Anamnese und MRT-Befund: Die 29-jährige Patientin, ehemalige Hockeyspielerin aus dem Leistungsbereich und aktuell ambitionierte Läuferin, stellte sich im Herbst 2025 mit lateralen Knieschmerzen in unserer Praxis vor, die seit November 2024 bestanden. Die Beschwerden traten vor allem bei längeren Läufen und höherer Intensität auf und begrenzten ihren Trainingsumfang deutlich. Seit Dezember 2024 erhielt sie regelmäßig physiotherapeutische Behandlung mit Schwerpunkt auf Muskelentspannung und Wärmeapplikation, jedoch ohne relevante und insbesondere ohne nachhaltige Besserung der Symptomatik.
Im vorliegenden MRT des linken Knies (Abb. 1 + 2) zeigte sich im Vergleich zu einer Voruntersuchung eine regrediente Reizung des Tractus iliotibialis ohne Hinweis auf strukturelle Schäden an Menisken oder gelenknahem Knorpel. Zusätzlich wurde eine Reizung im Bereich der distalen Biceps-femoris-Sehne festgestellt. Bereits bekannte peritendinöse, polylobulierte Ganglienzysten um die Sehnen des Semimembranosus und des medialen Gastrocnemius stellten sich unverändert dar und wurden klinisch nicht als primäre Schmerzquelle gewertet.
Klinische Untersuchung und EMG-Diagnostik
In der ausführlichen Eingangsuntersuchung zeigte sich eine deutliche Druckdolenz im Bereich der distalen Biceps-femoris-Sehne sowie ein lokaler Schmerz im Verlauf des lateralen Gelenkspalts im Bereich des distalen Tractus iliotibialis. Provokationstests unter lauf- und sprungspezifischen Bedingungen verstärkten die Symptomatik, insbesondere bei Belastung mit erhöhter Hüftadduktion und Innenrotation. Zur objektiven Beurteilung der neuromuskulären Steuerung erfolgte eine EMG-Untersuchung der relevanten Muskelgruppen. Hier zeigte sich im Gluteus medius beidseits eine reduzierte Aktivierung sowie eine erhöhte Ruheaktivität linksseitig. Zudem fiel links ein deutliches Aktivitätsdefizit des M. biceps femoris auf, während der M. semitendinosus im Seitenvergleich und im Verhältnis zum Biceps femoris deutlich höhere EMG-Werte zeigte. Auffällig war, dass der Biceps femoris in Ruheposition eine erhöhte Grundaktivität aufwies, während er unter Last – beispielsweise im einbeinigen Bridging – deutlich unteraktiviert war (vermutlich im Sinne einer schmerzinduzierten Inhibition bzw. Schutzstrategie zur Vermeidung struktureller Überlastung) und die Bewegung primär durch den Semitendinosus sowie anderer Hüftextensoren übernommen wurde. Insgesamt ergab sich das Bild einer gestörten lateralen Hüft- und Kniekontrolle mit unzureichender Ansteuerung des Gluteus medius und einer dysfunktionalen Rekrutierung der distalen Hamstrings.
Behandlungskonzept: Stoßwelle, neuromuskuläres Training und Load Management
Auf Grundlage der Befunde wurde ein kombiniertes Therapieprotokoll aus radialer Stoßwellentherapie (Swiss DolorClast, EMS), EMG-gestütztem Aktivierungstraining und gezielter Belastungssteuerung im Lauftraining etabliert. In den ersten Wochen fanden zwei physiotherapeutische Sitzungen, je 60 Minuten, pro Woche statt. Die Stoßwellenbehandlung im Bereich der distalen Biceps-femoris-Sehne erfolgte zunächst mit einem kleinen Applikationskopf bei etwa 2.000 Schuss, 1,5 Bar und 25 Hz (Abb. 3).

Im Verlauf wurde die Energie dosiert gesteigert; es kamen 2.000 – 3.000 Schuss bei bis zu 3,5 Bar zum Einsatz, was unter klinischer Kontrolle nach einigen Anwendungen schmerzfrei toleriert wurde und mit einer weiteren Reduktion der lokalen Beschwerden einherging. Ergänzend wurde mit einem breiten Applikationskopf die Region des M. gluteus medius behandelt, ausstrahlend über den Tractus iliotibialis bis zum lateralen Kniegelenkspalt, um myofasziale Spannungen im gesamten lateralen Beinzug zu adressieren (Abb. 4).

