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    Therapie

    Sportneurologie im Wandel

    Von Concussion bis „Exercise as Medicine“
    Dr. med. Stefan J. BlaschkeBy Dr. med. Stefan J. Blaschke7 Mins Read
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    Die Sportneurologie erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel. Während das Fachgebiet lange vor allem durch die Betreuung von Sportlern mit Gehirnerschütterungen und anderen sportassoziierten Erkrankungen geprägt war, rückt zunehmend eine zweite Perspektive in den Fokus: Sport und Bewegung als evidenzbasierte Therapie neurologischer Erkrankungen – „Exercise as Medicine“. 

    Beide Entwicklungen beruhen auf einem besseren Verständnis der Auswirkungen körperlicher Belastung auf das zentrale Nervensystem und eröffnen neue Möglichkeiten für Prävention, Diagnostik und Behandlung. Sportneurologie verbindet heute zwei Blickwinkel: Einerseits werden neurologische Erkrankungen und Verletzungen im Sport untersucht, andererseits die therapeutischen Möglichkeiten körperlicher Aktivität bei neurologischen Erkrankungen. 

    Dieses Spannungsfeld reicht von der Diagnostik sportassoziierter Gehirnerschütterungen über die Betreuung von Athleten mit neurologischen Erkrankungen bis hin zur Entwicklung gezielter Bewegungsprogramme für Menschen mit Parkinson-Krankheit, Multipler Sklerose oder Demenz.

    Warum der Sport die Neurologie braucht

    Den wichtigsten Impuls für die moderne Sportneurologie lieferte die zunehmende Aufmerksamkeit für sportassoziierte Gehirnerschütterungen (Sport-associated Concussion, SaC). Heute gilt die Concussion nicht mehr als harmlose Befindlichkeitsstörung, sondern als komplexe funktionelle Hirnverletzung, die weit über die akute Symptomatik hinausreichen kann. Die frühzeitige Diagnose, adäquate Behandlung und ein verantwortungsvoller Umgang sind entscheidend, um die Gesundheit der Sportler nicht zu gefährden. Typische Symptome umfassen Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Lichtempfindlichkeit, Müdigkeit und emotionale Veränderungen. Da strukturelle Veränderungen in der konventionellen Bildgebung meist fehlen, bleibt die Diagnostik weiterhin primär klinisch [1]. Internationale Leitlinien empfehlen mittlerweile keine längere körperliche Schonung mehr, sondern eine kurze Phase relativer Ruhe mit anschließender, symptomadaptierter Belastungssteigerung und eine standardisierte schrittweise Rückkehr in den Wettkampfsport (Return-to-play). Gleichzeitig entwickeln jedoch ca. 30 % aller Betroffenen persistierende Beschwerden, die als Post-Concussion-Symptome (PPCS) zusammengefasst werden [2]. Diese Beschwerden, die häufig auf bislang unerkannte Funktionsstörungen einzelner neurologischer Systeme zurückzuführen sind, können durch gezielte diagnostische und therapeutische Maßnahmen erfolgreich behandelt werden, wodurch die Krankheitsdauer verkürzt und eine Chronifizierung vermieden werden kann. 

    Die moderne Diagnostik geht deshalb weit über klassische Symptomfragebögen hinaus. Instrumente wie SCAT6 und SCOAT6 werden zunehmend durch spezifische Untersuchungen ergänzt. Besonders relevant sind vestibulo-okulomotorische Testverfahren, wie das Vestibular-Ocular-Motor-Screening (VOMS, 3) sowie Untersuchungen unter sogenannten Cognitive-Motor-Dual-Task-Bedingungen [4]. Letztere erfassen Defizite, die sich erst unter gleichzeitiger motorischer und kognitiver Belastung zeigen und möglicherweise mit einem erhöhten Verletzungsrisiko assoziiert sind. Parallel entwickelt sich die Biomarkerforschung mit hoher Dynamik. Marker wie GFAP, Neurofilament light chain (NfL), Tau oder UCH-L1 könnten zukünftig helfen, neuronale und gliale Schäden objektiver zu erfassen und individuelle Erholungsverläufe besser einzuschätzen [5]. Gleichzeitig richtet sich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit zunehmend auf wiederholte Kopfbelastungen unterhalb der klassischen Concussion-Schwelle. Die langfristige Bedeutung repetitiver Kopfverletzungen und ihre mögliche Verbindung zur chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE) sind weiterhin Gegenstand intensiver Forschung.

