Bandscheibenvorfälle der oberen Lendenwirbelsäule machen etwa 5 – 10 % aller lumbalen Diskushernien aus. Extraforaminale beziehungsweise weit lateral gelegene Vorfälle auf Höhe L3/4 sind noch seltener und unterscheiden sich klinisch sowie operativ von den deutlich häufigeren medianen oder mediolateralen Hernien [1 – 3].
In den vergangenen Jahren hat sich die vollendoskopische Bandscheibenchirurgie zunehmend etabliert. Studien berichten über eine mit mikrochirurgischen Verfahren vergleichbare klinische Wirksamkeit bei geringerem zugangsbedingtem Weichteiltrauma [4 – 13]. Dennoch liegen nur wenige Berichte über protrahierte postoperative neuropathische Verläufe trotz technisch erfolgreicher Dekompression vor. Der vorliegende Fallbericht dokumentiert detailliert den klinischen sowie neurophysiologischen prä- und postoperativen Verlauf einer rechtsseitigen L3-Radikulopathie bei lateralem Bandscheibenvorfall L3 / 4.

Patient und Methoden
Ein 47-jähriger Patient berichtete über einen plötzlich einschießenden, messerstichartigen Schmerz tief lumbal rechts. Dieser trat beim ruckartigen Anheben seines hinter ihm sitzenden, dreijährigen Sohnes auf, während der Patient als angeschnallter Fahrer in einem stehenden Pkw saß. In den darauffolgenden Wochen persistierten die tief lumbalen rechtsseitigen Schmerzen und strahlten zunehmend in den ventralen rechten Oberschenkel aus. Etwa drei Wochen nach dem akuten Ereignis entwickelten sich zusätzlich:
- subjektive Schwäche der Hüftbeugung rechts
- Quadrizepsparese rechts
- Hypästhesie des ventralen Oberschenkels rechts
- funktionelle Unsicherheit beim Treppenabstieg
- episodisches Wegsacken des rechten Beines

