Digitalisierung in der Rehabilitation

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Das eigenständige Fachgebiet der physikalischen und rehabilitativen Medizin ist nicht allen bekannt und wird von vielen eher mit dem Begriff „Tradition“ als „Moderne“ verbunden. Assoziation dabei sind daher vorrangig Moorpackung und Massage, nicht Innovation und Technologie.

Nun hat sich in den letzten Jahren ein Trend hin zur Technisierung  entwickelt, der auch in der Rehabilitationsmedizin große Veränderungen mit sich bringt. Dabei geht es nicht nur um eine reine Weiterentwicklung innerhalb des Fachgebietes, sondern auch darum interdisziplinär den Innovationen und neuen Anforderungen gerecht zu werden. Wenn beispielsweise nach schweren Verkehrsunfällen durch gute Rettungssysteme und hochwertige Primärversorgung mehr (oft ja gerade junge) Personen überleben, bedürfen gerade diese schwer betroffenen Patienten einer hoch kompetenten und inhaltlich individuell an die Bedürfnisse  angepassten Rehabilitation. Das Gleiche gilt für die Nachbehandlung von Gliedmaßenamputationen oder erworbenen Querschnittlähmungen.

Daher gibt es in Deutschen Gesellschaft für Physikalische und Rehabilitative Medizin (DGPRM) (www.dgprm.de) eine Kommission „Digitalisierung in der PRM“ (DigiPRM), die sich damit beschäftigt, wie der technische Fortschritt auch in den fachgebietsspezifischen Bereichen Rehabilitation, Nachsorge und Prävention zum Wohle der Patienten genutzt werden kann. Da in der Fachgesellschaft diesem Bereich große Bedeutung beigemessen wird, wurde für den diesjährigen 125. Jahreskongress der DGPRM auch eine entsprechende Sitzung mit dem Thema „Digitale Entwicklungen für die Reha-Praxis“ als zweiter Schwerpunkt neben der Rehabilitation von CoViD-Patienten etabliert. Passenderweise fand der Kongress auch zum ersten Mal online als virtuelle Konferenz statt und musste bezüglich Teilnehmerzahlen den realen Kongressen der letzte Jahren kaum nachstehen. Auch das Feedback danach war fast durchgehend positiv.

Neue Innovationen effektiv nutzen

Bei der Zusammenstellung der Session wurde die große Bandbreite der Versorgungsangebote und Möglichkeiten digitaler Unterstützungen berücksichtigt. Dabei wurde bewusst darauf verzichtet über Themen wie digitale Krankenakte oder allgemeine Themen zu diskutieren, die alle Fachrichtungen betreffen. Wir stellten uns die Frage, was wir von den neuen Innovationen effektiv nutzen können, um die Rehabilitationsergebnisse zu verbessern und Mitarbeiter aus unserem Fachgebiet in der Therapie Unterstützen bzw. zu entlasten. Wir konnten für die Vorträge erfreulicherweise Top-Spezialisten aus ganz Deutschland gewinnen.

Bewegungsanalyse & Exoskelette

Bewegungsanalyse mithilfe von neuen elektronischen Aufnahmesystemen war ein Thema, das einen Überblick über die deutlich gesteigerten und verfeinerten Möglichkeiten zu Ganganalyse, Bewegungsabläufen und Haltung ermöglicht. Diese verbreiten sich aktuell auch in der Sportmedizin weiter, um zur Leistungssteigerung durch Perfektionierung der Abläufe beizutragen. In der Rehabilitation haben sie auch, aber nicht nur, bei Sportlern ebenfalls große Möglichkeiten. Ein großer Themenblock war die teletherapeutische Förderung von Training und Bewegung. Dieser Bereich hat sich in den letzten Jahren massiv entwickelt und neben Eigenentwicklungen einzelner Standorte haben sich auch größere Firmen diesem Thema gewidmet. Haupteinsatz ist dabei meist ein Kamera-System, das zu Hause die Patienten bei den Übungen aufnimmt und beispielsweise am PC oder auf dem Fernsehen eine Feedback-Kontrolle des vorgeschlagenen Übungsprogrammes mit dem aufgenommenen Bild gibt. Das visuelle Feedback wird unterschiedlich dargestellt mit einfachen Symbolen, die gut für jeden Nutzer erkennbar sind. Teilweise sind die Systeme auch mit Rückmeldungsmöglichkeiten an ärztliches oder therapeutisches Personal ausgestattet, über die Anpassungen der Programme sowie Fehlerkorrekturen möglich sind. Zusätzlich bieten die Programme Optionen zur direkten Interaktion mit dem Therapeuten bei Rückfragen oder Unklarheiten.

