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	<title>Therapie Archive - sportärztezeitung</title>
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	<description>Sportmedizin für Ärzte, Therapeuten &#38; Trainer</description>
	<lastBuildDate>Thu, 08 Oct 2026 15:13:14 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Therapie Archive - sportärztezeitung</title>
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	<item>
		<title>Mikronährstoff­substitution im Fußball</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/23068/mikronaehrstoffsubstitution-im-fussball/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Prof. Dr. med. Markus Geßlein]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Oct 2026 08:00:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
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					<description><![CDATA[Weitere Autoren des Artikels: Dr.med. univ. Johannes Rüther &#38; Dr. med. Bernd Langenstein, ebenfalls Mannschaftsärzte im Medical Team des 1. FC Nürnberg Jens Vergers – Leitender Physiotherapeut 1. FC Nürnberg [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Weitere Autoren des Artikels:</em></p>
<p><em>Dr.med. univ. Johannes Rüther &amp; Dr. med. Bernd Langenstein, ebenfalls Mannschaftsärzte im Medical Team des 1. FC Nürnberg</em></p>
<p><em>Jens Vergers – Leitender Physiotherapeut 1. FC Nürnberg Lizenzabteilung, FCN Medical Team</em></p>
<p><b>Nahrungsergänzung ist im Profifußball allgegenwärtig — obwohl ein direkter Leistungsnutzen bisher nicht nachgewiesen ist. Bei ausreichend ernährten Athleten verbessert eine pauschale Supplementierung die Leistung nicht; ein Nutzen ergibt sich nur beim Ausgleich eines nachgewiesenen Mangels [1, 2]. Damit wird die Diagnostik zum entscheidenden Faktor.</b></p>
<p>Welche Begleitparameter brauchen wir, um die Mikronährstoffwerte richtig zu interpretieren? Dieser Beitrag fasst die Erkenntnisse eines strukturierten Screenings über fünf Messzeitpunkte (2024 – 2026) in einem Männer-Fußball-Profikader zusammen. Der Fußball bündelt Risikofaktoren für Mikronährstoff-Ungleichgewichte: hoher Energieumsatz bei teils niedriger Energieverfügbarkeit, dichte Wettkampfkalender, Reisebelastung, saisonale Sonnenexposition und heterogene Ernährungsmuster; eine lückenlose Mannschaftsanalyse wird zudem durch den üblichen Spielerwechsel während der Transferperioden erschwert. Über fünf Halbjahresabnahmen wurden jeweils die Werte gegen den individuellen Referenzbereich klassifiziert, im Längsschnitt ausgewertet und die Empfehlungen halbjährlich in einer Wirkungsanalyse nachverfolgt.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<h2><b>Mikronährstoffdefizite</b></h2>
<p>Dabei zeigte sich ein wiederkehrendes Muster an Mikronährstoffdefiziten, das Eisen / Ferritin, Vitamin D, Omega-3, Magnesium und Folat / B-Vitamine umfasste [1 – 3]. Zu Beginn der Untersuchung lag der Omega-3-Index in der Mannschaft bei einem Mittelwert von 7,2 %; über 72 % der Spieler lagen unter dem empfohlenen Wert von mind. 8 %. Zudem zeigte sich ein niedriger Index bei hoher Arachidonsäure – ein Omega-6-lastiges Muster [4, 5]. Als klarer Interventionserfolg stieg der Omega-3-Index nach zwei Jahren im Teammittel auf über 8,4 % an, und die suboptimalen Spiegel konnten im Team auf 41 % reduziert werden. Alle Spieler, die während dieser Zeit durchgängig dem Team angehörten und entsprechend ihrem Messwert substituiert wurden, lagen im Zielbereich. Bei Jod und Folsäure blieben die Werte trotz Substitution nahezu unverändert. Mögliche Gründe dafür liegen im täglichen Trainingsbetrieb: Jod im Spoturin bildet nur die letzten Stunden ab; Schweißverluste, wechselnde Verpflegung (Reisen), Hydratation bei der Abnahme und hoher Umsatz lassen den Einzelwert schwanken – daher sollten diese Befunde als Jod- / Kreatinin-Quotient ausgewertet werden. Serum-Folsäure ist ebenfalls eine Momentaufnahme (stabiler: Erythrozyten-Folat) und außerdem transport- sowie lagerungsempfindlich. Der flache Verlauf ist hier wohl eher ein Thema von Dosis, Bedarf und Präanalytik. Eine über die laufende Saison zunehmende Ferritin-Defizit-Tendenz wurde ebenfalls gestoppt; entscheidend war auch hier die funktionelle Beurteilung, nicht der Einzelwert [6, 7]. Eisen sollte jedoch nie allein anhand des Ferritinspiegels beurteilt werden. Belastbar ist nur die Beurteilung mit sTfR (akutphasenunabhängig), Ferritin-Index, CRP und Blutbild (Hb, MCV, RDW); erst so lässt sich echter Eisenmangel von entzündungsbedingter Fehlmessung abgrenzen [6, 7].</p>
<figure id="attachment_23071" aria-describedby="caption-attachment-23071" style="width: 755px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-large wp-image-23071" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/Gesslein_Abb_saez0326-1024x565.jpg" alt="" width="755" height="417" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/Gesslein_Abb_saez0326-1024x565.jpg 1024w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/Gesslein_Abb_saez0326-300x165.jpg 300w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/Gesslein_Abb_saez0326-768x423.jpg 768w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/Gesslein_Abb_saez0326-150x83.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/Gesslein_Abb_saez0326-450x248.jpg 450w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/Gesslein_Abb_saez0326-1200x662.jpg 1200w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/Gesslein_Abb_saez0326.jpg 1500w" sizes="(max-width: 755px) 100vw, 755px" /><figcaption id="caption-attachment-23071" class="wp-caption-text">Verlauf von Omega-3-Index und Vitamin D (Team-Mittelwerte, 2024 – 2026). Eigene Darstellung.</figcaption></figure>
<p>Auch Tageszeit / Nüchternheit (Eisen-Zirkadianik), Belastungsabstand, Transport / Lagerung und Hämolyse verzerren die Labordiagnostik regelhaft. Im Fußball besonders relevant: Nach einem Spiel bleiben Kreatinkinase, IL-6 und teils CRP bis zu 72 h erhöht – im realen Spiel stärker als in Trainingssimulationen [11, 12]. Eine zu kurz nach der Belastung gemessene CRP- oder Eisenkonstellation bildet die Spielbelastung ab, nicht den chronischen Status. Ein standardisierter Belastungsabstand ist deshalb Pflicht. In unserer Untersuchung war eine nur in den Sommer-Abnahmen „auffällige“ MCHC / MCV-Konstellation mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Transport- / Lagerungsartefakt – kein echter Mannschaftsbefund. Dem hochsensitiven C-reaktiven Protein (hs-CRP) kommt besondere Bedeutung zu: Als Master-Confounder gehört hs-CRP zu jeder Laborbestimmung. Eine – auch stille – Entzündung verfälscht mehrere Werte gleichzeitig: Ferritin steigt (Akute-­Phase-Protein) und maskiert einen Eisenmangel, Serum-Eisen und Zink fallen, Kupfer / Ceruloplasmin steigen, Selen fällt. Ohne CRP ist ein normales Ferritin nicht als „ausreichende Eisenversorgung“ interpretierbar [6, 7, 9].</p>
<p>Vitamin D zeigte eine ausgeprägte saisonale Dynamik (UVB) mit Sommerhochs und Wintertiefs und reagierte auf gleichbleibende Substitution teilweise mit überhöhten Werten. Hier sollte häufiger gemessen werden, um eine Übersteuerung zu vermeiden [8]. Vitamin D sollte daher mit Calcium, PTH und Magnesium bestimmt werden. Magnesium ist Kofaktor der Vitamin-D-Aktivierung – ein Magnesiumdefizit lässt die D-Substitution ins Leere laufen, umgekehrt fördert Vitamin D die Magnesiumaufnahme [8]. Vollblut-Mineralien (Mg, Zn, Cu) sind homöostatisch gepuffert und bewegen sich unter Substitution kaum – ein „weiter niedrig-normaler“ Wert ist meist Markereigenschaft, kein Therapieversagen. Auch in diesem Kontext gilt: CRP als Confounder (Zn ↓, Cu ↑ bei Entzündung), Albumin und Hämatokrit. Homocystein nur mit Folat, B12, B6 und Nierenfunktion interpretieren. Es steigt bei B-Vitaminmangel wie bei Niereninsuffizienz – sonst ist ein erhöhter Wert nicht zuzuordnen. Coenzym Q10 ist nur im Verlauf aussagekräftig und cholesterinkorrigiert zu lesen: Es zirkuliert lipoproteingebunden, ein niedriger Wert bei niedrigem Cholesterin ist meist kein Defizit. Erst die wiederholte Messung zeigt, ob die Substitution greift [13] (Tab.).</p>
<p><img decoding="async" class="alignnone size-large wp-image-23073" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/GessleinTab_saez0326-1024x528.jpg" alt="" width="755" height="389" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/GessleinTab_saez0326-1024x528.jpg 1024w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/GessleinTab_saez0326-300x155.jpg 300w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/GessleinTab_saez0326-768x396.jpg 768w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/GessleinTab_saez0326-150x77.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/GessleinTab_saez0326-450x232.jpg 450w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/GessleinTab_saez0326-1200x619.jpg 1200w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/10/GessleinTab_saez0326.jpg 1500w" sizes="(max-width: 755px) 100vw, 755px" /></p>
<h2><b>Fallbeispiel</b></h2>
<p>Ein Spieler zeigte in einer Winter-Abnahme Ferritin im Normbereich und wäre isoliert als eisenversorgt eingestuft worden. Das wenige Tage nach einem Spiel erhöhte hs-CRP wies den Wert als akutphasenbedingt aus; erst die Ergänzung um sTfR und Ferritin-Index deckte einen funktionellen Eisenmangel auf. Erst die belastungsferne Kontrolle mit vollständigem Eisenpanel führte zur korrekten Substitutionsentscheidung – der Einzelwert ohne Begleitparameter hätte in die Irre geführt [6, 7, 9].</p>
<h2><b>Praktische Konsequenzen</b></h2>
<p>Praktisch folgt daraus ein individualisiertes Vorgehen – „testen, gezielt behandeln, nachtesten“ statt Einheitsschemata. Zum Verlauf eignen sich nur responsive Marker wie Ferritin, 25-OH-D, Vitamin B12, der Omega-3-Index und CoQ10, während Vollblut-Magnesium, -Zink und -Kupfer homöostatisch gepuffert und daher kaum aussage­kräftig sind. Bei fettlöslichen bzw. körpereigenen Stoffen (Vitamin D, B12, Selen, CoQ10) sollte aktiv heruntertitriert werden, sobald der Zielbereich erreicht ist, denn mehr ist nicht besser. Bei einigen Mikronährstoffen (Jod, Folsäure) ist die Ernährung ein wichtiger Faktor. CRP und Blutbild laufen standardisiert mit – zur Confounder-Korrektur und als eigene Belastungs- und Gesundheitsebene [9, 10, 12]. Durchgängig sollten nur zertifizierte Präparate zum Einsatz kommen, um das Anti-Doping-Risiko zu minimieren [2].<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<h2><b>Fazit</b></h2>
<p>Die Implementierung eines Mikronährstoff-Programms in einer Profimannschaft braucht neben fundierten Kenntnissen auch Zeit und regelmäßiges Monitoring, um die angestrebten Zielbereiche zu erreichen.</p>
<p>Literatur</p>
<p style="font-weight: 400;">[1] Peeling P, Sim M, McKay AKA. Considerations for the Consumption of Vitamin and Mineral Supplements in Athlete Populations. <em>Sports Med</em>2023;53(Suppl 1):15–24. https://doi.org/10.1007/s40279-023-01875-4 · PMID: 37358750</p>
<p style="font-weight: 400;">[2] Maughan RJ, et al. IOC Consensus Statement: Dietary Supplements and the High-Performance Athlete. <em>Br J Sports Med</em> 2018;52:439–455. https://doi.org/10.1136/bjsports-2018-099027 · PMID: 29540367</p>
<p style="font-weight: 400;">[3] Beck KL, et al. Micronutrients and athletic performance: A review. <em>Food Chem Toxicol</em> 2021;158:112618. https://doi.org/10.1016/j.fct.2021.112618 · PMID: 34662692</p>
<p style="font-weight: 400;">[4] Jäger R, et al. ISSN Position Stand: Long-Chain Omega-3 Polyunsaturated Fatty Acids. <em>J Int Soc Sports Nutr</em> 2025;22(1):2441775. https://doi.org/10.1080/15502783.2024.2441775 · PMID: 39810703</p>
<p style="font-weight: 400;">[5] Fernández-Lázaro D, et al. Omega-3 Fatty Acid Supplementation on Post-Exercise Inflammation, Muscle Damage, Oxidative Response, and Sports Performance in Physically Healthy Adults — A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. <em>Nutrients</em> 2024;16(13):2044. https://doi.org/10.3390/nu16132044 · PMID: 38999792</p>
<p style="font-weight: 400;">[6] Pengelly M, et al. Iron deficiency, supplementation, and sports performance in female athletes: A systematic review. <em>J Sport Health Sci</em>2024;14:101009. https://doi.org/10.1016/j.jshs.2024.101009 · PMID: 39536912</p>
<p style="font-weight: 400;">[7] Solberg A, Reikvam H. Iron Status and Physical Performance in Athletes. <em>Life (Basel)</em> 2023;13(10):2007. https://doi.org/10.3390/life13102007 · PMID: 37895389</p>
<p style="font-weight: 400;">[8] Dominguez LJ, et al. The Importance of Vitamin D and Magnesium in Athletes. <em>Nutrients</em> 2025;17(10):1655. https://doi.org/10.3390/nu17101655 · PMID: 40431395</p>
<p style="font-weight: 400;">[9] Lee EC, et al. Biomarkers in Sports and Exercise: Tracking Health, Performance, and Recovery in Athletes. <em>J Strength Cond Res</em>2017;31(10):2920–2937. https://doi.org/10.1519/JSC.0000000000002122 · PMID: 28737585</p>
<p style="font-weight: 400;">[10] Kozjek NR, Tonin G, Gleeson M. Nutrition for optimising immune function and recovery from injury in sports. <em>Clin Nutr ESPEN</em> 2025;66:101–114. https://doi.org/10.1016/j.clnesp.2025.01.031 · PMID: 39828217</p>
<p style="font-weight: 400;">[11] Silva JR, et al. Acute and Residual Soccer Match-Related Fatigue: A Systematic Review and Meta-analysis. <em>Sports Med</em> 2018;48(3):539–583. https://doi.org/10.1007/s40279-017-0798-8 · PMID: 29098658</p>
<p style="font-weight: 400;">[12] Hacker S, et al. Recovery-Stress Response of Blood-Based Biomarkers. <em>Int J Environ Res Public Health</em> 2021;18(11):5776. https://doi.org/10.3390/ijerph18115776 · PMID: 34072201</p>
<p style="font-weight: 400;">[13] Poulios A, et al. The Effects of Antioxidant Supplementation on Soccer Performance and Recovery: A Critical Review of the Available Evidence. <em>Nutrients</em> 2024;16(22):3803. https://doi.org/10.3390/nu16223803 · PMID: 39599590</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>EMDR-Therapie</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/23050/emdr-therapie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Annegret Oster]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Oct 2026 08:00:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
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					<description><![CDATA[EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist ein evidenzbasiertes psychotherapeutisches Verfahren, das seit den 1990er Jahren etabliert in der Traumatherapie eingesetzt wird. Besonders gut belegt ist seine Wirksamkeit bei der [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist ein evidenzbasiertes psychotherapeutisches Verfahren, das seit den 1990er Jahren etabliert in der Traumatherapie eingesetzt wird. Besonders gut belegt ist seine Wirksamkeit bei der Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und wird u. a. von der WHO als psychologische Intervention empfohlen.<span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p>Darüber hinaus zeigen neuere Studien und Metaanalysen, dass EMDR auch depressive Symptome wirksam reduzieren kann und zunehmend als ergänzende Behandlung bei Depressionen untersucht wird. Erste Studien und klinische Erfahrungen weisen zudem darauf hin, dass EMDR auch bei chronischen Schmerzsyndromen und psychosomatischen Beschwerden hilfreich sein kann. In der sportmedizinischen, orthopädischen und chirurgischen Praxis finden sich immer wieder Patienten, bei denen Schmerzen und Bewegungsangst trotz stabiler anatomischer Befunde fortbestehen. Belastende körperliche Ereignisse wie Verletzungen oder operative Eingriffe werden unter normalen Umständen neuronal verarbeitet und integriert. Wird dieser Prozess jedoch durch hohe emotionale Belastung oder Kontrollverlust gestört, können Erinnerungen in Verbindung mit intensiven Körperempfindungen und Angstreaktionen unzureichend verarbeitet bleiben. Diese gespeicherten Muster können sich als Angst- und Schmerzgedächtnis verselbstständigen und den Rehabilita­tionsprozess erheblich beeinträchtigen. EMDR setzt gezielt an dieser Schnittstelle zwischen emotionaler Erinnerung, Körperempfinden und gegenwärtigem Erleben an.</p>
