Individuelles & flexibles Therapiekonzept

„BGM wirkt!“ – Topergebnisse durch maßgeschneiderte Lösungen

Lesezeit: 5 Minuten

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ist en vogue und zahlreiche Unternehmen sind motiviert, interessante Mitarbeiterangebote zu schaffen. Umso größer ist die Frustration, wenn diese nicht angenommen werden oder die falsche Zielgruppe – diejenigen, die ohnehin schon gesundheitsbewußter leben – angesprochen wird. Eine über vier Jahre laufende Studie beweist nun, dass es auch anders funktionieren kann.

Zielgruppe

Mitarbeiter der Wacker Chemie AG, die an chronisch-orthopädischen Erkrankungen leiden, bei denen bisherige Therapiemaßnahmen erfolglos blieben.

  • bisherige Therapiemaßnahmen (Reha, regelmäßige ärztliche Behandlungen, Physiotherapie, etc.) ohne wesentliche Verbesserung 
  • erhebliche Beschwerden am bisherigen Arbeitsplatz
  • deutlich eingeschränkte Einsetzbarkeit am bisherigen Arbeitsplatz
  • Innerbetriebliche Umsetzbarkeit nicht mehr möglich
  • drohender Arbeitsplatzverlust

Ziele

  • Beschwerden lindern und dadurch Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit und Einsatzfähigkeit verbessern
  • Erhalt des bisherigen Arbeitsplatzes
  • Gegebenenfalls Vermittelbarkeit an einen alternativen Arbeitsplatz verbessern

Ausschlusskriterien

  • Operationsbedürftige Befunde
  • Kontraindizierende Begleiterkrankungen
  • Fehlende Motivation, Rentenbegehren

Studiendesign

  • Fall-Vorbesprechungen (Werkarzt und Chefärztin Orthopädie der Johannesbad-Fachklinik)
  • Gemeinsame ärztliche und therapeutische Befundaufnahme 
  • Ausarbeitung eines individuellen und arbeitsplatzbezogenen Therapieplanes – Modifikation beschwerdeabhängig jederzeit möglich
  • Intensive Zusammenarbeit Arzt – Therapeut(en)
  • Persönlicher Therapeut / Trainer, maximal drei Therapeuten aus unterschiedlichen Bereichen
  • 14 Tage „W I R“ (Wacker-Intensiv-Reha) in 2er-Gruppen
  • Weiterführung von Übungen in Eigenregie, nach drei Monaten mit Unterstützung der werksinternen Physiotherapeuten
  • Motivationsgespräche durch die Werksärzte
  • Festlegung der messbaren Kriterien einer erfolgreichen Rehabilitation mit Evaluation (Vor Beginn, unmittelbar nach der Maßnahme und sechs  Monate nach „W I R“)

Pilotphase

In einem Zeitraum von fünf Monaten (Mai bis September 2015) wurden insgesamt 14 Mitarbeiter (vier Frauen, zehn Männer, Altersdurchschnitt: 46,92 Jahre) in das Wacker-Intensiv-Reha Konzept aufgenommen. Die Mitarbeiter waren alle in einem definierten Werkbereich tätig, die Arbeitsplätze und -prozesse wurden den verantwortlichen Ärzten und Therapeuten vor Ort erklärt. Alle Mitarbeiter hatten mindestens vier, maximal zehn nachgewiesene (durch MRT, CT, Röntgen) chronische orthopädische Erkrankungen, 50 % der Patienten zusätzlich mindestens ein bis drei internistische Nebendiagnosen. Häufigste orthopädische Diagnosen waren neben chronischen degenerativen Wirbelsäulenproblemen und Arthrosen der unteren Extremitäten vor allem Impingementsyndrome der Schultern und Tendinopathien der oberen und unteren Extremitäten. 