Klinische und bildgebende Diagnostik
Folgende Untersuchungen wurden durchgeführt:
- klinisch-neurologische einschließlich neurophysiologischer Untersuchung
- Röntgen der LWS in zwei Ebenen
- Röntgenaufnahme des Beckens a.-p.
- MRT der LWS
- invasive Elektromyografie des M. quadriceps femoris
- Oberflächen-EMG mit Muskelmapping des M. quadriceps femoris
- Infrarotthermografie
Die neurologische Untersuchung ergab:
- Hüftbeugerparese rechts, Kraftgrad 4/5 nach Janda
- Quadrizepsparese rechts, Kraftgrad 4/5 nach Janda
- beginnende Atrophie des M. Quadrizeps femoris
- Unsicherheit bei der einbeinigen Kniebeuge rechts
Neurophysiologische Untersuchung
Im EMG zeigten sich:
- akute Denervierungszeichen im M. vastus medialis rechts mit Fibrillationspotenzialen und positiven scharfen Wellen
- keine akuten Denervierungszeichen im M. vastus lateralis rechts
- keine Regenerationspotenziale, entsprechend dem frühen Untersuchungszeitpunkt
Die Befunde wurden als elektrophysiologisches Korrelat einer frischen L3-Radikulopathie gewertet [14, 15].
Therapie und Ergebnisse
Initial erfolgte eine konservative Behandlung mit folgender oraler Medikation:
- Etoricoxib 1-mal täglich zur Nacht
- Metamizol, 20 Tropfen, 1–1–1
- Pregabalin 75 mg, 1–0–2
- Vitamin B1 und B6, 1-mal täglich
- Vitamin B12 und Folsäure, 1-mal täglich
- Omega-3-Fettsäuren 1.500 mg, 1-mal täglich
- Vitamin D3 und K2 (800 I.E. und 20 µg), montags bis freitags jeweils 5 Tropfen täglich
- Curcumin-Loges® plus Boswellia p.o., 1–0–0
- Insumed-Bestform und Trinkmahlzeit (Protein plus löslicher Ballaststoff Nutriose)
- Insumed-Phytoshake (Curcumin, Bromelain, Boswelia)
- Creatine / creapure
Ergänzende Maßnahmen:
- Physiotherapie mit funktionellen Übungen
- Neuraltherapie
- Röntgengestützte therapeutische periradikuläre Therapie (PRT) der rechten L3-Nervenwurzel
Trotz dieser Maßnahmen kam es bei anhaltenden rechtsseitigen lumbalen Rücken-, Oberschenkel- und Psoasschmerzen zu einer klinischen Verschlechterung mit zunehmender Schwäche des rechten M. quadriceps femoris. Aufgrund folgender Befunde wurde die Operationsindikation gestellt:
- persistierende Schmerzen
- elektrophysiologisch gesicherte Denervierung des M. vastus medialis rechts
- beginnende Atrophie des M. quadriceps femoris rechts
- progredientes motorisches Defizit mit Nachgeben des Beines bei Kraftgrad 4/5 nach Janda
Es wurde die Indikation zur operativen Dekompression und Entfernung des Bandscheibenvorfalls L3/4 rechts gestellt [16]. Aufgrund der extraforaminalen Lage fiel die Entscheidung für ein vollendoskopisches Vorgehen.
Operative Therapie
Am 16.06.2026 erfolgte die vollendoskopische Entfernung des lateral und teilweise intraforaminal gelegenen, nach kranial sequestrierten Bandscheibenvorfalls mit Mobilisation der L3-Nervenwurzel.
Unmittelbar postoperativ zeigten sich:
- Quadrizepsparese rechts, Kraftgrad 3/5 nach Janda
- Psoasparese rechts, Kraftgrad 3/5 nach Janda
- Hypästhesie vom Knie bis zum medialen Unterschenkel einschließlich des Innenknöchels (L4-Dermatom)
- Ausfall des Patellarsehnenreflexes rechts
Im weiteren Verlauf bildete sich die Hypästhesie innerhalb von zwei Wochen teilweise zurück. Gleichzeitig traten eine schmerzhafte Allodynie, Hyperalgesie und Dysästhesie an der rechten Schienbeinkante sowie neuropathische Belastungsschmerzen auf.
Postoperative Therapie
- EMG-kontrollierte Physiotherapie
- Osteopathie
- Krankengymnastik und manuelle Therapie
- Neuroathletische Therapie
- EMS-Training
Gerätegestützte Therapiemaßnahmen
MBST®-Kernspinresonanztherapie (Molecular Biophysical Stimulation Therapy)
Durchgeführt wurden:
- 18 Sitzungen MBST®-Neuroprogramm
- 9 Sitzungen MBST®-Bandscheibenprogramm
- Die Behandlung wurde als additive Maßnahme im Rahmen der neurologischen Rehabilitation durchgeführt [17 – 21]
- EMS-Training(Elektromuskelstimulation)
- TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation)
- extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT) am rechten Oberschenkel und rechten Schienbein
Perioperative Ernährung
Begleitend wurde eine entzündungsbewusste, proteinreiche Ernährung umgesetzt. Das Ernährungskonzept orientierte sich an der Online-Fortbildung der sportärztezeitung „Entzündungshemmende Ernährung und Proteine in Orthopädie und Leistungssport“ von Dr. Klaus Pöttgen [22] sowie zusätzlich in Bezug auf perioperative Substitution an den Artikeln von Prof. Dr. Mehdi Shakibaei [23] sowie Dr. Petra Büchin [24, 25]. Die nachfolgend genannten Bestandteile dokumentieren das im individuellen Behandlungsverlauf verwendete Ernährungskonzept; daraus wird keine eigenständige therapeutische Wirksamkeit abgeleitet.
Verwendete Komponenten:
- Omega-3-Fettsäuren aus Fisch- oder Algenöl
- pflanzliche Lebensmittel und Extrakte, darunter Beeren, Kurkumin und Weihrauch (Boswellia) sowie Substitutionen (siehe oben)
- Rote Bete und Sauerkirschen
- Vitamin D3 / K2 (Tropfen) und Mineralstoffe im Rahmen einer bedarfsgerechten Versorgung
Reduzierte Komponenten:
- Fleisch- und Wurstwaren mit hohem Arachidonsäuregehalt
- Industriezucker und Weißmehlprodukte
- Omega-6-reiche Öle bei ungünstigem Verhältnis zur Omega-3-Zufuhr
Ergebnisse
Das EMG-Oberflächenmuskelmapping diente postoperativ zum Monitoring der Aktivierung des Quadrizeps rechts gegenüber links, insbesondere bei beidbeinigen Kniebeugen und einbeiniger Kniebeuge sowie zum Biofeedback-Training (siehe Abb.).


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- https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/12118/phytopharmaka-und-extrakorporale-stosswellen-bei-tendinopathien/
- https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/17903/bandscheibenvorfaelle/
- https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/21910/oxidativer-stress-und-bandscheibendegeneration/
Autoren
ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit den Zusatzbezeichnungen Sportmedizin, Manuelle Therapie, Spezielle Unfallchirurgie und Spezielle Orthopädische Chirurgie. Er besitzt als Wirbelsäulenchirurg seit 2017 das Masterzertifikat der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG) und ist seit 2021 gemeinsam mit Dr. med. Philipp Appelmann leitender Arzt des GALENOS in Mainz. Außerdem ist er seit 2012 Mannschaftsarzt des 1. FSV Mainz 05 und wiss. Beirat der sportärztezeitung.