<h2><b>Fallbeispiel</b></h2>
<p>Die 21jährige Studentin Katharina K. wurde von ihrem Physiotherapeuten in meine Praxis überwiesen. Anlass war eine ausgeprägte angstassoziierte Schmerz- und Vermeidungsproblematik im Bereich der Knie, die eine weitere physiotherapeutische Behandlung nahezu unmöglich machte. Anamnestisch berichtete die Patientin über zwei sehr schmerzhafte, spontane Patellaluxationen ohne äußeres Trauma, die mehrere Jahre zurücklagen. In der Folge wurde eine operative Stabilisierung (Kapselraffung) durchgeführt, einige Zeit später eine MPFL-Plastik an beiden Knien, da die Patientin große Angst vor einer erneuten Luxation hatte. Der postoperative Verlauf war komplikationslos; die Kniegelenke waren strukturell stabil. Nach einer längeren Phase vollständiger Beschwerdefreiheit entwickelte sich einige Jahre danach schleichend eine stark zunehmende Angst vor einer erneuten Luxation. Trotz des Wissens um die stabile anatomische Situation kam es zu permanenter gedanklicher Fixierung auf die Knie, zu Bewegungsvermeidung und zur Aufgabe sportlicher Aktivitäten. Laut der Patientin wurde die Angst im Sommer 2025 so schlimm, dass sie sich nur noch sehr vorsichtig, unnatürlich und verkrampft bewegte. Beim Gehen hatte sie vor allem Angst, wenn sie das Bein abwinkelte, deshalb ging sie oft mit gestrecktem rechten Bein. Die Angst wurde immer seltener durch einen neuen Tag resettet, sie war immer häufiger Teil ihrer Gedanken. Die Patientin hatte Herzrasen und ein Ziehen in der Brust. Auch soziale Kontakte konnten sie nicht mehr ablenken. Hypnosebehandlungen zeigten keinen Effekt. Auch krankengymnastische Maßnahmen scheiterten zuletzt an der ausgeprägten Berührungs- und Bewegungsangst.</p>
<p>Im Herbst 2025 stellte sie sich in meiner Praxis vor. Die von mir durchgeführte EMDR-Behandlung kann hier nur verkürzt dargestellt werden. EMDR ist ein klar strukturiertes, mehrphasiges Verfahren, das eine sorgfältige Anamnese, Stabilisierung, Ressourcenarbeit und eine kontinuierliche Prozessüberprüfung erfordert. Alle notwendigen Behandlungsschritte wurden durchgeführt. Aufgrund der großen Entfernung zwischen dem Wohnort der Patientin und meiner Praxis fand die Behandlung nur in einer einmaligen, etwa dreistündigen Sitzung statt; üblicherweise sind mehrere Sitzungen erforderlich. Nach vorbereitender Ressourcenarbeit wurde das subjektiv belastendste Bild aus der Zeit der Luxationen identifiziert und mit der damals vorherrschenden negativen Kognition „Ich schaffe das nicht“ verknüpft. Als positive Zielkognition wurde „Ich schaffe das“ etabliert. Anschließend erfolgte die eigentliche Trauma- bzw. Belastungsverarbeitung mittels bilateraler Stimulation. Dabei folgte die Patientin mit den Augen meinen horizontalen Handbewegungen („Winken“), während sie gleichzeitig das belastende Bild, die zugehörigen Gefühle und Körperempfindungen im Blick behielt. Nach jeder Sequenz wurde sie gebeten, wahrzunehmen, was sich spontan zeigte. Wie für EMDR typisch, veränderten sich die inneren Bilder dabei schrittweise: Erinnerungen, Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen kamen und gingen, einzelne Szenen wurden weniger bedrohlich und neue Assoziationen traten in den Vordergrund. Im Verlauf berichtete die Patientin über eine deutliche Reduktion der inneren Anspannung sowie eine zunehmende Distanz zur ursprünglichen Erinnerung. Die bilaterale Stimulation wurde beendet, nachdem sie die innere Wahrnehmung äußerte: „Es gibt keinen Grund, Angst zu haben. Und ich glaube diesem Gedanken.“</p>
<p>Der anschließende Bodycheck zeigte keine belastenden Restempfindungen.<span class="Apple-converted-space">  </span>Nachdem die Erinnerung ihren belastenden Charakter weitgehend verloren hatte, wurde die positive Kognition „Ich schaffe das“ mithilfe weiterer bilateraler Stimulation installiert und gestärkt. Im anschließenden Body-Check überprüfte die Patientin ihren Körper auf verbliebene Spannungen oder belastende Empfindungen. Da keine relevanten Restbelastungen mehr wahrnehmbar waren, wurde die Sitzung mit einer Ressourcensicherung abgeschlossen. Hierzu führte die Patientin langsame bilaterale Klopfbewegungen (Tapping) an den Schultern aus, während sie das Gefühl von Sicherheit, Stabilität und Selbstvertrauen bewusst wahrnahm und verankerte.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Laut Patientin fühlte sich das EMDR selbst im Moment nicht spektakulär oder wie eine Wunderheilung an. Das Gedankenkarussell und das Herzrasen sowie Ziehen in der Brust seien danach nicht direkt weg gewesen, es entstand im Nachhinein jedoch ein Gefühl, als ob ein Schalter im Kopf umgelegt wor­den war. Das Erste, was ihr auffiel, war, wie verkrampft sie in den letzten Wo­chen gegangen war und dass sie jetzt wieder „locker laufen“ konnte. Sie sah dies nicht mehr als Gefahr an. Nach eigener Auskunft ist die Patientin bis heute angstfrei. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit nicht mehr ständig auf die Knie und nimmt wieder ohne Angst an körperlicher Bewegung teil.</p>
<h2><b>Diskussion und Take-Home-Message</b></h2>
<p>Der Fall verdeutlicht, dass persistierende Schmerzen und Bewegungsangst nicht zwingend Ausdruck struktureller Defizite sein müssen. Nach abgeschlossener medizinischer Abklärung kann EMDR als komplementärer Ansatz helfen, blockierende Angst- und Stressmuster zu lösen. In Kombination mit Physiotherapie kann so die aktive Mitarbeit der Patienten verbessert und die Rückkehr zu Bewegung und Lebensqualität unterstützt werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Literatur</p>
<p>Posttraumatische Belastungsstörung</p>
<p style="font-weight: 400;">Rasines-Laudes, P., &amp; Serrano-Pintado, I. (2023). <em>Efficacy of EMDR in Post-Traumatic Stress Disorder: A Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Clinical Trials</em>. Psicothema, 35(4), 385–396. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37882423/">[pubmed.ncb&#8230;lm.nih.gov]</a></p>
<p style="font-weight: 400;">Wright, S. L., Karyotaki, E., Cuijpers, P. et al. (2024). <em>EMDR v. other psychological therapies for PTSD: a systematic review and individual participant data meta-analysis</em>. Psychological Medicine, 54(8), 1580–1588 <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/psychological-medicine/article/abs/emdr-v-other-psychological-therapies-for-ptsd-a-systematic-review-and-individual-participant-data-metaanalysis/903183C014DD518979569C26525588E1">[cambridge.org]</a></p>
<p style="font-weight: 400;">Depression</p>
<p style="font-weight: 400;">Seok, J.-W., &amp; Kim, J. I. (2024). <em>The Efficacy of Eye Movement Desensitization and Reprocessing Treatment for Depression: A Meta-Analysis and Meta-Regression of Randomized Controlled Trials</em>. Journal of Clinical Medicine, 13(18), 5633. <a href="https://www.mdpi.com/2077-0383/13/18/5633">[mdpi.com]</a></p>
<p style="font-weight: 400;">Hase, M., Plagge, J., Hase, A. et al. (2018). <em>Eye Movement Desensitization and Reprocessing Versus Treatment as Usual in the Treatment of Depression: A Randomized-Controlled Trial</em>. Frontiers in Psychology, 9, 1384. <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6113947/">[pmc.ncbi.nlm.nih.gov]</a></p>
<p style="font-weight: 400;">Chronische Schmerzstörungen:</p>
<p style="font-weight: 400;">Singla A et al. (2025). <em>Eye Movement Desensitization and Reprocessing for Chronic Pain: A Systematic Review.</em></p>
<p style="font-weight: 400;">Zat Çiftçi Z et al. (2024). <em>A Randomized Controlled Trial of EMDR Therapy in the Treatment of Fibromyalgia.</em></p>
<p style="font-weight: 400;">Driessen HPA et al. (2024). <em>EMDR Treatment in the Medical Setting: A Systematic Review.</em></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ultraschallgestützte navigierte Injektionen</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/23002/ultraschallgestuetzte-navigierte-injektionen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dr. med. Kay Uthoff]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Oct 2026 08:00:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://sportaerztezeitung.com/?p=23002</guid>

					<description><![CDATA[Die Effektivität von Injektionen in der regenerativen Medizin hängt unmittelbar von der zielgenauen Einbringung der Injektate ab. Entsprechend des Zielortes an den Extremitäten stehen landmarkenorientierte, fluoroskopische, computertomografisch (CT)-gesteuerte und sonographische [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Die Effektivität von Injektionen in der regenerativen Medizin hängt unmittelbar von der zielgenauen Einbringung der Injektate ab. Entsprechend des Zielortes an den Extremitäten stehen landmarkenorientierte, fluoroskopische, computertomografisch (CT)-gesteuerte<br />
und sonographische Bildgebungen zur Verfügung [1 – 7]. Außerhalb dieser Zielorte werden wirbelsäulen-nahe Injektionen beurteilt [8 – 12].<span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p>Überwiegend stützt sich die Literatur sowohl im Bereich der Extremitäten (Weichteile und Gelenke) wie auch im Bereich der Wirbelsäule und wirbelsäulen-naher Weichteile auf Injektionen unter Verwendung von Kortikosteroiden. Deren Nebenwirkungen und Komplikationen sind hinreichend in der Literatur beschrieben [13, 14]. Es liegt daher nahe insbesondere intraartikuläre und Weichteilinjektionen mit autologen Blutprodukten bildgestützt indikationsgerecht zu platzieren. Dies ist besonders wichtig bei unterschiedlichsten Formen der Sehnenpathologien und noch entscheidender bei Wirbelsäulen-nahen Injektionen. Hier haben sich ultraschall-gestützte Verfahren bereits bewährt. Neuartige Möglichkeiten der nadelnavigierten Injektionstechnik eröffnen Perspektiven auf noch diffizilere Injektionsvarianten wie Spinale Transforaminale Epidurale Injektionen (TFEI) oder Interlaminäre Epidurale Injektionen. Durch erleichterte „out-of plane“ (OOP) Injektionssteuerung (Abb. 1) erscheint der Injektionsweg kürzer und entsprechend erleichtert es die Wahl der genaue Nadellänge. Perspektivisch kann das Verfahren dem weniger Geübten die visuelle Bestimmung des exakten Nadelverlaufes im Gewebe und die genaue Ermittlung der erwünschten Eindringtiefe erlauben. Auch bei interventionellen Maßnahmen wie Barbotage, Botoxtherapien oder perinervalen Manövern (z. B. Hydrodissektionen bei KTS) ist ein Einsatz denkbar. Ungeachtet der technischen Perspektiven sind gute Kenntnisse der Sonoanatomie und Anwendergeschicklichkeit in der Sonografie des Bewegungsapparates notwendig (Abb. 1).</p>
<figure id="attachment_23005" aria-describedby="caption-attachment-23005" style="width: 755px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-large wp-image-23005" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff1_saez0326-1024x898.jpg" alt="" width="755" height="662" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff1_saez0326-1024x898.jpg 1024w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff1_saez0326-300x263.jpg 300w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff1_saez0326-768x673.jpg 768w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff1_saez0326-150x132.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff1_saez0326-450x395.jpg 450w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff1_saez0326-1200x1052.jpg 1200w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff1_saez0326.jpg 1500w" sizes="(max-width: 755px) 100vw, 755px" /><figcaption id="caption-attachment-23005" class="wp-caption-text">Abb. 1 Ultraschall – gestützte zervikale transforaminale Injektion (TFEI) bei Radikulopathie der C6 Wurzel durch Bandscheibenvorfall (BSV) C5 / 6 mit intraforaminaler Kompression der Nervenwurzel. Navigierte US-gestützte und CT-kontrollierte TFEI unter Verwendung von Autologem Conditioniertem Serum (ACS)</figcaption></figure>
<h2><b>Fallbeispiel</b></h2>
<p>Eine 43-jährige Patientin wird vom Hausarzt vorgestellt. Seit 6 Monaten Nackenschmerzen mit Ausstrahlung über Schulter re. zum Daumen und partiell Zeigefinger. Physiotherapie, Muskelrelaxantien, Novaminsulfon und intrakutane Lokalanästhesiequaddeln erbrachten keine Linderung der Beschwerden; bei Erstvorstellung VAS 6 – 7 / 10, es lag eine Beeinträchtigung der Alltagsbelastung vor. Die Patientin hatte einen manifesten Diabetes mellitus Typ 2, einen arteriellen Bluthochdruck und war beruflich hoch beansprucht. Bei der Erstuntersuchung fielen neben Dysästhesien im C6 Dermatom, deutliche Druckschmerzen am rechtsseitigen Nervenaustritt C5 / 6 und Einschränkungen der segmentalen Mobilität der unteren HWS auf; keine Zeichen der zervikalen Myelopathie; leichte Abschwächung des Bizepssehnen Reflexes (BSR) re.; keine motorische Störung. Arbeitsdiagnose: BSV C5 / 6 re. mit Wurzelkontakt re. MRT der HWS mit deut­licher Kompression des C6-Nervens re und Neuroforamenenge C5 / 6 re.; keine zervikale Myelopathie.</p>
<p>Aufgrund der zugrundeliegenden Nebendiagnosen im Konsens mit der Patientin die Entscheidung zur interventionellen Therapie unter Verwendung eines autologen Blutproduktes. Geplant: 3 x Injektionen (TFEI) mit ACS in 1-2-wöchentlichen Abständen. Zur Validisierung der navigierten US-geführten Injektion wurde in diesem Projekt mit dem Patienten eine CT-Kontrolle der Nadelpositionierung vereinbart. Im CT – Raum Durchführung einer navigierten ultraschallgestützten Nadelpositionierung am Neuroforamen C5 / 6 re.<span class="Apple-converted-space">  </span>Nadelplatzierung in In-Plane Technik (Abb. 1 + 2). Alternative Möglichkeit OOP-Technik (Abb. 1 + 3). Hierbei Verwendung spezieller Laserneedles (22 G –  60 mm; Fa. Biomed, Berlin) die vor Gebrauch mit dem US-Gerät (eZono5000) kalibriert wurden (anschließende Kontrolle der Nadelposition im CT). Bei korrekter Position der Nadelspitze Einbringen des ACS als TFEI (Abb. 4). Aufgrund der Nichtverwendung von Lokalanästhetika (LA) und KS nach kurzer Überwachung und Ausschluss von Nebenwirkungen sowie unauffälligen neurologischen Parametern erfolgte die Entlassung der Patientin mit Begleitung. Nach drei Injektionen zeigte die Patientin eine deutliche klinische Besserung der Symptome, unauffälliger BSR, VAS 2 / 10, schmerzfreie Manuelle Therapie der HWS gut durchführbar mit Erlangung freier Mobilität. Keine weiteren Symptom-assoziierten Medikationen.</p>

