Leichtathletik-Medizin

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Das Interessante an der sportmedi­zinischen Betreuung in der Leich­t­athletik ist die Kombination aus vielen Disziplinen in einer Sportart, die zu verschiedenen Beschwerd­e­bildern mit hieraus resultie­renden Behandlungsunterschieden führen können. Hierbei sind die unter­schiedlichen Physiognomien wie z. B. Marathonlauf vs. Wurfdisziplin von Interesse, ebenso die resultie­renden notwendigen Statik­­dys­balancen vs. – beschwerden.

Jede Disziplin hat zum Teil seine eigenen Verletzungsmuster: Sprint (Leisten­region, Hamstrings…), Wurf (Schulter, HWS-­BWS…), Mittel-/ Langstrecke (Fuß, Unterschenkel…). Da man in der Leichtathletik auf wenige Höhepunkte lange hinarbeiten muss, ist es zum einen wichtig, eine optimale medizi­nische Betreuung in der Vorbereitung zu haben, als auch im akuten Fall rasche Hilfe, im weiteren Verlauf jedoch selbstverständlich auch eine zuverläs­sige Regeneration zu ermöglichen. Hier möchten wir kurz über die ärztlich-­physiotherapeutische Zusammenarbeit in unserem spezifischen Fall berichten.

Definition akute vs. chronische Schmerzsituation

Viele Athleten stellen sich mit unklaren Beschwerden unklaren Alters in unseren Sprechstunden vor. Hierbei ist die zunächst primär wichtigste Differenzierung: Akut vs. Chronisch. Die subjektive Beschreibung eines „akuten“ Schmerzes ist häufig sehr einfach, da meist eine direkte Ursache erinnerlich ist. „Chronischer“ Schmerz nimmt im Unterschied hierzu mit der Zeit die Form eines eigenen Krankheitsbildes an. Die Ursache der Schmerzen lässt sich meist nur sehr schwer oder gar nicht mehr feststellen. Die Zeitgrenze, ab der schmerzhafte Empfindungen als chronische Schmerzen gelten, liegt bei ca. drei bis sechs Monaten. Dies bedeutet, dass das Schmerzareal oder der Schmerzpunkt nicht immer am auslösenden Ort liegt, sondern gegebenenfalls über mögliche anatomische Strukturen fortgeleitet wird. Aus der akuten Problematik resultiert häufiger eine lokale Behandlung, aus einer chronischen Problematik eher einer notwendige interdisziplinäre Komplexbehandlung mit Anwendung von verschiedenen Therapieoptionen (Infiltrationen, Manualtherapie, Osteopathie, Faszientechniken, Gerätetherapie usw.). Wichtig ist jedoch für die Erarbeitung und Behandlung der Diagnosen, seien sie akut oder chronisch:

  • Allgemeine Anamnese, um Zusammenhänge darstellen zu können
  • Allgemeine Diagnostik, zunächst global (z. B. Statikuntersuchung)
  • Zielgerichtete Diagnostik zur genaueren Spezifizierung (genaues Verletzungsmuster)
  • Allgemeine Therapieoptionen
  • Spezifische Therapieoptionen und -pläne
  • Nachbeobachtungszeitraum definieren und planen 
  • Gegebenenfalls Hinzuziehen anderer Fachrichtungen
  • Erstellung genauer Zeitpläne

Definition konservative vs. operative Maßnahmen mit kurzen Fallpräsentationen

Bei Sportverletzungen bzw. Verletzungen generell liegt das Hauptaugenmerk zunächst auf die genaue Befundung und Diagnosebildung, so dass unmittelbar die Indika­tion konservative Therapie vs. operative Therapie gefällt werden kann und muss. Bei einigen Verletzungsmustern ist die Entscheidung sehr genau abzuwägen wie die folgenden Fallbeispiele verdeutlichen.

