Weitere Autoren des Artikels:
Dr.med. univ. Johannes Rüther & Dr. med. Bernd Langenstein, ebenfalls Mannschaftsärzte im Medical Team des 1. FC Nürnberg
Jens Vergers – Leitender Physiotherapeut 1. FC Nürnberg Lizenzabteilung, FCN Medical Team
Nahrungsergänzung ist im Profifußball allgegenwärtig — obwohl ein direkter Leistungsnutzen bisher nicht nachgewiesen ist. Bei ausreichend ernährten Athleten verbessert eine pauschale Supplementierung die Leistung nicht; ein Nutzen ergibt sich nur beim Ausgleich eines nachgewiesenen Mangels [1, 2]. Damit wird die Diagnostik zum entscheidenden Faktor.
Welche Begleitparameter brauchen wir, um die Mikronährstoffwerte richtig zu interpretieren? Dieser Beitrag fasst die Erkenntnisse eines strukturierten Screenings über fünf Messzeitpunkte (2024 – 2026) in einem Männer-Fußball-Profikader zusammen. Der Fußball bündelt Risikofaktoren für Mikronährstoff-Ungleichgewichte: hoher Energieumsatz bei teils niedriger Energieverfügbarkeit, dichte Wettkampfkalender, Reisebelastung, saisonale Sonnenexposition und heterogene Ernährungsmuster; eine lückenlose Mannschaftsanalyse wird zudem durch den üblichen Spielerwechsel während der Transferperioden erschwert. Über fünf Halbjahresabnahmen wurden jeweils die Werte gegen den individuellen Referenzbereich klassifiziert, im Längsschnitt ausgewertet und die Empfehlungen halbjährlich in einer Wirkungsanalyse nachverfolgt.
Mikronährstoffdefizite
Dabei zeigte sich ein wiederkehrendes Muster an Mikronährstoffdefiziten, das Eisen / Ferritin, Vitamin D, Omega-3, Magnesium und Folat / B-Vitamine umfasste [1 – 3]. Zu Beginn der Untersuchung lag der Omega-3-Index in der Mannschaft bei einem Mittelwert von 7,2 %; über 72 % der Spieler lagen unter dem empfohlenen Wert von mind. 8 %. Zudem zeigte sich ein niedriger Index bei hoher Arachidonsäure – ein Omega-6-lastiges Muster [4, 5]. Als klarer Interventionserfolg stieg der Omega-3-Index nach zwei Jahren im Teammittel auf über 8,4 % an, und die suboptimalen Spiegel konnten im Team auf 41 % reduziert werden. Alle Spieler, die während dieser Zeit durchgängig dem Team angehörten und entsprechend ihrem Messwert substituiert wurden, lagen im Zielbereich. Bei Jod und Folsäure blieben die Werte trotz Substitution nahezu unverändert. Mögliche Gründe dafür liegen im täglichen Trainingsbetrieb: Jod im Spoturin bildet nur die letzten Stunden ab; Schweißverluste, wechselnde Verpflegung (Reisen), Hydratation bei der Abnahme und hoher Umsatz lassen den Einzelwert schwanken – daher sollten diese Befunde als Jod- / Kreatinin-Quotient ausgewertet werden. Serum-Folsäure ist ebenfalls eine Momentaufnahme (stabiler: Erythrozyten-Folat) und außerdem transport- sowie lagerungsempfindlich. Der flache Verlauf ist hier wohl eher ein Thema von Dosis, Bedarf und Präanalytik. Eine über die laufende Saison zunehmende Ferritin-Defizit-Tendenz wurde ebenfalls gestoppt; entscheidend war auch hier die funktionelle Beurteilung, nicht der Einzelwert [6, 7]. Eisen sollte jedoch nie allein anhand des Ferritinspiegels beurteilt werden. Belastbar ist nur die Beurteilung mit sTfR (akutphasenunabhängig), Ferritin-Index, CRP und Blutbild (Hb, MCV, RDW); erst so lässt sich echter Eisenmangel von entzündungsbedingter Fehlmessung abgrenzen [6, 7].

