Rückenschmerzen im Wachstumsalter

Ursachen, Risikofaktoren und sportliche Belastung

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Lange Zeit galt die Regel, dass Rückenschmerzen im Kindes- und Jugendlichen­alter eher selten seien. Wenn es zu Schmerzepisoden kam, wurde angenommen, dass schwerwiegendere Ursachen zu Grunde liegen, keine funktionellen Beschwerden. Laut einer Statistik des Robert-Koch-Instituts zeigt sich jedoch, dass auch Kinder immer häufiger über Rücken­schmerzen klagen [1]. 

Die erste Erklärung hierfür, die sich aufdrängt, ist die Tatsache, dass sich unsere Kinder zu wenig bewegen und zu lange sitzen. In der Schule, bei den Hausaufgaben, beim Fernsehen, an der Playstation oder über dem Smartphone. Die Rumpfmuskulatur wird geschwächt, einseitig belastet sowie verkürzt und kann somit den Kinderrücken nicht mehr richtig stützen und schützen. Schon Hippokrates von Kos bemerkte im fünften Jahrhundert vor Christus: „was benutzt wird, entwickelt sich. Was ungenutzt bleibt, verkümmert“. Sport erscheint also zwingend erforderlich, es bleiben die Fragen was und wie viel an Belastung sinnvoll und empfehlenswert ist und welche Belastung Beschwerden eventuell vermehrt.

Ausgeprägte Schonhaltung bei stationär aufgenommenen Jungen mit massiven Lumbalgien

Häufigkeit

Roth-Isigkeit fand 2004 mittels Fragebögen heraus, dass 85 % der befragten 10- bis 18-jährigen Schüler in den letzten drei Monaten unter Schmerzen litten, bei knapp 39 % war hier für die Lendenwirbelsäule verantwortlich [2]. Beija zeigte an tunesischen Kindern, dass lumbale Rückenschmerzen für 23 % der Schulfehltage und 29 % der Ausfälle beim Sportunterricht verantwortlich waren [3].

Ursachen

Hier sind zum einen funktionelle Beschwerden, Fehlhaltungen, Haltungsinsuffizienzen und daraus resultierende Muskelverspannungen zu nennen, schmerzhafte Erkrankungen wie Entzündungen oder Tumore dürfen jedoch nicht übersehen werden. Auch Deformitäten der Wirbelsäule wie Skoliosen und Kyphosen, egal ob angeboren oder erworben, oder Spondylolisthesen müssen erkannt und abgeklärt werden.

Risikofaktoren für Rückenschmerzen im Kindes-/Jugendalter

  • Szita filterte 2018 sieben Risikofaktoren heraus [4]:
  • Alter > zwölf Jahre
  • Lernen > 2 Stunden pro Tag
  • Fernsehen > 2 Stunden pro Tag
  • unkomfortabler Schultisch
  • Schlafprobleme
  • genereller Stress
  • familiäre Vorbelastung

Es zeigt sich also wieder, dass „Sitzen das neue Rauchen ist“. Man könnte schlussfolgern, dass Sport essenziell ist, um dem Sitzen entgegenzuwirken sowie Stress und Schlafprobleme zu bekäm­pfen. Yabe untersuchte 2018 Athleten im Schulalter, 5 % litten an Schmerzen im unteren Rückenbereich [5]. Spannend an dieser Studie war jedoch vor allem, dass spätes Zubettgehen, kurze Schlafenszeit und langes Videospielen als Risikofaktoren herauskristallisiert werden konnten. Der Zeitpunkt des morgendlichen Aufstehens und der Fernsehkonsum hatten hingegen keinen Einfluss. Ein Grund mehr, bei Sportlern auf ausreichende Regenerationszeiten und einen gesunden Lebensstil zu Drängen.

Spondylolisthese L5/S1 beim jugend­lichen Patienten im seitlichen Röntgenbild

Ist der Schulranzen an allem schuld?

In der Saarbrücker Schulranzen Studie zeigte sich, dass das Gewicht der Schulranzen durchschnittlich deutlich über den, in der DIN Norm 58124 geforderten, 10 % des Körpergewichts liegt [6]. In der Studie wurde jedoch auch gezeigt, dass die Kinder auch 20 % des Körpergewichts auf dem Rücken gut kompensieren können. Hierfür beugen sie sich etwas weiter nach vorne, was kaum zusätzliche Energie kostet, wie EMG Messungen zeigten. Ihre Haltung verschlechterten die Kinder ansonsten jedoch nicht, wie auch eine Nachfolgestudie aus Tübingen zeigte [7]. Problematisch scheint eher die schlechte muskuläre Situation der Kinder zu sein. Allerdings wurde auch ein simulierter 15-minütiger Schulweg ohne Einbußen in der Körperhaltung absolviert, sodass die These der zu schweren Schulranzen wohl nicht haltbar ist. Übrigens: die DIN Norm stammt aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg und bezieht sich auf das Gewicht der Tornister eines Rekruten für Märsche über 20 km. Aprile hingegen konnte 2016 zeigen, dass die Tragedauer des Schulranzens ein deutlich stärkerer Prädiktor für Rückenschmerzen ist [8].

