KiD – Kraft in der Dehnung

Das perfekte Training für Sporttherapie, Prävention und Leistungsoptimierung

Lesezeit: 5 Minuten

Muskel-Faszien-Längentraining in Form der KiD-Übungen (Kraft in der Dehnung) etabliert sich im Profifußball, in Prävention und der Rehabilitation sowie in der Athletik gleichermaßen. Das aus der Myo­reflextherapie abgeleitete Training in verlängerten Positionen und gelenkübergreifenden Aktivierungsmustern führt zur Leistungsoptimierung in der Synchronisierung von Muskeln, Faszien und Ligamenten.  

Dehnung und Kräftigung: KiD – Kraft in der Dehnung

Die herkömmlichen und gängigen Dehnungsmethoden beschreiben zum einen ein dynamisches Dehnen; hier wird der „Zielmuskel durch leichtes Federn im Wechsel gedehnt und entspannt“. Das statische Dehnen andererseits gliedert sich auf in ein statisch-passives Dehnen sowie ein statisch-aktives Dehnen. Letzteres „gliedert sich in das CR-Stretching (Contract-Relax), bei dem der Zielmuskel vor der Dehnung angespannt wird, und das AC-Stretching (Antagonist-­Contract), bei dem der Antagonist des Zielmuskels während der Dehnung angespannt wird, um die finale Dehnposition zu erreichen.“ [1] Beim Krafttraining auf der anderen Seite wird üblicherweise in die Verkürzung aktiviert. Bestenfalls soll beim Krafttraining „dabei immer über die volle Range of Motion (ROM), also den gesamten maximal möglichen Bewegungsradius, erfolgen, sowie die exzentrische, also die nachgebende, Arbeitsphase des Muskels betont werden.“ [1] KiD – Kraft in der Dehnung, d.h. Kraftentfaltung in maximaler Dehnungsposition kombiniert Dehnungs- und Kraft-Training. 

Dieses Konzept des Muskeltrainings und der körperlichen Aktivierung unterscheidet die KiD-Übungen vom normalen, passiven Dehnen. Die Aktivierung in der Maximallänge, die gehalten; d. h. der nur ganz gering und federnd nachgegeben wird, führt dazu, dass die Messwerte der Muskeln und Faszien übersteuern. Dabei werden vor allem die Ursprungs- und Ansatzregionen der einzelnen Muskeln und des extrazellulären Systems in aktivierte Zustände versetzt. Bei den KiD-Übungen wie auch bei der Myoreflextherapie wird ein neuromuskulärer Zustand in den Vordergrund der natürlichen Selbstwahrnehmung gerückt – und so einer Regulation des Körpers (wieder) zugänglich gemacht.  

KiD bedeutet also

  • Nicht passiv dehnen, sondern aktiv, aus verlängerter Muskelfunktions-Position, gegen Widerstand anspannen. Passives Dehnen zeigt nur kleine Effekte über wenige Minuten. 
  • KiD- Kraft in der Dehnung und aus verlängerter Position heraus gegen Widerstand garantiert physiologisch aktiv längere Muskel-Faszien-Strukturelemente und deren Synchronisierung. Sarkomere, extrazelluläres Bindegewebe, Sehnen und fasziale Strukturen werden in Serie, in verbesserte aktive ROM (range of motion) und damit in bessere Elastizität und höhere Leistungsfähigkeit trainiert. 
  • Strecken – und dann sanfte Kraftentwicklung gegen Widerstand. Über KiD mit aktivem Stretch
    in eine bessere ROM. 
  • Nicht einzelne Muskeln dehnen, sondern ganze Bewegungs-Ketten nachhaltig in die Länge trainieren.
    Der aktive Stretch ermöglicht neuronale und metabolische Anpassungen und damit große Wirkungen über längere Zeiträume.
  • „Schwachstellen-Training“, die relativ schwächsten und verkürzten Muskel-Faszien-Gruppen werden aktiv
    in die Verlängerung trainiert.
  • KiD-Schmerzen erfolgreich überwinden: Nicht gegen den Schmerz, da wo es weh tut, sondern kausal über die verlängerte Muskel-Faszien-Kette der Gegenseite. 
  • Die relative aktive Muskellänge (raM) und eine verbesserte ROM der scheinbar unauffälligen, nicht schmerzhaften Region garantiert Entlastung der schmerzhaften Überlastung.
  • „Neurotraining“, das Ungewohnte, das Vergessene, das Schwächste, das Überspannte, das aus dem Lot geratene wird überraschend in die Länge aktiviert. 
  • Die „andere Seite“ und mehr: Als Attribut des Gleichgewichts werden die Gegen­spieler- Ketten aktiv aus verlängerter Position gegen Widerstand in die Länge trainiert. Diese Aktivitätsmuster leiten eine unmittelbare Entlastung und Entspannung ihrer funktionellen Gegenspieler und deren Muskel-Faszien-Kette ein. Danach erst wird die primär gewünschte, „vordergründige“ Muskel-Faszien-Kette gegen Widerstand
    in die Länge aktiviert.

