Psychosoziale Herausforderungen

In Bezug auf eine individualisierte Trainingssteuerung in Prävention und Reha

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Die Forderung nach einer individualisierten Gestaltung von körperlichem Training betrifft zunehmend auch den Bereich der bewegungsbezogenen Prävention und Rehabilitation von chronisch-degenerativen Erkrankungen. Die Herausforderungen einer umfassenden Trainingsberatung und -betreuung liegen dabei nicht nur alleine darin begründet, individuelle Programme in Orientierung an physiologischen Parametern zu designen. Vielmehr muss eine individualisierte Trainingsgestaltung darüber hinaus psychosoziale Faktoren berücksichtigen, um den biopsychosozialen, d.h. den ganzheitlichen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten Rechnung zu tragen. 

Die Bedeutung psychosozialer Faktoren für den Erfolg gesundheitsfördernder Maßnahmen wird seit längerem intensiv diskutiert (vgl. [1]). Eher selten wird dieser Aspekt dagegen in Zusammenhang mit der Individualisierung der Trainingssteuerung im Gesundheitssport und der Sporttherapie gebracht. Im vorliegenden Artikel wird auf diesen Zusammenhang genauer eingegangen. 

Individualität des Gesundheitserlebens

Wie Toni Faltermaier und Irene Kühnlein herausgefunden haben, verstehen nicht alle Menschen das Gleiche unter Gesundheit.So verbinden manche Menschen mit Gesundheit auf der Befindensebene Harmonie und Wohlbefinden, andere Stärke und Kraft, für manche Menschen bedeutet Gesundheit wiederum, im Alltag handlungs- bzw. leistungsfähig zu sein, andere schließlich erachten sich selbst dann als gesund, wenn sie arbeitsfähig sind [2]. Auch hinsichtlich der Dynamik von Gesundheit haben nicht alle Menschen die gleichen Vorstellungen [2]: Während es für die Einen nur Krankheit und Gesundheit gibt, sich die beiden Zustände also zueinander verhalten wie ein „On / Off-­Schalter“ [2], ist für die Nächsten Gesundheit wie eine Batterie, die irgendwann zur Neige geht. Andere empfinden Gesundheit im Sinne eines Akkus als einen wieder „aufladbaren“ Zustand, während wieder Andere spüren, dass Gesundheit durch geeignete Maßnahmen sogar über den ursprünglichen Zustand hinaus verbessert werden kann [2]. Dass bei diesen unterschiedlichen Gruppen nicht alle sporttherapeutischen Zugänge gleichermaßen auf Zuspruch stoßen, liegt auf der Hand. Diejenigen, für die Gesundheit nur dann zum Thema wird, wenn sie wirklich krank sind und deutliche Beschwerden haben, haben in der Regel kein Bewusstsein dafür, dass auch in beschwerdefreien Phasen präventiv etwas zur Vorbeugung von chronisch-degenerativen Erkrankungen getan werden muss. Beispielsweise ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diejenigen der Herzinfarkt-­Patienten, die direkt nach der Entlassung wieder zu rauchen beginnen, Personen mit einem „On / Off-Schalter-Konzept“ sind: Die Krankheit ist nur solange relevant, wie die gewohnten Verdrängungsstrategien nicht greifen – wie z. B. bei einem akuten, lebensbedrohlichen Ereignis. Ist die Bedrohung nicht mehr so unmittelbar, dann scheint alles wieder vergessen zu sein [3]. Gefühlsmäßig ist im Moment ja alles gut. Diejenigen, welche ihre Gesundheit wie eine nicht aufladbare Batterie empfinden, werden auf Stress eher mit Inaktivität reagieren und intuitiv zunächst einmal wenig Vertrauen haben, dass anstrengende Maßnahmen, wie beispielsweise ein präventives High-­Intensity-Intervall-Training, gesundheitsförderlich sein könnten. Dagegen wird man diejenigen, die Gesundheit durch einen aktiven Lebensstil sogar als steigerbar und als zentrale Quelle des Wohlbefindens erleben, in Phasen akuter Krankheit möglicherweise eher zurückhalten müssen.

