Integratives Koordinationstraining

Bereicherung für den Nachwuchsleistungshandball

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Analysiert man die einschlägige Handballfachliteratur sowie die Ausbildungskonzeptionen und Fortbildungen im DHB, so ist festzustellen, dass die Bedeutsamkeit des Koordinationstrainings besonders in den frühen Etappen des Nachwuchstrainings immer deutlicher erkannt wird. Der theoretische Hintergrund, die Systematik und die eingesetzten Übungen sind jedoch nicht auf dem neusten Stand der Trainings- und Bewegungswissenschaft [1].

Das betrifft die Konditionslastigkeit des Athletiktrainings [2], das Festhalten am Fähigkeitskonzept beim Koordinationstraining, anstatt sich an der Gestaltung der Informationsanforderungen und Druckbedingungen [3] sowie an der Entwicklung koordinativer Kompetenzen [4] zu orientieren. Zudem konzentriert man sich in der Praxis zu sehr auf die Endphase der Bewegungs- und Handlungssteuerung. Vor einer präzisen Ausführung hat der Handballspieler jedoch komplexe Informationen aus der Spielumwelt und dem eigenen Körper wahrzunehmen und zu verarbeiten, ohne dass sie ihm in der Mehrheit bewusst werden. Solche mit spielspezifischen Handlungen verbundenen kognitiven Anforderungen werden noch deutlich zu wenig im Koordinationstraining eingesetzt. Die Unterscheidung von energetischen (konditionellen) und informationellen (koordinativen) Trainingsprozessen vernachlässigt ganz offensichtlich die biopsychosoziale Einheit des handelnden Spielers. 

Um diese Erkenntnis in der Trainingspraxis besser umzusetzen, bieten spezielle Platten eine wertvolle Ergänzung. Das Übungskonzept, z. B. mit Terrasensa®-Platten eröffnet ganz neue Möglichkeiten, das Training kognitiv anzureichern. Das ist nicht auf die rehabilitativen Maßnahmen im Verantwortungsbereich der Physiotherapeuten beschränkt (z. B. nach einem Supinationstrauma im oberen Sprunggelenk). Es sind vor allem die Handballtrainer gefragt, entsprechende handballspezifische Übungen mit besonderen propriozeptiven Anforderungen zu entwickeln, die zur Prävention von wahrnehmungsdefizitbedingten Verletzungen regelmäßig im Training eingesetzt müssen. Welche Besonderheiten zeichnen aber diese Platten im Vergleich zu anderen sensomotorischen Trainingsgeräten aus? Zunächst fällt die robuste und einfache Form der Platten ins Auge, deren wellige Oberfläche sich in verschiedenen Farben, Härtegraden und Oberflächenstrukturen so aneinander legen lassen, dass sich daraus jede erdenkliche Fläche konstruieren lässt. Das ermöglicht im Unterschied zu den in der Wirkung ähnlichen sensomotorischen Sportgeräten (Wackelbretter, Balance Pads, u. a.), mit den in der Psychomotorik bekannten propriozeptiven Übungen auch den direkten Einsatz im Handballtraining. Zu verschiedenen Flächen zusammengelegt sind darauf handballspezifische Handlungen (Einlaufen – Sprungwurf) und darüber hinaus sogar gruppentaktischen Handlungen (Kreuzen, Stoßen, Sperren u.a.) trainierbar. Damit haben die Platten im Vergleich zu den in ihrer Wirkung ähnlichen propriozeptiven Trainingsgeräten ein Alleinstellungsmerkmal. Durch die erhöhten propriozeptiven Anforderungen (Überpotenzial) wird bei regelmäßigem Einsatz besonders im Nachwuchsbereich eine größere Stabilität im Sprunggelenk entwickelt, was die Verletzungswahrscheinlichkeit im Training und Spiel vermindert.

