Chronische Lumbalschmerzen

Einsatz der Interdisziplinären Faszientherapie (IFT-Methode) – eine randomisierte kontrollierte Studie mit 18-monatigem Follow-up

Lesezeit: 4 Minuten

Dr. Robert Schleip1, Prof. Dr. Dr. Birbaumer2, Dr. Pedro Montoya3, Frank Andrasik Ph.D.4

1Fascia Research Group, Universität Ulm,
2Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie, Universität Tübingen
3Research Institute on Health Sciences, University of Balearic Islands, Palma, Spanien
4Department of Psychology, University of Memphis, USA

Die Interdisziplinäre Faszientherapie (IFT-Methode) ist eine neuartige Behandlungsmethode für chronische Rückenschmerzen. Bei dieser Behandlung wird die instrumentell gestützte und manuell basierte Faszientherapie mit der Stimu­lation des Zwerchfells kombiniert, um den Vagaltonus des parasympathischen Nervensystems durch eine spezielle Atemtechnik (Herzfrequenzvariabilität – HRV) zu stimulieren.

Ziele

Ziele der Studie waren die Wirksamkeit von IFT mit der klassischen Massage (CM) zu vergleichen und Faktoren zu erforschen, die IFT charakterisieren. 

Methoden

Die Teilnehmer (N=50) wurden randomisiert einer von zwei Gruppen zugeordnet: CM (N=18), IFT (N=19); anschließend wurde eine Nicht-Interventionskontrollgruppe für Vergleichszwecke rekrutiert (N=13). Jeder Proband erhielt sechs 30-minütige standardisierte Therapiesitzungen, die alle zwei Wochen stattfanden. Die IFT-Gruppe erhielt manuelle und instrumentengestützte myofasziale Techniken sowie HRV-Training, die CM-­Gruppe klassische Massage und Entspannungstraining. Als primäre Ergebnisgrößen dienten das Brief Pain Inventory (BPI), der Pain Disability Index (PDI) und der Spine Range of Movement (ROM) mit dem Schober- und Ott-Test. Erwartungen an die Verbesserung des Schmerzes (Ferts-Placebo-­Fragebogen), die Schmerzdruckschwelle (PPT) am Gewebe des unteren Rückens und am Daumennagel (zentrale Schmerzsensitation) mit dem Schmerzdruckalgometer sowie die biomechanischen Variablen Steifigkeit und Elastizität, die mit dem MyotonPro gemessen wurden, lieferten Messwerte über den Therapieverlauf. Statistische Analysen umfassten den gepaarten t-Test, Wilcoxon signed rank Test, Cohen’s d und ANOVA. Die Studie wurde in Übereinstimmung mit der Erklärung von Helsinki durchgeführt.

Ergebnisse

Die IFT-Intervention war signifikant effektiver als CM (p < 0,05) und die Nicht-Intervention zur Verbesserung von Schmerz und Lebensqualität, sowohl nach 3 als auch nach 18 Monaten nach der Behandlung. ROM mit Schober-Test und HRV-­Kohärenztest in der IFT-Gruppe zeigten eine signifikante Verbesserung (p < 0,05), beide vor bis nach drei Monaten. Die Reduzierung der Muskelsteifigkeit und der Elastizitätsgewinn wurden vor und nach sechs Wochen der Intervention in der IFT-Gruppe verbessert. Darüber hinaus blieb der zentrale Schmerz-­Kontrollpunkt (Daumennagel-Algometer) unverändert, obwohl die Sensibilisierung des lumbalen Gewebes (Algometer) hoch signifikant reduziert wurde. Cohen’s d zeigte mittlere bis große Effektgrößen für alle primären Outcome-Messungen und auch für alle Messungen des Therapieprozesses.

Fazit

Die IFT-Methode scheint eine effektive Intervention für Patienten mit chronischen lumbalen Rückenschmerzen zu sein und führt zu Verbesserungen, die 1,5 Jahre andauern. Weitere Forschungsarbeiten sind erforderlich, um den Zusammenhang der Erhöhung des Vagaltonus mit der Schmerzreduktion zu verstehen. 

Instrumentengestütztes myofasziales Release der gesamten dorsalen Kette

Case Study

Die Probandin (49 Jahre, 70 kg, 164 cm) stellte sich mit starken chronischen lumbalen Rückenschmerzen vor. Mit der Diagnose Osteochondrose litt sie seit über 20 Jahren täglich an chronischen Schmerzen, die sie im Alltag stark beeinträchtigten. Die Probandin hatte keine weiteren Erkrankungen und trieb einmal wöchentlich moderaten Sport. Therapeutische Behandlungen hatte sie in den letzten Jahren nicht mehr in Anspruch genommen. Alle Ein- und Ausschlusskriterien wurden erfüllt.  