Zur Anwendung kamen intensive physikalische und krankengymnastische Therapien – je nach Indikation – mit:

  • individualisierter Physio-, Ergo- und Sporttherapie
  • medizinischen Thermal-Schwefelgas-Bewegungsbädern (35 – 37°C)
  • Aqua-Walking, Aqua-Cycling
  • Manueller Therapie
  • Krankengymnastik – einzeln oder gerätegestützt
  • Kryo-, Thermo-, Elektrotherapie
  • medizinischen Massagen, Lymphdrainagen
  • Personal Training
  • Entspannungstechniken

In einem Fall wurde eine psychologische Beratung initiiert. Folgende messbare Kriterien wurden zur Beurteilung des Erfolgs der BGM-Maßnahme festgelegt:

  • Bewegungsumfänge, Kraft und Gelenkfunktionen (Abb. 1)
  • Schmerzreduktion – Visuelle Analog-Skala (VAS) 
  • Verringerung der Einsatzbeschränkungen (Arbeitsplatz) (Abb.2)
Abb 1 Beweglichkeit, Kraft und Gelenkfunktionen konnten bei jedem Teilnehmer verbessert werden (im Durchschnitt sogar über 50%)

In allen Fällen wurde eine signifikante Verbesserung von Beweglichkeit, Kraft und Gelenkfunktion erzielt. Im „schlechtesten“ Fall zeigte sich eine Gesamtverbesserung der messbaren Größen von 20 %, in fünf Fällen sogar um größer / gleich 80 %, gemittelt bei 54 % (Abb.1). Die psychologische Situation hatte sich bereits während und unmittelbar nach der Reha-Maßnahme verbessert: Durch die Schmerzreduktion und nicht zuletzt durch die als Wertschätzung des Unternehmens dem Mitarbeiter gegenüber empfundene Maßnahme, konnte eine Steigerung des Selbstwertgefühles festgestellt werden. Bereits während der 14-tägigen Therapie kam es zu einer glaubhaften Sensibilisierung und Motivation, ein langfristiges Training als Eigenbeitrag zur weiteren Stabilisierung und Erhaltung des Gesundheitszustandes zu erreichen. Erfreulicherweise waren die Ergebnisse auch in den Nachuntersuchungen erfolgversprechend. Die Steigerung des Antriebs und die verbesserte Stimmung wirkten sich darüber hinaus positiv auf das Betriebsklima und die Produktivität aus. In 13 Fällen konnte die Einsatzfähigkeit am Arbeitsplatz verbessert werden, lediglich in einem Fall blieb sie unverändert, aber konstant (Abb.2).

Abb 2 In den meisten Fällen wurde durch die Intensiv-Reha neben dem gesundheitlichen Zustand auch die Einsetzbarkeit verbessert

Fazit der Pilotstudie

Nach dem erfolgreichen Pilotprojekt wurde von der Unternehmensleitung der Wacker Chemie AG eine Weiterführung des Projektes seit 2017 genehmigt. 2017 bestand für 24 Mitarbeiter aus allen Geschäftsbereichen und 2018 für 12 Mitarbeiter die Möglichkeit, an der „W I R“ teilzunehmen. Es erfolgten aus gesundheitlichen Gründen zwei Abbrüche und in drei Fällen aus unterschiedlichen Gründen eine Stornierung. 

Studie

An Rahmenbedingungen, Studiendesign, Therapien und Behandlungs-Team haben wir keine Veränderungen vorgenommen. Die Mitarbeiter kommen nun aus unterschiedlichen Geschäftsbereichen des Konzerns und lagen im Altersdurchschnitt 2017 um 2,68 Jahre bzw. 2018 um 6,3 Jahre höher. Die Anzahl der weiblichen Teilnehmer war im Vergleich zur Pilotstudie (29 %) 2017 mit 13 % und 2018 mit 11 % deutlich unterrepräsentiert. Die orthopädischen Diagnosen sowie die internistischen Begleitdiagnosen sind im Vergleich zur Pilotstudie gravierender: Bei den chronischen Wirbelsäulenveränderungen finden sich zusätzlich ankylosierende, stenosierende und skoliotische Veränderungen, ebenso Folgezustände nach bereits ein- bis mehrfach erforderlichen Operationen an der Wirbelsäule und /oder Gelenken der oberen bzw. unteren Extremitäten. 