<a href='https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/23002/ultraschallgestuetzte-navigierte-injektionen/attachment/uthoff2_saez0326/'><img loading="lazy" decoding="async" width="150" height="150" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff2_saez0326-150x150.jpg" class="attachment-thumbnail size-thumbnail" alt="" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff2_saez0326-150x150.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff2_saez0326-70x70.jpg 70w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff2_saez0326-120x120.jpg 120w" sizes="(max-width: 150px) 100vw, 150px" /></a>
<a href='https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/23002/ultraschallgestuetzte-navigierte-injektionen/attachment/uthoff3_saez0326/'><img loading="lazy" decoding="async" width="150" height="150" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff3_saez0326-150x150.jpg" class="attachment-thumbnail size-thumbnail" alt="" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff3_saez0326-150x150.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff3_saez0326-70x70.jpg 70w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff3_saez0326-120x120.jpg 120w" sizes="(max-width: 150px) 100vw, 150px" /></a>

<figure id="attachment_23003" aria-describedby="caption-attachment-23003" style="width: 755px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-23003" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff4_saez0326-1024x767.jpg" alt="" width="755" height="566" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff4_saez0326-1024x767.jpg 1024w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff4_saez0326-300x225.jpg 300w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff4_saez0326-768x575.jpg 768w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff4_saez0326-150x112.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff4_saez0326-450x337.jpg 450w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff4_saez0326-1200x899.jpg 1200w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Uthoff4_saez0326.jpg 1500w" sizes="(max-width: 755px) 100vw, 755px" /><figcaption id="caption-attachment-23003" class="wp-caption-text">Abb. 4 Im CT navigierte, US-gestützte In-plane-Platzierung der Injektionsnadel; CT-Kontrolle der Nadellage; Injektion des ACS im Bereich des Neuroforamens.</figcaption></figure>
<h2><b>Diskussion</b></h2>
<p>Die Inzidenz zervikaler Radikulopathie beträgt 83 / 100000, zumeist in der 4. oder 5. Lebensdekade. Eine große epidemiologische Studie mit weitgefassten Studienkriterien ergab, dass MRT-gesichert mindestens eine oder mehrere zervikale Nervenwurzeln affektiert waren [13]. Ursachen der zervikalen Radikulopathie waren zervikaler BSV-Spondylose oder die Kombination beider. In 80 % der Patienten waren die Wurzeln C6 oder C7 betroffen [13]. Die zervikale Spondylose weist auf degenerative Veränderungen der HWS hin, die meist altersbedingt sind und sich in Abnahme der Diskushöhe und allgemeiner Gelenkverplumpung manifestieren. Die Symptome entwickeln sich hier eher schleichend im Vergleich zum plötzlichen und oft mit intensivem Armschmerz verbundenen BSV der HWS [14]. Verschiedene Metaanalysen (MA) und Übersichtsarbeiten stellten vergleichbare Effektivität von Fluoroskopie, CT und Ultraschall als bildgebendes Verfahren zur Durchführung einer zervikalen TFEI heraus [8]. Größtes Risiko stellt die akzidentelle intravasale Fehlplatzierung des Injektats mit einem Risiko von ca. 20 % dar [15, 16]. Zitierte Studien beziehen sich fast ausschließlich auf die Verwendung von unterschiedlichen Kortikosteroid (KS-)varianten. Als erste Alternative zu KS zeigte die Studie von Becker et al. (2007) überzeugende Resultate in der Verwendung von Orthokin (Äquivalent: Autologous Conditioned Serum (ACS)) bei Patienten mit lumbalem Rückenschmerz mit Radikulopathien. Im Studiendesign wurden zwei Gruppen mit jeweils perineuralen epiduralen Infiltrationen mit KS einerseits und ACS gegenübergestellt. Durch ACS konnte die Schmerzreduktion in der Visuellen Analog Skala (VAS) und dem Oswestry Disability Index (ODI) Score während des 22 Wochen Follow-ups gegenüber beiden KS-Gruppen (ACS, N = 32; Triamcinolon 5 mg, N = 27; Triamcinolon 10 mg, N = 25) dargestellt werden [17]. Andere Autoren bestätigten die ermutigenden Ergebnisse in der Behandlung lumbaler Radikulopathien [18, 19]. Eine große retrospektive Studie mit über 1.000 Patienten, die mit dem oben genannten Produkt behandelt wurden, wurden 89 Fälle mit zervikaler Diskusdegeneration (DDD) sowie 271 Patienten mit lumbaler DDD beschrieben, die sich 4 – 6 Sitzungen einer TFEI mit ACS unterzogen hatten. 61,8 und 56,5 % mit guten und exzellenten Resultaten in der MacNab-Skala wurden nach sechs Monaten Beobachtungszeitraum beschrieben. Diese Ergebnisse waren unabhängig von der Größe des Bandscheibenvorfalls. In derselben Studie zeigten nur 33,9 % der Patienten mit Spinalkanalstenose gute und exzellente Resultate [20, 21].</p>
<h2><b>Fazit</b></h2>
<p>Eine bildgestützte Injektion ist leitliniengerecht. Standard ist die fluoroskopische, CT-gestützte oder sonographische Injektionsführung. Erstere beiden ermöglichen die Verwendung von Kontrastmitteln, um den Abfluss der Injektate zu kontrollieren, hierbei kann sowohl eine intravasale Injektion erkannt werden, gleichfalls auch der epidurale Ablauf dokumentiert werden. In der Regenerativen Medizin wird von Seiten des Behandlers wie patientenseits die Minimierung toxischer Einflüsse erwartet. Hierzu zählen nebenwirkungsreiche Substanzen wie KS und LA sowie Strahlungsquellen. Mit ACS steht ein antiinflammatorisches Subs­trat (Interleukin 1 – Rezeptorantikörper (IL1-RA) angereichertes autologes Serumkonzentrat mit einer Vielzahl konzentrierter Wachstumsfaktoren) zur Verfügung. Bei zellfreier und Fibrogen freier Applikation von ACS ist bei akzidentelle intravasale Injektion nicht mit einer thrombembolischen Komplikation zu rechnen. Eine präzise Nadelführung und Kontrolle der Nadelposition sind weiterhin von zentraler Bedeutung. Auf Kontrastmittel kann verzichtet werden, da durch navigierte Ultraschall- gestützte Technik und Einsatz der Dopplersonografie Gefäße optimal visualisiert werden können.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="font-weight: 400;">Literatur</p>
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</ol>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>medizin 2027</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/23102/medizin-2027/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[News]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Sep 2026 07:26:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[Online]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://sportaerztezeitung.com/?p=23102</guid>

					<description><![CDATA[Fachmesse, Fortbildung und Austausch: Vom 29. bis 31. Januar 2027 bringt die Messe Stuttgart medizinisches Fachpublikum, aktuelle Versorgungsthemen und interprofessionelle Perspektiven zusammen. Sportmedizin ist interdisziplinär: Sie verbindet Orthopädie und Unfallchirurgie [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Fachmesse, Fortbildung und Austausch: Vom 29. bis 31. Januar 2027 bringt die Messe Stuttgart medizinisches Fachpublikum, aktuelle Versorgungsthemen und interprofessionelle Perspektiven zusammen.</em></p>
<p>Sportmedizin ist interdisziplinär: Sie verbindet Orthopädie und Unfallchirurgie mit Innerer Medizin, Kardiologie, Rehabilitation, Prävention und Trainingswissenschaft. Entsprechend breit sind die Anforderungen an Ärztinnen und Ärzte, die aktive Menschen, Leistungssportlerinnen und Leistungssportler sowie Patientinnen und Patienten mit sportassoziierten Beschwerden betreuen. Die medizin 2027 bietet die Gelegenheit, aktuelle Entwicklungen zu verfolgen, Wissen zu vertiefen und sich mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen auszutauschen.</p>
<h3>Fortbildung mit Praxisbezug</h3>
<p>Ein zentraler Bestandteil der Veranstaltung ist der 61. Ärztekongress der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg. Er richtet sich an Ärztinnen und Ärzte aus Praxis und Klinik sowie an weitere Fachleute aus dem Gesundheitswesen. Im Mittelpunkt stehen interdisziplinäre Fortbildung, aktuelle medizinische Entwicklungen und der Austausch über die Herausforderungen der täglichen Versorgung.</p>
<p>Für die sportmedizinische Zielgruppe ist insbesondere der Praxisbezug relevant. Fragen der Prävention, der differenzierten Diagnostik, der individuellen Therapieplanung und der nachhaltigen Wiedereingliederung in Alltag und Sport spielen in vielen Fachgebieten eine wichtige Rolle. Auch Themen wie Gesundheitskompetenz, psychosomatische Zusammenhänge, Praxisorganisation und die Zusammenarbeit im Behandlungsteam gewinnen in der modernen Versorgung zunehmend an Bedeutung.</p>
<p>Der vergangene 60. Ärztekongress bot bis zu 22 Fortbildungspunkte und mehr als 75 Seminare. Auch 2027 soll der Kongress wieder ein breites Spektrum für unterschiedliche fachliche Interessen abdecken. Das detaillierte Programm und die Buchungsmöglichkeit werden ab Ende November 2026 veröffentlicht.</p>
<h3>Wissenstransfer über Fachgrenzen hinweg</h3>
<p>Neben dem Ärztekongress bietet die Fachmesse medizin Raum für Gespräche mit ausstellenden Unternehmen, den Vergleich von Produkten und Lösungen sowie Einblicke in aktuelle Entwicklungen für Praxis und Klinik. Für Sportmedizinerinnen und Sportmediziner ergeben sich dabei vielfältige Möglichkeiten, die eigene Versorgungsperspektive zu erweitern – etwa bei Fragen rund um Diagnostik, Therapie, Praxisausstattung, Digitalisierung und die Organisation medizinischer Abläufe.</p>
<p>Die enge Verbindung von Fachmesse und Kongress schafft dabei einen besonderen Mehrwert: Inhalte aus der Fortbildung lassen sich direkt mit konkreten Produkten, Dienstleistungen und Anwendungsbeispielen verbinden. Zusätzlich berechtigt das Kongressticket zum Besuch der medizin und der parallel stattfindenden therapro.</p>
<h3>Besonderer Vorteil für MFAs</h3>
<p>Ein Ärztekongressbesuch kann sich besonders für ganze Praxisteams lohnen: Beim Kauf eines Tickets für den Ärztekongress gibt es Freikarten für Medizinische Fachangestellte (MFAs). Damit können nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch die Teammitglieder, die den Praxisalltag wesentlich mitgestalten, von den Angeboten in Stuttgart profitieren.</p>
<p>Für MFAs bietet die Veranstaltung die Möglichkeit, neue Impulse für Patientenkommunikation, Praxisorganisation und die Zusammenarbeit im medizinischen Team mitzunehmen. Gerade in sportmedizinischen Praxen, in denen Beratung, Terminsteuerung, Nachsorge und die Begleitung von Patientinnen und Patienten häufig eng ineinandergreifen, kann der gemeinsame Messe- und Kongressbesuch den Wissenstransfer im gesamten Team unterstützen.</p>
<h3>Stuttgart als Treffpunkt der Gesundheitsbranche</h3>
<p>Mit der Kombination aus Fachmesse, Ärztekongress und ergänzendem Rahmenprogramm ist die medizin eine etablierte Plattform für fachliche Weiterbildung und persönlichen Austausch. Der Veranstaltungsort im ICS Internationales Congresscenter Stuttgart und auf dem Messegelände ermöglicht kurze Wege zwischen Kongress, Ausstellung und Networking.</p>
<p>Für Sportmedizinerinnen und Sportmediziner, Mannschaftsärztinnen und Mannschaftsärzte sowie Fachleute aus Praxis, Klinik und Rehabilitation bietet die medizin 2027 damit die Chance, das eigene Wissen aufzufrischen, neue Kontakte zu knüpfen und Anregungen für die Versorgung im Alltag mitzunehmen.</p>
<p><strong>Weitere Infos</strong></p>
<p><a href="https://www.messe-stuttgart.de/medizin?etcc_med=Kooperation&amp;etcc_par=Sportaerztezeitung&amp;etcc_cmp=med_27">www.messe-stuttgart.de/medizin</a></p>
<p><a href="https://www.aerztekammer-bw.de/61.aerztekongress-baek-nw?etcc_med=Kooperation&amp;etcc_par=Sportaerztezeitung&amp;etcc_cmp=med_27">www.aerztekongress-stuttgart.de</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sportneurologie im Wandel</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/23011/sportneurologie-im-wandel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dr. med. Stefan J. Blaschke]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Sep 2026 08:00:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://sportaerztezeitung.com/?p=23011</guid>

					<description><![CDATA[Die Sportneurologie erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel. Während das Fachgebiet lange vor allem durch die Betreuung von Sportlern mit Gehirnerschütterungen und anderen sportassoziierten Erkrankungen geprägt war, rückt zunehmend eine zweite [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Die Sportneurologie erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel. Während das Fachgebiet lange vor allem durch die Betreuung von Sportlern mit Gehirnerschütterungen und anderen sportassoziierten Erkrankungen geprägt war, rückt zunehmend eine zweite Perspektive in den Fokus: Sport und Bewegung als evidenzbasierte Therapie neurologischer Erkrankungen – „Exercise as Medicine“.<span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p>Beide Entwicklungen beruhen auf einem besseren Verständnis der Auswirkungen körperlicher Belastung auf das zentrale Nervensystem und eröffnen neue Möglichkeiten für Prävention, Diagnostik und Behandlung. Sportneurologie verbindet heute zwei Blickwinkel: Einerseits werden neurologische Erkrankungen und Verletzungen im Sport untersucht, andererseits die therapeutischen Möglichkeiten körperlicher Aktivität bei neurologischen Erkrankungen.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Dieses Spannungsfeld reicht von der Diagnostik sportassoziierter Gehirnerschütterungen über die Betreuung von Athleten mit neurologischen Erkrankungen bis hin zur Entwicklung gezielter Bewegungsprogramme für Menschen mit Parkinson-Krankheit, Multipler Sklerose oder Demenz.</p>
<h2><b>Warum der Sport die Neurologie braucht</b></h2>
<p>Den wichtigsten Impuls für die moderne Sportneurologie lieferte die zunehmende Aufmerksamkeit für sportassoziierte Gehirnerschütterungen (Sport-associated Concussion, SaC). Heute gilt die Concussion nicht mehr als harmlose Befindlichkeitsstörung, sondern als komplexe funktionelle Hirnverletzung, die weit über die akute Symptomatik hinausreichen kann. Die frühzeitige Diagnose, adäquate Behandlung und ein verantwortungsvoller Umgang sind entscheidend, um die Gesundheit der Sportler nicht zu gefährden. Typische Symptome umfassen Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Lichtempfindlichkeit, Müdigkeit und emotionale Veränderungen. Da strukturelle Veränderungen in der konventionellen Bildgebung meist fehlen, bleibt die Diagnostik weiterhin primär klinisch [1]. Internationale Leitlinien empfehlen mittlerweile keine längere körperliche Schonung mehr, sondern eine kurze Phase relativer Ruhe mit anschließender, symptomadaptierter Belastungssteigerung und eine standardisierte schrittweise Rückkehr in den Wettkampfsport (Return-to-play). Gleichzeitig entwickeln jedoch ca. 30 % aller Betroffenen persistierende Beschwerden, die als Post-Concussion-Symptome (PPCS) zusammengefasst werden [2]. Diese Beschwerden, die häufig auf bislang unerkannte Funktionsstörungen einzelner neurologischer Systeme zurückzuführen sind, können durch gezielte diagnostische und therapeutische Maßnahmen erfolgreich behandelt werden, wodurch die Krankheitsdauer verkürzt und eine Chronifizierung vermieden werden kann.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Die moderne Diagnostik geht deshalb weit über klassische Symptomfragebögen hinaus. Instrumente wie SCAT6 und SCOAT6 werden zunehmend durch spezifische Untersuchungen ergänzt. Besonders relevant sind vestibulo-okulomotorische Testverfahren, wie das Vestibular-Ocular-Motor-Screening (VOMS, 3) sowie Untersuchungen unter sogenannten Cognitive-Motor-Dual-Task-Bedingungen [4]. Letztere erfassen Defizite, die sich erst unter gleichzeitiger motorischer und kognitiver Belastung zeigen und möglicherweise mit einem erhöhten Verletzungsrisiko assoziiert sind. Parallel entwickelt sich die Biomarkerforschung mit hoher Dynamik. Marker wie GFAP, Neurofilament light chain (NfL), Tau oder UCH-L1 könnten zukünftig helfen, neuronale und gliale Schäden objektiver zu erfassen und individuelle Erholungsverläufe besser einzuschätzen [5]. Gleichzeitig richtet sich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit zunehmend auf wiederholte Kopfbelastungen unterhalb der klassischen Concussion-Schwelle. Die langfristige Bedeutung repetitiver Kopfverletzungen und ihre mögliche Verbindung zur chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE) sind weiterhin Gegenstand intensiver Forschung.</p>