Individualität als gesellschaftliche Normalität

Individualisierung der Trainingssteuerung ist heute vor allem auch deshalb notwendig, weil Menschen in der modernen Gesellschaft grundsätzlich zunehmend individualistischer werden. Individualität ist ein grundlegendes Merkmal der Moderne. Bildungs- und Ausbildungssysteme sind auf individuelle Förderung von Begabung ausgerichtet, Lebenswelten sind verinselt und funktionalisiert (vgl. [4, 5]). Die Wahrscheinlichkeit, dass unterschiedliche Menschen in ihrem gesamten Alltag ein vergleichbares Leben führen, ist gering. Dass Menschen im gleichen Betrieb arbeiten und den gleichen Beruf ausüben, bedeutet noch lange nicht, dass sie außerhalb die gleichen Freizeitinteressen haben. Nicht einmal in Partnerschaften kann vorausgesetzt werden, dass die Partner auch alle Lebensbereiche gemeinsam gestalten wollen und bei allen Bedürfnissen übereinstimmen. In der modernen Gesellschaft hat das Erkennen und Ausleben von Ich-Bedürfnissen eine große Relevanz für individuelle Sinnerfüllung. Dies liegt nicht zuletzt an den Erziehungsstilen von heute, die primär auf persönliches Glück sowie individuelles Fortkommen ausgerichtet sind (vgl. [6]). Die Bedeutung, die der Selbstverwirklichung heute zugemessen wird, betrifft in vielerlei Hinsicht auch den Bereich körperlicher und sportlicher Aktivität und Fitness. So wird z. B. der Körper zur gestaltbaren Selbst-Projektion, zum Symbol für die Beherrschung natürlicher Vorgänge [7]. Körperliches Training erlaubt zumindest zu einem gewissen Maße, den Körper nach eigenem Gusto zu formen und optisch temporär dem Alterungsprozess zu entfliehen. Der Trend zur Selbstoptimierung hat bereits längst die Präventionsbewegung erfasst und wird zunehmend zur Leitorientierung im Umgang mit Krankheit und Altern. Schon heute hat ein großer Teil der über 60-Jährigen individualistische Vorstellungen von der Gestaltung des Alters und ist nicht mehr bereit, das eigene Altern „wehrlos“ zu akzeptieren [8]. Dieser Trend lässt für die Zukunft eine gesteigerte Nachfrage nach individualisierten Aktivitäts- und Trainingsprogrammen zur Vorbeugung, aber auch zur Behandlung chronisch-degenerativer Erkrankungen erwarten, zumal bis zum Jahr 2030 mehr als ein Drittel der Bevölkerung 60 Jahre alt oder älter sein wird [9]. 

Das Individuum als Experte für sich selbst

Eine weitere gesundheitsrelevante Folge von Individualisierung ist der Verlust von Autoritätsgläubigkeit. In einer Gesellschaft der „Ich-Linge“ [6] ist nicht nur die Bereitschaft, sich den Bedürfnissen anderer anzupassen, keine Selbstverständlichkeit mehr. Menschen sind auch nicht mehr uneingeschränkt dazu bereit, sich der Autorität von Experten zu beugen. Dieser Verlust der Vormachtstellung von Experten hat teilweise damit zu tun, dass sich die moderne Wissenschaft zunehmend schwerer damit tut, den Nutzen wissenschaftlichen Fortschritts einer „laisierten“ Bevölkerung zu vermitteln (vgl. [10]). Dazu kommt, dass „der/die Patient/in 2.0“ als „Prosumer“ bei Diagnose und Therapie mitreden möchte. Möglich wird dies nicht zuletzt dadurch, dass Komplementärmedizin, Selbsthilfegruppen und Patientenforen den Patienten heute eine fast unendliche Menge an frei über das Internet zugänglichen Deutungsangeboten für Krankheitsursachen und -behandlungen bieten. Mit Blick auf die Entstehung von Selbsthilfe-Foren ist dies nicht nur negativ, da die Patienten durch den Austausch mit anderen Betroffenen mündiger werden können. Allerdings ist die Bereitstellung von angeblich funktionierenden, alltagspraktischen medizinischen Ratschlägen in Internetforen und sozialen Netzwerken, die das Individuum als Quasi-Experten ermächtigen, sein Problem selbst zu lösen, durchaus auch riskant. So wird das Individuum mit Wissen überflutet, dessen wissenschaftliche Qualität oft nicht gesichert ist, was zu fehlerhaften Selbstdiagnosen und -behandlungen führen kann. 