Fallbeispiel Akute Hamstringsverletzung (Abb. 1a – c)

  • Akute Hamstringsverletzung bei ­Hyperflexion im Becken während Bein gestreckt war im Rahmen eines  Basketballspiels. Entschluss OP (09´2016),  da Kraftverlust > 50 % und Reizung des N. ischiadicus. 
  • Intraoperativ war Sehnenplatte bereits vernarbend anhaftend am N. ischiadicus (Cave).
  • Postoperativ Anlage Anti-Luxationsbandage. Intensive ärztlich-physiothera­peutische Interaktionen mit Infiltrationstherapie, Mesotherapie, Akupunktur, Lasertherapie, Bioresonanz, ­Muskelstabilisierung, ­Gehschule, Manuelle Therapie, Krankengymnastik…
  • Ergebnis (12.01.2017): Reizlose Narbe, Kraftgrad 5/5, Muskulatur konturiert, Sportaufbaubeginn ab 2/2017!
Abb. 1a – c MRT-Bilder des rechten Oberschenkels mit Darstellung der Muskellücke durch Abriss der Hamstringsmuskulatur am Ursprung im Bereich Tuber ischiadicum (coronar, transversal, sagittal).

Fallbeispiel Muskelfaserriss M. rectus femoris

  • Muskelfaserriss M. rectus femoris 1 Woche zuvor (dann MRT-Kontrolle), Z. n. Muskelfaserriss ca. 6 Wochen zuvor der Adduktorenregion
  • Untersuchung 1 Woche nach MRT
  • Intensive Therapie: Spritzentherapie (TP-Infiltrationen, Mesotherapie, ACP-Therapie), Physiokey/Lasertherapie, Physiotherapie/Fazientherapie, Aquajoggen/-gymnastik, Kinesiotaping, Oberschenkelmanschette 5 Wochen später Probewettkampf 
  • 8 Wochen später Olympische Spiele Rio 
  • 03/2017 Hallen-EM Belgrad – Medaille

Fallbeispiel Fibulare Bandruptur linkes OSG

  • Fibulare Bandruptur linkes OSG
  • Akute Therapie: Mesotherapie, Kinesiotaping, Manuelle Therapie, Osteopathie, Aquajogging
  • 1 Jahr unklare Beschwerden Peroneusgruppe
  • Fibulaköpfchenblockade symptomatisch
  • 3 Tage Therapie mit Mesotherapie, Kinesiotape, Mobilisation
  • Beschwerdefreiheit

Fallbeispiel Schienbeinschmerzen (Abb. 2)

  • Schienbeinschmerzen seit Monaten, hohe Belastung durch Weitsprungtraining (Belastungs- und Ruheschmerzen)
  • Keine Ermüdungsfraktur – Knochenverdickung (Sollbruchstelle?)
  • Magen-Darm-Beschwerden seit 2015 (Asienurlaub)
    • Knochenveränderungen subjektiv tastbar
    • Verspannung M. tibialis posterior bds.
    • ISG-Reizung rechts > links
    • DS L5/S1 links
    • DS Th 6 links => Magenspannung
    • DS C6 links
    • DS M. Sternocleidomastoideus links
    • C1 rechts dorsal verkippt
    • DS auf Höhe Leber und rechter Unterbauch
    • Magen-Darm-Beschwerden mit
    • Blähungen – und Durchfall
  • Therapieeinleitung lokal
    • Mesotherapie
    • Physiokeyanwendung
    • Physiotherapie
    • Kinesiotape
    • Yersinienabklärung und –therapie
  • Training aktuell wieder schmerzfrei möglich
Abb. 2 Mittige bis distale mediale Schienbeinkante beidseits ohne bildmorphologisches Korrelat!

Zusammenspiel Arzt – Physiotherapeut

Dieses interdisziplinäre Zusammenspiel findet vor allem in der sportmedizinischen Betreuung statt und bedeutet für den Patienten möglicherweise einen größeren Aufwand, wenn es z. B. um Termine geht etc., führt jedoch häufiger in der Interaktion zu einem deutlich rascheren und befriedigenderen Ergebnis. Durch enge Kommunikation kann unnötige Therapie vermieden und notwendige gefördert werden. Das Vertrauen des verletzten Athleten wird hierdurch gestärkt und die Mitarbeit sowie Compliance dadurch verbessert. Hierzu gibt es jedoch einige wichtige Regeln:

  • Um Schmerz zu verstehen, muss man die Anatomie verstehen (Müller, Lichtenthal 2017).
  • Man muss die Therapieformen des jeweiligen Therapiepartners verstehen.
  • Man muss dem Therapiepartner vertrauen.
  • Man muss konstruktive Kritik mit Diskussionen ermöglichen, um gegebenenfalls bei Therapieversagen gemeinsam eine Zweitlösung zu finden.
  • Der Athlet muss mündig an den Therapiezielen mitwirken.
  • Keine Diagnose finden heißt lediglich, dass „die richtige Tür noch nicht geöffnet wurde“.
  • Man muss gegebenenfalls auch alternative Therapieformen und Wege benutzen.

