(Originalpublikation: von Wrede U, Loudovici-Krug D, Best N. Beckenschiefstand erkennen und behandeln – eine randomisierte kontrollierte Pilotstudie. zkm 2025; 5: 48 – 55)
Hintergrund und Zielsetzung
Funktionelle Beckenschiefstände stellen ein häufiges klinisches Phänomen dar und sind oftmals mit unspezifischen Rückenschmerzen, Bewegungseinschränkungen der Wirbelsäule sowie weiteren Beschwerden wie Ausstrahlungen in die unteren Extremitäten, Schwindel oder Stresssymptomen verbunden. Sie entstehen nicht durch strukturelle Veränderungen, sondern durch muskuläre Dysbalancen sowie Dysfunktionen der gelenkigen Verbindungen von Wirbelsäule, Extremitäten und Becken. In der Praxis werden sowohl manualtherapeutische Techniken als auch bewegungstherapeutische (Eigen-)Übungen zur Behandlung eingesetzt. Trotz der breiten Anwendung fehlt bislang eine ausreichende Evidenz, die zeigt, welche Therapieform bei funktionellem Beckenschiefstand wirksamer ist. Das Ziel der vorliegenden randomisierten, kontrollierten Pilotstudie war es daher, die Effekte einer manualtherapeutischen Intervention mit denen eines angeleiteten Heimübungsprogramms zu vergleichen. Insbesondere sollten Veränderungen der Beckenstatik, der Beweglichkeit der Wirbelsäule, der subjektiven Schmerzintensität und des allgemeinen Befindens untersucht werden.
Studiendesign und Methodik
Die Studie wurde als monozentrische, offene, randomisierte, kontrollierte Studie (RCT) mit zwei parallelen Interventionsgruppen durchgeführt. Insgesamt wurden 60 erwachsene Patienten mit funktionellem Beckenschiefstand in einer physiotherapeutisch-osteopathischen Praxis rekrutiert. Ausschlusskriterien waren unter anderem bekannte Ursachen für strukturelle Beckenschiefstände oder akute Bandscheibenvorfälle. Nach Aufklärung und Einwilligung erfolgte eine verdeckte Randomisierung in zwei Gruppen mit jeweils 30 Teilnehmenden. Die Interventionsgruppe erhielt eine manualtherapeutische Behandlung (MT), während die Kontrollgruppe ein befundadaptiertes Heimübungsprogramm (HÜP) absolvierte. Beide Gruppen wurden über einen Zeitraum von vier bis fünf Wochen insgesamt dreimal untersucht und behandelt. Die Messzeitpunkte umfassten eine Baseline-Erhebung vor der ersten Behandlung (T0A), eine unmittelbare Nachmessung nach der ersten Intervention (T0B), eine Verlaufskontrolle nach sieben bis zehn Tagen (T1) sowie eine Abschlussmessung nach drei bis vier Wochen (T2).
Als primärer Zielparameter wurde die Beckenstatik mittels Beckenwaage erfasst, um funktionelle Beinlängendifferenzen möglichst objektiv zu bestimmen. Die Beweglichkeit der Lenden- und Brustwirbelsäule in Flexion und Extension wurde mithilfe des validierten Messsystems „Idiag360“ (ehemals MediMouse) gemessen. Sekundäre Zielparameter waren die Schmerzintensität (Numerische Rating-
Skala 0 – 10), das allgemeine und vegetative Befinden sowie die Stressbelastung. Die statistische Auswertung erfolgte mittels Varianzanalyse mit Messwertwiederholung sowie mittels deskriptiver und inferenzstatistischer Verfahren.
Interventionen
Die manualtherapeutische Intervention umfasste eine differenzierte Befundung von Wirbelsäule und Becken sowie gezielte Techniken zur Mobilisation von Wirbelsegmenten und des Sakroiliakalgelenks. Das Ziel bestand darin, muskuläre Dysbalancen durch Entspannung bzw. Aktivierung betroffener Muskelgruppen auszugleichen und dysfunktionelle Prozesse der Wirbelsäule und des Beckens zu behandeln. Die Behandlung basierte auf Konzepten der Einzel- und Serienwirbelfehlstellung aus der manualmedizinisch-osteopathischer Denkweise und wurde individuell an den Befund angepasst. Die Kontrollgruppe erhielt keine manuelle Behandlung, sondern wurde ausführlich in ein strukturiertes Heimübungsprogramm eingewiesen. Dieses beinhaltete Dehn-, Kräftigungs- und Mobilisationsübungen für die Hüft- und Becken-muskulatur, mit denen die Beckenverwringung aktiv korrigiert werden sollte. Die Übungen sollten ein- bis dreimal täglich selbstständig durchgeführt werden.
