Mimik und Mund-Nasenschutz

Bedeutung & Auswirkung in der Arzt-Patienten-Kommunikation

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Die Mund-Nasen-Bedeckung ist zum ständigen Begleiter in unserem Alltag geworden. Hinsichtlich der Arzt-Patienten-Kommunikation zeigen sich zwei völlig divergente Reaktionen. Was für den einen Patienten mehr Sicherheit bietet, stellt für den anderen eine gesteigerte Verunsicherung da. Für schüchterne Patienten bietet diese Form der „Maskierung“ auch eine Art Schutz hinter der man sich teilweise verstecken kann. Für unsichere Patienten baut die Maske noch mehr Distanz zum Arzt auf und mindert die Möglichkeit schnell eine Vertrauensebene herzustellen. Nun braucht es mehr als ein Lächeln und einen angenehmen Stimmklang, um zu diesem Patienten eine gute und vertrauensvolle Beziehungsebene aufzubauen. 

Die Mimik ist das Fenster zu unseren Emotionen. Wir können mehr als 10.000 Gesichtsausdrücke mit nur 43 Muskeln erzeugen. Das Besondere daran ist, dass sich diese Muskelkombinationen international auf der ganzen Welt denselben Emotionen zuordnen lassen. Ausdruck und Resonanz der Emotionen im Gesicht sind universell gleichbedeutend, anders als die Körpersprache, welche kulturell bedingt ist und teilweise kulturübergreifend ganz unterschiedliche Signale sendet. Fokussieren wir uns auf die im persönlichen Gespräch wirklich relevanten Gesichtsausdrücke, so sprechen wir in der Neuropsychologie von 7 Basisemotionen wie Freude, Furcht, Ärger, Trauer, Überraschung, Ekel und Verachtung, die sich eindeutigen Muskelkontraktionen zuordnen lassen und in der Arzt-Patienten- Kommunikation von Bedeutung sein können.

Vorzugsweise im mittleren limbischen System rufen wir unsere Emotionen ab, die sich ungebremst in unserer Gesichtsmimik widerspiegeln. Selbst der Versuch dies zu unterdrücken kann nicht gelingen, da wir wenigsten für ein 15tel einer Sekunde die Emotionen im Gesicht widerspiegeln. Durch die ausgelöste Emotion befinden wir uns für einen kurzen Moment in einer Refraktärphase, welche das Denkhirn daran hindert einzugreifen und die Situation sachlich aufzulösen. Wir sind dadurch nicht im Stande statt des aufkeimenden Gefühls ein Pokerface aufzusetzen. Das Lächeln huscht dennoch kurz über das Gesicht, die aufkeimende Wut wird am angespannten unteren Augenlid und dem stechenden Blick sichtbar und auch das für einen kurzen Moment einseitige Hochziehen des Mundwinkels zum Ausdruck der Verachtung ist für das geschulte Auge nicht zu übersehen. Wer die Maske wie gewünscht trägt, bedeckt entscheidende Bereiche der mimischen Resonanz. So bleiben uns nur noch ein kleiner Bereich der Nase, die Augen selbst, sowie die Augenbrauen und Stirn. Doch selbst dieser kleine Ausschnitt zeigt uns von 7 Grundemotionen zumindest 5 auf, die wir anhand der kontrahierten Muskeln identifizieren können.

Herausforderung für Arzt und Patient

Für den Arzt wie für den Patienten ist es eine neue Herausforderung die Kommunikation trotz dieser visuellen Einschränkung unmissverständlich zu gestalten. Hat uns doch die mimische Rückkopplung zuvor immer wieder die Möglichkeit der Rückbestätigung gegeben, dass unser Gegenüber dem Gespräch folgen kann und wir gleichfalls seinen Gemütszustand und seine Stimmung ablesen können. Dennoch ist es möglich mit der Kenntnis von wenigen Signalen die Emotionen trotz Maske sichtbar zu machen.

Das Gesicht lässt sich in Bezug der emotionalen Resonanz, des mimischen Ausdrucks in drei Bereiche aufteilen.