Hypermobilität und Rückenschmerz

Muskuläre Überlastung ist ein anerkannter Faktor, der Rückenschmerzen beim Heranwachsenden provozieren kann. Eine Möglichkeit, wie es zu einer muskulären Überlastung kommen kann, ist die Hypermobilität, bei der die fehlende Stabilität durch Muskelspannung ausgeglichen werden muss. Überbeweglichkeit tritt bei Patienten mit Rückenschmerzen deutlich gehäuft auf, 55 % der unter 30-jährigen Patienten mit Lumbalgien sind hypermobil. In diesen Fällen muss vorrangig versucht werden, die Stabilität zu verbessern, um so die Beschwerden der Patienten zu lindern.

Sport und strukturelle Wirbelsäulenschäden

Während sich bei Adoleszenten mit Lumbalgien degenerative Veränderungen der Bandscheibe in vergleichbarer Häufung bei Sportlern und Nicht-Athleten finden, zeigt die Spondylolyse mit einer Prävalenz von 32 % beim Athleten versus 2 % bei nicht sportlich aktiven eine ausgeprägte Häufung im Sport. Der Frage, ob die asymmetrische Belastung der Wirbelsäule beim Tennis zu einer Häufung von Lumbalgien oder strukturellen Problemen führt, ging Zaina mit seiner Arbeitsgruppe 2016 nach, konnte jedoch bei insgesamt 300 untersuchten zwölfjährigen keine Häufung der Beschwerden bei den Tennisspielern finden [9]. Shimozaki veröffentlichte 2018 eine Verlaufsstudie an Gewichthebern. Zwölf Sportler wurden erstmals im Alter von durchschnittlich elf Jahren untersucht, keiner der Sportler hatte Lumbalgien, nur zwei von zwölf zeigten Auffälligkeiten im MRT. Drei Jahre später klagten bereits drei Sportler über Lum­balgien, bei elf von zwölf fanden sich auffällige MRT Befunde (2x Spondylodese 2x Protrusio/NPP, 9x Bandscheibendegeneration) [10]. Für Leistungsturnerinnen ist schon lange bekannt, dass es gehäuft zu Spondylolysen und Spondylolisthesen kommt. Konservativ behandelte Spondylolysen zeigen jedoch ein sehr gutes Outcome, Sousa konnte 2017 zeigen, dass 82 % der konservativ behandelten Patienten zu voller sportlichen Belastbarkeit zurückkehren [11].

Thorakale Seitausschwingung der Wirbelsäule mit asymmetrischen Schulterblättern bei beschwerdefreiem Patient

Sport bei Skoliose

Die Empfehlungen über die sportliche Belastbarkeit bei Patienten mit Skoliose sind teilweise noch unterschiedlich, zumeist wird jedoch keine grundsätzliche Einschränkung der Sportfähigkeit gesehen. Eine Ausnahme bildet eine Skoli­ose mit fortgeschrittener Krümmung, die zu kardiovaskulärer Funktionseinschränkung führt, hier sollte aus internistischer Sicht die Sportfähigkeit abgeklärt werden. Einseitige Belastung beim Sport scheint die Progression der Skoliose nicht zu verschlechtern. Da bei der Therapie der Skoliose die Korsettbehandlung ein wichtiger Baustein ist, stellt sich die Frage, ob Skoliose Patienten beim Sport das Korsett besser tragen oder ablegen sollen. Die meisten Experten und auch die offizielle Empfehlung der DGOT aus dem Jahr 1991 sowie die Checkliste Skoliose und Sport der GOTS empfehlen, das Korsett zum Sport abzulegen, die Zeit der sportlichen Aktivität darf jedoch auf die Tragezeit des Korsetts angerechnet werden [12, 13]. Von Deimling andererseits sah 1992 das Risiko der Beschwerdeverschlechterung durch Druck- und Beugebelastung und empfahl daher, beim Sport das Korsett zu tragen [14]. Hier kann gegebenenfalls als „salomonische Lösung“ eine geeignete Orthese für den Sport dienen, insbesondere, wenn die Patienten über Beschwerden bei sportliche Belastung klagen. Allgemein empfohlen werden Sportarten wie Joggen, Radfahren, Schwimmen, Klettern, Tanzen oder Reiten. Kritischer werden Sportarten mit einseitiger oder stoßartiger Belastung gesehen (z. B. Tennis, Trampolin, Gewichtheben). Falls die Skoliose eine operative Therapie erforderte, ist keine generelle Empfehlung möglich. Die sportliche Belastung muss sich hier nach der Länge der Skoliosestrecke und dem Zustand der angrenzenden Segmente richten und ist individuell mit dem Operateur zu diskutieren. Der Sport sollte jedoch frühestens ein Jahr postoperativ wieder aufgenommen werden.