Mediatisierte Individualisierung und ihre Folgen für den Umgang mit Gesundheit

Die Individualisierung der Gesellschaft wird durch Digitalisierung und Mediatisierung radikalisiert. Mobile Medien sind heute integraler Bestandteil der individuellen Lebenswelt. Sie verändern die sozialräumlichen Bedingungen des Lebens, nicht nur aber vor allem, weil das Internet es ermöglicht, „reale“ Räume jederzeit kommunikativ zu überwinden [11]. Vor allem bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber auch zunehmend im fortgeschrittenen Alter, läuft Kommunikation mittlerweile zu einem beträchtlichen Teil digital ab. Individuen kommunizieren heute nicht weniger als früher, aber sie kommunizieren anders, häufig ohne direkten Face-to-Face-Kontakt. Vor allem ermöglicht der digitale Austausch, den Kommunikationsprozess auf der zeitlichen Ebene nach individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten zu strukturieren. So läuft z. B. eine Audiokommunikation mittels WhatsApp in der Regel nicht als zeitlich direkt aufeinanderfolgende Ketten von Kommunikationsangeboten ab, wie es im Gespräch unter Anwesenden der Fall ist. Sprachnachrichten werden vielmehr dann an andere gesendet, wenn es individuell gerade passt, und sie werden dann angehört bzw. beantwortet, wenn man Lust oder Zeit dazu hat. Für die digitale Kommunikation sind zeitliche Unterbrechungen oder ein Verlassen der Kommunikationssituation also durchaus üblich, was im unmittelbaren zwischenmenschlichen Miteinander kaum akzeptiert würde. Es ist zu erwarten, dass diese individualisierte Sozialität [12], d. h. die Gestaltung von sozialer Interaktion nach individuellem Bedürfnis, auch Konsequenzen für die Prävention und Rehabilitation hat, sowohl im Hinblick auf die Notwendigkeit, Angebotszeiten zu flexibilisieren als auch in Bezug auf die Ansprache der Patienten. 

Konsequenzen für die Gestaltung von bewegungsbezogenen Präventions- und Rehabilitationsangeboten hat auch die technologische Entwicklung im Bereich des Gesundheitsmonitorings, welches es Einzelpersonen ermöglicht, gesundheits- und krankheitsrelevante Daten, wie z. B. Blutdruck, Blutzucker, Herzfrequenz und zukünftig möglicherweise auch Fettstoffwechsel, Mineralhaushalt etc. selbständig zu überwachen. Es ist nicht auszuschließen, dass klassische, hierarchische Arzt-Patient-­Beziehungen in Zukunft an Bedeutung verlieren und interaktiven Behandlungsmodellen, wie z. B. der Tele-Medizin, Platz machen müssen. In einer individualisierten und mediatisierten Unterhaltungs- und Konsumgesellschaft, in welcher der Selbstverwirklichung und der individuellen und sofortigen Bedürfnisbefriedigung eine so wichtige Rolle zukommt, ist darüber hinaus zu erwarten, dass der Erfolg therapeutischer Bewegungsförderung und ihrer Angebote nicht zuletzt vom Spaßempfinden (Enjoyment) an der Aktivität und damit verbunden auch vom jeweiligen Unterhaltungswert abhängt [13]. Dabei gilt: was für eine Person lohnend sein mag, kann für eine andere Person aversiv sein [14].

Fazit

Der Gesundheitssport steht heute vor der Herausforderung, Trainings- und Therapieangebote auf die individuellen Bedürfnisse einer alternden und zugleich vielfältig aktiven und heterogen interessierten Zielgruppe zuzuschneiden. Bewegungsprogramme sollen Spaß machen und in einen hochgradig individualisierten, verinselten und komplex strukturierten Alltag integrierbar sein. Digitalisierte Kommunikationsformen werden dabei eine wichtige Rolle spielen, nicht nur zur Trainingsanleitung, sondern auch als Medium des kommunikativen Austauschs und der gegenseitigen Motivierung. Smartphones, inklusive der zugehörigen Fitness-­Apps, sind bei der Konzipierung von Aktivitäts- und Therapieprogrammen ebenso mitzudenken wie Wearables (GPS-Uhren, Pulsmesser, etc.), da sie die Individualisierung des Trainings erheblich vereinfachen. Schließlich ist beim Wording der Programme darauf zu achten, nicht defizitäre Bezeichnungen zu wählen, sondern neben funktionalen Aspekten auch dem Erlebnischarakter der Maßnahme Bedeutung zuzumessen. Und auch wenn sich manche Professionelle nicht darüber freuen werden: Nicht zuletzt ist bei der Gestaltung individualisierter Trainingsangebote auch im Bereich der Therapie und Rehabilitation darauf zu achten, den Patienten das Gefühl zu geben, ihre individuellen Bedürfnisse würden gehört und sie hätten ein Mitspracherecht bei der zeitlichen und sachlichen Gestaltung der Maßnahme. 