Auch Tageszeit / Nüchternheit (Eisen-Zirkadianik), Belastungsabstand, Transport / Lagerung und Hämolyse verzerren die Labordiagnostik regelhaft. Im Fußball besonders relevant: Nach einem Spiel bleiben Kreatinkinase, IL-6 und teils CRP bis zu 72 h erhöht – im realen Spiel stärker als in Trainingssimulationen [11, 12]. Eine zu kurz nach der Belastung gemessene CRP- oder Eisenkonstellation bildet die Spielbelastung ab, nicht den chronischen Status. Ein standardisierter Belastungsabstand ist deshalb Pflicht. In unserer Untersuchung war eine nur in den Sommer-Abnahmen „auffällige“ MCHC / MCV-Konstellation mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Transport- / Lagerungsartefakt – kein echter Mannschaftsbefund. Dem hochsensitiven C-reaktiven Protein (hs-CRP) kommt besondere Bedeutung zu: Als Master-Confounder gehört hs-CRP zu jeder Laborbestimmung. Eine – auch stille – Entzündung verfälscht mehrere Werte gleichzeitig: Ferritin steigt (Akute-Phase-Protein) und maskiert einen Eisenmangel, Serum-Eisen und Zink fallen, Kupfer / Ceruloplasmin steigen, Selen fällt. Ohne CRP ist ein normales Ferritin nicht als „ausreichende Eisenversorgung“ interpretierbar [6, 7, 9].
Vitamin D zeigte eine ausgeprägte saisonale Dynamik (UVB) mit Sommerhochs und Wintertiefs und reagierte auf gleichbleibende Substitution teilweise mit überhöhten Werten. Hier sollte häufiger gemessen werden, um eine Übersteuerung zu vermeiden [8]. Vitamin D sollte daher mit Calcium, PTH und Magnesium bestimmt werden. Magnesium ist Kofaktor der Vitamin-D-Aktivierung – ein Magnesiumdefizit lässt die D-Substitution ins Leere laufen, umgekehrt fördert Vitamin D die Magnesiumaufnahme [8]. Vollblut-Mineralien (Mg, Zn, Cu) sind homöostatisch gepuffert und bewegen sich unter Substitution kaum – ein „weiter niedrig-normaler“ Wert ist meist Markereigenschaft, kein Therapieversagen. Auch in diesem Kontext gilt: CRP als Confounder (Zn ↓, Cu ↑ bei Entzündung), Albumin und Hämatokrit. Homocystein nur mit Folat, B12, B6 und Nierenfunktion interpretieren. Es steigt bei B-Vitaminmangel wie bei Niereninsuffizienz – sonst ist ein erhöhter Wert nicht zuzuordnen. Coenzym Q10 ist nur im Verlauf aussagekräftig und cholesterinkorrigiert zu lesen: Es zirkuliert lipoproteingebunden, ein niedriger Wert bei niedrigem Cholesterin ist meist kein Defizit. Erst die wiederholte Messung zeigt, ob die Substitution greift [13] (Tab.).

Fallbeispiel
Ein Spieler zeigte in einer Winter-Abnahme Ferritin im Normbereich und wäre isoliert als eisenversorgt eingestuft worden. Das wenige Tage nach einem Spiel erhöhte hs-CRP wies den Wert als akutphasenbedingt aus; erst die Ergänzung um sTfR und Ferritin-Index deckte einen funktionellen Eisenmangel auf. Erst die belastungsferne Kontrolle mit vollständigem Eisenpanel führte zur korrekten Substitutionsentscheidung – der Einzelwert ohne Begleitparameter hätte in die Irre geführt [6, 7, 9].
Praktische Konsequenzen
Praktisch folgt daraus ein individualisiertes Vorgehen – „testen, gezielt behandeln, nachtesten“ statt Einheitsschemata. Zum Verlauf eignen sich nur responsive Marker wie Ferritin, 25-OH-D, Vitamin B12, der Omega-3-Index und CoQ10, während Vollblut-Magnesium, -Zink und -Kupfer homöostatisch gepuffert und daher kaum aussagekräftig sind. Bei fettlöslichen bzw. körpereigenen Stoffen (Vitamin D, B12, Selen, CoQ10) sollte aktiv heruntertitriert werden, sobald der Zielbereich erreicht ist, denn mehr ist nicht besser. Bei einigen Mikronährstoffen (Jod, Folsäure) ist die Ernährung ein wichtiger Faktor. CRP und Blutbild laufen standardisiert mit – zur Confounder-Korrektur und als eigene Belastungs- und Gesundheitsebene [9, 10, 12]. Durchgängig sollten nur zertifizierte Präparate zum Einsatz kommen, um das Anti-Doping-Risiko zu minimieren [2].