Fazit

Rückenschmerzen im Wachstumsalter sind heutzutage leider keine Seltenheit mehr, oft sind muskuläre Überlastungen der Auslöser, nicht selten auf Grundlage einer Hypermobilität. Vor der Diagnose funktioneller Rückenschmerzen müssen strukturelle Schäden jedoch zwingend ausgeschlossen werden. Lifestyle Probleme wie zu späte Schlafenszeit oder gehäuftes Videospielen sowie allgemein Bewegungsmangel müssen als Mitverursacher angegangen werden. Es bleibt also dabei, dass Kinder zum Sport motiviert werden müssen, bei vorbestehenden Rückenschmerzen sollte auf geeignete Sportarten geachtet werden. Der zu schwere Schulranzen ist nicht Auslöser, zu lange Tragezeiten sollten jedoch vermieden werden. Bei einer Skoliose, die mit Korsett behandelt wird, sollte ebenfalls zum Sport motiviert werden, diese kann ohne Korsett durchgeführt werden, der Sport wird auf die Korsett-Tragezeit angerechnet.


Literatur

[1] Robert Koch-Institut (Hrsg) (2012) Rückenschmerzen. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 53. RKI, Berlin 

[2] Roth-Isigkeit et al: Reports of pain among German children and adolescents: an epidemiological study. Acta paediatr 2004; 93: 258 – 263

[3] Bejia, I., Abid, N., Salem, K.B. et al. Low back pain in a cohort of 622 Tunisian schoolchildren and adolescents: an epidemiological study. Eur Spine J 14, 331–336 (2005) 

[4] Szita, J., Boja, S., Szilagyi, A. et al. Risk factors of non-specific spinal pain in childhood. Eur Spine J 27, 1119–1126 (2018)

[5] Yabe, Y., Hagiwara, Y., Sekiguchi, T. et al. Late bedtimes, short sleeping time, and longtime video-game playing are associated with low back pain in school-aged athletes. Eur Spine J 27, 1112–1118 (2018)

[6] Saarbrücker Schulranzenstudie: aus: http://www.kidcheck.­de/ergebn_f14.htm

[7] Wohlfahrt, A: Lot-und Profiländerung der Wirbelsäule durch das Tragen eines Schulranzens bei 11-bis 14-jährigen Kindern. Dissertation Universität Tübingen, 2018

[8] Aprile, I.; Di Stasio, E.; Vincenzi, M.T.; Arezzo, M.F.; De Santis, F.; Mosca, R.; Briani, C.; Di Sipio, E.; Germanotta, M.; Padua, L. The relationship between back pain and schoolbag use: A cross-sectional study of 5318 Italian students. Spine J. 2016, 16, 748 – 755

[9] Zaina, F., Donzelli, S., Lusini, M. et al. Tennis is not dangerous for the spine during growth: results of a cross-sectional study. Eur Spine J 25, 2938–2944 (2016). https://doi.org/10.1007/s00586-016-4452-1

[10] Shimozaki K, Nakase J, Yoshioka K, Takata Y, Asai K, Kitaoka K, et al. (2018) Incidence rates and characteristics of abnormal lumbar findings and low back pain in child and adolescent weightlifter: A prospective three-year cohort study. PLoS ONE 13(10): e0206125. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0206125

[11] Sousa, T. et al: Benign History of Spondylosis in Adolecence With Midterm Follow-up. Spine Deformity 5, 134 – 138 (2017)

[12] Hopf Ch et al.: Empfehlungen zur sportlichen Betätigung von Patienten mit idiopathischen Skoliosen. Z Orthop Unfall 1991; 129(2): 204 – 207

[13] Richter K.: Skoliose und Sport. Sports Orthopaedics and Traumatology 35 (3): 309 – 311

[14] V. Deimling U et al: Erwiederung zur Arbeit von Hopf et al: Empfehlung zur sportlichen Betätigung von Patienten mit idiopathischen Skoliosen und Erwiederung zur Stellungnahme. Z Orthop Unfall 1992; 130(1): 79 – 81

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ist Facharzt für Orthopädie mit den Zusatzbezeichnungen Sportmedizin, Chirotherapie, Akupunktur und Sozialmedizin. Er ist leitender Arzt im Reha-Zentrum in Bietigheim-Bissingen mit Privatpraxis (www.drlukas.de). Er ist Mannschaftsarzt der Hakro Merlins Crailsheim, 1. Vorsitzender der Deutschen Basketballärzte e.V. (BasketDocs) und Verbandsarzt des BBW.

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ist Facharzt für Orthopädie und Kinderorthopädie mit Zusatzbezeichnungen Manuelle Medizin und Chirotherapie. Er ist leitender Oberarzt an der Orthopädischen Klinik, Olgahospital Stuttgart und hat die Bereichsleitung Extremitätenrekonstruktion und Wirbelsäulendeformitäten.

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