<h2><b>Bewegung als Therapie in der Neurologie</b></h2>
<p>Parallel zur Entwicklung der Sportneurologie als diagnostisches Fachgebiet vollzieht sich ein zweiter Paradigmenwechsel: Bewegung wird zunehmend als gezielte therapeutische Intervention verstanden. Für zahlreiche neurologische Erkrankungen liegen heute randomisierte Studien vor, die Verbesserungen motorischer, kognitiver und psychosozialer Endpunkte zeigen. Bei Parkinson-Krankheit können strukturierte Trainingsprogramme Mobilität und Lebensqualität verbessern [6]. Bei Multipler Sklerose reduzieren sie Fatigue und fördern die körperliche Leistungsfähigkeit [7]. Auch bei Demenz und kognitiven Einschränkungen mehren sich Hinweise, dass Bewegung präventive und möglicherweise krankheitsmodifizierende Effekte entfalten könnte [8]. Nach der aktuellen Lancet-Kommission könnten bis zu 45 % aller Demenzfälle durch die Modifikation beeinflussbarer Risikofaktoren verzögert oder verhindert werden. Damit rückt körperliche Aktivität erstmals in den Mittelpunkt neurologischer Prävention und nicht mehr ausschließlich der Rehabilitation. Bemerkenswert aus sportneurologischer Sicht: Körperliche Aktivität adressiert nicht nur den Risikofaktor „Bewegungsmangel“, sondern beeinflusst gleichzeitig Hypertonie, Diabetes, Adipositas, Depression und soziale Isolation. Gleichzeitig gehört jedoch auch das Schädel-Hirn-Trauma zu den modifizierbaren Demenzrisiken.</p>
<h2><b>Wie wirkt Bewegung auf das Gehirn?</b></h2>
<p>Um zielgerichtete Therapie einsetzen und verschreiben zu können, ist ein grundlegendes Verständnis über Wirkweise der Therapie entscheidend. Die zugrunde liegenden Mechanismen bewegungsorientierter Interventionen im Rahmen neurologischer Erkrankungen werden zunehmend besser verstanden. Körperliche Aktivität beeinflusst unter anderem Neuroplastizität, Neurogenese, die zerebrale Durchblutung, den Energiestoffwechsel und neuroinflammatorische Prozesse. Besonders spannend ist die Kommunikation zwischen Muskulatur und Gehirn. Der Skelettmuskel fungiert als endokrines Organ und setzt unter Belastung sogenannte Exerkine frei, darunter Irisin, Cathepsin B und Interleukin-6. Diese Signalmoleküle können neuroplastische Prozesse fördern und neuroprotektive Wirkungen entfalten [9]. Darüber hinaus beeinflusst körperliche Aktivität zentrale neuroimmunologische Signalwege. Regelmäßiges Training reduziert systemische Entzündungsprozesse und moduliert die Aktivität von Mikroglia und Astrozyten. In den Fokus gerückt ist dabei insbesondere der Kynurenin-Stoffwechsel: Unter körperlicher Belastung steigt im Skelettmuskel die Expression von Kynurenin-Aminotransferasen, die potenziell neurotoxisches Kynurenin in das die Blut-Hirn-Schranke kaum passierende Kynurensäure umwandeln. Auf diese Weise könnte Bewegung neuroinflammatorische Prozesse abschwächen und einen Beitrag zur Resilienz gegenüber neurodegenerativen und neuropsychiatrischen Erkrankungen leisten [10]. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage des Konzepts der „Precision Exercise Medicine“. Ähnlich wie Medikamente könnten künftig auch Bewegungsprogramme individuell an Krankheitsmechanismen und biologische Marker angepasst werden [11].</p>
<h2><b>Handlungsempfehlungen für die Praxis</b></h2>
<p>Für Sportmediziner ergeben sich daraus konkrete Konsequenzen:</p>
<ul>
<li>Gehirnerschütterungen sollten frühzeitig erkannt und strukturiert behandelt werden. Eine frühzeitige Symptom-adaptierte Belastung verringert die Beschwerdedauer.<span class="Apple-converted-space">   </span></li>
<li>Persistierende Beschwerden erfordern eine differenzierte neurologische und funktionelle Diagnostik.<span class="Apple-converted-space"> </span></li>
<li>Bewegung sollte bei neurologischen Erkrankungen nicht nur als ergänzende Maßnahme, sondern<br />
als therapeutische Intervention verstanden werden.<span class="Apple-converted-space"> </span></li>
<li>Unterschiedliche Trainingsformen entfalten unterschiedliche biologische Wirkungen und sollten gezielt an die jeweilige Erkrankung angepasst werden.</li>
<li>Bereits moderate körperliche Aktivität kann relevante Effekte auf Gehirn und Nervensystem haben.<span class="Apple-converted-space"> </span></li>
</ul>
<h2><b>Fazit</b></h2>
<p>Die Sportneurologie entwickelt sich von einer Nischendisziplin zu einem integralen Bestandteil der modernen Neurologie. Sie verbindet die Versorgung sportassoziierter neurologischer Verletzungen mit den therapeutischen Möglichkeiten körperlicher Aktivität. Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr, ob Bewegung neurologisch wirksam ist, sondern für wen, wann und über welche Mechanismen sie wirkt. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird darin bestehen, Sport und Bewegung ähnlich präzise und individualisiert einzusetzen wie pharmakologische Therapien. Die Vision der internationalen „Exercise is Medicine“-<br />
Initiative, Bewegung auf Rezept zu verordnen, erscheint damit auch für die Neurologie zunehmend realistisch. Nicht jeder Patient benötigt ein komplexes Trainingsprogramm – häufig reichen bereits regelmäßige Spaziergänge, niedrigschwellige Angebote oder strukturierte Heimübungen als erster Schritt. Das menschliche Gehirn ist evolutionär auf Bewegung ausgelegt. Die Zukunft der Sportneurologie wird daher nicht allein darin liegen, neurologische Erkrankungen im Sport zu behandeln, sondern Bewegung selbst als präzise und individualisierbare neurologische Therapie zu begreifen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em> <span class="fontstyle0">Diesen Fragen widmet sich auch das </span><span class="fontstyle2">Symposium <strong>„Sportneurologie und neurologische Sportmedizin“</strong></span><span class="fontstyle0">, das am 10. Oktober 2026 an der Uniklinik Köln stattfindet. Gemeinsam mit Experten aus Neurologie, Psychiatrie, Sportmedizin und Bewegungswissenschaft werden aktuelle Entwicklungen von der Diagnostik sportassoziierter Hirnverletzungen bis hin zu bewegungsbasierten Therapieansätzen bei neurologischen und neuropsychiatrischen Erkrankungen vorgestellt und diskutiert.</span></em></p>
<p><em>Infos unter stefan.blaschke@uk-koeln.de</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="font-weight: 400;">Literatur</p>
<ol>
<li style="font-weight: 400;">Leddy JJ. Sport-Related Concussion. The New England journal of medicine. 2025;392(5):483-93.</li>
<li style="font-weight: 400;">McIntosh SJ, Vergeer MH, Galarneau JM, Eliason PH, Debert CT. Factors Associated With Persisting Symptoms After Concussion in Adults With Mild TBI: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Netw Open. 2025;8(6):e2516619.</li>
<li style="font-weight: 400;">Mucha A, Collins MW, Elbin RJ, Furman JM, Troutman-Enseki C, DeWolf RM, et al. A Brief Vestibular/Ocular Motor Screening (VOMS) assessment to evaluate concussions: preliminary findings. The American journal of sports medicine. 2014;42(10):2479-86.</li>
<li style="font-weight: 400;">Büttner F, Howell DR, Ardern CL, Doherty C, Blake C, Ryan J, et al. Concussed athletes walk slower than non-concussed athletes during cognitive-motor dual-task assessments but not during single-task assessments 2 months after sports concussion: a systematic review and meta-analysis using individual participant data. British journal of sports medicine. 2020;54(2):94-101.</li>
<li style="font-weight: 400;">O&#8217;Brien WT, Spitz G, Xie B, Major BP, Mutimer S, Giesler LP, et al. Biomarkers of Neurobiologic Recovery in Adults With Sport-Related Concussion. JAMA Netw Open. 2024;7(6):e2415983.</li>
<li style="font-weight: 400;">van der Kolk NM, de Vries NM, Kessels RPC, Joosten H, Zwinderman AH, Post B, et al. Effectiveness of home-based and remotely supervised aerobic exercise in Parkinson&#8217;s disease: a double-blind, randomised controlled trial. The Lancet Neurology. 2019;18(11):998-1008.</li>
<li style="font-weight: 400;">Du L, Xi H, Zhang S, Zhou Y, Tao X, Lv Y, et al. Effects of exercise in people with multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in public health. 2024;12:1387658.</li>
<li style="font-weight: 400;">Yau W-YW, Kirn DR, Rabin JS, Properzi MJ, Schultz AP, Shirzadi Z, et al. Physical activity as a modifiable risk factor in preclinical Alzheimer’s disease. Nature medicine. 2025;31(12):4075-83.</li>
<li style="font-weight: 400;">Pedersen BK, Febbraio MA. Muscles, exercise and obesity: skeletal muscle as a secretory organ. Nature reviews Endocrinology. 2012;8(8):457-65.</li>
<li style="font-weight: 400;">Agudelo LZ, Femenía T, Orhan F, Porsmyr-Palmertz M, Goiny M, Martinez-Redondo V, et al. Skeletal muscle PGC-1α1 modulates kynurenine metabolism and mediates resilience to stress-induced depression. Cell. 2014;159(1):33-45.</li>
<li style="font-weight: 400;">Ross R, Goodpaster BH, Koch LG, Sarzynski MA, Kohrt WM, Johannsen NM, et al. Precision exercise medicine: understanding exercise response variability. British journal of sports medicine. 2019;53(18):1141-53.</li>
</ol>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>ACS</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/23040/acs/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dr. med. Tilman Hees]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2026 08:00:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://sportaerztezeitung.com/?p=23040</guid>

					<description><![CDATA[Die regenerative Medizin hat in den vergangenen Jahren einen grundlegenden Wandel erlebt. Während zunächst einzelne Wachstumsfaktoren oder antiinflammatorische Zytokine als entscheidende Wirkstoffe biologischer Therapien im Mittelpunkt standen, zeigt die aktuelle [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Die regenerative Medizin hat in den vergangenen Jahren einen grundlegenden Wandel erlebt. Während zunächst einzelne Wachstumsfaktoren oder antiinflammatorische Zytokine als entscheidende Wirkstoffe biologischer Therapien im Mittelpunkt standen, zeigt die aktuelle Forschung ein deutlich komplexeres Bild: Heilung ist kein Ereignis, das durch einen einzelnen Mediator ausgelöst wird. Vielmehr entsteht sie durch das koordinierte Zusammenspiel zahlreicher biologischer Signalstoffe, welche Inflammation, Immunantwort und Geweberegeneration aufeinander abstimmen.<span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p><em>Anmerkung: Es ist zu beachten, dass die im Folgenden dargestellten Aussagen ausschließlich auf das ACS zutreffen, welches unter Verwendung des Orthogen<sup>®</sup> Device und dem ent­sprechenden Protokoll gewonnen wird. Innerhalb der Stoffklasse von ACS bestehen produktspezifische Unterschiede in den Herstellungs­protokollen, den verwendeten Devices sowie der bio­logischen Aktivierung. Die einzelnen ACS-Produkte sollten daher differenziert betrachtet und wissenschaftliche Daten nicht auf andere Systeme übertragen werden.</em></p>
<p>Dieses Verständnis verändert auch die Betrachtung autologer Blutprodukte. Was wird appliziert und wie wird es für den Körper bereitgestellt? Genau hier liegt ein grundlegender Unterschied zwischen ACS und Verfahren wie PRP oder Therapien mit mesenchymalen Stromazellen. Alle drei Verfahren nutzen zelluläre Bestandteile als Quelle therapeutisch relevanter Mediatoren, unterscheiden sich jedoch in Zusammensetzung und Wirkprinzip:</p>
<p>Bei PRP werden konzentrierte Thrombozyten und abhängig vom Herstellungsverfahren, unterschiedliche Mengen an Leukozyten appliziert [1]. Bei zellbasierten Verfahren wie BMAC (Bone Marrow Aspirate Concentrate) oder SVF (Stromal Vascular Fraction) werden dagegen vitale, kernhaltige Zellen in Form heterogener Zellpopulationen appliziert [2]. Die Freisetzung der Mediatoren kann erst nach der Injektion erfolgen und hängt sowohl quantitativ als auch qualitativ von der Aktivierung der Thrombozyten sowie den Reaktionen der Zellen auf das lokale Gewebemilieu ab [3]. Das oben erwähnte ACS verlagert diesen biologischen Prozess vor die Anwendung: injiziert wird nicht die Zelle, sondern ein aktiviertes, zellfreies Sekretom mit den bereits freigesetzten aktiven Mediatoren. Es stellt sich die Frage: Wenn die therapeutisch relevanten Mediatoren bereits ex vivo kontrolliert erzeugt und standardisiert bereitgestellt werden können, ist die Injek­tion der produzierenden Zellen dann überhaupt noch notwendig?</p>
<h2><b>Standardisierte Device Technologie<span class="Apple-converted-space"> </span></b></h2>
<p>Die Zusammensetzung eines autologen Blutprodukts wird nicht nur durch die Eigenschaften eines Patienten bestimmt, sondern auch durch das Konditionierungsprotokoll, den Herstellungsprozess, die Materialeigenschaften des Systems und die standardisierte Aufarbeitung. Diese Faktoren beeinflussen unmittelbar, welche Mediatoren in welcher Konzentration vorliegen (Abb.1). Während der Inkubation im Orthogen® Device werden die Zellen unter kontrollierten Bedingungen stimuliert und setzen ihre Mediatoren frei. Die Aufarbeitung des Serums und die Trennung von den zellulären Bestandteilen erfolgt automatisiert innerhalb des Devices, ohne zusätzliche manuelle Verarbeitungsschritte. Das Produkt ist ein zellfreies, aber biologisch hoch-aktiviertes Sekretom und bildet die therapeutische Grundlage von diesem ACS. Gerade in der regenerativen Medizin ist diese Standardisierung mehr als ein technischer Prozessschritt. Sie ist die Voraussetzung dafür, ein komplexes biologisches Produkt möglichst reproduzierbar herzustellen. Die Aufgabe der Devices und Protokolle besteht darin, eine ideale Mikroumgebung für die gewünschte biologische Aktivierung zu schaffen.</p>