Ergebnisse

Nach sechs 30-minütigen Behandlungen mit der IFT-Methode und täglichem Herzratenvariabilitäts (HRV) – Training zeigte sich eine Verbesserung des Schmerzes um 66 % von 6 auf 1,6 Punkte auf einer Schmerzskala von 0 bis 10 (Brief Pain Inventory BPI) und eine Verbesserung der Beeinträchtigungen durch den Schmerz um 84 % von 6,1 auf 1 Punkt (BPI). Die objektive Steifigkeit des Gewebes im unteren Rücken, gemessen durch das MyotonPro, zeigte eine deutliche Entsteifung von 11,5 % (von 326,25 N / m zu 287,85 N / m). Dies spiegelte sich auch in der Messung des Algometers wider, die eine starke Erhöhung der Druckschmerzschwelle von 320 % zeigte (von 3,2 lbs auf 10,25 lbs). Beide Messungen wurden vor der 1. und 6. Behandlung durchgeführt, um eine Verfälschung der Ergebnisse durch die Behandlung zu vermeiden. Mittels des Biosign HRV-Scanners wurde die HRV gemessen. Das HRV-Biologische Alter sank innerhalb der sechs Sitzungen von 81 Jahre auf 58 Jahre. Weitere Parameter wie HRV-E /I-Diff. (HF) [1/min], HRV-Rhythmisierungsgrad und HRV-RMSSD verbesserten sich durchschnittlich um 28 %. Dies ist ein Parameter für die gesteigerte parasympathische Aktivität (Vagaltonus), die durch das HRV-Training / Therapie stimuliert wurde. 

Nach drei Monaten ohne Behandlung (Follow-Up 1) war die Probandin sogar schmerzfrei und ohne schmerzbedingte Einschränkungen, wobei das Aktivitäts- und Bewegungsverhalten nicht verändert wurde. Die Algometer-Druckschmerzschwelle zeigte sich konstant (10,15 lbs). Beim darauffolgenden 18-monatigen Follow-Up 2 ohne physiotherapeutische Behandlung gab die Probandin an, wieder leichte Schmerzen (1,2 Schmerzpunkte) und leichte Einschränkungen durch den Schmerz (1,7 Punkte) zu haben, diese jedoch nicht im Verhältnis zu den anfänglichen Schmerzen stehen. 

Schlussfolgerung

Die Probandin gelangte durch sechs Einheiten IFT zu Schmerzfreiheit. Sogar 18 Monate nach Beendigung der Therapie war der Gesamtzustand der Probandin deutlich verbessert. Der Einzelfall bestätigt die Effektivität und insbesondere die Nachhaltigkeit der IFT-Methode und zeigt die Notwendigkeit auf, weitere Forschungs­arbeiten für die Behandlung chronischer Lumbalschmerzen durchzuführen. 

Literatur

[1] Gordon CM, Schleip R, Vagedes J, Riquelme I, Birbaumer N, Andrasik F, Montoya P. Does Myofascial Pain Sensitization Correlate with Chronic Low Back Pain? A RCT, Myometer Study with a 3 and 18 Month Follow Up. Fascia Research IV, Washington DC, 11/2015, 252.

[2] Gordon CM, Lindner SM, Birbaumer N, Montoya P, Andrasik F. Interdisciplinary Fascia Therapy (IFT) in Chronic Low Back Pain. An Effectivity-Outcome Study with Outpatients. Fascia Research IV, Washington DC, 11/2015, 253. / Prospective submission for 9th Interdisciplinary World Congress on Low Back and Pelvic Girdle Pain 2016.

[3] Gordon CM, Birbaumer N, Andrasik F. Interdisciplinary fascia therapy (IFT method) reduces chronic low back pain: A pilot study for a new myofascial approach. Prospective submission for 9th Interdisciplinary World Congress on Low Back and Pelvic Girdle Pain 2016.

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ist Physiotherapeut PT. hcpc.UK, myofaszialer Osteopath und klinischer Wissenschaftler. Er ist Inhaber des Center für Integrative Therapie, CIT Research Institute und der CIT Academy. Außerdem ist Christopher-­Marc Gordon Erfinder der Interdisziplinären Faszientherapie (IFT), Fascia­ReleaZer, Deep­ReleaZer, Stress­ReleaZer und Cellulite­ReleaZer.

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