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    Wachstums­schmerzen?

    „Ist doch nur Wachstum!“ – warum das im Nachwuchsfußball selten stimmt
    Dr. med. Patrick BelikanBy Dr. med. Patrick Belikan9 Mins Read
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    Im Nachwuchsfußball treffen hohe Trainings- und Wettkampfbelastungen auf ein noch wachsendes Skelett. Belastungsabhängige Schmerzen werden in dieser Phase häufig dem Wachstum zugeschrieben. Wachstum beschreibt jedoch den Risikokontext, nicht die Diagnose. Meist findet sich eine konkrete, behandelbare Ursache; Entscheidend ist die Abgrenzung häufiger Überlastungsbeschwerden von Befunden, die weiter abgeklärt werden müssen.

    Ein typisches Beispiel ist ein 13-jähriger Fußballer mit drei Trainingseinheiten und einem Spiel pro Woche. Seit 10 Monaten bestehen beidseitige Knieschmerzen bei und nach dem Fußball, inzwischen auch beim Treppensteigen am Folgetag. Ein relevantes Trauma, Erguss oder systemische Symptome fehlen. Im Umfeld wurden die Beschwerden als Wachstum eingeordnet. Solche Fälle sind häufig, besonders im Sport [1, 2]. Entscheidend ist jedoch nicht, ob der Spieler wächst, sondern ob das Beschwerdemuster zu Wachstumsschmerzen passt.

    Wachstumsschmerz oder nicht?

    Wachstumsschmerzen sind ein definiertes klinisches Muster und eine Ausschlussdiagnose. Typisch sind intermittierende, meist beidseitige Schmerzen der unteren Extremität, vor allem an Waden, ventralem Oberschenkel oder Schienbein, die bevorzugt abends oder nachts auftreten und morgens vollständig regredient sind [3, 4]. Die klinische Untersuchung ist unauffällig; eine Bild­gebung ist bei typischer Konstellation nicht erforderlich. Belastungsabhängige, lokalisierbare, tagsüber anhaltende oder progrediente Beschwerden sprechen dagegen gegen Wachstumsschmerzen (Abb. 1). Beim 13-Jährigen ist „Wachstumsschmerz“ damit keine tragfähige Arbeitsdiagnose. Belastungsabhängige Beschwerden im Wachstum haben mehrere mögliche Ursachen. Entscheidend sind Lokalisation, Belastungsprofil und Befund: Vorderer Knieschmerz kann apophysär, patellofemoral, ligamentär oder knöchern bedingt sein; Fersen-, Hüft- / Leisten- und Rückenschmerzen erfordern jeweils eigene Differenzialdiagnosen.

    Abb. 1 Merkkasten Wachstumsschmerz

    Die schwache Stelle: die Apophyse

    Atraumatische, sich langsam entwickelnde Beschwerden gehen im wachsenden Skelett häufig von den Apophysen aus. Apophysen sind sekundäre Ossifikationszentren an Sehnenansätzen. Die knorpelige Apophysenfuge ist gegenüber repetitiven Zug- und Scherkräften weniger belastbar als die spätere ossäre Sehnen-Knochen-Verbindung und bildet damit den Locus minoris resistentiae der Muskel-Sehnen-Knochen-Kette. 5 – 15 % aller Verletzungen des Bewegungsapparats bei Nachwuchsfußballern betreffen die Apophysen [5]. Geschädigt werden sie akut oder chronisch. Akut kann es bei maximalem Muskelzug – etwa bei Sprint, Schuss oder abruptem Abbremsen – zur Apophysenavulsion kommen, typischerweise am Becken. Chronisch führen repetitive Traktionsbelastungen zu Mikrotraumatisierung und Reizreaktion der Apophyse; klinisch entspricht dies einer Apophysitis. Häufige Formen sind Morbus Osgood-Schlatter, Sinding-Larsen-Johansson-Syndrom, Morbus Sever [6] und Beckenapophysitiden [5]. Fehlendes Trau­maereignis, schleichender Beginn und belastungsassoziierter Schmerz passen beim 13-Jährigen zu einer chronischen Apophysitis.