<figure id="attachment_23042" aria-describedby="caption-attachment-23042" style="width: 755px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-23042" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees1_saez0326-1024x516.jpg" alt="" width="755" height="380" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees1_saez0326-1024x516.jpg 1024w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees1_saez0326-300x151.jpg 300w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees1_saez0326-768x387.jpg 768w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees1_saez0326-150x76.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees1_saez0326-450x227.jpg 450w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees1_saez0326-1200x605.jpg 1200w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees1_saez0326.jpg 1500w" sizes="(max-width: 755px) 100vw, 755px" /><figcaption id="caption-attachment-23042" class="wp-caption-text">Abb. 1 Gelb dargestellt sind die Konzentrationen in ACS, grau die Ausgangswerte im Vollblut. Vergleich der Konzentrationen ausgewählter Mediatoren im Vollblut (Baseline) und in ACS. Die Zahlen oberhalb der Balken geben die jeweilige relative Erhöhung der Konzentration in ACS an. Die Konzentrationen der untersuchten Mediatoren sind in ACS gegenüber Vollblut je nach Para­meter um das 4,7- bis 525-Fache erhöht. Mediatoren wurden mittels ELISA bestimmt. Quantifizierung der Konzentrationen von extrazellulären Vesikeln inklusive Exosomen mittels Nachweis der Oberflächenmarker CD9 und CD63.</figcaption></figure>
<h2><b>Regeneration ist Teamarbeit</b></h2>
<p>Über viele Jahre wurde die Wirkung von ACS vor allem mit dem Interleukin-1-Rezeptorantagonisten (IL-1Ra) erklärt. Seine Fähigkeit, IL-1-vermittelte Entzündungsprozesse zu modulieren, stellt zweifellos einen wichtigen Bestandteil des Wirkmechanismus dar. Heute zeichnet sich jedoch ein wesentlich umfassenderes Bild ab. Untersuchungen zeigen, dass ACS durch die Mediatorenvielfalt unterschiedliche regenerative Signalwege gleichzeitig beeinflussen kann. Zu den Mediatorengruppen zählen u. a. Exosomen, Specialized Pro-resolving Mediators (SPMs), neutrophile Proteine, mitochondriale Peptide, antiinflammatorische Zytokine, Wachstumsfaktoren, und viele weitere Bestandteile. Entscheidend ist nicht die isolierte Wirkung einzelner Faktoren, sondern ihr Zusammenspiel. Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass die Konditionierung des Vollbluts das Mediatorenprofil deutlich verändert. In einer frühen Untersuchung wurden in ACS höhere Konzentrationen mehrerer Zytokine und Wachstumsfaktoren als im damals untersuchten PRP-Präparat nachgewiesen [4]. Neuere Daten bestätigen Unterschiede zwischen ACS und PRP, zeigen jedoch wiederholt, dass das genaue ACS-Profil vom Herstellungsverfahren, der Inkubationsdauer und individuellen Patienteneigenschaften abhängt [5, 6]. Die Vorstellung, ein einzelner Mediator könne den gesamten Prozess der Heilung steuern, greift daher zu kurz. Geweberegeneration ist das Ergebnis einer über Millionen von Jahren evolutionär optimierten biologischen Kaskade (Abb. 2). Die eigentliche Frage lautet nicht nur: „Wie kann ich möglichst viele Wachstumsfaktoren gewinnen?“, sondern vielmehr „Wie kann ich die gesamte Mannschaft der Heilungskaskade generieren?“. Genau hier setzt ACS an. Es stellt nicht nur einzelne Spieler der Heilungskaskade, sondern ein breites Netzwerk regenerationsrelevanter Media­toren in hohen Konzentrationen zur Verfügung und unterstützt damit die Prozesse der Entzündungsresolution und Geweberegeneration.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<figure id="attachment_23041" aria-describedby="caption-attachment-23041" style="width: 755px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-23041" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees2_saez0326-1024x692.jpg" alt="" width="755" height="510" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees2_saez0326-1024x692.jpg 1024w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees2_saez0326-300x203.jpg 300w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees2_saez0326-768x519.jpg 768w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees2_saez0326-150x101.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees2_saez0326-450x304.jpg 450w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees2_saez0326-1200x811.jpg 1200w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Hees2_saez0326.jpg 1500w" sizes="(max-width: 755px) 100vw, 755px" /><figcaption id="caption-attachment-23041" class="wp-caption-text">Abb. 2 Schematische Darstellung der wichtigsten Zellpopulationen im Vollblut und ihr Beitrag zum Mediatorenspektrum von ACS. (Mit Biorender erstellt)</figcaption></figure>
<h2><b>Erfahrung aus der Praxis</b></h2>
<p>Aus meiner Erfahrung erlebe ich ACS (Orthogen®) als sinnvolle Ergänzung des konservativen Behandlungsspek­trums. Besonders bei radiologisch fortgeschrittener Gonarthrose berichten Patienten häufig über eine Abnahme der Schmerzen und eine bessere Belastbarkeit. Aktuelle Übersichtsarbeiten beschreiben mögliche Verbesserungen von Schmerz und Funktion bei Kniearthrose [7 – 9], bewerten die Evidenz aufgrund heterogener Behandlungsprotokolle und Vergleichsgruppen jedoch weiterhin unterschiedlich. Solche Verbesserungen beobachte ich im Rahmen meiner persönlichen klinischen Erfahrung vereinzelt auch bei Patienten, die zuvor auf eine PRP-Therapie nicht oder nicht mehr ausreichend angesprochen hatten. Vergleichbare Beobachtungen wurden auch in wissenschaftlichen Studien, z. B. von Leone et al. berichtet [10]. Dabei steht nicht die strukturelle Regeneration eines bereits deutlich geschädigten Gelenks im Vordergrund, sondern die Linderung von Schmerzen, die Verbesserung von Belastbarkeit sowie der Erhalt von Funktion und Lebensqualität. Darüber hinaus setze ich ACS bei bildgesteuerten transforaminalen Injektionen bei radikulären lumbalen Beschwerden sowie bei Facetteninjektionen bei degenerativ bedingten Rücken­schmerzen ein. Auch hier beobachte ich bei ausgewählten Patienten häufig eine deutliche und teilweise länger anhaltende Beschwerdelinderung. Diese klinischen Erfahrungen werden durch eine vielversprechende wissenschaftliche Datenlage für Anwendungen an der Lenden – und Halswirbelsäule gestützt [11 – 14]. Die Zukunft biologischer Therapien könnte darin liegen, regenerationsrelevante Signale gezielter auf die individuellen Voraussetzungen des Patienten abzustimmen. Denn Heilung ist keine Einzelleistung, sondern Teamarbeit.</p>
<p>Literatur</p>
<ol>
<li>Mormone E, D&#8217;Esposito V, De Luca P, Ferrara FEO, Bellotti FP, Formisano P, et al. Platelet-rich plasma from the research to the clinical arena: A journey toward precision regenerative medicine. Int J Mol Sci. 2026;27:1058. doi:10.3390/ijms27021058.</li>
<li>Junuzović M, Troillet A, Burk J. Multiple strategies, one mission: mesenchymal stromal cell-based mechanisms of action in osteoarthritis. Front Cell Dev Biol. 2026;14:1763344. doi:10.3389/fcell.2026.1763344.</li>
<li>Caplan AI. Mesenchymal Stem Cells: Time to Change the Name! Stem Cells Transl Med. 2017;6(6):1445–1451. doi:10.1002/sctm.17-0051.</li>
<li>Weisshaar M, Gaji S. Signaling proteins (Growth factors and cytokines) in orthopaedics. Comparison of two blood processing techniques: Orthokine and ACP. CORS. 2013;3(5).</li>
<li>Bauer C, et al. Toward personalized ACS therapy: How disease status and patient characteristics influence the composition of autologous conditioned serum. J Clin Med. 2026.</li>
<li>Cheng PG, Yang KD, Huang LG, Wang CH, Ko WS. Comparisons of cytokines, growth factors and clinical efficacy between platelet-rich plasma and autologous conditioned serum for knee osteoarthritis management. Biomolecules. 2023;13(3):555. doi:10.3390/biom13030555.</li>
<li>Hang N, Hamed G, Wehling J, Reinecke J, Hang MV. Orthogen Autologous Conditioned Serum: An Update of the Currently Published Clinical Studies. Med Res Arch. 2025;13(1). doi:10.18103/mra.v13i1.4810.</li>
<li>Jeyaraman N, Jeyaraman M, Ramasubramanian S, et al. Autologous conditioned serum in knee osteoarthritis: A systematic review of current clinical evidence. Cureus. 2024;16:e68963. doi:10.7759/cureus.68963.</li>
<li>Curtis A, et al. Is there a role for autologous conditioned serum injections in the management of osteoarthritis? A systematic review. 2024. PMID:38878817.</li>
<li>Leone R, De Rosa A, Iudicone P, Fioravanti D, Capua G, Rossetti F, et al. Pain control and functional improvement in patients treated by autologous conditioned serum after failure of platelet rich plasma treatments in knee osteoarthritis. Transfus Med. 2021;31(6):430–437. doi:10.1111/tme.12801.</li>
<li>Hashemi M, et al. Transforaminal epidural autologous conditioned serum versus corticosteroid injection in patients with lumbar radicular pain due to lumbar disc herniation. 2022.</li>
<li>Becker C, et al. Efficacy of epidural perineural injections with autologous conditioned serum for the treatment of radicular compression of lumbar nerve roots. Pain Med. 2007.</li>
<li>Godek P, Cieślik P, Kotyla P, et al. Comparison of analgesic efficacy between epidural and perineural administration of autologous conditioned serum in the conservative treatment of low back pain due to lumbar degenerative disc disease: A randomized, open-label, controlled clinical trial. J Clin Med. 2023;12(11):3830. doi:10.3390/jcm12113830.</li>
<li>Godek P, Cieślik P, Kotyla P, et al. Comparative efficacy of ultrasound-guided cervical fascial infiltration versus periarticular administration of autologous conditioned serum (Orthokine) for neck pain: A randomized controlled trial. J Clin Med. 2024;13(16):4696. doi:10.3390/jcm13164696.</li>
</ol>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Idiopathische Skoliose</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/training/22941/idiopathische-skoliose/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[PD Dr. med. Stavros Oikonomidis]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2026 08:00:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[Training]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://sportaerztezeitung.com/?p=22941</guid>

					<description><![CDATA[Die idiopathische Skoliose ist eine komplexe, dreidimensionale Deformität der Wirbelsäule und des Rumpfes, die typischerweise bei ansonsten gesunden Kindern und Jugendlichen auftritt. Da die Erkrankung vor allem in den Phasen [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Die idiopathische Skoliose ist eine komplexe, dreidimensionale Deformität der Wirbelsäule und des Rumpfes, die typischerweise bei ansonsten gesunden Kindern und Jugendlichen auftritt. Da die Erkrankung vor allem in den Phasen starken Körperwachstums voranschreitet, spricht man häufig von der adoleszenten idiopathischen Skoliose. Die Ätiologie der Skoliose gilt als multifaktoriell, wobei genetische, biomechanische und umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen [1].</b></p>
<p>Das primäre Ziel konservativer Behandlungen ist es, eine Progredienz der Krümmung zu verhindern und somit invasive Maßnahmen wie Operationen oder rigide Korsettbehandlungen abzuwenden. In der Praxis werden hierfür häufig therapeutische Übungen eingesetzt, die in zwei Hauptkategorien fallen: Physiotherapeutische skoliose-spezifische Übungen (PSSÜ), die auf aktiver Selbstkorrektur und Stabilisierung beruhen, und allgemeine therapeutische Übungen (ATÜ) ohne spezifische Selbstkorrekturkomponente. Dieser Artikel beleuchtet die Evidenz für den Einsatz von allgemeiner sportlicher Aktivität in der Prävention, Begleitung und konservativen Therapie der idiopathischen Skoliose, grenzt diese von spezifischen physiotherapeutischen Übungen ab und gibt einen Ausblick auf die Behandlungsmethoden.</p>
<h2><b>Genereller Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Skoliose</b></h2>
<p>Ein aktueller systematischer Review von Qi et al. untersuchte die Korrelation zwischen körperlicher Aktivität und der adoleszenten idiopathischen Skoliose. In diese systematischen Übersichtsarbeit wurden acht Studien eingeschlossen. Sechs Studien berichteten über eine Assoziation zwischen der idiopathischen Skoliose und dem Level an körperlicher Aktivität. Hier wurden durch sechs Studien Hinweise präsentiert, dass minimale körperliche Aktivität ein Risikofaktor für die Entstehung und Entwicklung einer idiopathischen Skoliose sind [1]. Fehlende oder minimale körperliche Aktivität wird in der wissenschaftlichen Literatur als möglicher ursächlicher Faktor für das Auftreten der idiopathischen Skoliose angesehen. Eine britische Studie ergab sogar, dass eine reduzierte körperliche Funktion und Aktivität in der frühen Lebensphase (erste Lebensjahre / Laufbeginn bis zum 10. Lebensjahr) einen Risikofaktor für das spätere Auftreten einer Skoliose darstellt [2]. Schlussfolgernd kann man zusammenfassen, dass es eine Assoziation von körperlicher Aktivität und der adoleszenten idiopathischen Skoliose gibt. Aus diesem Grund sollte die körperliche Aktivität – auch im frühen Alter – gefördert werden, da sie eine wichtige Rolle bei der Prävention spielt.</p>
<figure id="attachment_22991" aria-describedby="caption-attachment-22991" style="width: 567px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-22991" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Oikonomidis_saez0326-567x1024.jpg" alt="" width="567" height="1024" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Oikonomidis_saez0326-567x1024.jpg 567w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Oikonomidis_saez0326-166x300.jpg 166w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Oikonomidis_saez0326-768x1387.jpg 768w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Oikonomidis_saez0326-850x1536.jpg 850w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Oikonomidis_saez0326-150x271.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Oikonomidis_saez0326-450x813.jpg 450w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Oikonomidis_saez0326.jpg 1063w" sizes="(max-width: 567px) 100vw, 567px" /><figcaption id="caption-attachment-22991" class="wp-caption-text">Röntgenaufnahme einer 13- jährigen Patientin mit einer idiopathischen links­konvexen thorakolumbalen Skoliose (links). Deutliche Korrektur der thorakolumbalen Krümmung mit einer Korsettversorgung. Die zusätzliche Behandlung mit Skoliose-­spezifischen physiotherapeutischen Übungen und die allgemeine körperliche Aktivität sind essenziell für die Ergebnisse der Therapie.</figcaption></figure>
<h2><b>Direkte Effekte von Sport und PSSÜ auf die Progression der Skoliose</b></h2>