    Bewegung als Therapie in der Neurologie

    Parallel zur Entwicklung der Sportneurologie als diagnostisches Fachgebiet vollzieht sich ein zweiter Paradigmenwechsel: Bewegung wird zunehmend als gezielte therapeutische Intervention verstanden. Für zahlreiche neurologische Erkrankungen liegen heute randomisierte Studien vor, die Verbesserungen motorischer, kognitiver und psychosozialer Endpunkte zeigen. Bei Parkinson-Krankheit können strukturierte Trainingsprogramme Mobilität und Lebensqualität verbessern [6]. Bei Multipler Sklerose reduzieren sie Fatigue und fördern die körperliche Leistungsfähigkeit [7]. Auch bei Demenz und kognitiven Einschränkungen mehren sich Hinweise, dass Bewegung präventive und möglicherweise krankheitsmodifizierende Effekte entfalten könnte [8]. Nach der aktuellen Lancet-Kommission könnten bis zu 45 % aller Demenzfälle durch die Modifikation beeinflussbarer Risikofaktoren verzögert oder verhindert werden. Damit rückt körperliche Aktivität erstmals in den Mittelpunkt neurologischer Prävention und nicht mehr ausschließlich der Rehabilitation. Bemerkenswert aus sportneurologischer Sicht: Körperliche Aktivität adressiert nicht nur den Risikofaktor „Bewegungsmangel“, sondern beeinflusst gleichzeitig Hypertonie, Diabetes, Adipositas, Depression und soziale Isolation. Gleichzeitig gehört jedoch auch das Schädel-Hirn-Trauma zu den modifizierbaren Demenzrisiken.

    Wie wirkt Bewegung auf das Gehirn?

    Um zielgerichtete Therapie einsetzen und verschreiben zu können, ist ein grundlegendes Verständnis über Wirkweise der Therapie entscheidend. Die zugrunde liegenden Mechanismen bewegungsorientierter Interventionen im Rahmen neurologischer Erkrankungen werden zunehmend besser verstanden. Körperliche Aktivität beeinflusst unter anderem Neuroplastizität, Neurogenese, die zerebrale Durchblutung, den Energiestoffwechsel und neuroinflammatorische Prozesse. Besonders spannend ist die Kommunikation zwischen Muskulatur und Gehirn. Der Skelettmuskel fungiert als endokrines Organ und setzt unter Belastung sogenannte Exerkine frei, darunter Irisin, Cathepsin B und Interleukin-6. Diese Signalmoleküle können neuroplastische Prozesse fördern und neuroprotektive Wirkungen entfalten [9]. Darüber hinaus beeinflusst körperliche Aktivität zentrale neuroimmunologische Signalwege. Regelmäßiges Training reduziert systemische Entzündungsprozesse und moduliert die Aktivität von Mikroglia und Astrozyten. In den Fokus gerückt ist dabei insbesondere der Kynurenin-Stoffwechsel: Unter körperlicher Belastung steigt im Skelettmuskel die Expression von Kynurenin-Aminotransferasen, die potenziell neurotoxisches Kynurenin in das die Blut-Hirn-Schranke kaum passierende Kynurensäure umwandeln. Auf diese Weise könnte Bewegung neuroinflammatorische Prozesse abschwächen und einen Beitrag zur Resilienz gegenüber neurodegenerativen und neuropsychiatrischen Erkrankungen leisten [10]. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage des Konzepts der „Precision Exercise Medicine“. Ähnlich wie Medikamente könnten künftig auch Bewegungsprogramme individuell an Krankheitsmechanismen und biologische Marker angepasst werden [11].

    Handlungsempfehlungen für die Praxis

    Für Sportmediziner ergeben sich daraus konkrete Konsequenzen:

    • Gehirnerschütterungen sollten frühzeitig erkannt und strukturiert behandelt werden. Eine frühzeitige Symptom-adaptierte Belastung verringert die Beschwerdedauer.   
    • Persistierende Beschwerden erfordern eine differenzierte neurologische und funktionelle Diagnostik. 
    • Bewegung sollte bei neurologischen Erkrankungen nicht nur als ergänzende Maßnahme, sondern
      als therapeutische Intervention verstanden werden. 
    • Unterschiedliche Trainingsformen entfalten unterschiedliche biologische Wirkungen und sollten gezielt an die jeweilige Erkrankung angepasst werden.
    • Bereits moderate körperliche Aktivität kann relevante Effekte auf Gehirn und Nervensystem haben. 