    Morbus Osgood-Schlatter

    Am Knie ist der Morbus Osgood-Schlatter die häufigste Form einer Apophysitis. Durch wiederholten Zug der Patellasehne kommt es zur Reizung der Apophyse an der Tuberositas tibiae. Leitsymptom ist der lokalisierte Schmerz, der bei und nach Belastung zunimmt und in Ruhe nachlässt [7]. Betroffen sind etwa 10 % der 12- bis 15-Jährigen, im Nachwuchsleistungsfußball bis zu 17 % [8, 9]. Die Diagnose ist primär klinisch; Bildgebung ist bei atypischem Verlauf, Traumaverdacht oder ausbleibender Besserung indiziert [10]. Beim 13-Jährigen ergeben lokaler Druckschmerz über der Tuberositas tibiae, belastungsabhängige Schmerzprovo­kation und fehlende Warnzeichen die Diagnose eines beidseitigen Morbus Osgood-Schlatter. Die Behandlung ist konservativ [11, 12]: Aufklärung, schmerzadaptierte Belastungssteuerung und Physiotherapie mit Fokus auf Flexibi­lität (Quadrizeps, Hamstrings, Wade) [13, 14] und progressivem Kraftaufbau (Kniestrecker, Hüft- / Beckenstabilität, Beinachse). In der sportärztlichen Praxis sind zudem Stoßwellentherapie [15] sowie die Kontrolle und gegebenenfalls Substitution des Vitamin-D-Status [7] relevant. Belastung bleibt möglich, solange die Beschwerden niedrig bleiben, sich nicht von Einheit zu Einheit verstärken und innerhalb von 24 Stunden auf Ausgangsniveau zurückgehen. Reduziert werden zunächst Sprung-, Sprint-, Richtungswechsel-, Brems- und maximale Schussbelastungen sowie zusätzliche Lastspitzen. Schmerzadaptierter Kraftaufbau und alternatives Ausdauertraining bleiben möglich. Vollbelastung erfolgt, wenn Alltag und fußballspezifische Belastungen auch am Folgetag ohne relevante Schmerzreaktion toleriert werden.

    Wenn „nur Wachstum“ gefährlich wird

    Die meisten Apophysitiden heilen konservativ aus. Einige Ursachen von Schmerzen im Wachstum darf man aber nicht übersehen. Weiter abgeklärt werden müssen Ruheschmerz, Nachtschmerz, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, rezidivierende Gelenkergüsse, neurologische Zeichen, deutliche Funktionseinschränkungen, progrediente Beschwerden, ausbleibende Besserung unter konservativer Therapie, relevantes Trauma, fokale knöcherne Schmerzen mit zunehmender Belastungsintoleranz sowie anhaltende Rückenschmerzen [1]. Gerade Rückenschmerzen verdienen im Jugendalter besondere Aufmerksamkeit. Bei belastungsabhängigen Beschwerden und Schmerzprovokation in Reklination muss insbesondere an eine Spondylolyse gedacht werden [16]. Bildgebung setzt man bei Kindern und Jugendlichen zurückhaltend ein; bei Warnzeichen, persistierendem Verlauf oder konkretem strukturellem Verdacht sollte sie jedoch gezielt erfolgen.

