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    Bedeutung der Sitzergonomie

    Radfahren und Beschwerden im Genital- und Dammbereich
    Dr. med. Stefan StaudteBy Dr. med. Stefan Staudte5 Mins Read
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    © Jan Greune
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    Radfahren ist eine der beliebtesten Sportarten mit einer sportmedizinischen Besonderheit: Ein großer Teil des Körpergewichts lastet auf der kleinen Fläche des Sattels. Das kann pathologische Druck- und Scherkräfte im Damm und Genitalbereich erzeugen. Die Symptome betreffen Frauen und Männer: Druckempfindlichkeit, Hautirritationen, Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle, Schmerzen und Störungen der Blasenentleerung sowie Sexualität [1 – 4, 5, 8]. 

    Sportmedizinisch ist eine differenzierte Betrachtung wichtig. Das Radfahren an sich ist nicht das Problem. Zu betrachten sind Stärke, Dauer und Verteilung der Belastung im Rahmen der individuellen Anatomie, der Sitzposition und des Sattels.

    Mechanische Belastung des Damms

    Günstigerweise wird die Hauptlast von den belastbaren Sitzbeinhöckern und angrenzenden Strukturen aufgenommen. Abhängig von Sattelgeometrie und Sitzposition kann sich der Druck auf den vorderen Damm- und Genitalbereich verlagern. Dort liegen sensible Nerven und Gefäße, beim Mann zudem die Harnröhre und der Penisschwellkörper. Die Sauerstoffversorgung des Penis ist während des Radfahrens um bis zu 82 % reduziert [5]. Auch bildgebend mittels MRT lässt sich eine relevante Kompression der perinealen Strukturen nachweisen [6]. Es besteht also ein klarer Zusammenhang zwischen Beschwerden im perineal-genitalen Bereich und ungünstiger Druckverteilung.

    Frauen und Männer: unterschiedliche Anatomie, gemeinsamer Belastungsmechanismus

    Die Anatomie ist bei Frauen und Männern unterschiedlich. Bei Männern sind Hoden, Penis, Harnröhre, Damm sowie deren Nerven und Gefäße dem Satteldruck ausgesetzt. Bei Frauen sind Vulva, Labien, Klitoris, Harnröhrenausgang, angrenzende Weichteilstrukturen sowie Nerven und Gefäße betroffen. Die Beschwerden werden jedoch nicht nur durch das Geschlecht bestimmt. Beckenform, Sitzbeinhöckerabstand, Sattelform und Sitzposition bestimmen gemeinsam die Druckverteilung. Ein geschlechtsspezifischer Sattel bietet lediglich eine Orientierung; entscheidend ist eine individuelle Anpassung an die anatomischen Gegebenheiten der Sportler und Sportlerinnen.

    Sattelbreite und Auflagefläche

    Einem zu schmalen Sattel fehlen die Auflageflächen für die Sitzbeinhöcker, wodurch der Druck mittig auf das Perineum verlagert wird. Umgekehrt hat ein breiter Sattel nicht konsekutiv eine bessere Druckverteilung. Zu viel Breite schränkt die Bewegungsfreiheit ein und verstärkt die Reibung im Schritt. Die optimale Sattelbreite wird individuell mit Messung des Sitzbeinhöckerabstands und der Art der Sitzposition bestimmt.

    Entlastungszonen: sinnvoll, aber kein alleiniger Qualitätsparameter

    Viele moderne Sättel verfügen über eine mittige Aussparung oder eine abgesenkte Zone zur Entlastung des Damms.  Eine Aussparung allein garantiert jedoch keine gute Druckverteilung. Je nach Sattelform, Sitzposition und Anatomie ergeben sich Druckspitzen im Randbereich einer Aussparung. Gleiche Satteldesigns können unterschiedliche Druckmuster aufweisen [1, 8, 9]. Die Härte des Sattelpolsters ist ebenfalls wichtig für die Druckverteilung. Die Annahme, ein weicher Sattel sei grundsätzlich schonender, trifft nicht zu. Untersuchungen ergaben, dass weiche Sättel für sportliche beziehungsweise längere Fahrten nicht empfehlenswert sind [5].

    Sitz- und Sattelposition: wesentliche Einflussfaktoren

    Auch die Körperposition beeinflusst die Druckverteilung erheblich. Eine stärker nach vorne geneigte Sitzposition erhöht den Druck im vorderen Dammbereich [7, 9]. Im Radsport wird eine aerodynamische, nach vorne orientierte Position bevorzugt. Hier müssen die Anordnung von Sattel und Lenker sowie die Körperhaltung genau aufeinander abgestimmt sein.