Gesamt-Aktivierungen von Muskel-Ketten über mehrere Gelenke hinweg

Funktionelle Ketten – Beuger und Strecker & Gelenk-übergreifende Gesamt-Aktivierungen

In allen Bewegungen spielen mehrere Muskel- und Fasziengruppen feinabgestimmt miteinander. Ein Zusammenziehen des Bizeps-Muskels verlangt die Passivität und Aufdehnung des Trizeps-Muskels. Dabei arbeiten diese beiden Muskeln fein abgestimmt miteinander. Die relative Verkürzung  einer dieser muskulären Partner führt dazu, dass sein Gegenüber ebenfalls eingeschränkt und gebremst wird. Zudem sind eine ganze Reihe funktioneller agonistischer und antagonistischer Funktionsketten beteiligt. Jedes sinnvolle Training verlangt somit die Mitberücksichtigung verschiedener Arbeitspartner. Geschieht dies nicht, wird auch eine scheinbar gut trainierte Oberschenkel-Streckmuskulatur durch verkürzte Beuger regelrecht behindert und gebremst. Eine ausbalancierte Entwicklung der relativen aktiven Muskellänge aller Mitspieler im Orchester der Bewegung ist entscheidend. [2] Nicht einzelne Muskeln oder Muskelpartien, sondern ganze Muskelketten bzw. Muskelmeridiane [3] werden über mehrere Gelenke hinweg gedehnt und aktiviert. (Studienansätze der Vergangenheit, die biomechanische Hebel über isolierte, einfache Gelenkfunktionen betrachten, um dann Kraftwirkungen zu berechnen, verlieren immer mehr an Bedeutung.) 

Entstehung, Begründung

Das Konzept der KiD-Übungen und des aktiven Widerstandstrainings in die Länge entwickelte sich als mehrdimensionales Muskel-Faszien-Längentraining von 1987  bis heute. Initial inspirierte das Studium von Akupunktursystemen und Muskelmeridianen die Entwicklung des Konzepts. Zeitgleich bestimmten die Lehrjahre unter der Obhut des Facharztes für Orthopädie, Chirotherapie und manuelle Medizin, Dr. med. Tilman Goerttler sowie des Biokinematik-Arztes Walter Packi die weiteren Schritte. Diese ersten biokinematischen Übungen – in der Schnittmenge mit aktiven Meri­dian-Dehnungsübungen – leiteten 1987/88 das Prinzip der KiD-Übungen ein: In Konsequenz dieser Formulierungen von Otto Bergsmann und Walter Packi können nach Kurt Mosetter Meridiane seit 1987/88 als Kombination von Muskel-Ursprüngen und Ansätzen und als Kinetische Ketten betrachtet werden – und damit als solche trainiert werden. Muskeln arbeiten nie isoliert, sondern sind stets in Funktion mit Bindegewebe, Sehnen und Fas­zien zusammen aktiv und synchronisiert. Die AKTIVE Meridian–Dehnung wird so als KiD, als Kraft in der Dehnung geboren. Im Jahr 2015 folgen wissenschaftliche Betrachtungen in medizinischen Journalen wie den Archieves of physical medicine and rehabilitation. „The present systematic review suggests that most skeletal muscles of the human body are directly linked by connective tissue. Examining the functional relevance of these myofascial chains is the most urgent task of future research. Strain transmission along meridians would both open a new frontier for the understanding of referred pain and provide a rationale for the development of more holistic treatment approaches.“ [4]

Dehnbelastung unterschiedlicher faszialer Muskelanteile (Robert Schleip) 