    Reife statt Kalender

    Überlastungsbeschwerden treten nicht gleichmäßig über die Jahre auf, sondern gehäuft rund um die Phase der maximalen Wachstumsgeschwindigkeit, die Peak Height Velocity (PHV). In dieser Phase ist das Verletzungsrisiko erhöht [17 – 20]. Mehrere Faktoren wirken dabei zusammen. Körpergröße, Hebelverhältnisse und neuromuskuläre Kontrolle verändern sich rasch [21 – 23]. Gleichzeitig sind knöcherne und apophysäre Strukturen vorübergehend weniger belastbar und die Muskel-Sehnen-Einheiten verkürzen sich relativ [7, 19, 24]. Dadurch nimmt die Zugbelastung an den Sehnenansätzen zu. Der Zeitpunkt der PHV lässt sich aus einfachen anthropometrischen Daten abschätzen, etwa nach Mirwald oder Moore [25, 26]; bei Jungen liegt er im Mittel um 13,5 Jahre, bei Mädchen um 11,5 – 12,0 Jahren [27]. Für die Belastungssteuerung ist jedoch weniger das kalendarische Alter entscheidend als der biologische Reifestatus. Zwei 13-Jährige können sich in Wachstumstempo, Belastbarkeit und apophysärer Vulnerabilität deutlich unterscheiden. Praktisch genügen regelmäßige Messungen von Körpergröße und Gewicht sowie ein strukturiertes Beschwerdemonitoring, um Belastungsspitzen in vulnerablen Phasen frühzeitig anzupassen.

    Für die praktische Umsetzung eignet sich ein Ampelschema, das Wachstumsgeschwindigkeit und PHV-Nähe in Trainingsentscheidungen übersetzt: Je näher ein Spieler an der PHV liegt und je schneller er wächst, desto aufmerksamer wird die Belastung gesteuert; die rote Stufe entsteht erst im Zusammenspiel mit Beschwerden, Funktion oder Belastung. In der roten Phase werden Sprung-, Richtungswechsel- und Bremslasten reduziert, die Sprintbelastung gezielt dosiert, Erholungszeiten verlängert und Beschwerden eng kontrolliert. In der gelben Phase werden Trainings­volumen und hochintensive Belastungen moderat gesteuert. In der grünen Phase ist normales Training bei weiterem Monitoring von Belastungsinten­sität, Beschwerden, Körpergröße und Gewicht möglich (Abb. 2).

    Abb. 2 Wachstumsmonitoring PHV

    Fazit 

    Belastungsabhängige Beschwerden sind keine Wachstumsschmerzen. Wer das Beschwerdemuster richtig einordnet, stellt eine konkrete Diagnose, steuert Belastung gezielt und erkennt die wenigen Befunde, die weiter abgeklärt werden müssen. Regelmäßige Erfassung von Wachstum, Reifestatus und Beschwerden hilft, Belastungsspitzen rund um die PHV anzupassen und Überlastungen vorzubeugen. Wachstum erklärt nicht die konkrete Schmerzursache, sondern den Kontext, in dem genaues Hinsehen besonders wichtig ist.

