Der Körper ist einerseits Schlüssel für die Behandlung von Depressionen und Traumata und spiegelt zudem andererseits die seelische Verfassung wider, d. h. der seelische Zustand drückt sich über den Körper aus. Depressionen und Traumata beeinflussen das Denken, Fühlen und Handeln und gehen mit Veränderungen im Gehirn und Störungen von Körperfunktionen einher.
Für die betroffenen Menschen bedeutet dies dauerhafter Stress [1]. Bei Menschen mit Depressionen ist der Gang tendenziell langsamer und die Armbewegungen reduziert. Auf der Ebene des myofaszialen Systems ist eine verminderte Elastizität und Steifheit bei Personen mit schweren Depressionen nachgewiesen worden [2]. Auf der „First International Scientific Conference on Mind-Body Medicine (MBM)“, im November 2024 an der Universität Witten /Herdecke wurden die neuesten Forschungsergebnisse im Bereich der bewegungsbezogenen MBM vorgestellt. Organisiert wurde die Konferenz vom Mind-Body Medicine Research Council und dem Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten /Herdecke [3].
Bewegung und Entspannung spielen in der MBM eine zentrale Rolle – sie fördern die physische und psychische Gesundheit [4]. Achtsame Bewegungsformen wie Yoga, Tai-Chi und Qi Gong sind zugleich eine Form der Bewegung und Achtsamkeitspraxis. Sie haben das Potenzial, Depressionen und Traumata zu lindern, indem sie gezielt Entspannung fördern, die Energie im Körper bewegen sowie Körper und Geist verbinden [5 – 7]. So wird der Parasympathikus aktiviert, der zur Regulierung des autonomen Nervensystems beiträgt [8]. Dadurch können Stress und Ängste abgebaut werden – dies ist besonders relevant für Personen mit chronischem Stress, bei Angststörungen, Depressionen und Traumata [9, 10].
Bewegungsbasierte Interventionen zur Bewältigung von Traumata und Depressionen
Studien an der Harvard Medical School belegen die Wirksamkeit von Yoga in Bezug auf Stressreduktion, Achtsamkeit, die Regulation von Gedankenschleifen sowie die Kultivierung eines kontemplativen Zustands [11]. Yoga verbindet Geist und Körper und unterstützt die Interozeption – die Wahrnehmung des eigenen Innenlebens – und damit die Selbst- und Emotionsregulation [12]. Bei Depressionen und Traumata können Interozeption und Selbstregulation beeinträchtigt sein. Durch die Bewegung kann die Verbindung zum Körper gestärkt und die Kapazitäten und Fähigkeiten zum emotionalen Verarbeiten des Erlebten verbessert werden [13].
Trauma-sensitive Yoga
Eine besondere Form des Yogas ist das Trauma-sensitive Yoga. Trauma-sensitives Yoga (TCTSY) ist ein evidenzbasiertes Programm, das am Center for Trauma and Embodiment in Boston entwickelt wurde. Es kann bei komplexen Traumata, posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen und Ängsten eingesetzt werden [14]. Trauma beschreibt die Reaktion auf ein Ereignis. Die mit dem Ereignis verbundenen Emotionen können oft nicht verarbeitet werden und bleiben im Körper gespeichert.
Dies führt zu Veränderungen im Gehirn und Nervensystem: Das Gehirn bleibt in einem ständigen Alarmmodus und es werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet. Traumatisierte Menschen reagieren, als wären sie ständig in Gefahr – ihr Nervensystem bleibt dauerhaft in Alarmbereitschaft [15]. Eine zentrale Herausforderung bei Trauma ist die verlorene Verbindung zum eigenen Körper. Der Körper wird nicht mehr als sicherer Ort wahrgenommen. Ziel der Yogapraxis ist es, wieder im Körper anzukommen und ein Gefühl von Sicherheit zu entwickeln. Oft lässt sich ein Trauma nicht verbal ausdrücken – über den Körper kann es jedoch verarbeitet werden.
Traumatisierte Menschen erleben oft eine Beeinträchtigung der Verbindung zwischen Geist und Körper. Trauma-sensitives Yoga hilft, diese Verbindung wiederherzustellen, indem es da ansetzt, wo Gesprächstherapien an ihre Grenzen stoßen. Der Fokus der Yogapraxis liegt auf Interozeption, Achtsamkeit und Empowerment der Praktizierenden. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit von äußeren Reizen nach innen zu lenken und den eigenen Körper bewusst zu fühlen. Dabei geht es darum, die eigene Form wahrzunehmen: Wie fühlt sich die aktuelle Position an? Welche Gefühle und Gedanken treten auf? Es kommt nicht darauf an, wie eine Haltung aussieht oder ob sie perfekt ausgeführt ist, sondern darauf, wie man sich dabei fühlt. Ziel ist es, Möglichkeiten zu schaffen, ins Spüren und Wahrnehmen zu kommen – die subjektive Eigenwahrnehmung zu stärken und wieder Vertrauen in sie zu entwickeln. Die sanften Yogaübungen werden im Sitzen ausgeführt. So reduziert sich das Verletzungsrisiko.