<p>Der wohl wichtigste Aspekt für Patienten und behandelnde Ärzte ist die Frage, ob Sport die Progression der Wirbelsäulenverkrümmung aufhalten kann. Ein systematisches Cochrane-Review von Romano et al. (2024) evaluierte die Wirksamkeit von PSSÜ und ATÜ im Vergleich zu Nichtbehandlung, anderen nicht-operativen Therapien (z. B. Korsett) oder zwischen den Übungsarten selbst [4]. In der Literaturrecherche wurden 13 randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt 583 Probanden in die Analyse eingeschlossen. Das Durchschnittsalter der vorwiegend weiblichen Teilnehmer lag zwischen 12 und 15 Jahren. Die Behandlungsdauer in den Studien variierte zwischen 12 und 42 Monaten [3]. Die Datenlage bezüglich der Reduktion des Cobb-Winkels durch ATÜ im Vergleich zu keiner Behandlung ist sehr unsicher. PSSÜ scheinen den Rumpfrotationswinkel kaum zu beeinflussen und erzielen lediglich geringfügige Verbesserungen bei der objektiven Taillenasymmetrie und der allgemeinen Lebensqualität. Im Bereich des subjektiven Selbstbildes konnten keine nennenswerten Unterschiede festgestellt werden. Klinisch bedeutsame Effekte zeigten sich hingegen bei der Reduktion von Rückenschmerzen durch ATÜ. Wird eine Korsettbehandlung durch PSSÜ ergänzt, zeigt Evidenz von niedriger Qualität eine marginale Reduktion des Cobb-Winkels (MD – 2,2°), die jedoch nicht als klinisch bedeutsam eingestuft wird. Subjektive und kosmetische Ergebnisse sowie die Lebensqualität wurden durch die Kombination nicht messbar verbessert. Die Ergänzung von Interventionen wie Elektrostimulation und Traktion durch ATÜ führte hingegen zu einer klinisch bedeutsamen Reduktion des Cobb-Winkels (MD – 8,0°). Ebenso konnte eine klinisch relevante Schmerzreduktion nachgewiesen werden, wenn PSSÜ mit unterstützender manueller Therapie kombiniert wurde.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Ein direkter Vergleich beider Übungsformen liefert bezüglich der Reduktion des Cobb-Winkels eine sehr unsichere Evidenz. Moderat gesicherte Evidenz zeigt jedoch, dass PSSÜ den Rumpfrotationswinkel effektiver und klinisch bedeutsamer reduzieren als ATÜ. Zudem weist Evidenz von niedriger Qualität darauf hin, dass PSSÜ einer starken Progredienz der Skoliotischen Deformität vorbeugen: In einer Studie verschlechterte sich der Zustand bei 38 % der ATÜ-Patienten um mehr als 5° Cobb, während dies in der PSSÜ-Gruppe nur bei 7 % der Fall war [3]. Eine groß angelegte Beobachtungsstudie von Negrini et al. liefert hierzu relevante klinische Daten [5]. Die Studie untersuchte eine Population von 511 Patienten mit einer juvenilen oder adoleszenten idiopathischen Skoliose und einem Cobb Winkel von 11° bis 25°. Ein entscheidendes Merkmal dieser Population war, dass sich alle Teilnehmer im Reifegrad „Risser 0 – 2“ befanden. Das Risser-Zeichen ist ein radiologischer Parameter für die Skelettreife; die Stufen 0 bis 2 markieren die Phase des stärksten Wachstums, in der das Risiko für eine rapide Verschlechterung der Skoliose am höchsten ist. Die Patienten wurden nach 1. Jahr klinisch und radiologisch nachuntersucht. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass regelmäßige sportliche Aktivität (1- bis 4-mal pro Woche) das Risiko für die Progression der idiopathischen Skoliose um ca. 46 % reduzieren kann [1].<span class="Apple-converted-space">  </span>Darüber hinaus zeigte die Studie einen weiteren Vorteil: Durch die Ausübung von Sport konnte die Notwendigkeit einer Korsettbehandlung deutlich verringert werden. Da das Tragen eines orthopädischen Korsetts für Jugendliche oft mit starken psychischen und physischen Belastungen (wie Einschränkungen im Alltag und Problemen mit dem Körperbild) verbunden ist, stellt die Reduktion der Korsett-Indikation durch Sport einen Vorteil für die Lebensqualität der betroffenen Patienten dar.</p>
<p>Zusammenfassend liefert die Literaturrecherche Hinweise, dass allgemeiner Sport (wie Fußball, Schwimmen oder Leichtathletik) die allgemeine Rumpfstabilität, das kardiovaskuläre System und das psychische Wohlbefinden fördert. Allgemeine therapeutische Übungen zielen jedoch nicht spezifisch auf die asymmetrische, dreidimensionale Deformität der Wirbelsäule ab. Aus diesem Grund sollten sogenannte physiotherapeutische Skoliose-spezifische Übungen als fundamentale Säule der konserva­tiven Therapie eingesetzt werden [2].</p>
<h2><b>PSSÜ am Beispiel der Schroth-Methode</b></h2>
<p>Um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen, sollte der allgemeine Sport durch PSSÜ ergänzt werden. Eine der weltweit bekanntesten und am besten evaluierten PSSÜ-Methoden ist die Schroth-Therapie. Ein systematischer Review mit Meta-Analyse von Dimitrijevic et al. (2022) untersuchte die Effektivität dieser speziellen Methode [8]. Im Gegensatz zum allgemeinen Sport nutzen die Skoliose-spezifischen Übungen nach Schroth asymmetrische Haltungsschulung, spezielle Atemtechniken und muskuläre Aktivierung, um der individuellen Krümmung der Wirbelsäule gezielt dreidimensional entgegenzuwirken. Die Analyse bestätigte, dass die Schroth-Methode gute Resultate bei der Reduzierung der Progression der idiopathischen Skoliose erzielt. Eine weitere Metaanalyse aus dem Jahr 2023 liefert wissenschaftliche Hinweise, dass durch PSSÜ eine bessere Korrektur des Cobb Winkels im Vergleich zur ATÜ erzielt werden konnte [6]. Die Kom­bination aus beiden Ansätzen – der allgemeinen körperlichen Aktivität zur Förderung der Gesundheit, Ausdauer und Prävention von Begleiterkrankungen und der spezifischen Therapie wie der Schroth-Methode, die zur gezielten Korrektur und muskulären Stabilisierung der Deformität dient – stellt somit den Goldstandard in der modernen konservativen Skoliosebehandlung dar [3].</p>
<h2><b>Zusammenfassung und klinische Implikationen</b></h2>
<p>Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sportliche Aktivität ein unverzichtbarer Baustein im Leben von Patienten mit idiopathischer Skoliose ist.</p>
<ul>
<li>Prävention und Risikominderung: Eine hohe körperliche Aktivität scheint mit einer geringeren Inzidenz bzw. einem milderen Verlauf der Skoliose assoziiert zu sein.<span class="Apple-converted-space"> </span></li>
<li>Klinischer Nutzen: Regelmäßige Sportteilnahme bei Jugendlichen<br />
im Wachstum kann die Progression der Krümmung senken und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Korsett getragen werden muss, verringern.</li>
<li>Abgrenzung: Sport ist essenziell, darf aber medizinisch nicht mit einer spezifischen Therapie verwechselt werden.<span class="Apple-converted-space"> </span></li>
<li>Spezifische Ergänzung: Die optimale konservative Versorgung beinhaltet neben dem allgemeinen Sport, Skoliose-spezifische Übungen (wie die Schroth-Methode), die nachweislich das Voranschreiten der Krümmung aufhalten können.</li>
</ul>
<h2><b>Fazit</b></h2>
<p>Patienten, Eltern und Ärzte sollten daher ein klares Ziel verfolgen: Jugendliche mit idiopathischer Skoliose sollten keinesfalls geschont oder von sportlichen Aktivitäten ausgeschlossen werden. Im Gegenteil: Ein aktiver Lebensstil ist eine effektive Maßnahme, um die Integrität der Wirbelsäule zu unterstützen, die Notwendigkeit invasiverer Maßnahmen zu minimieren und die allgemeine Lebensqualität nachhaltig zu steigern.</p>
<p>Literatur</p>
<ol>
<li>Smit TH. On growth and scoliosis. Eur Spine J. 2024, Bde. Jun;33(6):2439-2450. doi: 10.1007/s00586-024-08276-9. Epub 2024 May 5. PMID: 38705903.</li>
<li>Qi X, Peng C, Fu P, Zhu A, Jiao W. Correlation between physical activity and adolescent idiopathic scoliosis: a systematic review. BMC Musculoskelet Disord. 2023, Bde. Dec 19;24(1):978. doi: 10.1186/s12891-023-07114-1. PMID: 38115016; PMCID: PMC10729348.</li>
<li>Tobias JH, Fairbank J, Harding I, Taylor HJ, Clark EM. Association between physical activity and scoliosis: a prospective cohort study. . Int J Epidemiol. 2019, Bde. Aug 1;48(4):1152-1160. doi: 10.1093/ije/dyy268. PMID: 30535285; PMCID: PMC6896242.</li>
<li>Romano M, Minozzi S, Bettany-Saltikov J, Zaina F, Chockalingam N, Kotwicki T, Maier-Hennes A, Arienti C, Negrini S. Therapeutic exercises for idiopathic scoliosis in adolescents. Cochrane Database Syst Rev. 2024, Bd. Feb 28;2(2):CD007837. doi: 10.1002/14651858.CD007837.pub3. PMID: 38415871; PMCID: PMC10900302.</li>
<li>Negrini A, Donzelli S, Vanossi M, Poggio M, Cordani C, Zaina F, Negrini S. Sports participation reduces the progression of idiopathic scoliosis and the need for bracing. An observational study of 511 adolescents with Risser 0-2 maturation stage. Eur J Phys Rehabil Med. 2023, Bde. Apr;59(2):222-227. doi: 10.23736/S1973-9087.23.07489-0. Epub 2023 Mar 9. PMID: 36892518; PMCID: PMC10167700.</li>
<li>Negrini S, Donzelli S, Aulisa AG, Czaprowski D, Schreiber S, de Mauroy JC, Diers H, Grivas TB, Knott P, Kotwicki T, Lebel A, Marti C, Maruyama T, O&#8217;Brien J, Price N, Parent E, Rigo M, Romano M, Stikeleather L, Wynne J, Zaina F. 2016 SOSORT guidelines: orthopaedic and rehabilitation treatment of idiopathic scoliosis during growth. Scoliosis Spinal Disord. 2018, Bde. Jan 10;13:3. doi: 10.1186/s13013-017-0145-8. PMID: 29435499; PMCID: PMC5795289.</li>
<li>Ma K, Wang C, Huang Y, Wang Y, Li D, He G. The effects of physiotherapeutic scoliosis-specific exercise on idiopathic scoliosis in children and adolescents: a systematic review and meta-analysis. Physiotherapy. 2023, Bde. Dec;121:46-57. doi: 10.1016/j.physio.2023.07.005. Epub 2023 Jul 24. PMID: 37820462.</li>
<li>Dimitrijević V, Šćepanović T, Jevtić N, Rašković B, Milankov V, Milosević Z, Ninković SS, Chockalingam N, Obradović B, Drid P. Application of the Schroth Method in the Treatment of Idiopathic Scoliosis: A Systematic Review and Meta-Analysis. . nt J Environ Res Public Health. 2022, Bd. Dec 13;19(24):16730. doi: 10.3390/ijerph192416730. PMID: 36554613; PMCID: PMC9779560.</li>
<li>Khaleeq T, Jaly I, Lea M, Tokala DP, Davidson N, Trivedi J, Munigangaiah S. Return to sports activities following posterior scoliosis correction and instrumented fusion for adolescent idiopathic scoliosis and its correlation to Lenke classification. J Craniovertebr Junction Spine. 2024, Bde. Oct-Dec;15(4):419-426. doi: 10.4103/jcvjs.jcvjs_123_24. Epub 2025 Jan 15. PMID: 40061196; PMCID: PMC11888032.</li>
</ol>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rotatoren­manschettenläsion</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/22933/rotatorenmanschettenlaesion/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Prof. Dr. med. Knut Beitzel&nbsp;,&nbsp;Samantha Schröder]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Sep 2026 08:00:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
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					<description><![CDATA[Rotatorenmanschettenrupturen (RM-Rupturen) zählen zu den häufigsten Ursachen schmerzhafter Schulterfunktionsstörungen im sportmedizinischen Alltag. Mit zunehmendem Lebensalter steigt ihre Prävalenz deutlich an, wobei ein erheblicher Teil der Läsionen jedoch asymptomatisch bleibt [1]. [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Rotatorenmanschettenrupturen (RM-Rupturen) zählen zu den häufigsten Ursachen schmerzhafter Schulterfunktionsstörungen im sportmedizinischen Alltag. Mit zunehmendem Lebensalter steigt ihre Prävalenz deutlich an, wobei ein erheblicher Teil der Läsionen jedoch asymptomatisch bleibt [1].</b></p>
<p>Die zentrale klinische Frage lautet daher im klinischen Alltag eher nicht nur, ob eine Ruptur vorliegt, sondern welche Läsion bei welchem Patienten konservativ oder operativ behandelt werden sollte. Der vorliegende Beitrag fasst den aktuellen Kenntnisstand zum natür­lichen Verlauf, zu prognostischen Faktoren sowie zur Evidenz der konser­vativen Therapie zusammen und stellt eine darauf basierende pragmatische Behandlungsstrategie dar.</p>
<h2><b>Epidemiologie und natürlicher Verlauf</b></h2>
<p>Bildgebende Studien zeigen eine altersabhängige Zunahme von RM-Defekten. Während in der fünften Lebensdekade etwa 13 % betroffen sind, steigt die Prävalenz in der achten Dekade auf über 50 %. Ein Großteil dieser Läsionen bleibt klinisch stumm. Insbesondere kleine, degenerative obere RM-Rupturen zeigen häufig einen langsamen Verlauf mit über lange Zeit stabil erhaltener Funktion. Der natürliche Verlauf ist jedoch heterogen. Teilrupturen können sich in etwa 40 % der Fälle vergrößern, rund ein Viertel entwickelt sich im Verlauf zu einer Komplettruptur. Komplettrupturen heilen nicht spontan und zeigen in bis zu 80 % eine Größenprogression, häufig begleitet von fettiger Infiltration und Muskelatrophie. Entscheidend ist dabei weniger die Ruptur an sich als vielmehr deren funktionelle Kompensation. Eine Zunahme der Beschwerden (vor allem Schmerz) weist hier auf eine Progredienz der Ruptur hin.</p>
<h2><b>Pathophysiologie und Biomechanik</b></h2>
<p>Degenerative RM-Rupturen entstehen multifaktoriell. Intrinsische Faktoren wie altersbedingte Degeneration, reduzierte Vaskularisation und oxidativer Stress treffen auf extrinsische Einflüsse wie subakromiale Enge oder mechanische Überlastung. Biomechanisch kommt dem sogenannten „Rotator Cable“ eine Schlüsselrolle zu. Solange diese lasttragende Struktur intakt ist, können selbst größere Defekte funktionell kompensiert werden. Mit zunehmender Rupturgröße und Unterbrechung der biomechanischen Synergie zwischen Rotatorenmanschette und Deltamuskel steigt der Kraftbedarf des Deltamuskels zur Humeruskopfzentrierung. Die Folge können Funktionsverlust, Dezentrierung und im Extremfall eine Pseudoparalyse sein. Anteriore Rupturen sowie Läsionen des Subscapularis zeigen dabei eine besonders ungünstige Biomechanik mit schnellerer funktioneller Dekompensation.</p>

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<a href='https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/22933/rotatorenmanschettenlaesion/attachment/beitzel2_saez0326/'><img loading="lazy" decoding="async" width="150" height="150" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Beitzel2_saez0326-150x150.jpg" class="attachment-thumbnail size-thumbnail" alt="" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Beitzel2_saez0326-150x150.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Beitzel2_saez0326-70x70.jpg 70w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Beitzel2_saez0326-120x120.jpg 120w" sizes="(max-width: 150px) 100vw, 150px" /></a>

<h2><b>Prognostische Faktoren</b></h2>
<p>Es ist davon auszugehen, dass komplette Rupturen aufgrund der Sehnenspannung nicht spontan selbst heilen. Allerdings ist nicht jede Ruptur gleich zu bewerten. Als ungünstige Prognosefaktoren für ein schlechteres klinisches Outcome gelten höheres Lebensalter, große Rupturgröße, fortgeschrittene Sehnenretraktion, ausgeprägte Muskelatrophie sowie fettige Infiltration – insbesondere des Infraspinatus. Auch Rauchen, hohe berufliche oder sportliche Belastung und eine lange Symptomdauer verschlechtern die Heilungschancen [2]. Scoring-Systeme wie der „Rotator Cuff Healing Index“ erlauben eine Abschätzung des Heilungsrisikos nach operativer Rekon­struktion. Sie verdeutlichen zugleich, dass bei bestimmten Konstellationen eine operative Therapie zwar technisch möglich, prognostisch jedoch wenig erfolgversprechend ist [3].</p>
<h2><b>Evidenz: konservativ versus operativ</b></h2>
<p>Randomisierte Studien und Metaanalysen zeigen bei älteren Patienten mit degenerativen, atraumatischen Full-Thickness-Rupturen nur geringe oder keine klinisch relevanten Vorteile der operativen gegenüber der konservativen Therapie in Bezug auf Schmerz, Funktion und Lebensqualität. Zwar lassen sich strukturell bessere Ergebnisse nach Rekonstruktion nachweisen, diese korrelieren jedoch nicht zwingend mit dem subjektiven Outcome [1]. Demgegenüber profitieren jüngere, aktive Patienten mit akuten traumatischen Rupturen – insbesondere bei Subscapularisbeteiligung oder anteriorem Supraspinatusdefekt – von einer zeitnahen operativen Versorgung. Hier zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen einem frühzeitigen Repair und besserem funktionellen Ergebnis [2].</p>
<h2><b>Konservative Therapie: Inhalte und Zielsetzung</b></h2>