Therapieverfahren (Abb. 3 a –c)

Nachfolgend sollen einige Therapie­formen exem­plarisch dargestellt werden, die wir in unserer Akut- und Langzeitbetreuung verwenden und verbinden. Hierbei zeigt sich häufig bereits nach kurzer Zeit eine Symptomverbesserung und Problemlösung. Diese Auflistung stellt selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Abb. 3 a – c a) Lasertherapie mit Laserneedle b) Lokale Physiokeyanwendung bei OSG Beschwerden c) Lymphtherapie durch Kompressionsbehandlung im Lymphamaten (reduziert das Ausmassieren nach den Wettkämpfen immens)! Übrigens, im Lymphamat, das bin ich, Andrew Lichtenthal. Auch ohne Wettkampf sehr angenehm ;-)!

Mesotherapie

Das Wort Meso (griech.: mittel) nimmt Bezug auf das Mesoderm, dem mitt­leren Keimblatt, aus dem sich unter anderem Haut und Bindegewebe entwickeln. Sie fungiert auch als Matrix-Therapie und hat eine gezielte lokale und regulatorische Wirkung. 

  • Anregung der Mikrozirkulation (Medikamente), z. B. Lymphomyosot/Lymphdiaral, Traumeel, Silicium, Spas­cupreel/Ortoton…+ LA (häufig Procain)
  • Anregung Diffusionsprozesse (Medikamente), siehe oben
  • Substanzen gelangen kaum in den Blutkreislauf
  • physikalische Anregung (Stichelung)

Triggerpunkttherapie

Ziel der Triggerpunkttherapie ist die Ermittlung lokal begrenzter Muskelverhärtungen an Kennmuskeln. Durch die Therapie soll eine Reduktion des Zugs an den Kettenstrukturen erzielt werden. Dafür stehen unterschiedliche Optionen zur Verfügung:

  • TP-Infiltration, z. B. Traumeel, Lymphomyosot, Spascupreel… + Discus compositum/Zeel oder andere
  • Akupressur
  • Dry Needling
  • Stoßwellentherapie

Lasertherapie / Physiokey-Therapie

Wirkung:

  • Anti-ödematös
  • Anti-inflammatorisch
  • Analgesie
  • Zellproliferation

Indikationenbeispiele:

  • Gelenkbeschwerden
  • Muskelverletzungen
  • Sehnenreizungen
  • Knochenreizungen
  • Nervenregeneration
  • Postoperativ 

Kinesiotaping/Lymphbehandlung mit Lymphamat

Verbesserung der Muskelfunktionen

  • Tonusregulierung, Stoffwechselanregung, Schmerzlinderung

Entfernung von Zirkulationseinschränkungen   

  • Druckreduzierung, Lymphflussanregung/-regulierung

Schmerzreduktion

  • Reizung der Mechanorezeptoren der Haut 
  • Schmerzdämpfung

Unterstützung der Gelenkfunktion

  • Propriozeptoren, Gelenkstabilisation, 
  • Korrekturanlage

Medikamente

Es sollten so wenig Medikamente wie möglich eingesetzt werden, falls jedoch notwendig, dann so effektiv wie möglich. Hierzu zählen bei der akuten Verletzung z.B. konventionelle Antiphlogistika (wie z.B. Ibuprofen, Diclofenac usw.), Komplexmittel (wie z.B. Arnica, Traumeel usw.), Enzyme (wie z. B. Bromelain, Therazym, Wobenzym usw.), Salben (wie z.B. Arnica-Salbe, CH alpha Gel, Doc-Salbe, Traumeelcreme, Voltarengel usw.). Im akuten Fall fangen wir z. T. auch mit der Gabe von mehreren Mitteln an, wobei so rasch wie möglich die konventionellen Antiphlogistika abgesetzt werden sollten, um nach Schmerzreduktion die lokale Heilung (Verletzung/Wunde…) nicht zu bremsen.