    Literatur

    1. S2k-Leitlinie Muskuloskelettale Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen – Ein Algorithmus zur differenzialdiagnostischen Abklärung eines häufigen Leitsymptoms in der Kinder- und Jugendmedizin. 2020.
    2. Elvira-Aranda C, Pérez-Turpin JA, Suárez-Llorca C, Pérez M, De-Castellar R. Growing Pains and Dietary Habits in Young Athletes: A Cross-Sectional Survey. Nutrients. 2025;17(14):2384.
    3. Adolf S, Braun S, Meurer A. Wachstumsschmerzen: Ursprung, Bedeutung und Behandlung. Orthopäde. 2019;48(6):461-468.
    4. Lehman PJ, Carl RL. Growing Pains. Sports Health. 2017;9(2):132-138.
    5. Gudelis M, Perez LT, Cabello JT, Leal DM, Monaco M, Sugimoto D. Apophysitis Among Male Youth Soccer Players at an Elite Soccer Academy Over 7 Seasons. Orthop J Sports Med. 2022;10(1):23259671211065063.
    6. Belikan P, Färber LC, Abel F, Nowak TE, Drees P, Mattyasovszky SG. Incidence of calcaneal apophysitis (Sever’s disease) and return-to-play in adolescent athletes of a German youth soccer academy: a retrospective study of 10 years. J Orthop Surg Res. 2022;17(1):83.
    7. Corbi F, Matas S, Álvarez-Herms J, et al. Osgood-Schlatter Disease: Appearance, Diagnosis and Treatment: A Narrative Review. Healthcare (Basel). 2022;10(6):1011.
    8. de Lucena GL, dos Santos Gomes C, Guerra RO. Prevalence and associated factors of Osgood-Schlatter syndrome in a population-based sample of Brazilian adolescents. Am J Sports Med. 2011;39(2):415-420.
    9. Schultz M, Tol JL, Veltman L, van der Kaaden L, Reurink G. Osgood-Schlatter Disease in youth elite football: Minimal time-loss and no association with clinical and ultrasonographic factors. Phys Ther Sport. 2022;55:98-105.
    10. Ciatawi K, Dusak IWS. Osgood-Schlatter disease: a review of current diagnosis and management. Curr Orthop Pract. 2022;33(3):294-298.
    11. Bezuglov EN, Tikhonova AA, Chubarovskiy PV, et al. Conservative treatment of Osgood-Schlatter disease among young professional soccer players. Int Orthop. 2020;44(9):1737-1743.
    12. Neuhaus C, Appenzeller-Herzog C, Faude O. A systematic review on conservative treatment options for Osgood-Schlatter disease. Phys Ther Sport. 2021;49:178-187.
    13. Takei S, Torii S, Taketomi S, et al. Developmental stage and lower quadriceps flexibilities and decreased gastrocnemius flexibilities are predictive risk factors for developing Osgood-Schlatter disease in adolescent male soccer players. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2023;31(8):3330-3338.
    14. Watanabe H, Fujii M, Yoshimoto M, et al. Pathogenic Factors Associated With Osgood-Schlatter Disease in Adolescent Male Soccer Players: A Prospective Cohort Study. Orthop J Sports Med. 2018;6(8):2325967118792192.
    15. Lohrer H, Nauck T, Schöll J, Zwerver J, Malliaropoulos N. Einsatz der extrakorporalen Stoßwellentherapie bei therapieresistentem M. Schlatter. Sportverletz Sportschaden. 2012;26(4):218-222.
    16. Selhorst M, Allen M, McHugh R, MacDonald J. Rehabilitation considerations for spondylolysis in the youth athlete. Int J Sports Phys Ther. 2020;15(2):287-300.
    17. Monasterio X, Gil S, Bidaurrazaga-Letona I, et al. Peak Height Velocity Affects Injury Burden in Circa-PHV Soccer Players. Int J Sports Med. 2023;44(4):292-297.
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    19. Bult HJ, Barendrecht M, Tak IJR. Injury Risk and Injury Burden Are Related to Age Group and Peak Height Velocity Among Talented Male Youth Soccer Players. Orthop J Sports Med. 2018;6(12):2325967118811042.
    20. Parry GN, Williams S, McKay CD, Johnson DJ, Bergeron MF, Cumming SP. Associations between growth, maturation and injury in youth athletes engaged in elite pathways: a scoping review. Br J Sports Med. 2024;58(17):1001-1010.
    21. Quatman-Yates CC, Quatman CE, Meszaros AJ, Paterno MV, Hewett TE. A systematic review of sensorimotor function during adolescence: a developmental stage of increased motor awkwardness? Br J Sports Med. 2012;46(9):649-655.
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    27. Kelly A, Winer KK, Kalkwarf H, et al. Age-based reference ranges for annual height velocity in US children. J Clin Endocrinol Metab. 2014;99(6):2104-2112.
    28. Curnyn S, Leslie M, Cumming S, Palmer D, Williams S. Associations between growth, maturation and non-contact injury risk in Scottish male academy football: a prospective multi-academy study. Ann Hum Biol. 2026;53(1):2673847.

    Autoren

    Dr. med. Patrick Belikan
    Website

    » Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Zusatzbezeichnungen Sportmedizin, Manuelle Medizin/Chirotherapie
    » Inhaber Praxis für Orthopädie und Sportmedizin – Dr. Abel & Dr. Belikan, Alzey
    » Arzt des Nachwuchsleistungszentrums des 1. FSV Mainz 05 & Verbandsarzt Südwestdeutscher Fußballverband e.V.

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