gleichzeitig wurde von der DFL die Task Force Medizin eingerichtet, die eine Empfehlung für das Kleingruppentraining ausarbeitete und an die Vereine verschickte.

Unter der Bedingung regelmäßiger Corona-Tests (die nach Schulung von einem Mitglied unserer medizinischen Abteilung durchgeführt wurden) wurde nun ein Kleingruppentraining (maximal je acht Spielern, die während der Einheiten die Gruppen nicht wechseln durften) erlaubt. Dabei musste jedoch stets die Mindestabstandsregelung gewahrt bleiben, was Spielformen mit Kontakt und Zweikämpfen ausschloss. Zudem erfolgte eine Zuteilung der Spieler in mehrere Kabinen, um auch dort der Einhaltung der Mindestabstandsregel gerecht zu werden; ebenso eine erneute Aufklärung über die Verhaltensregeln, die zusätzlich in den Kabinen ausgehängt wurden. So wurde mit Unterstützung des Funktionsteams der Umgang mit den besonderen Umständen langsam zur Routine. 

Wiederaufnahme des Spielbetriebs

Ende April entwarf die DFL Task Force Medizin ein Konzept zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Hierzu gab es eine Telefonkonferenz, in die sich Mannschaftsärzte und Offizielle der Vereine mit einbringen konnten. Anfang Mai wurde den Spielern dieses Konzept nahegebracht und auch noch einmal die Ernsthaftigkeit der Situation vor Wiederaufnahme des Spielbetriebs verdeutlicht. Darüber hinaus sollte nun in Abstimmung mit den zuständigen Behörden auch wieder das Mannschaftstraining mit Kontakt und Zweikämpfen erlaubt werden. Ausgerechnet in diese Phase fiel die Veröffentlichung eines Videos eines unserer Spieler, das in den Medien landesweit für Aufsehen sorgte. Dieses suggerierte, dass es vereinzelt Spieler gab, die aufgrund der zahlreichen Testungen, die stets negativ ausfielen, zu sorglos mit den Abstandsregeln umgingen. Der Verein und die medizinische Abteilung handelten umgehend. So wurden nochmals weitreichende und mehrsprachige Schulungen durchgeführt. Dies alles zu jeder Zeit in enger Zusammenarbeit mit den für uns zuständigen Behörden. Diese zeigten sich auch nach einem Besuch vor Ort zufrieden, so dass eine Freigabe zum Mannschaftstraining erfolgte.  

Weitere Entwicklung & Erkenntnisse

Das Konzept der DFL Taskforce Medizin wurde nach diversen Besprechungen stetig an die Bedingungen angepasst. Es enthielt konkret zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs nun eine mindestens 7-tägige Quarantänezeit vor dem ersten Spiel (Hotelaufenthalt) und weitere regelmäßigen Corona-Tests (alle 3 – 4 Tage mit einem Pflichttest am Vortag des Spiels), die dann Mitte Mai 2020 begannen. Jedem Verein wurde durch die DFL ein bestimmtes Testlabor zugeordnet. Zum Ende der Quarantäne im Hotel, welches nur zum Training verlassen werden durfte, erfolgte nun die Reise zu unserem ersten Auswärtsspiel in Hoffenheim. Um auch hier die Abstandsregelungen einhalten zu können, mit zwei Charter-Flugzeugen und zwei Bussen. Eine positive Erkenntnis war, dass das Konzept der DFL zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs funktionierte. Die andere, dass unsere Mannschaft mit dem neuen Trainerteam direkt drei Punkte einfahren konnte. Am darauffolgenden Wochenende stand unser erstes Heimspiel ohne Zuschauer an, auf das wir uns im Laufe der ­Woche in diversen Besprechungen vorbereiteten, um dem Taskforce-Konzept bestmöglich gerecht zu werden. Dabei konnten wir die Erfahrungen aus dem Spiel in Hoffenheim einfließen lassen. Zudem tauschte ich mich in dieser Zeit intensiv mit meinem Vereins-Kol­legen Dr. Ulrich Schleicher, Mannschaftsärzten anderer Vereine, den Verantwortlichen bei ­Hertha BSC und unserem Funktionsteam aus. 

Fotos: © Hertha BSC Berlin
Fotos: © Hertha BSC Berlin

Am Spieltag, also am Tag des Berliner Derbys, erhielten wir Besuch von zwei Mitarbeitern des Landesamtes für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit Berlin (LAGetSi), die unsere Maßnahmen kompetent in Augenschein nahmen und sich zufrieden zeigten. Trotz der gespenstischen Leere im Olympiastadion lag doch eine gewisse Spannung in der Luft, die nach Derby roch. Es wurde ein sehr erfolgreicher Abend für uns, denn zum einen haben wir die Vorgaben des DFL-Konzepts erfolgreich umsetzen und zum anderen Union mit 4:0 besiegen können. Im Laufe der Spieltage kam nun so etwas wie Routine hinsichtlich der Umsetzung des Konzeptes auf, die unseren Stresspegel von Spiel zu Spiel doch erheblich sinken ließ, ohne dabei in der Ernsthaftigkeit bei der Umsetzung nachzulassen. Der Planungsumfang war aber weiterhin enorm. Den Spielern wurden im Anschluss an das letzte Bundesliga-Spiel Verhaltensregeln für den Urlaub und nochmals die bereits erlernten Regeln dargelegt und auch in digitaler Form übermittelt, damit alle bestmöglich informiert in die Pause gehen konnten und auch wohlbehalten aus dem Urlaub zurückkommen. Und auch für das Trainer- und Funktionsteam war jetzt ein wenig Pause angesagt, nicht jedoch ohne zuvor die Planungen für die Vorbereitung auf die neue Spielzeit zu besprechen.

Wie heißt es doch so schön: nach dem Spiel ist vor dem Spiel… oder auch: nach der Saison ist vor der Saison!

ist Facharzt für Orthopädie & Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnungen Manuelle Therapie (Chirotherapie), Sportmedizin und Akupunktur (A-Diplom). Nach Stationen an der Klinik Sanssouci, Martin-Luther Krankenhaus und Unfallkrankenhaus Berlin ist er seit 2020 in der OrthoEins Praxis Dr. Schleicher in Berlin. Hi-Un Park war von 2009 – 2011 Teamarzt von Alba Berlin und ist seit der Saison 2012/13 Teamarzt von Hertha BSC Berlin. Außerdem gehört er zum „Medical Team“ des Berlin Marathons.

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