Aus der Perspektive von Ida Rolf und der Faszienforschung empfiehlt Robert Schleip die KiD Übungen seit nunmehr 25 Jahren. Die Faszien­forschung bestätigt, dass für die Strukturen der Faszien und Sehnen passive Maßnahmen eine gewisse Entlastung ermöglichen, jedoch erst aktive Anspannungen in der vollen Muskel-Länge die Muskeln, Sehnen und das fasziale System aktiv elastischer trainieren. Bei den KiD-Übungen geht es um die Aktivierung und Belastung unterschiedlicher Muskel- und Faszien-Anteile. Durch die Erkenntnisse der Faszienforschung und des faszien-orientierten Trainings der letzten Jahre findet sich das bewährte Prinzip der KiD-Übungen noch einmal vortrefflich bestätigt und hinsichtlich der Wirkweise detailliert bekräftigt: Bei der „klassischen Muskelarbeit“ kontrahieren und verkürzen vorrangig die Muskelfasern; das Fas­ziengewebe wird zudem kaum angesprochen. Beim „klassischen Dehnen“ ist es quasi umgekehrt. Hier bleiben die Muskelfasern passiv, sie spannen nicht an. Und da die Verlängerung von den Muskelfasern „geschluckt wird“, werden auch die Faseranteile nicht wesentlich gedehnt oder stimuliert. Diese beiden Trainings-Konzepte können so nur geringfügig greifen. Anders bei der „aktiven Dehnbelastung: Hier ist der Muskel aktiv und wird zusätzlich im endgradigen Bereich belastet. In dieser Konfiguration werden die meisten faszialen Anteile gedehnt und stimuliert.“ [5] Mit den Worten des Faszienforschers van der Wal werden hier sog. „Dynamente“ trainiert [6]. „Am Wirkungsvollsten für den zusätzlichen Aufbau von elastischen Fasern ist eine dynamische Muskelanforderung, die beides im Angebot hat, also kraftaufbauend und gleichzeitig dehnend ist. Das wird z. B. bei Muskelaktivität gegen Widerstand und am besten in einer lang gedehnten Position erreicht.“ [7] – also nach dem Prinzip von KiD: Kraft in der Dehnung. [8]  

Zunahme der Anzahl Sarkomere in Serie (Marco Toigo) 

Der Physiologe und Sportwissenschaftler Marco Toigo differenziert unterschiedliche Trainingsvarianten: Ein Königsweg seit 1996 heißt: Längentraining. Über den vollen Umfang der Bewegungsmöglichkeit soll gegen Widerstand trainiert werden: Sarkomere werden somit in Serie angebaut und die ROM nimmt zu. „Es ist schon lange bekannt, dass sich Muskeln an eine neue funktionelle Länge anpassen können, indem an den Enden von Myofibrillen neue Sarkomere in Serie addiert oder entfernt werden. […Aktivierung] bei langer Muskellänge (in gedehnter Position) resultiert in einer Zunahme der Anzahl Sarkomere in Serie. Umgekehrt führt Immobilisation bei kurzer Muskellänge (in verkürzter Position) zu einer Abnahme der Anzahl Sarkomere in Serie. Diese Veränderungen gehen einher mit einer Remodellierung des Bindegewebes. […] Aus der «popping sarcomere hypothesis» lässt sich folgern, dass «konventionelles» Ausdauertraining (z. B. Velofahren, Cross-Trainer, Stepper usw.), bei dem die entsprechenden Muskeln vorwiegend verkürzende Kontraktionen bei tendenziell verkürzter Muskellänge durchführen, zu einer Abnahme der seriellen Sarkomerzahl führt. Eine solche strukturelle Muskelverkürzung geht einher mit einer Abnahme im Bewegungsausmaß (Range of Motion [ROM]).

[…] Allgemein ist eine Abnahme des ROM und der damit verbundenen funktionellen­Implikationen (z. B. Abnahme der Beweglichkeit, intermuskuläre Dysbalancen) im Rahmen von gesundheitspräventiven Überlegungen nicht erwünscht. […] Um den funktionellen ROM mittels Modulation der seriellen Sarkomerzahl zu erhalten oder zu erhöhen, scheint daher Krafttraining, welches exzentrische Kontrak­tionen über einen möglichst großen Gelenksumfang beinhaltet, aus gesundheitspräventiver Sicht die Methode der Wahl zu sein. Hier können die entsprechenden Muskeln (z.B. M. iliopsoas) auch gezielt über den vollen Bewegungsumfang exzentrisch mit Widerstand versorgt werden.“ [9] 

Die vollständige Literaturliste und weitere wissenschaftliche Forschungsergebnisse sowie weiterführende Literatur zu KiD-Konzepte können Sie unter info@thesportgroup.de anfordern.

weitere Artikel

ist Arzt und Heilpraktiker. Er spezialisierte sich auf die Physik des neuromuskulären Systems bei Schmerzen des Bewegungsapparates und ist Begründer der Myoreflextherapie (www.myoreflex.de). Kurt Mosetter leitet das Zentrum für interdisziplinäre Therapien (ZiT) in Konstanz sowie die Vesalius Ausbildungsgesellschaft. Unter der Leitung von Ralf Rangnick betreute er die Spieler der TSG 1899 Hoffenheim und des RB Leipzig (jeweils Fußball-Bundesliga) sowie viele weitere (Hoch)Leistungssportler.

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