Nach einem Supinationstrauma im Sprung­gelenk, das für Handballspieler typisch ist, setzen in der Regel physiotherapeutische Maßnahmen ein. Wenn nach Behandlungsfortschritt wieder mit dem Training begonnen wird, treten nicht selten Folgeverletzungen ein. Das passiert bei zu früh einsetzenden Training und vor allem bei zu früher Integration in das Mannschaftstraining, wo bei Spielformen und technisch-­taktischen Handlungen eine bewusste Bewegungskontrolle den Erfolg der Spielhandlung stören würde. Hier wären zuvor individuelle handballspezifische Handlungen auf solchen Platten zunächst ohne Gegner ein sinnvolles Zwischenstadium, ehe der Spieler wieder in das Spiel integriert werden kann. Das ist deswegen so bedeutsam, weil bei den meisten physiotherapeutischen Übungen eine bewusste Bewegungskontrolle noch möglich und anfänglich auch erwünscht ist. Für den Spieler mit einer weitgehend unbewussten Bewegungskontrolle im Spiel sind propriozeptive Übungen mit einem Weglenken der Aufmerksamkeit (z. B. durch zusätzliche motorische oder kognitive Aufgaben) aber dringend erforderlich, damit die sprunghaft erhöhten Anforderungen im Spiel nicht erneut zu Verletzungen führen. 

„Integrative Koordinationstraining“ – ein Lösungsansatz

Ein effizientes Koordinationstraining erfordert ein ganzheitliches Konzept. Kerngeschäft jedes Handballtrainers ist und bleibt die handballspezifische technisch-taktische Ausbildung sowie das Spieltraining. Je eher damit auf der Grundlage vielseitiger allgemeiner koordinativ-motorischer Grundlagen begonnen werden kann, umso erfolgssicherer lassen sich Spitzenleistungen im Handball entwickeln. Man muss keinen leistungsorientierten Handballtrainer davon überzeugen, dass ab einem bestimmten Leistungsniveau ein Konditionstraining nötig ist, um die energetische Basis für eine hohe handballspezifische Belastbarkeit zu entwickeln. Es gibt aber erst recht keine fachwissenschaftliche Begründung dafür, warum das nicht ebenso im koordinativen Bereich nötig sei. Wenn im Konditionstraining größere Strecken, häufigere Antritte, eine größere Anzahl von Sprüngen (sogar mit Zusatzlasten) als im Spiel absolviert werden, dann ist es im Koordina­tionstraining umso wichtiger, auch hier ein koordinatives Überpotenzial mit höheren und vor allem schwierigeren Anforderungen, als sie im Spiel selbst vorkommen, zu entwickeln. Dabei müssen die Übungs- und Spielformen nicht unbedingt regelkonform sein, jedoch weitestgehend der Struktur der Spielhandlungen entsprechen. Die so sich bildenden neuronalen Verknüpfungen versetzen Handballer in die Lage, in jeder Spielsituation genau denjenigen Mix an Ressourcen abzurufen, der für die erfolgreiche Lösung der Spielsituation erforderlich ist [1]. Die Wirkungen des Koordinationstrainings haben lange „Halbwertszeiten“ im Vergleich zum Konditionstraining. Das hat Vor- und Nachteile. Die Ausbildung koordinativer Kompetenzen benötigt die gesamte kindliche und jugendliche Entwicklungsphase. Einmal erworben, sind sie ein Leben lang verfügbar und können nach mehrmaliger Inanspruchnahme schnell wieder reaktiviert werden. Daraus ergibt sich jedoch auch die Schwierigkeit, ihre Wirkung kurzfristig nachzuweisen, wie das z. B. bei den konditionellen Fähigkeiten mit einer komplexen Leistungsdiagnostik möglich ist. In einem föderalen Sport- und Bildungssystem sind Ausbildungsinhalte, die eine langfristige systematische Ausbildung erfordern, mit zentralen Vorgaben schwer durchsetzbar. Sie benötigen eine sachliche Überzeugungsarbeit, bei der besonders die Sportärzte und Physiotherapeuten mit ihrer Fachkompetenz gefragt sind. Denn zu verlockend ist es im Konkurrenzkampf der Vereine, mit frühen handballspezifischen und sogar konditionellen Trainingsmitteln schnelle Erfolge zu erzielen. 

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Trainingswissenschaftler i. R., Verein Koordinationsschule e.V. , Rostock

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