<p>Ziel der konservativen Behandlung ist die Wiederherstellung einer dynamischen Humeruskopfzentrierung und funktionellen Schulterkontrolle. Zen­trale Bausteine sind eine strukturierte Physiotherapie mit Fokus auf Beweglichkeit, Kraft, sensomotorische Kon­trolle und scapulothorakalen Rhythmus. Für aktive Übungsprogramme besteht eine hohe Evidenz zur kurzfristigen Schmerz­reduktion sowie zur Verbesserung von Kraft und Funktion. Die Therapie sollte multimodal aufgebaut sein. Ziel ist weniger die anatomische Heilung der Sehne als die Verbesserung von Schmerz, Funktion, Beweglichkeit und muskulärer Kompensation. Einen zentralen Stellenwert nimmt dabei die aktive, individuell angepasste Bewegungstherapie ein. Nach einer initialen Phase der Schmerzmodulation und der Wiederherstellung bzw. Erhaltung der Beweglichkeit sollte schrittweise ein progressives Krafttraining etabliert werden. Dieses umfasst neben der gezielten Kräftigung der Rotatorenmanschette insbesondere den Deltoideus und die Skapulastabilisatoren. Isometrische Übungen können initial zur Schmerzreduktion und Aktivierung eingesetzt werden, bevor über konzentrische und exzentrische Belastungen eine sukzessive Steigerung von Widerstand und Trainingsvolumen erfolgt. Ergänzend sind Übungen zur Verbesserung der skapulothorakalen Kontrolle, der Propriozeption und der neuromuskulären Koordination sinnvoll.</p>
<p>Im weiteren Verlauf sollte die Therapie zunehmend funktionell ausgerichtet und an die individuellen Anforderungen des Patienten angepasst werden. Dabei erfolgt eine schrittweise Progression von schmerzarmen Bewegungen über gezieltes Kraft- und Ausdauertraining bis hin zu alltags-, berufs- oder sportspezifischen Belastungen. Hier gilt es v. a. die hohe Rotationsfähigkeit des Gelenks (verminderte hohe Innenrotationsfähigkeit) und die Ermüdungs­resistenz der aktiven hohen Aussen­rotation zu verbessern. Ein strukturiertes Heimübungsprogramm ist für die Nachhaltigkeit der Therapie von wesentlicher Bedeutung. Entscheidend für den Erfolg der konservativen Behandlung sind eine kontinuierliche Belastungsprogression, die individuelle Anpassung des Trainings und eine klinische Reevaluation des funktionellen Verlaufs. Eine längerfristige Immobilisation oder konsequente Vermeidung von Überkopfbelastungen ist dagegen in der Regel nicht zielführend. Passive physiotherapeutische Maßnahmen, Analgetika oder gegebenenfalls eine subakromiale Kortikosteroidinjektion können bei ausgeprägter Schmerzsymptomatik unterstützend eingesetzt werden, sollten jedoch primär dazu dienen, eine aktive Rehabilitation zu ermöglichen.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Kortikosteroide zeigen einen kurzfristigen analgetischen Effekt, sollten jedoch aufgrund potenzieller negativer Effekte auf die Sehnenqualität zurückhaltend eingesetzt werden. Für PRP und Stammzelltherapien besteht derzeit keine ausreichende Evidenz für einen nachhaltigen strukturellen Nutzen. Physikalische Maßnahmen wie Stoßwellentherapie oder Elektrotherapie spielen hierbei eine ergänzende Rolle. Langzeitstudien belegen, dass bis zu 75 % der o. g. Patienten mit degenerativen RM-Rupturen langfristig erfolgreich konservativ behandelt werden können, selbst wenn bildmorphologisch eine Progression nachweisbar ist [4].</p>
<h2><b>Operative Therapie: Vorteile und Indikation</b></h2>
<p>Bei geeigneten Patienten kann eine Operation Schmerzen deutlich reduzieren, die Schulterfunktion verbessern und langfristige Folgeschäden verhindern. Vor allem zeigt sich bei eingeheilten Sehnen ein Vorteil in Bezug auf die Kraftentfaltung. Ob ein operatives Vorgehen sinnvoll ist, hängt wie oben beschrieben jedoch von der Größe und Art des Defekts, dem Alter, dem Gesundheitszustand und den persönlichen Anforderungen des Patienten ab. Eine individuelle Beurteilung durch einen Orthopäden oder Schulterchirurgen ist dafür entscheidend [2].</p>
<p>Grundsätzlich erscheint die operative Therapie sinnvoll wenn:</p>
<ul>
<li>Eine Komplettruptur vorliegt und diese nach einem Unfall entstanden ist</li>
<li>Ein hohes Risiko für eine rasche Progression der Ruptur und Atrophie / Verfettung der Muskulatur vorliegt – bei gleichzeitig noch gutem Heilungspotenzial</li>
<li>Die Ruptur im Bereich des Subscapularis oder „Rotator Cables“ liegt</li>
<li>Starke Schmerzen und Funktionsverlust bestehen</li>
<li>Der Patient körperlich aktiv ist oder beruflich auf eine gut funkt­ionierende Schulter angewiesen ist und insbesondere einen Kraftverlust nicht tolerieren möchte</li>
<li>Eine konservative Behandlung (Physiotherapie, Schmerzmittel, Injektionen, Physikalische Therapie) nach etwa 3 – 6 Monaten keinen ausreichenden Erfolg gebracht hat</li>
</ul>
<h2><b>Praxisorientierte </b><b>Behandlungsstrategie und Fazit</b></h2>
<p>Schmerz und Funktion lassen sich bei vielen degenerativen Rotatorenmanschettenrupturen vor allem bei älteren Patienten konservativ erfolgreich behandeln. Eine nachhaltige Wiederherstellung der Muskelkraft ist jedoch überwiegend nur nach erfolgreicher Sehnenheilung zu erwarten. Deshalb gilt: Nicht jede Ruptur muss operiert werden – aber traumatische, funktionell relevante oder prognostisch ungünstige Läsionen sollten frühzeitig operativ abgeklärt werden. Die Therapieentscheidung sollte daher nicht primär bildgebungs-, sondern patientenorientiert erfolgen. Alter, Traumamechanismus, Funktionsdefizit, Rupturmorphologie, Heilungspotenzial sowie individuelle Belastungsanforderungen werden berücksichtigt.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Aus den vorliegenden Daten lässt sich eine dreistufige Strategie ableiten:</p>
<ul>
<li>Primär konservativ bei älteren Patienten mit chronischen, degenerativen Rupturen, ausgeprägter Atrophie oder statischer Dezentrierung.</li>
<li>Konservativer Therapieversuch bei grundsätzlich reparablen Läsionen mit enger klinischer Verlaufskontrolle.</li>
<li>Primär operativ bei akuten traumatischen Rupturen, Subscapularisläsionen, anteriorem Supraspinatusdefekt oder rascher funktioneller Dekompensation.</li>
</ul>
<p style="font-weight: 400;">Literatur</p>
<ol>
<li style="font-weight: 400;">Karjalainen TV, Jain NB, Heikkinen J et al. (2019) Surgery for rotator cuff tears. Cochrane Database Syst Rev 12:CD013502</li>
<li style="font-weight: 400;">Weber S, Chahal J (2020) Management of Rotator Cuff Injuries. J Am Acad Orthop Surg 28:e193-e201</li>
<li style="font-weight: 400;">Kwon J, Kim SH, Lee YH et al. (2019) The Rotator Cuff Healing Index: A New Scoring System to Predict Rotator Cuff Healing After Surgical Repair. Am J Sports Med 47:173-180</li>
<li style="font-weight: 400;">Kijima H, Minagawa H, Nishi T et al. (2012) Long-term follow-up of cases of rotator cuff tear treated conservatively. J Shoulder Elbow Surg 21:491-494</li>
</ol>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bandscheibenvorfall als Bewegungsproblem</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/22874/bandscheibenvorfall-als-bewegungsproblem/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Wolfgang Packi&nbsp;,&nbsp;Dr. med. Stephan Schlierbach]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2026 08:00:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://sportaerztezeitung.com/?p=22874</guid>

					<description><![CDATA[Ein Bandscheibenvorfall im MRT erklärt nicht automatisch den Schmerz. Die Biokinematik richtet den Blick auf Muskellänge, Muskelspannung und Bewegungsbahn. Ihr konservativer Ansatz untersucht die gestörte Bewegung, überprüft sie unmittelbar und [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Ein Bandscheibenvorfall im MRT erklärt nicht automatisch den Schmerz. Die Biokinematik richtet den Blick auf Muskellänge, Muskelspannung und Bewegungsbahn. Ihr konservativer Ansatz untersucht die gestörte Bewegung, überprüft sie unmittelbar und verändert sie durch manuelle Impulse sowie aktives Üben.</b></p>
<h2><b>Befund und Beschwerden sind nicht dasselbe</b></h2>
<p>Zeigt das MRT eine Protrusion oder einen Prolaps, scheint die Ursache gefunden. Für die Therapie ist jedoch die klinische Korrelation entscheidend: Bandscheibenveränderungen kommen auch bei beschwerdefreien Menschen vor; umgekehrt können starke Schmerzen bei unspektakulärer Bildgebung bestehen. Zudem bilden sich lumbale Herniationen unter konservativer Behandlung nicht selten zurück. Das Bild ist ein wichtiger Baustein, aber kein eigenständiges Therapieziel. Die Biokinematik bestreitet nicht, dass eine Nervenwurzel mechanisch oder entzündlich irritiert werden kann. Sie fragt zusätzlich: Welcher Anteil der Symptomatik lässt sich durch eine veränderte Bewegungsorganisation erklären? Welche Muskulatur begrenzt, welche kompensiert – und ändern sich Schmerz, Kraft oder Parästhesie durch eine gezielte Funktionsänderung?</p>
<h2><b>Schmerz als Warnsignal einer gestörten Bewegungsbahn</b></h2>
<p>Muskeln erzeugen nicht nur Kraft. Durch Länge, Faserverlauf und abgestimmte Aktivität bestimmen sie zugleich die Bewegungsbahn. Ein Agonist muss verkürzen können, während sein Gegenspieler kontrolliert Länge freigibt. Fehlt diese Reserve oder ist die Spannung inhomogen, entstehen Ausweichbewegungen und Zugkonflikte. Biokinematisch wird Schmerz deshalb als Warnsignal einer nicht mehr stimmigen Bewegungsgeometrie verstanden. Schmerzort und möglicher Störort sind dabei nicht zwingend identisch. Wahrgenommen wird häufig die aktive, kompensierende Muskulatur; der limitierende passive Partner kann relativ stumm bleiben. Bei lumbosakralen Beschwerden gehören deshalb neben paravertebralen auch ventrale und hüftnahe Strukturen in die Funktionsprüfung: M. psoas, M. iliacus, M. rectus femoris und M. rectus abdominis sowie Anteile von M. gluteus maximus und M. adductor magnus.</p>
<h2><b>Sitzen verändert die verfügbare Bewegung</b></h2>
<p>Viele Patienten verbringen einen erheblichen Teil des Tages mit gebeugter Hüfte. Langfristig werden Bewegungsumfang, Koordination und Kraft an häufig genutzte Winkel angepasst. Beim Aufrichten, Gehen, Laufen oder bei sportlicher Extension werden jedoch andere Muskellängen benötigt. Fehlt diese Reserve, kann das Becken nicht mehr frei über dem Femur organisiert werden; die Lendenwirbelsäule übernimmt Bewegung aus Hüfte und Becken. Lokales Krafttraining allein löst diesen Konflikt nicht zwingend, denn auch ein kräftiger Muskel kann funktionell zu kurz sein. Therapie muss Kraft, Länge und Bewegungsbahn zusammenführen.</p>
<h2><b>Diagnostik: Hypothese bilden, verändern, erneut testen</b></h2>
<p>Vor jeder Behandlung stehen Anamnese sowie orthopädischer und neurologischer Status mit Sensibilität, Kennmuskeln, Reflexen, Lasègue-Test und relevanten Alltagsfunktionen. Blasen- oder Mastdarmstörung, Reithosenanästhesie, rasch zunehmende oder hochgradige Parese sowie der Verdacht auf Fraktur, Infektion oder Tumor verlangen sofortige Abklärung. Kinematische Therapie ersetzt hier nicht die leit­liniengerechte, gegebenenfalls operative Versorgung. Danach folgt die Bewegungsanalyse anhand reproduzierbarer Funktionen: Aufstehen, Gehen, Einbeinstand, Hüftextension, Rumpfaufrichtung und die individuell schmerzhafte Bewegung. Aktive und passive Beweglichkeit werden verglichen. Beobachtet wird, wo Bewegung früh abbricht, das Becken ausweicht oder eine andere Region übernimmt. Vermutete limitierende Muskeln werden palpatorisch geprüft. Ein Spannungsbefund wird erst relevant, wenn eine gezielte Intervention die definierte Funktion nachvollziehbar verändert. Dieser unmittelbare Re-Test ist zentral: Wird die Bewegung freier, sinkt der bekannte Schmerz, verbessert sich eine eingeschränkte Kraftleistung? Bleibt die Änderung aus, wird die Hypothese korrigiert.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-22875" src="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Packi1_saez0326-768x1024.jpg" alt="" width="755" height="1007" srcset="https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Packi1_saez0326-768x1024.jpg 768w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Packi1_saez0326-225x300.jpg 225w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Packi1_saez0326-1152x1536.jpg 1152w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Packi1_saez0326-150x200.jpg 150w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Packi1_saez0326-450x600.jpg 450w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Packi1_saez0326-1200x1600.jpg 1200w, https://sportaerztezeitung.com/wp-content/uploads/2026/09/Packi1_saez0326.jpg 1440w" sizes="(max-width: 755px) 100vw, 755px" /></p>
<h2><b>Drei therapeutische Ebenen</b></h2>
<ul>
<li>Die erste Ebene ist die therapeutische Palpation. Eine reproduzierbar gespannte Struktur wird dosiert mechanisch stimuliert. Ziel ist keine möglichst schmerzhafte Drucktechnik, sondern eine Veränderung der neuromuskulären Regulation. Direkt danach wird die Zielfunktion erneut geprüft.<span class="Apple-converted-space"> </span></li>
<li>Die zweite Ebene ist das assistierte Üben. Der Muskel wird durch eine kontrollierte Bewegung an seine maximal verfügbare Länge geführt. Von dort arbeitet der Patient langsam konzentrisch gegen Widerstand. Entscheidend sind saubere Führung, angemessene Belastung und die Kontrolle neurologischer Symptome.<br />
Anhaltender Beinschmerz oder zunehmende motorische Ausfälle sind kein Trainingsziel.</li>
<li>Die dritte Ebene ist die Umkon­ditionierung. Der Patient erhält ein präzises Eigenprogramm: regelmäßig aus dem Sitzen herauskommen, Hüfte und Rumpf in wenig genutzte Richtungen bewegen, neue Länge aktiv kontrollieren und die Belastung schrittweise an Beruf oder Sport annähern. Kriterium ist keine starre Gradzahl, sondern die symptomarme Erweiterung des persönlichen Bewegungsraums.</li>
</ul>
<p>Aus mehr als 20 Jahren klinischer Praxis ergibt sich eine bemerkenswerte Verlaufsbeobachtung: Rund 80 % der so behandelten Patienten mit Bandscheibenvorfall wurden nach biokinematischer Behandlung im Durchschnitt innerhalb etwa einer Woche weitgehend bis vollständig symptomfrei – auch in Fällen, in denen bereits nach herkömmlichen Kriterien eine Operationsindikation gestellt worden war. Voraussetzung bleibt die sorgfältige Ausschlussdiagnostik der genannten Notfallkonstellationen.</p>
<h2><b>Arzt und Physiotherapie: eine gemeinsame Behandlungssprache</b></h2>
<p>Der Ansatz gewinnt, wenn ärztliche und physiotherapeutische Aufgaben gemeinsam organisiert werden. Ärztlich werden Diagnose, Red Flags, Medikation sowie Bildgebung oder Intervention verantwortet. Physiotherapeutisch werden Bewegungsstrategie, Belastbarkeit und Reaktion auf Funktionsänderungen geprüft. Beide Seiten dokumentieren dieselben Marker: Schmerzver­teilung, Kraft, Sensibilität, Gehfähigkeit sowie Arbeits- und Sportfunktion. Für die Entscheidung zwischen konser­­va­tiver Behandlung und Operation zählen neurologischer Verlauf, Leidensdruck, Funktionsverlust, Beschwerdedynamik und Reaktion auf ausreichend dosierte Therapie. Eine Operation kann bei klarer Indikation rascher entlasten; viele Patienten verbessern sich auch ohne Eingriff. Gute konservative Medizin bedeutet deshalb aktive Behandlung unter definierten Sicherheits- und Verlaufskriterien.</p>
<h2><b>Ein prüfbares konservatives Konzept</b></h2>