Fazit: Rückblick London 2017 – Ausblick Berlin 2018

Die Leichtathletik WM in London 2017 war für uns als medizinisches Team des DLV in der Vorbereitung in Kienbaum und am Beginn der Adaptationsphase in London eine Meisterschaft, die aus medizinischer Sicht regelrecht und adäquat verlief. Es waren keine schwerwiegenden Verletzungen zu verzeichnen, medizinische Neuerungen konnten gut integriert werden, die medizinische Informationsweitergabe aus Kienbaum nach London funktionierte ohne Reibungsverluste. Ab Donnerstag den 03.08.2017, mit Beginn des Norovirusausbruchs, änderte sich die Sachlage komplett. Im Verlauf konnte man erkennen, dass Sportmedizinbetreuung nicht nur medizinische Kontrolle und Behandlung bedeutet, sondern die Akutsportmedizin viele weitere Aspekte beinhaltet, u.a.:

  • Sportmanagement
  • Gesundheitsmanagement
  • Risikomanagement
  • Psychologisches Management
  • Führungsmanagement

Für die Leichtathletik EM 2018 in Berlin bedeutet dies, dass London letztlich eine sehr gute Vorbereitung war, als medizinisches Team in Krisensituationen noch intensiver und kommuni­kativer intern und erweitert intern (DLV-Leitung/-Trainer…) miteinander zusammen zu arbeiten. Natürlich hoffen wir, dass Berlin diesbezüglich Norovirus-frei und auch anderweitig krisenfrei bleibt. Es ist ein großes Ereignis und eine Ehre für uns, im eigenen Land betreuen zu dürfen und wir hoffen, dass wir mit den Erfahrungen und unserer sportmedizinischen Expertise zu einem guten Gelingen beitragen können. 

Weiterführende Literatur zu den Therapieverfahren

Mesotherapie – Einsatz in der Sportmedizin, Dr. med. Andreas Kastner, sportärztezeitung 04/2017, S.30 – 33

DGM – Deutsche Gesellschaft für Mesotherapie – Praxis der Mesotherapie – nach Dr. Michel Pistor (Übersetzt Dr. Britta Knoll)

DGM – Deutsche Gesellschaft für Mesotherapie – Fortgeschrittenen Kurs – Orthopädie Sportmedizin Schmerztherapie (co. Dr. Knoll) 1999– 2004 Jubiläumsausgabe

Injection Techniques in musculoskeletal medicine – Stephanie Saunders, Steve Longworth – 4. Edition – Churchill Livingstone Elsevier

Injektionen in Gelenke, Sehnen und Muskel – Monica Kesson, Elaine Atkins, Ian Davies – 1. Auflage 2006 – Huber Verlag

Muskelverletzungen im Sport – Müller-Wohlfahrt, Ueblacker, Hänsel – 1. Auflage 2010 – Thieme Verlag

Leitfaden Triggerpunkte – Dominik Irnich – 1. Auflage 2009 – Verlag Elsevier

K Taping: Praxishandbuch, Grundlagen, Anlagetechniken – Birgit Kumbrink – 1. Auflage 2009 – Springer Verlag

Atlas der Palpationsanatomie – S. Tixa (übersetzt v. Jürgen Koebke) – 1. Deutsche Ausgabe 2002 – Hippokrates Verlag

Anatomy Trains/Myofasziale Leitbahnen – Thomas w. Myers – 2. Auflage 2010 – Urban & Fischer Verlag

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ist Facharzt für Chirurgie mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin. Er ist Oberarzt am St. Vinzenz Krankenhaus Hanau, Abteilung für Orthopädie/Unfallchirurgie und Leitender Verbandsarzt des Deutschen Leichtathletikverbandes DLV.

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ist leitender Physiotherapeut im PhysioZentrum Odenwaldkreis GmbH in Erbach. Er ist in Manueller Therapie, Sportphysiotherapie und Medizinischer Trainingstherapie ausgebildet und Physiotherapeut beim Deutschen Leichtathletikverband DLV.

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