Literatur

[1] Dahlgren, G. & Whitehead, M. (1991). Policies and strategies to promote social equity in health: Background document to WHO – Strategy paper for Europe. Stockholm: Institute for Future Studies.

[2] Faltermaier, T. & Kühnlein, I. (2000). Subjektive Gesundheitskonzepte im Kontext: Dynamische Konstruktionen von Gesundheit in einer qualitativen Untersuchung von Berufstätigen Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 8, 137–154.

[3] Thiel, A. & Zipfel, S. (2007). Gesundheitskonzepte und der Umgang mit Krankheit und Beschwerden. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 57(5), 193–194.

[4] Zeiher, H. (1990). Organisation des Lebensraums bei Großstadtkindern: Einheitlichkeit oder Verinselung? In L. Bertels & U. Herlyn (Hrsg.), Lebenslauf und Raumerfahrung (S. 35–57). Opladen: Leske & Budrich.

[5] Zeiher, H. (1994). Kindheitsträume: Zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit. In U. Beck & E. Beck-Gernsheim (Hrsg.), Riskante Freiheiten: Individualisierung in modernen Gesellschaften (S. 353–375). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

[6] Valentin, S. (2012). Ichlinge: Warum unsere Kinder keine Teamplayer sind. München: Goldmann.

[7] Thiel, A., Seiberth, K. & Mayer, J. (2018a). Sportsoziologie: Ein Lehrbuch in 13 Lektionen. (2. Aufl.). Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

[8] Thiel, A., Huy, C. & Gomolinsky, U. (2008). Alterssport in Baden-Württemberg: Präferenzen, Motive und Settings für die Sportaktivität in der Generation 50+. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 59(7–8), 163–167.

[9] Robert Koch Institut. (2015). Gesundheit in Deutschland: Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: RKI.

[10] Vossenkuhl, W. (2005). Philosophie für die Westentasche. München: Piper.

[11]  Tillmann, A. & Hugger, K.-U. (2014). Mediatisierte Kindheit: Aufwachsen in mediatisierten Lebenswelten. In A. Tillmann, S. Fleischer & K.-U. Hugger (Hrsg.), Handbuch Kinder und Medien (S. 31–46). Wiesbaden: Springer.

[12] Thiel, A., Gropper, H. & Mayer, J. (2018b). Individualisierung und Nachwuchsleistungssport – Die Lebenswelt Heranwachsender als Herausforderung. Leistungssport, 48(2), 10–15.

[13] Dacey, M., Baltzell, A. & Zaichowsky, L. (2008). Older adults’ intrinsic and extrinsic motivation toward physical activity. American Journal of Health Behavior, 32(6), 570-582.

[14] Van den Berg, I., Franken, I.H.A. & Muris, P. (2010). A new scale for measuring reward responsiveness. Frontiers in Psychology, 1.

ist Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und dort gleichzeitig Leiter des Arbeitsbereiches Sozial- und Gesundheitswissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Soziologie des Spitzensports, der der Gesundheit und des Körpers. Er ist Sprecher der GOAL Study, einer der größten sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zum Umgang mit Gesundheit im Nachwuchsspitzensport. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten erhielt er mehrere Auszeichnungen.

hat Sportwissenschaft und Englisch auf Lehramt (1. Staatsexamen) sowie Sportmanagement (B.A.) an der Eberhard Karls Universität Tübingen studiert. Aktuell ist er Doktorand am Institut für Sportwissenschaft in Tübingen. In seiner Forschung konzentriert er sich vor allem auf Verläufe gesundheits- und aktivitätsbezogener Biografien und auf die Implikationen gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse für den Nachwuchsleistungssport.

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