Cyberchondria und Ängste

Intoleranz von Unsicherheiten und Ängste schüren

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Ein Krankheitsaspekt ohne Bezug zu einem pathophysiologischen Korrelat galt für lange Zeit als der „Elefant im Glashaus“. Häufig ist es der Wunsch, wieder vollständig repariert zu werden, der  Patienten in orthopädische Praxen führt. Als ob es sich beim Körper um eine kaputte Maschine handele. Der Bewegungsapparat ist jedoch komplexer als eine Maschine. 

Er ist ein geläufiges somatisches Projektionsfeld für Stress, es existieren große Variationen in der Schmerzintensität und das Ausmaß der Beeinträchtigung einer Pathophysiologie lässt sich über weite Strecken über die Effektivität bzw. Ineffektivität individueller Coping-Strategien erklären. Im Körper vereinen sich biologische, psychische und soziale Aspekte. Demzufolge sind es nicht immer nur Symptome, sondern häufig begleitende Bedenken und Sorgen, die Patienten dazu veranlassen, eine ärztliche Praxis aufzusuchen. Die meisten Symptome sind assoziiert mit Unsicherheiten über Krankheitsdauer, -ursache, -prognose oder -behandlung. Die individuelle Fähigkeit zur Bewältigung dieser Umstände variiert dabei bei Betroffenen beträchtlich. Einige Patienten empfinden diese Unsicherheiten besonders bedrohlich, auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines negativen Ereignisses in Wahrheit sehr gering ist. Eine „Intolerance of Uncertainty“ – die Unfähigkeit, Unsicherheiten als solche zu tolerieren – beschreibt dabei eine kognitive Verarbeitung, in der Unsicherheiten negativ wahrgenommen, interpretiert und beantwortet werden. Dieser Prozess gilt als besonderer Faktor in der Ätiologie und führt zur Aufrechterhaltung von negativen Emotionen, Depressionen und Angstzuständen. 

Prospektive Studie 

Zum Zweck der genaueren Evaluierung des Zusammenhangs zwischen schmerzbezogenen Ängsten und Intoleranz von Unsicherheiten im Schmerz- und Funktionsgefüge orthopädischer Patienten wurde an der orthopädischen Abteilung für Hand und obere Extremität am Massachusetts General Hospital in Boston ein ­Projekt initiiert. In einer prospektiven Studie wurden 105 Patienten mittleren Alters aus der Ambulanz rekrutiert und befragt. Zur Datenakquise wurden demographische Faktoren,
die Körperfunktion, das Schmerzempfinden, schmerzbezogene Angstempfindungen (Pain Anxiety Symptoms Scale) und die Ausprägung einer Intoleranz von Unsicherheiten (Intolerance of Uncertainty Scale) erhoben. Zur Datenauswertung wurden Mediationsanalysen auf der Basis des Vorhandensein bzw. der Abwesenheit einer Intoleranz von Unsicherheiten durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „Journal of Psychiatric Research“ publiziert. Die Studie zeigte, dass Angstsymptome als Reaktion auf Schmerzen nur dann bestehen, wenn Unsicherheiten schlecht toleriert werden. Mit steigendem Ausmaß an Intoleranz von Unsicherheiten (niedrig – mittel – hoch) verstärkt sich dieser Effekt noch weiter. Schlussendlich: Je schlechter Unsicherheiten toleriert werden, desto stärker beeinflussen Schmerzen die Körperfunktion indirekt über Angstsymptome. 

Cyberchondria

Mehr und mehr Patienten suchen im Internet nach medizinischen Informationen, um ihre Unsicherheiten zu verringern. Die Fülle an Informationen (vgl. Infobesity, Infotoxity) im WWW kann jedoch auch erhöhtes Stressem­pfinden auslösen. Die wiederholte Online-Recherche nach medizinischen Informationen kann zu einer gesteigerten Besorgnis auf körperbezogene Symptome führen. Dies wird im Fachjargon als Cyberchondria bezeichnet. Merkmale einer ausgeprägten Cyberchondria sind ein repetitives Suchen nach medizinischen Informationen online, gepaart mit zunehmenden negativen Affektionen, einer daraus entstehenden Alltagsgewohnheit und das Verlangen nach wiederkehrender Bestätigung des sich aufgebauten Konstrukts. Patienten mit Symptomen einer Intoleranz von Unsicherheiten erscheinen hierbei besonders anfällig für die Entwicklung von Cyberchondria. In einem Folgeprojekt der oben genannten Studie wurde der Zusammenhang zwischen Intoleranz von Unsicherheiten, Cyberchondria und Angstsymptomen weiter untersucht. Dabei wurden 104 Patienten zu deren Internetgewohnheiten, Angstsymptomen (Short Health Anxiety Inventory), Schmerzempfinden, Körperfunktionen, Intoleranz von Unsicherheiten und Cyberchondria (Cyberchondria Severity Scale) befragt und die Ergebnisse im renommierten Fachjournal „Clinical Orthopaedic Related Research“ veröffentlicht. Unter Kontrollierung potenzieller Cofounder begründete Cyberchondria 33 % des Zusammenhangs von Intoleranz von Unsicherheiten mit gesundheitsbezogenen Ängsten. Dieser hohe Zusammenhang zeigt, dass durch ein exzessives Suchen nach medizinischen Informationen im Internet Unsicherheiten weiter beeinflusst werden können. Bei einer Kombination aus Intoleranz von Unsicherheiten und Cyberchondria wurden dadurch gesundheitsbezogene Ängste besonders geschürt.

Fazit

Die Erkenntnisse der beiden Studien unterstützen die Annahme, dass Intoleranz von Unsicherheiten eine Schlüsselrolle im Zusammenspiel zwischen Schmerz, Angst und Körper­-
funktion spielt. Cyberchondria kann in diesem Zusammenhang einen zusätzlichen Zündstoff bei der Ausprägung von Angstsymptomen liefern. Intoleranz von Unsicherheiten und Cyberchondria sind diagnoseübergreifende Faktoren, die durch Training von Coping-Strategien bewältigt werden können. Ein informatives Arzt-Patienten-Gespräch zur Klärung von Unsicherheiten sowie eine Aufklärung über die negativen Seiten eines triebhaften Suchens nach Information im Internet könnten darüber hinaus ein Maß an Resilienz gegenüber der Entwicklung von Angstzuständen bewirken. Ärzte sollten bei Patienten mit ausgeprägten Angstsymptomen jedenfalls die Implementierung einer kognitiven Verhaltenstherapie im Behandlungsplan mitbedenken.

ist an der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie an der Medizinische Universität Graz tätig. Er absolvierte 2016 am Massachusetts General Hospital der Harvard Medical School in Boston, USA, ein Postdoctoral Research Fellowship und habilitierte sich 2019 im Fachbereich „Orthopädie und Traumatologie“ an der Medizinischen Universität Graz. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Entwicklung bioresorbierbarer Implantate und psychosoziale Einflussfaktoren bei orthopädischen Patienten.

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