Ergebnisse

Die subjektive Schmerzwahrnehmung auf der VAS (1 – 10) betrug in der Studiengruppe 2017 vor Beginn der „W I R“ 5,2, unmittelbar nach der Maßnahme war sie auf 2,7 gesunken und nach einem halben Jahr lag sie mit 3,8 weiter deutlich unterhalb des Ausgangswertes. Trotz der weiteren Zunahme des Schweregrades der Erkrankungen der fast drei Jahre älteren Mitarbeiter, kam es zu einer durchschnittlichen 39%-igen Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Gelenkfunktion (Abb.3). Auch die erzielte verbesserte Einsatzbarkeit der Teilnehmer und der verbesserte Allgemeinzustand aus der Studie 2017 lässt sich gut aus der graphischen Darstellung entnehmen (Abb.4). Die endgültigen Ergebnisse von 2018 liegen noch nicht vor, da der Nachuntersuchungszeitraum noch nicht abgeschlossen ist, sind aber ebenso optimistisch einzuschätzen. 

Abb 3 Im Durchschnitt 39% objektive Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Gelenkfunktion – befund durch Physiotherapeuten
Abb 4 Verbesserung der Einsetzbarkeit und des Gesundheitszustands durch WIR

Fazit

Bei der Antwort auf die Frage, warum die Wacker-Intensiv-Reha so erfolgreich ist, sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen: Ein wesentlicher Bestandteil ist das sehr individuelle und flexible Therapiekonzept, welches zu jedem Zeitpunkt an die Bedürfnisse und Erkrankungen angepasst werden kann. Durch ein wirkliches Miteinander von Ärzten und Therapeuten, welches bereits bei der gemeinsamen Aufnahmeuntersuchung beginnt, wird ein hohes Maß an Kompetenz und Qualität erreicht. Durch die Schmerzreduktion und die ersten spürbaren Erfolge fruchtet auch die Motivation durch die Werkärzte, der behandelnden Therapeuten und Ärzte zur Weiterführung der Therapie in Eigenregie. Nach der „W I R“ Phase erfolgen weitere Motivationsgespräche durch die Werkärzte in regelmäßigen Abständen und werkinterne Physiotherapeuten setzen die therapeutischen Bemühungen zeitnah nach drei Monaten zur Auffrischung der Übungen und Festigung des Ergebnisses fort. Die Therapeuten der Wacker Chemie AG und des Johannesbades tauschen sich hierzu in Webkonferenzen aus. Seit 2018 wird der WACKER Mitarbeiter in ein individualisiertes telemedizinisches Übungskonzept „Caspar“ eingearbeitet und kann die APP insgesamt sechs Wochen – unter Feedback – nutzen. Nicht das undifferenzierte „Gießkannen-Prinzip“, sondern die Individuelle Herangehensweise ist das Erfolgsrezept.

studierte Humanmedizin an der LMU und TU München. Seit 2001 ist die Werkärztin im Gesundheitsdienst der WACKER Chemie AG Burghausen. Zusätzlich absolvierte sie 2014 eine Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit, ist Rückenschullehrerin sowie VHS-Dozentin für Bewegungskurse in Altötting.

ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und hat die fakultative Weiterbildung Spezielle Orthopädische Chirurgie. Seit 1997 war sie in leitenden Positionen an verschiedenen operativen Kliniken tätig, seit 2013 war sie Chefärztin der Orthopädie und Ärztliche Direktorin der Johannesbad Fach­klinik Bad Füssing und ist privatärztlich operativ tätig, u.a. im Sportorthopädischen Zentrum München.

ist leitender Physiotherapeut der Johannesbad Reha-Kliniken GmbH & Co. KG. Seit 2010 ist er als Dozent an einer Physiotherapieschule in Manueller Therapie, med. Trainingstherapie und Bewegungserziehung tätig. Außerdem praktiziert er als Therapeut und Key User bei Telemedizin Caspar. 2015 erhielt er ein Hochschulzertifikat „Human Skills and Leadership“ (HSL).

Neueste Beiträge