Fazit
Die Implementierung eines Mikronährstoff-Programms in einer Profimannschaft braucht neben fundierten Kenntnissen auch Zeit und regelmäßiges Monitoring, um die angestrebten Zielbereiche zu erreichen.
Literatur
[1] Peeling P, Sim M, McKay AKA. Considerations for the Consumption of Vitamin and Mineral Supplements in Athlete Populations. Sports Med2023;53(Suppl 1):15–24. https://doi.org/10.1007/s40279-023-01875-4 · PMID: 37358750
[2] Maughan RJ, et al. IOC Consensus Statement: Dietary Supplements and the High-Performance Athlete. Br J Sports Med 2018;52:439–455. https://doi.org/10.1136/bjsports-2018-099027 · PMID: 29540367
[3] Beck KL, et al. Micronutrients and athletic performance: A review. Food Chem Toxicol 2021;158:112618. https://doi.org/10.1016/j.fct.2021.112618 · PMID: 34662692
[4] Jäger R, et al. ISSN Position Stand: Long-Chain Omega-3 Polyunsaturated Fatty Acids. J Int Soc Sports Nutr 2025;22(1):2441775. https://doi.org/10.1080/15502783.2024.2441775 · PMID: 39810703
[5] Fernández-Lázaro D, et al. Omega-3 Fatty Acid Supplementation on Post-Exercise Inflammation, Muscle Damage, Oxidative Response, and Sports Performance in Physically Healthy Adults — A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. Nutrients 2024;16(13):2044. https://doi.org/10.3390/nu16132044 · PMID: 38999792
[6] Pengelly M, et al. Iron deficiency, supplementation, and sports performance in female athletes: A systematic review. J Sport Health Sci2024;14:101009. https://doi.org/10.1016/j.jshs.2024.101009 · PMID: 39536912
[7] Solberg A, Reikvam H. Iron Status and Physical Performance in Athletes. Life (Basel) 2023;13(10):2007. https://doi.org/10.3390/life13102007 · PMID: 37895389
[8] Dominguez LJ, et al. The Importance of Vitamin D and Magnesium in Athletes. Nutrients 2025;17(10):1655. https://doi.org/10.3390/nu17101655 · PMID: 40431395
[9] Lee EC, et al. Biomarkers in Sports and Exercise: Tracking Health, Performance, and Recovery in Athletes. J Strength Cond Res2017;31(10):2920–2937. https://doi.org/10.1519/JSC.0000000000002122 · PMID: 28737585
[10] Kozjek NR, Tonin G, Gleeson M. Nutrition for optimising immune function and recovery from injury in sports. Clin Nutr ESPEN 2025;66:101–114. https://doi.org/10.1016/j.clnesp.2025.01.031 · PMID: 39828217
[11] Silva JR, et al. Acute and Residual Soccer Match-Related Fatigue: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports Med 2018;48(3):539–583. https://doi.org/10.1007/s40279-017-0798-8 · PMID: 29098658
[12] Hacker S, et al. Recovery-Stress Response of Blood-Based Biomarkers. Int J Environ Res Public Health 2021;18(11):5776. https://doi.org/10.3390/ijerph18115776 · PMID: 34072201
[13] Poulios A, et al. The Effects of Antioxidant Supplementation on Soccer Performance and Recovery: A Critical Review of the Available Evidence. Nutrients 2024;16(22):3803. https://doi.org/10.3390/nu16223803 · PMID: 39599590
Autoren
» Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie; Zusatzbezeichnungen: Spezielle Unfallchirurgie und Sportmedizin; außerplanmäßige Professur an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Nürnberg
» Leitender Arzt der Abteilung für Sportorthopädie und Arthroskopische Chirurgie, Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinikum
Nürnberg (Campus Süd)
» Mannschaftsarzt im Medical Team des 1. FC Nürnberg
(Stand 2026)