Oberer Bereich:              Augenbrauen und Augen,

Mittlerer Bereich:           Nase

Unterer Bereich:             Mund und Kinn

Angst, Ärger und Trauer können wir an Augenbrauen und Stirn voneinander unterscheiden. Bei Ärger werden im Gegensatz zur Trauer die Augenbrauen nach unten zusammengezogen, während das obere Augenlid leicht angehoben wird und das untere Augenlid angespannt ist. Interessant ist daran, dass dieser fokussierte Blick bei Ärger schwer nachzustellen ist, während wir die Emotion selbst nicht erleben, da unsere Gesichtsmuskeln teilweise willentlich, aber auch teilweise unwillkürlich, also nur über die Emotion selbst, gesteuert werden können. Wer den wahren Ausdruck von Ärger zeigen möchte, sollte ihn auch spüren, um die unwillkürlichen Muskeln kontrahieren zu können. Manche Patienten zeigen diesen fokussierten, ärgerlichen Gesichtsausdruck auch wenn sie den Arzt inhaltlich nicht verstanden haben. Bei Trauer ziehen sich wiederum die Augenbrauen an der Innenseite nach oben zusammen, sodass jede Braue eine leichte S-Kurve bildet. Zeigen wir Angst, gehen die Augenbrauen ebenfalls nach oben und ziehen sich in der Mitte zusammen, sodass sich in der Mitte der Stirn Falten bilden. Auch die oberen Augenlider gehen dabei hoch, durch dass sich das Auge mehr zu öffnen scheint und wir in verängstigte Augen blicken.  Überraschung signalisieren uns die Augen durch das weite Öffnen, genauso wie die Augenbrauen, die sich nach oben anheben und damit die weit geöffneten Augen optisch noch größer erscheinen lassen.

Auch die schönste Emotion, die Freude, lässt sich ohne das berühmte und beliebte Lächeln erkennen. Denn nicht nur das große Jochbein kontrahiert, um die Mundwinkel nach oben zu bewegen, sondern auch der Ringmuskel der Augen wird aktiviert was wir an dem leichten Absenken der äußeren Augenbraue sehen können, wodurch das Auge etwas kleiner erscheint bei einem strahlenden Lächeln. Während Ekel und Verachtung die beiden Gesichtsausdrücke sind, welche sich vor allem im mittleren und unteren Bereich des Gesichts widerspiegeln und in der Augenpartie kaum signalisiert werden. Mit Mundschutz bleiben uns bei diesen Emotionen nur noch die Stimmlage, Körpersprache und Wortwahl. Hier kann es tatsächlich zu Fehlinterpretationen und Missverständnissen kommen.

Besonderheit Kinder

Kleine Patienten, wie Vorschulkinder lesen Emotionen im Gesicht statt an den Augen, vor allem im Mundbereich, also an der unteren Partie des Gesichts ab, der mit der Maske nun bedeckt ist; für Kinderärzte eine zusätzliche Herausforderung. Bis zum 5ten Lebensjahr achten Kinder insgesamt vor allem auf unseren nonverbalen Ausdruck und unsere Stimmlage in der Kommunikation. Das gesprochene Wort hat für sie bis zu diesem Alter einen eher niedrigen Wirkungsgrad in der Interaktion. Durch die Maskierung bekommt die Gestikulation nun einen ganz neuen Stellenwert. In der Gehirnforschung konnte bereits festgestellt werden, dass unsere Denkgeschwindigkeit und unser verbaler Ausdruck aktiv durch Gestikulation unterstützt werden, gleichfalls können Kleinkinder die Muttersprache nachweislich schneller erlernen, wenn sie diese mit aktiver Untermalung von Gesten erfahren. Nun zeigt sich auch in der Kommunikation mit Maske deutlich, dass die Gestik unabdingbar wird, nicht nur um Missverständnisse zu vermeiden, sondern, um sich überhaupt deutlich verständlich machen zu können. Mit dem halbverhüllten Gesicht ist es mehr denn je von Bedeutung den fehlenden Gesichtsausdruck mit deutlichen Gesten zu ersetzen. Die Übertreibung dient dem klareren Verständnis und der Reduktion von Missverständnissen. Der Begleitumstand, dass wir weniger Emotionen erkennen und damit auch weniger Emotionen im Gespräch transportieren können in Kombination mit der größeren Abstandshaltung zum Gesprächspartner, könnte ein auslösender Faktor dafür sein, dass die Gespräche selbst auch emotionsloser werden und vielmehr eine persönliche Distanziertheit empfunden wird, statt einer vertrauensvollen Beziehungsebene.