Direkt im Anschluss an die Stoßwellenapplikation wurde konsequent mit EMG-gestütztem Biofeedback (Myoact) gearbeitet. In einem unmittelbaren Vorher-Nachher-Vergleich (Abb. 5 + 6) zeigten sich deutlich verbesserte Aktivitätsverhältnisse sowohl im M. gluteus medius als auch im M. biceps femoris: Die zuvor erhöhte Ruheaktivität normalisierte sich, während die Bizeps-femoris-Aktivität deutlich zunahm und sich im Verhältnis zum Semitendinosus ausglich. Dieses kurzfristig erhöhte Aktivierungspotenzial wurde gezielt genutzt, um unter Biofeedback die neuromuskuläre Ansteuerung in funktionellen Übungen zu verbessern und die muskuläre Kontrolle über Hüfte und Knie zu stabilisieren.


Das Übungsprogramm umfasste zunächst einfache Activity-drills und statische Übungen (z. B. Gluteplanks und Hüftextension in außenrotatorischer Kombination), später komplexere Belastungsformen mit höherer Anforderung an die Beinachsenkontrolle. Ergänzt wurde die Therapie durch strukturierte Heimübungen zur Aktivierung des Gluteus medius und zur kontrollierten Rekrutierung der lateralen Hamstrings, mit besonderem Fokus auf eine physiologische Belastungsübernahme des Biceps femoris in Hüftextension und Außenrotation (die Hausübungen wurden vorher durch EMG validiert). Parallel dazu erfolgte ein gezieltes Load Management im Lauftraining: Der Umfang, die Intensität und besonders der Anteil belastender Abschnitte (z. B. Bergabpassagen, schnelle Tempoläufe) wurden angepasst und schrittweise gesteigert. Zudem wurde auf eine Optimierung der Schrittlänge und Schrittfrequenz geachtet, um die laterale Kniebelastung in kritischen Phasen des Laufzyklus zu reduzieren.
Verlauf und Ergebnisse
Bereits nach wenigen Wochen zeigte sich klinisch eine deutliche Reduktion der Druckdolenz im Bereich der distalen Biceps-femoris-Sehne sowie eine Abnahme der Beschwerden entlang des distalen Tractus iliotibialis. In den EMG-Kontrollen war eine ausgeglichenere Aktivitätsverteilung zwischen Biceps femoris und Semitendinosus erkennbar, ebenso eine verbesserte Aktivierung des Gluteus medius beidseits (Abb. 7). Das zuvor beobachtete Muster der hohen Ruheaktivität bei gleichzeitiger Inhibition unter Last hatte sich normalisiert. Die Patientin konnte ihr Lauftraining im Rahmen des definierten Belastungsmanagements schrittweise steigern, zunächst beschwerdefrei auf kürzere Distanzen, später auf längere Läufe und höhere Intensitäten. Inzwischen läuft sie wieder schmerzfrei Strecken bis 21,1 km und hat ohne Rückschritte mit der Vorbereitung auf einen Marathon begonnen.

Fazit
Der Fall zeigt, dass laterale Knieschmerzen bei Läufern mit MRT-beschriebener Reizung des Tractus iliotibialis und der distalen Biceps-femoris-Sehne nicht allein über passive Maßnahmen adressiert werden sollten. Entscheidend war in diesem Fall die Kombination aus gezielter radialer Stoßwellentherapie an den klinisch auffälligen Strukturen, einem EMG-gestützten Aktivierungstraining für Gluteus medius und laterale Hamstrings sowie einem strukturierten Load Management im Lauftraining. Durch die Nutzung des „therapeutischen Fensters“ direkt nach der Stoßwellenapplikation, die objektive Rückmeldung über EMG-Vorher-Nachher-Vergleiche und die konsequente Einbettung in ein abgestuftes Belastungs- und Übungsprogramm konnte die Patientin ihre Laufbelastung wieder vollständig aufnehmen und beschwerdefrei in die Marathonvorbereitung starten.
Autoren
» Heilpraktiker für Physiotherapie, Physiotherapeut, Sportphysiotherapeut und Manualtherapeut
» Inhaber “Private Physiotherapie Physical Winter” in Erlensee & “Sportphysio Westend” in Frankfurt am Main
» Physiotherapeut deutsche Nationalmannschaft Cheerleading und Cheerperformance (CCVD)