Interozeption
Interozeption bedeutet, wahrzunehmen und zu spüren, was im Körper passiert – wie sich der Körper anfühlt und wie sich diese Empfindungen verändern. Im Trauma-sensitiven Yoga liegt der Fokus insbesondere auf den Muskeln und deren Aktivität. Ein angespannter Muskel wird beispielsweise gedehnt. Ziel ist es, bewusst wahrzunehmen, wie sich eine bestimmte Körperstelle anfühlt – frei von Bewertungen und Erwartungen. Dabei geht es darum, eine offene Haltung für das zu entwickeln, was sich im jeweiligen Moment zeigt. Für Yogatherapeuten bedeutet dies, keine Suggestionen zu fördern und keine autoritäre Rolle einzunehmen. Sie leiten die Praxis lediglich über eine achtsame Sprache an, während die Wahrnehmungshoheit stets bei den Praktizierenden bleibt. Daher sind die Wortwahl und die Anleitung von zentraler Bedeutung z. B:
„Wenn Sie möchten, können Sie ihren Kopf zur Seite drehen. Vielleicht nehmen sie dabei eine Empfindung an der Seite ihres Halses wahr [16].“
Das bewusste Bemerken von Körperempfindungen hilft, die Aufmerksamkeit gezielt auf eine bestimmte Körperstelle oder einen Muskel zu lenken und Veränderungen durch Bewegung bewusst wahrzunehmen. Ziel ist es, den Körper wieder als sicheren Ort zu erfahren und die Verbindung zwischen Körper und Geist zu stärken. Sicherheit kann durch Präsenz und die bewusste Wahrnehmung körperlicher Empfindungen gefördert werden. Eine mögliche Folge von Trauma ist die „Unfähigkeit zur Präsenz“. Die Arbeit mit Muskeldynamiken und Atem unterstützt die Rückkehr in die Präsenz. Durch die Interozeption wird also die Verbindung zum eigenen Körper gestärkt, Präsenz gefördert und Stück für Stück können Praktizierende ein Gefühl von Sicherheit zurückgewinnen. Wichtig ist auch, dass Yogatherapeuten bei traumatisierten Menschen keine körperlichen Hilfestellungen geben. Für Betroffene können Berührungen bedrohlich oder sogar gefährlich wirken.
Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit sowie Heilung in Gemeinschaft
Trauma-sensitives Yoga kann die Entscheidungsfähigkeit fördern. Indem auf Empfindungen mit einer Bewegung, z. B. Dehnung oder Kontraktion eines Muskels geantwortet wird, wird die Handlungsfähigkeit gestärkt. Spüren, entscheiden was es braucht und schließlich handeln [17]. Positive Beziehungen fördern ebenfalls die Gesundheit und reduzierten Stress [18]. Eine qualitative Studie zeigt positive Effekte einer Trauma-sensitiven Yogaintervention bei einer indigenen Gemeinschaft, die auch mit traditionellen Heilmethoden wie landbasierten Ritualen kombiniert werden kann [19].
Yoga – der sichere Raum, in dem es stattfindet
Auch der Raum, in dem Yoga praktiziert wird, spielt eine entscheidende Rolle. Yoga in Fitnessräumen kann den spirituellen und kontemplativen Aspekt abschwächen. Die Umgebung lenkt von der Interozeption ab und beeinflusst die Yogapraxis von außen. Fitnessräume können als externe Autorität wirken und Körperbilder sowie Vorstellungen von Sportlichkeit und Fitness bei den Praktizierenden aktivieren [20]. Gerade beim Trauma-sensitiven Yoga ist es besonders wichtig, dass der Raum ein neutraler Ort ist, an dem sich die Teilnehmenden wohlfühlen. Die Umgebung sollte keinen negativen Einfluss auf die Praxis haben – insbesondere nicht in Bezug auf Körperbilder und Fitness –, um ein sicheres und unterstützendes Umfeld zu schaffen [21].
Fazit
Die MBM hat sich als leistungsfähig bei der Behandlung von Depressionen und Traumata erwiesen. Während Qi Gong und Tai-Chi depressive Symptome lindern können, wurde das Trauma-sensitive Yoga speziell für die Behandlung von Trauma entwickelt und zeigt auch positive Effekte bei Depressionen und Ängsten.
Literatur
[1] Bremner, J. D., & Wittbrodt, M. T. (2020). Stress, the brain, and trauma spectrum disorders. International review of neurobiology, 152, 1–22. https://doi.org/10.1016/bs.irn.2020.01.004
[2] Michalak, J., Puntke, T. (2024). Body, Breath, and Mind: An internet intervention for depressive symptoms combining Qi Gong and behavioral activation. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 32-33. https://doi.org/10.61936/themind/2024121231
[3] Michaelsen, M. M., Klode, C., Esch, T. (2024). Highlights from the International Scientific Conference on Mind-Body Medicinex. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 1-2. https://doi.org/10.61936/themind/202412121
[4] Esch, T., & Stefano, G. B. (2010). The neurobiology of stress management. Neuro endocrinology letters, 31(1), 19–39.