Wie wirkt sich dies auf das Verhältnis Arzt-Patient aus?

Dank der Neuropsychologie wissen wir, dass Menschen, die sich mögen, sich gegenseitig in der Körperhaltung, Gestikulation, Mimik, im Sprechtempo und sogar in der Wortwahl spiegeln. In der Psychologie wird dieses Phänomen „Mimikry“ genannt. Da wir als einzelnes Individuum nicht überleben können, ist die Integration in die Gruppe überlebensnotwendig. Forscher haben bereits 1996 im Gehirn Neuronen entdeckt, welche dafür zuständig sind, dass wir die Person spiegeln, welche uns angenehm und sympathisch ist. Diese sogenannten Spiegelneuronen, sorgen insofern dafür, dass wir mit dem Grad der Sympathie auch den Grad der Spiegelung des Gegenübers intensivieren. Das kommunikative Hindernis „Maske“ kann insofern gemindert werden, wenn wir unseren Gesprächspartner bewusst und aktiv spiegeln.

Gehen Sie mit Ihrem Gesprächspartner mit, ohne ihn zu imitieren. Bleiben wir uns selbst dabei treu und spiegeln nur annähernd die Haltung des Anderen wider, fühlen nicht nur wir uns wohl im Gespräch, sondern gleichfalls auch unser Gesprächspartner. Gerade in der Arztpraxis ist dies von besonderer Bedeutung. Vertrauen, Wohlgefühl und Sympathie leiten wir durch das Mimikry ab und können es damit aktiv verstärken. Eine wichtige Essenz im Arzt-Patienten-Verhältnis.

Tipps für die Arzt-Patienten Kommunikation mit Maske:

Spiegeln Sie leicht Körsprache, Sprechtempo und Haltung ihres Patienten. Fühlen wir uns wohl in der Gegenwart des anderen, spiegeln wir ihn etwas. Dadurch baut sich eine Beziehungsebene zum Gesprächspartner auf für ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Gespräch.

Gestikulieren sie aktiver und deutlicher als es für Sie typisch ist. Durch die Gestikulation können Sie nicht nur die gedämpfte Stimmmodulation etwas ausgleichen, sondern auch ihre gewünschte Betonung untermalen.

Sprechen Sie etwas lauter. Nicht nur durch die Dämpfung der Akustik sind wir etwas weniger gut hörbar, sondern auch dadurch, dass unser Gesprächspartner nicht mehr von den Lippen ablesen kann. Manche Menschen mit mangelndem Hörverständnis haben sich angewöhnt auf die Lippenbewegung zu achten, um das Hörproblem optisch auszugleichen.

Machen Sie kürzere Sätze. Durch prägnanteres Sprechen und kurzen Pausen dazwischen haben Sie die Möglichkeit die Reaktion des Patienten auch in kürzeren Abständen abzuschätzen, um Missverständnisse frühzeitig zu erkennen.

Setzen Sie ihre Mimik noch ausdrucksstärker ein. Durch das verstärkte Mienenspiel hat es ihr Patient leichter ihre Emotionen trotz Maskierung zu erkennen und gewinnt dadurch mehr Vertrauen zu Ihnen.

Mund-Nasen-Schutz


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studierte Erwachsenenbildung und Erziehungswissenschaft (Promotion Erziehungswissenschaft, Bildungs­Sponsoring). Sie war fünf Jahre Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg und ist seit 1999 selbständige Seminarleiterin und Coach in der betrieblichen Bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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