Ein neueres Thema mit großem Potenzial für die Rehabilitation ist der Einsatz von Exoskeletten z.B. bei Querschnittgelähmten. Aber auch bei Muskelerkrankungen oder sogar bei chronischen Schmerzen kann solch ein System zum Einsatz kommen. Dabei muss unterschieden werden, dass es natürlich einfache und passive Exoskelette gibt, eine Knieorthese ist also formell auch ein Exoskelett. In der Session ging es aber um das Gebiet der aktiven Exoskelette. Dabei wird durch Sensorik an Rumpf und/oder Extremitäten eine Bewegungsanbahnungen erkannt und diese durch verschiedene Arten von Assistenz in große und kräftige Bewegungen umgesetzt, beispielsweise mit robotischer Unterstützung der Beinkraft beim Gehen eines Querschnittgelähmten. Dies erfordert nach unseren bisherigen Erfahrungen von der Person, die damit das Laufen assistiert erlernen möchte, eine gewisse Rumpfkraft, Kondition, Disziplin und Übung. Eine einfache und schnelle Lösung für rollstuhlgebundene Patienten ist dies aktuell daher noch nicht, zumal auch die Kostenübernahme ein Problem darstellt. Sicher eröffnet dieses Gebiet jedoch ein großes, auch wissenschaftliches Feld, das für das Fachgebiet der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin von Bedeutung ist. Aktuell sind als weitere Nutzungsbereiche militärische und immer mehr auch industrielle Ansätze in der Diskussion. Beispielsweise könnte ein assistierendes Exoskelett bei gesunden und/oder beeinträchtigen Arbeitnehmer helfen, Überlastungen zu verhindern, Körperbereiche zu schonen oder die Teilhabe am Arbeitsleben zu erhalten.

Robotik

Als letzter Themenkomplex wurde in der Sitzung die Robotik für den Einsatz in Pflege und Physiotherapie auf Krankenhausstationen thematisiert. Hier gibt es innovative Robotikarme, die nach entsprechender Lagerung eines beispielsweise verletzten oder operierten Beines, eine vom Fachpersonal vorgegebene Übung im Bett liegend immer wiederholen können. Dies geht passiv quasi wie bei einer Motor-Bewegungsschiene. Der Vorteil ist jedoch, dass auch mehrdimensionale Übungen möglich sind und auch Widerstände eingestellt werden könne, sodass aus einer passiven, eine aktive Bewegung wird. Zur Programmierung der Bewegung wird durch die betreuende Person das Bein mit dem Robotikarm zusammen als Muster bewegt und die Software speichert diese vorgegebene Bewegung als Schablone ab und führt sie im Anschluss erneut durch. Die Patienten haben die Möglichkeit, über einen Schalter die Bewegung jederzeit zu unterbrechen, sollten Schmerzen oder andere Probleme auftreten. Vorteile bietet dieses System, da es gerade bei technikaffinen Personen als Motivationshilfe für regelmäßige Übungen genutzt werden kann. Auch ist es im Bezug auf den bestehenden und sich weiter verschärfenden Fachkräftemangel eine gute Optionen Personalressourcen einzusparen und dennoch intensive und wiederholungsreiche Trainingseinheiten zu gestalten. Nachteile zeigen sich in dem zeitlichen Aufwand für Transport und Aufbau, sodass diese Assistenzsysteme kein Ersatz für kurzzeitige Therapien sind. Auch sind Anschaffungskosten oder Mietpreise natürlich zu berücksichtigen. Sehr individuelle Therapien mit kleinen Feinheiten oder bei unsicheren Stabilitätszuständen der Extremität sind ebenfalls durch diese Robotik nicht abzubilden bisher.

Als Unterstützung, Diagnostik und Therapie ergeben sich also durch robotische Systeme für das Fachgebiet der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin viele interessante und neue Optionen, die auch zur Rehabilitation verletzter Sportler eingesetzt werden können und die „Return to Sport“-Zeit verkürzen können. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Trainern, Sportärzten, Fachärzten der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin, Orthopädietechnikern und weiteren Spezialisten erscheint vor dem kaum überschaubaren Feld der Innovationen sinnvoller denn je, da die Anforderungen und Möglichkeiten weit über den rein medizinischen Bereich hinausgehen. Teamarbeit ist also zum Wohle der Person mit körperlicher Beeinträchtigung bereits heute nicht mehr wegzudenken.

Diskussionspapier zur Digitalisierung

Der aktuelle Präsident der DGPRM Prof. Dr. med. G. Krischak formulierte bereits ein Diskussionspapier zur Digitalisierung in der PRM: „Zur Ausgestaltung der telemedizinischen, rehabilitativen Versorgung (Tele-Reha) in Deutschland“, www.dgprm.de/kommissionen/digitalisierung-digiprm. Es wird unter anderem auch an die Politik gerichtet gefordert, dass die neuen Möglichkeiten nicht durch langwierige Diskussionen zwischen den Kostenträgern dauerhaft verhindert werden. Der technische Fortschritt sollte auch in diesem Bereich vorangetrieben werden. Die neuen  Möglichkeiten werden in dem Papier ausführlich diskutiert und im Rahmen eines rehabilitativen Gesamtkonzeptes eingeordnet. Vor- und Nachteile der Systeme werden angesprochen, wie beispielsweise, dass weder Personen durch Roboter ersetzt noch Standorte geschlossen werden können. Technische Betreuung bedeutet immer auch Betreuung vor Ort durch fachlich gut geschultes Personal. Technik soll uns Mediziner in allen Bereichen helfen, uns nicht ersetzen.

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studierte an der Medizinischen Hochschule Hannover Medizin. Seine Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie erfolgte im Annastift Hannover und im Agnes-­Karll-Krankenhaus Laatzen. Seitdem ist er Oberarzt in der Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Später erfolgte die zusätzliche Anerkennung des Facharztes für Physikalische und Rehabilitative Medizin. Dr. Sturm ist darüber hinaus Arzt für Manuelle Medizin und für spezielle Schmerztherapie im Fachbereich Chirurgie.

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