    Fazit

    Die Sportneurologie entwickelt sich von einer Nischendisziplin zu einem integralen Bestandteil der modernen Neurologie. Sie verbindet die Versorgung sportassoziierter neurologischer Verletzungen mit den therapeutischen Möglichkeiten körperlicher Aktivität. Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr, ob Bewegung neurologisch wirksam ist, sondern für wen, wann und über welche Mechanismen sie wirkt. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird darin bestehen, Sport und Bewegung ähnlich präzise und individualisiert einzusetzen wie pharmakologische Therapien. Die Vision der internationalen „Exercise is Medicine“-
    Initiative, Bewegung auf Rezept zu verordnen, erscheint damit auch für die Neurologie zunehmend realistisch. Nicht jeder Patient benötigt ein komplexes Trainingsprogramm – häufig reichen bereits regelmäßige Spaziergänge, niedrigschwellige Angebote oder strukturierte Heimübungen als erster Schritt. Das menschliche Gehirn ist evolutionär auf Bewegung ausgelegt. Die Zukunft der Sportneurologie wird daher nicht allein darin liegen, neurologische Erkrankungen im Sport zu behandeln, sondern Bewegung selbst als präzise und individualisierbare neurologische Therapie zu begreifen.

     

    Diesen Fragen widmet sich auch das Symposium „Sportneurologie und neurologische Sportmedizin“, das am 10. Oktober 2026 an der Uniklinik Köln stattfindet. Gemeinsam mit Experten aus Neurologie, Psychiatrie, Sportmedizin und Bewegungswissenschaft werden aktuelle Entwicklungen von der Diagnostik sportassoziierter Hirnverletzungen bis hin zu bewegungsbasierten Therapieansätzen bei neurologischen und neuropsychiatrischen Erkrankungen vorgestellt und diskutiert.

    Infos unter stefan.blaschke@uk-koeln.de

     

    Literatur

    1. Leddy JJ. Sport-Related Concussion. The New England journal of medicine. 2025;392(5):483-93.
    2. McIntosh SJ, Vergeer MH, Galarneau JM, Eliason PH, Debert CT. Factors Associated With Persisting Symptoms After Concussion in Adults With Mild TBI: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Netw Open. 2025;8(6):e2516619.
    3. Mucha A, Collins MW, Elbin RJ, Furman JM, Troutman-Enseki C, DeWolf RM, et al. A Brief Vestibular/Ocular Motor Screening (VOMS) assessment to evaluate concussions: preliminary findings. The American journal of sports medicine. 2014;42(10):2479-86.
    4. Büttner F, Howell DR, Ardern CL, Doherty C, Blake C, Ryan J, et al. Concussed athletes walk slower than non-concussed athletes during cognitive-motor dual-task assessments but not during single-task assessments 2 months after sports concussion: a systematic review and meta-analysis using individual participant data. British journal of sports medicine. 2020;54(2):94-101.
    5. O’Brien WT, Spitz G, Xie B, Major BP, Mutimer S, Giesler LP, et al. Biomarkers of Neurobiologic Recovery in Adults With Sport-Related Concussion. JAMA Netw Open. 2024;7(6):e2415983.
    6. van der Kolk NM, de Vries NM, Kessels RPC, Joosten H, Zwinderman AH, Post B, et al. Effectiveness of home-based and remotely supervised aerobic exercise in Parkinson’s disease: a double-blind, randomised controlled trial. The Lancet Neurology. 2019;18(11):998-1008.
    7. Du L, Xi H, Zhang S, Zhou Y, Tao X, Lv Y, et al. Effects of exercise in people with multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in public health. 2024;12:1387658.
    8. Yau W-YW, Kirn DR, Rabin JS, Properzi MJ, Schultz AP, Shirzadi Z, et al. Physical activity as a modifiable risk factor in preclinical Alzheimer’s disease. Nature medicine. 2025;31(12):4075-83.
    9. Pedersen BK, Febbraio MA. Muscles, exercise and obesity: skeletal muscle as a secretory organ. Nature reviews Endocrinology. 2012;8(8):457-65.
    10. Agudelo LZ, Femenía T, Orhan F, Porsmyr-Palmertz M, Goiny M, Martinez-Redondo V, et al. Skeletal muscle PGC-1α1 modulates kynurenine metabolism and mediates resilience to stress-induced depression. Cell. 2014;159(1):33-45.
    11. Ross R, Goodpaster BH, Koch LG, Sarzynski MA, Kohrt WM, Johannsen NM, et al. Precision exercise medicine: understanding exercise response variability. British journal of sports medicine. 2019;53(18):1141-53.

    Autoren

    Dr. med. Stefan J. Blaschke

    » Facharzt für Neurologie
    » Klinik und Poliklinik für Neurologie, Uniklinik Köln
    » Concussion Center Rheinland, Betreuung von Sportlern des olympischen Sportbund Rheinland

    (Stand 2026)

    03/26
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