[5] Michalak, J., Puntke, T. (2024). Body, Breath, and Mind: An internet intervention for depressive symptoms combining Qi Gong and behavioral activation. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 32-33. https://doi.org/10.61936/themind/2024121231
[6] Shin, J. C.; Abbott, H. Lee, H.-J., Park, H.-J., Kim, J.-W., Yoon, S.-I. & Seo, H.-W. (2024). Tai Chi Movement Analysis Towards Depression Treatment Development: A Traditional Chinese Medicine and Biomechanical Approach. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 32. https://doi.org/10.61936/themind/2024121229
[6] Dietrich, K.M., Buford, A.N. Reynolds, E. & Dolbier, C. (2024). Student Interests, Needs, and Preferences for Trauma-Sensitive Yoga at a Southeastern U.S. University. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 10-11. https://doi.org/10.61936/themind/202412124
[7] Benson, H., Beary, J. F., & Carol, M. P. (1974). The Relaxation Response†. Psychiatry, 37(1), 37–46. https://doi.org/10.1080/00332747.1974.11023785
[8] Saatcioglu, F. (2024). Sudarshan Kriya Yoga Breathing and a Meditation Program for Burnout Among Physicians – A Randomized Clinical Trial. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 23-24. https://doi.org/10.61936/themind/2024121219
[9] Dietrich, K. M., Buford, A .N. Reynolds, E. & Dolbier, C. (2024). Student Interests, Needs, and Preferences for Trauma-Sensitive Yoga at a Southeastern U.S. University. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 10-11. https://doi.org/10.61936/themind/202412124
[10] Khalsa, S. B. S: (2024). Spirituality and Contemplative States Through Yoga Practices: The Scientific Rationale and Preliminary Evidence. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 26. https://doi.org/10.61936/themind/2024121222
[11] Emerson, D (2024). Trauma-Yoga in der Therapie: Die Einbeziehung des Körpers in die Traumabehandlung – eine Anleitung für Therapeuten. 2. Aufl. G. P. Probst Verlag: Lichtenau
[12] Dietrich, K. M., Baumann, A, Zheng, L., Niklas, V., Kessler, J., Ducheneaux, L., O’Leary, M., Turner, J. & Nguyen-Feng, V. (2024). Ways of Knowing and Being: Qualitative Study of Indigenous Perspectives on Trauma-Sensitive Yoga. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 11-12. https://doi.org/10.61936/themind/202412125
[13] Emerson, D (2024). Trauma-Yoga in der Therapie: Die Einbeziehung des Körpers in die Traumabehandlung – eine Anleitung für Therapeuten. 2. Aufl. G. P. Probst Verlag: Lichtenau
[14] Van der Kolk, B. (2024). Verkörperter Schrecken: Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. 9. Aufl. G. P. Probst Verlag: Lichtenau.
[15] Emerson, D (2024). Trauma-Yoga in der Therapie: Die Einbeziehung des Körpers in die Traumabehandlung – eine Anleitung für Therapeuten. 2. Aufl. G. P. Probst Verlag: Lichtenau, S. 74
[16] Emerson, D (2024). Trauma-Yoga in der Therapie: Die Einbeziehung des Körpers in die Traumabehandlung – eine Anleitung für Therapeuten. 2. Aufl. G. P. Probst Verlag: Lichtenau
[17] Esch, T., Stefano, G. B., & Michaelsen, M. M. (2024). The foundations of mind-body medicine: Love, good relationships, and happiness modulate stress and promote health. Stress and health : journal of the International Society for the Investigation of Stress, 40(4), e3387. https://doi.org/10.1002/smi.3387
[18] Dietrich, K. M., Baumann, A, Zheng, L., Niklas, V., Kessler, J., Ducheneaux, L., O’Leary, M., Turner, J. & Nguyen-Feng, V. (2024). Ways of Knowing and Being: Qualitative Study of Indigenous Perspectives on Trauma-Sensitive Yoga. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 11-12. https://doi.org/10.61936/themind/202412125
[19] McKibben, E. (2024). Yoga with/in Gym Atmospheres: Exploring Healthism, Sensory Engagements, and Power in University Settings. THE MIND Bulletin on Mind-Body Medicine Research, 3, 22. https://doi.org/10.61936/themind/2024121217
[20] Emerson, D (2024). Trauma-Yoga in der Therapie: Die Einbeziehung des Körpers in die Traumabehandlung – eine Anleitung für Therapeuten. 2. Aufl. G. P. Probst Verlag: Lichtenau
Autoren
ist wiss. Mitarbeiterin am Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung (IGVF) der Universität Witten/Herdecke. Im Projekt BERN bei MS erforscht sie die gesundheitsfördernde Wirkung der Mind-Body-Intervention BERN bei Menschen mit Multipler Sklerose. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Mind Body-Medizin, Achtsamkeit und Stressprävention. Sie ist zertifizierte Lehrerin der Non-Linear Movement Method®, die aus der Traumaforschung und der klinischen Arbeit mit traumatisierten Menschen entwickelt wurde.