Ergebnisse
Alle 60 Teilnehmenden, die in die Studie eingeschlossen wurden, beendeten diese vollständig. Zu Studienbeginn zeigten sich zwischen den Gruppen keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Alter, Geschlecht, Körpermaßen oder Allgemeinzustand. In beiden Gruppen kam es im Studienverlauf zu einer signifikanten Verbesserung der Beweglichkeit der Wirbelsäule im lumbothorakalen Bereich. Besonders ausgeprägt war der unmittelbare Effekt nach der ersten Behandlung bzw. Übungsanleitung (T0A – T0B). Während dieser Effekt in der manualtherapeutischen Gruppe relativ stabil anhielt, zeigte sich in der Heimübungsgruppe zunächst ein leichter Rückgang, der bis zur Abschlussmessung jedoch erneut deutlich kompensiert wurde. Zum Zeitpunkt T2 bestand kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen.
Auch die Beckenstatik verbesserte sich in beiden Gruppen deutlich. Am Studienende wiesen die meisten Teilnehmenden einen Beckengeradstand auf, ohne dass sich die manualtherapeutische und die bewegungstherapeutische Intervention signifikant unterschieden. In beiden Gruppen konnte hinsichtlich der Schmerzintensität eine klinisch relevante und statistisch signifikante Reduktion festgestellt werden. Der anfänglich moderate Schmerz wurde im Mittel auf einen milden Schmerz reduziert. Auch der Gruppenvergleich ergab keinen signifikanten Unterschied. Es traten keine unerwünschten Ereignisse auf.
Diskussion
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass funktionelle Beckenschiefstände sowohl durch manuelle Therapie als auch durch gezielte Eigenübungen effektiv behandelt werden können. In der untersuchten Population führten beide Therapieansätze zu einer Verbesserung der Beckenstatik, einer Zunahme der Wirbelsäulenbeweglichkeit sowie zu einer deutlichen Schmerzreduktion. Entscheidend scheint weniger die Art der Intervention als vielmehr die konsequente Durchführung und therapeutische Begleitung zu sein. Die manualtherapeutische Behandlung zeigte einen schnelleren und unmittelbareren Effekt, während die Wirkung des Heimübungsprogramms stärker von der Compliance der Patienten abhing. Langfristig waren jedoch beide Ansätze gleichwertig. Die Autorinnen und Autoren diskutieren zudem, dass therapeutische Zuwendung und Anleitung selbst einen relevanten Einfluss auf den Behandlungserfolg haben könnten. Als Limitationen der Studie werden die fehlende Verblindung, die vergleichsweise kleine Stichprobe und das Fehlen einer unbehandelten Kontrollgruppe genannt. Dennoch leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur Evidenzlage, da sie praxisnah durchgeführt wurde und zwei etablierte Therapieformen direkt miteinander vergleicht.
Fazit
Die randomisierte kontrollierte Pilotstudie kommt zu dem Ergebnis, dass funktionelle Beckenschiefstände sowohl manualtherapeutisch als auch bewegungstherapeutisch erfolgreich behandelt werden können. Beide Ansätze sind geeignet, Symmetrie, Mobilität und Schmerzsituation signifikant zu verbessern, ohne dass ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen besteht. Für die Praxis bedeutet dies, dass sowohl passive manualtherapeutische Maßnahmen als auch aktive Heimübungsprogramme sinnvolle und gleichwertige Therapieoptionen darstellen. Zukünftige Studien sollten größere Stichproben, längere Nachbeobachtungszeiträume sowie psychische und psychosoziale Einflussfaktoren berücksichtigen.
Dieser Beitrag ist eine neu verfasste, modifizierte und gekürzte Zusammenfassung des 2025 im Thieme Verlag veröffentlichten Artikels „Beckenschiefstand erkennen und behandeln“ (Zeitschrift für Komplementärmedizin 2025; 17(05): 48 – 55, DOI: 10.1055/a-2679-0334). Mit freundlicher Genehmigung des Thieme Verlags.
Autoren
» Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin mit Zusatzausbildung Manuelle Medizin und Naturheilverfahren
» Chefarzt am Zentrum für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Sophien und Hufeland Klinikum Weimar und der zertifizierten DOSB Untersuchungsstelle am Zentrum
» Präsident der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin (DGMM)
(Stand 2026)