    Dauer der Belastung und regelmäßige Entlastung

    Sowohl die Stärke als auch die Dauer des Drucks sind von Bedeutung. Eine Belastung, die bei kurzen Fahrten toleriert wird, kann sich bei längeren Fahrten zu einem relevanten Problem entwickeln. Regelmäßige Positionswechsel und Entlastungsphasen vermeiden eine kontinuierliche Kompression. Das zeitweise Aufstehen aus dem Sattel führt zu einer verbesserten penilen Durchblutung [5]. Perineale Belastungen können zudem durch das Variieren von Sitzposition und Fahrweise reduziert werden [10]. Damit kommt auch der Fahrtechnik eine wichtige Bedeutung zu. 

    Radfahren und Sexualfunktion

    Die Auswirkungen des Radfahrens auf die Sexualfunktion werden seit Langem kontrovers diskutiert. Die Einschränkung der Durchblutung bildet dabei eine wesentliche Grundlage der Überlegungen. Es lässt sich nicht ableiten, dass Radfahren generell Erektionsstörungen verursacht. Die epidemiologische Datenlage ist heterogen und wird unter anderem durch Alter, Trainingsumfang, kardiovaskuläre Risikofaktoren und Begleiterkrankungen beeinflusst. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021 fand Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Radfahren und erektiler Dysfunktion, betont jedoch die Heterogenität der Studien und den Bedarf an weiterer Forschung. Vor allem hinsichtlich der Dosis-Wirkungs-Beziehungen und der Kausalität bestehen offene Fragen [11]. Bei Frauen ist ebenfalls ein Zusammenhang zwischen genitaler Taubheit und sexuellen Beschwerden beschrieben [2, 4]. Wiederholte Taubheitsgefühle sowie sexuelle Beschwerden sollten ernst genommen werden und bedürfen einer medizinischen Abklärung. Taubheitsgefühle weisen klar auf eine Kompression von Gefäßen und Nerven hin und sind als Warnsignal für potenziell schwerwiegende Schädigungen, beispielsweise eine Pudendusneuropathie, zu verstehen.

    Fazit

    Beschwerden im perineal-genitalen Bereich betreffen beide Geschlechter. Der auslösende Faktor ist gleich: Eine ungünstige Verteilung von Druck- und Scherkräften kann vulnerable Strukturen belasten und schädigen. In der sportmedizinischen Beratung sollte die Sitzergonomie als wesentliches Element berücksichtigt werden. Ein individuell angepasster Sattel, eine geeignete Sitzposition und regelmäßige Entlastungsphasen können schädliche Druckbelastungen vermeiden. Taubheitsgefühle und wiederkehrende Schmerzen sind nicht notwendiger Bestandteil des Radfahrens. Sie sind vielmehr ein Anlass, die Belastungsbedingungen zu überprüfen und hinterfragen.

    Literatur

    1. Lowe BD, Schrader SM, Breitenstein MJ. Effect of bicycle saddle designs on the pressure to the perineum of the bicyclist. Med Sci Sports Exerc. 2004;36(6):1055–1062.
    2. Potter T, et al. Genital Pain and Numbness and Female Sexual Dysfunction in Adult Bicyclists. J Sex Med. 2019.
    3. Bø K, et al. Urogenital and Sexual Complaints in Female Club Cyclists—A Cross-Sectional Study. J Sex Med. 2016.
    4. Gaither TW, et al. Cycling and Female Sexual and Urinary Function: Results From a Large, Multinational, Cross-Sectional Study. J Sex Med. 2018;15:510–518.
    5. Sommer F, et al. Cycling and penile oxygen pressure: the type of saddle matters. Eur Urol. 2001.
    6. Bressel E, et al. Effect of graded bicycle seat pressure on perineal compression: a magnetic resonance imaging analysis. J Sex Med. 2008.
    7. Bressel E, et al. The bar sinister: does handlebar level damage the pelvic floor in female cyclists? J Sex Med. 2012.
    8. Schrader SM, et al. Women’s bike seats: a pressing matter for competitive female cyclists. J Sex Med.2011.
    9. Carpes FP, et al. Bicycle saddle pressure: effects of trunk position and saddle design on healthy subjects. Int J Sports Med. 2009.
    10. Strategies for Reducing the Impact of Cycling on the Perineum in Healthy Males: Systematic Review and Meta-analysis. Sports Med. 2020/2021.
    11. Gan ZS, Ehlers ME, Lin FC, et al. Systematic Review and Meta-Analysis of Cycling and Erectile Dysfunction. Sex Med. 2021;9:304–311.

    Autoren

    Dr. med. Stefan Staudte

    Er studierte Humanmedizin an der LMU München sowie in Südafrika und promovierte 1998. Seit 2008 ist er als Urologe und Teilhaber des MVZ Medicenter am OEZ in München tätig. Parallel zu seiner medizinischen Tätigkeit beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit der Forschung und Entwicklung ergonomischen Radsportzubehörs. Seit 2002 ist er zudem medizinischer Berater von SQlab.

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