<p>Die Stärke der Biokinematik ist ihr funktioneller Suchauftrag: Der sichtbare Strukturdefekt wird nicht vorschnell mit der gesamten Symptomatik gleichgesetzt. Der Fokus verschiebt sich auf die Bewegung, die nicht mehr ökonomisch gelingt. Palpation, assistiertes Üben und Eigenaktivität werden an einer vorab definierten Funktion überprüft. Die spezifischen Erklärungsmodelle und Behandlungselemente sollten mit standardisierten neurologischen Befunden, Funktionsmaßen und längerfristigen Vergleichen weiter untersucht werden. Für die Praxis bleibt die zentrale Botschaft: Ein MRT-Befund ist statische Betrachtung der Strukturen und gibt keine Information über die Funktionen. Wer klinisch absichert, die Bewegungskette untersucht und Veränderungen im einbezieht, erweitert den konservativen Handlungsspielraum.</p>
<p>Konzeptgrundlage: Biokinematik nach Walter Packi</p>
<p style="font-weight: 400;">Literatur</p>
<ol>
<li>Brinjikji W et al. MRI Findings of Disc Degeneration are More Prevalent in Adults with Low Back Pain than in Asymptomatic Controls. <em>AJNR Am J Neuroradiol.</em> 2015;36:2394-2399.</li>
<li>Wang Y et al. The incidence of regression after the non-surgical treatment of symptomatic lumbar disc herniation: a systematic review and meta-analysis. <em>BMC Musculoskelet Disord.</em> 2020;21:530.</li>
<li>Liu C et al. Surgical versus non-surgical treatment for sciatica: systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. 2023;381:e070730.</li>
<li>DGOOC et al. S2k-Leitlinie zur konservativen, operativen und rehabilitativen Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik, AWMF 033-048, Version 2021, derzeit in Überarbeitung.</li>
</ol>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Psychoneuro­immunologie (PNI) im Tennis</title>
		<link>https://sportaerztezeitung.com/rubriken/therapie/22927/psychoneuroimmunologie-pni-im-tennis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. M. SC. Christian Schubert]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Sep 2026 08:00:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[03/26]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://sportaerztezeitung.com/?p=22927</guid>

					<description><![CDATA[Herr Professor Schubert, Tennis gilt als eine der mental anspruchsvollsten Sportarten überhaupt. Welche besonderen psychoneuroimmunologischen Herausforderungen bringt der Tennissport im Vergleich zu Mannschaftssportarten mit sich? Ich danke Ihnen für die [...]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><b>Herr Professor Schubert, Tennis gilt als </b><b>eine der mental anspruchsvollsten Sportarten </b><b>überhaupt. Welche besonderen </b><b>psychoneuroimmunologischen Heraus</b><b>forderungen bringt der Tennissport im Vergleich zu Mannschaftssportarten mit sich?</b></p>
<p>Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, zu diesem wichtigen Thema ein paar Gedanken beisteuern zu können. Während bei Mannschaftssportarten psychischer Druck und Verantwortung auf mehrere Spieler einer Mannschaft verteilt sind und das Zusammengehörigkeitsgefühl zusätzliche Kräfte freisetzen kann, ist man bei Tennis mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Tennis ist die einsamste Leistungssportart der Welt, es gibt keinen Mitspieler, der einen physisch abklatschen und emotional stützen kann. Tennisspieler müssen darüber hinaus viel reisen, sind also oft auch außerhalb des Tenniscourts alleine unterwegs. Ein weiterer wichtiger Unterschiedsfaktor ist auch, dass Mannschaftssportarten in den meisten Fällen klar begrenzte Spielzeiten haben. Tennismatches hingegen sind in ihrer Dauer nicht einschätzbar, sie können Stunden oder sogar Tage dauern. Ich erinnere mich an das legendäre Match zwischen John Ilsner und Nicolas Mahut in der ersten Wim­bledon-Runde 2010. Es ging im 5. Satz nach 11 Stunden und 5 Minuten 70:68 für Ilsner aus. Ilsner war danach so erschöpft, dass er die zweite Runde bereits nach 74 Minuten verlor.</p>
<p><b>Fernando Pérez, Osteopath und PNI-Experte im Sportbereich, betonte in einem Artikel, dass Emotionen die Funktionen aller Körpersysteme be</b><b>einflussen: des Muskelsystems, des Verdauungssystems und des Gehirns. Die PNI betrachtet Psyche, Nervensystem, Hormonhaushalt und Immunsystem als eng vernetzte Einheit. Wie beeinflussen Emotionen wie Frustration, Druck oder Einsamkeit während eines Turniers die Leistungsfä</b><b>higkeit eines Tennisspielers auf biologischer Ebene?<span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p>Nehmen wir nochmals das Beispiel des Matches zwischen Ilsner und Mahut. Dass Ilsner im nächsten Match so sang- und klanglos unterging, deutet auf einen klaren PNI-Effekt hin. Die massiven stressbedingten Adrenalin- und Cortisol-­Ausschüttungen im ersten Match dürften zu einem „Open-Window“-Phänomen geführt haben: Adrenalin und Cortisol sinken nach solchen Belastungen rapide ab. Dasselbe gilt für die natürliche Killerzellzahl und -aktivität sowie für die Antikörper, wodurch die Infek­tions­gefahr steigt. Die darüber hinaus während des Matches aufgrund von Muskelgewebs- und Darmschleimhautschäden angestiegene Entzündungs­aktivität löst im Gehirn das Sickness Behavior-Phänomen aus: Man ist erschöpft, hat Schmerzen und es fühlt sich an, als ob man krank ist. Da Sickness Behavior eng mit einer Blockade der Serotonin- und Dopamin-Freisetzung im Gehirn verbunden ist, verliert der Spieler in dieser Phase auch den Kampfgeist, verfällt in Lethargie, neigt zur Resignation. Darüber hinaus sinkt die Spielfreude, es leiden Konzentration und Spielgenauigkeit und es steigt die Frustration. Immunsuppression und Entzündungsanstieg würden nun eigentlich längere Regenerationsphasen notwendig machen, die sich die Tennisspieler während eines Turniers aber oftmals nicht leisten können. Aber auch während eines Matches beeinflussen Emotionen über biologische Veränderungen die Spielqualität.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Die bei hohem Spieldruck gesteigerte Adrenalin- und Cortisol-Freisetzung kann durch seine Wirkung auf den präfrontalen Cortex die Fähigkeit zum logischen Denken und zur Entscheidungsfindung blockieren. Auch der Muskeltonus steigt bei vermehrter Adrenalin- und Cortisol-Ausschüttung – die Muskeln verkrampfen und die Schläge werden zu kurz. Letztlich signalisiert die verstärkte Cortisol-Ausschüttung unter Stress dem Organismus Gefahr, sodass vermehrt Kohlenhydrat- anstelle Fettreserven aufgebraucht werden. Dadurch ermüdet der Spieler energetisch schneller, manchmal noch bevor das Match in die entscheidende Phase eingetreten ist.</p>
<p><b>Was kann aus PNI-Sicht konkret unternommen werden?<span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p>Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, wie Tennisspieler Stress, Druck und Leistungsverlust aus Sicht der PNI gegensteuern können. Das Ziel sollte dabei sein, Adrenalin und Cortisol zu senken und die Parasympathikus-Aktivität zu steigern, sodass das Immunsystem positiv reguliert wird. Das kann man in jedem der genannten Zeitintervalle tun. Während des Spiels kann man die Stresssystemaktivität über Resonanzatmung und verschiedene kognitive Techniken positiv beeinflussen. Nach dem Spiel sollte man darauf achten, den Stress über leichtes Auslaufen, Kohlenhydrat- und Flüssigkeitszufuhr herunterzufahren. Wichtig ist auch, dass man zwischen den Turnierspielen Regenerationsphasen strikt einhält und auf die Schlafhygiene achtet. Das stärkt den Immunschutz und verringert Entzündungen. Unbedingt sollte man auch darauf achten, zwischen den Spielen soziale Pro­bleme möglichst zu vermeiden. Insbesondere, wenn diese emotional nahe­gehen, kann das enorme Effekte auf psychisches Befinden und Stresssystemaktivität haben und sich auch noch negativ auf die Konzentration während des Spiels auswirken.</p>
<p><b>Viele Spitzenspieler arbeiten mit festen Ritualen vor dem Aufschlag, zwischen den Ballwechseln oder vor Matches. Rafael Nadal war dafür ein </b><b>Paradebeispiel. So betrat er den Platz </b><b>immer zuerst mit dem rechten Fuß, berührte während der Ballwechsel keine Linien, tippte den Ball vor dem Aufschlag mit dem Schläger, zupfte sich anschließend am Hintern, dann an der linken und der rechten Seite seines Shirts, fasste sich an die Nase, bevor er sich die Haare hinter beide Ohren wischte. Welche neurobiolo­gischen Funktionen erfüllen solche Rituale – und können sie tatsächlich Stress­reaktionen und sogar Entzündungsprozesse beeinflussen?</b></p>
<p>Zunächst klingt das, was Rafael Nadal da machte, nach Obsession und Perfektionismus. Das ist bekannt für Sportarten wie Tennis, bei denen der Spieler allein mit sich ist und sich oft kritisch mit sich auseinandersetzt. Nadal dürften seine berühmten Rituale darüber hinaus der eigenen Strukturierung und damit Beruhigung der Nervensystemaktivität während des Spiels gedient haben. Auch könnte er mit seiner extremen Detailfokussierung, z. B. auf die genaue Ausrichtung der Trinkflaschen, seine Aufmerksamkeit auf das Spiel gelenkt und alle anderen Einflüsse wie z. B. Zuschauerreaktionen oder Ablenkungsmanöver durch den Gegner ausgeblendet haben, was mentale Energie spart. Mit Ritualen wie dem Nicht-Betreten der Linien beim Seitenwechsel dürfte Nadal die neuronale Schleife des Frusts und des Ärgers über einen vergangenen Fehler durchbrochen haben, wodurch Stressreaktionen gestoppt wurden. Andere Rituale wie das lange Vorbereiten des Aufschlags wiederum dürften positive Wirkung auf die neuro­biologischen Regelkreise während des Spiels gehabt haben, indem das Spiel entschleunigt und damit in seiner Dynamik kontrolliert wurde.</p>
<p><b>Im Zusammenhang mit PNI wird oft die Darm-Hirn-Achse diskutiert. Welche</b><b> Rolle spielt sie für Tennisspieler, insbesondere in Drucksituationen, in de</b><b>nen schnelle und präzise Entscheidunge</b><b>n gefragt sind?</b></p>
<p>Die Darm-Hirn-Achse ist die bidirektionale Verbindung zwischen Gehirn und enterischem Nervensystem. Diese Achse ist enorm wichtig für die Performance im Leistungssport. Steigt der psychische Druck im Spiel und damit die Freisetzung von Adrenalin und Cortisol, wird die Durchblutung im Darm gedrosselt, um im Fight / Flight-Modus Energie für die Muskeln bereitzustellen. Kommt dazu noch eine enorme physische Belastung, etwa durch Hitzeeinwirkung während des Spiels, steigt die Gefahr, dass aufgrund der Sauerstoff-Unterversorgung des Darms die Schleimhaut geschädigt wird und eine „Leaky Gut“ entsteht, d. h. die Darmschleimhaut durchlässig wird. Dadurch werden bakterielle Endotoxine in den Blutkreislauf geschwemmt und die Entzündungsaktivität steigt an. Erhöhte Entzündung in der Körperperipherie wird wiederum über unterschiedliche Mechanismen, zu denen auch der Parasympathikus gehört, ins Gehirn weitergeleitet, woraufhin es zum Sickness Behavior kommt. Da darüber hinaus der Darm einen Großteil des körpereigenen Serotonins und Dopamins produziert, kommt es in der Folge zu einem Mangel dieser Neurotransmitter im Gehirn. Der gestresste Spieler erlebt dies als Zunahme von Erschöpfung und Müdigkeit sowie als Abnahme von Konzentration, Spielgenauigkeit und Motivation. Tennisspieler sollten also während des Spiels möglichst den Stress mental minimieren können, um diesen Kreislauf zu blockieren oder zumindest zu verringern.</p>
<p><b>Turnierreisen, Jetlag, wechselnde ­Tagesrhythmen und Schlafprobleme gehören zum Alltag vieler Profis. Wie </b><b>wirken sich gestörte Biorhythmen au</b><b>f das Zusammenspiel von Nervensys</b><b>tem, Immunsystem und Regeneration</b><b> aus – und welche Maßnahmen können aus psychoneuroimmunologischer Sicht empfohlen werden?</b></p>
<p>Das Wechselspiel zwischen Nerven-, Hormon- und Immunsystem steht in direkter Verbindung mit dem Tag-Nacht-Rhythmus. Untertags kommt es z. B. zur Konfrontation des Immunsystems mit Antigenen, über Nacht wird das Immungedächtnis etabliert und am Folgetag kommt es dann zur Zerstörung von beschädigten Muskelzellen oder eingedrungenen Krankheitserregern. Cortisol wiederum steht im gegenläufigen Zyklus zu diesen immunologischen Aktivitäten. Untertags unterdrückt Cortisol die inflammatorischen Aktivitäten, während das Cortisol in der Nacht sinkt und so das zelluläre Immunsystem in seiner Aktivität nicht behindert. Geraten diese und andere Biorhythmen aufgrund von Jetlag und Schlafproblemen in Konflikt mit der zentralen Uhr im Gehirn, dem suprachiasmatischen Nucleus, kann dies große Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Tennisspielers haben. Durch den gestörten Biorhythmus verzögert sich beispielsweise die gezielte Entsorgung von Mikro-Gewebeschäden, wodurch die Regeneration unvollständig bleibt und der Spieler quasi biologisch unvorbereitet in das nächste Match startet. Auch verlängert sich das Open-Window-Phänomen nach einem erschöpfenden Match, wodurch die Infektanfälligkeit länger als üblich erhöht bleibt. Um diesen schädlichen Entwicklungen im Zusammenhang mit langen Turnierreisen und damit verbundenen Störungen der Biorhythmen entgegenzuwirken, sollte man sich möglichst an die vorherrschenden Licht- und Dunkelzyklen anpassen. Setzt man sich beispielsweise direkt nach dem Aufwachen dem Tageslicht am Zielort aus, kann der interne 14- bis 16-Stunden-Timer im Gehirn gestartet und der Organismus langsam an die neuen Umgebungsbedingungen herangeführt werden. Bricht wiederum die Dunkelheit ein und man ist noch nicht müde, sollte man bei gedimmtem Licht möglichst ruhig sitzen bleiben und erst dann ins Bett gehen, wenn der Schlafdruck besonders groß ist.</p>
<p><b>Der Mensch ist ein Mensch, egal ob </b><b>Profi oder Freizeitsportler. Können wir</b><b> aus PNI-Sicht davon ausgehen, dass </b><b>all das, über das wir eben gesprochen </b><b>haben, genauso gut auf Freizeitsportler angewandt werden kann? Oder gibt es hierbei spezielle Unterschiede / Anforderungen etc.?</b></p>
<p>Ja absolut, in den physiologischen Mechanismen unterscheiden sich Menschen nicht, egal ob Tennisprofis oder Freizeitsportler. Jedoch gibt es psychosoziale Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen. Der Profisportler erlebt, wie beschrieben, durchaus massive psychische und körperliche Stresssituationen, die sich auf seine Performance im Spiel und auch auf seine gesamte Gesundheit auswirken können. Jedoch dreht sich seine gesamte Berufssituation um ein und dasselbe Thema: Tennis. So hat sich der Tennisspieler neben seiner hohen Spielqualität auch Bewältigungsmechanismen angeeignet, die er während des Spiels, kurz danach und zwischen den Spielen anwenden kann, um vom Stress zu regenerieren. Den Freizeittennisspieler hingegen trifft es mitunter härter, da er oftmals erst am Abend nach getaner Arbeit Tennis spielt. Dabei spricht man vom sogenannten „After-Work-Dilemma“. Durch das späte Match sind die Adrenalin- und Cortisolspiegel mitunter noch bis spät am Abend erhöht. Dadurch wird das nächtliche Immun-Processing gestört und die Schlafqualität ist schlechter. Um hier gegenzusteuern, sollte man seinen Biorhythmus am nächsten Tag durch frühes ­Tageslicht wieder einfangen, ausreichend Proteine zu sich nehmen und sich leicht bewegen, damit die verspätete Gewebereparatur gefördert werden kann.</p>
<p><b>Vielen Dank für das interessante Gespräch!</b></p>
<p>&nbsp;</p>
<h2><span class="fontstyle0">KONGRESS­TIPP</span></h2>
<p>M<span class="fontstyle1">ehr zum Thema PNI und Sport gibt es auf dem <a href="https://www.psychoneuroimmunologie-kongress.at/">5. PNI-Kongress vom 2 –4. Oktober 2026 in Innsbruck</a>. Unter dem Motto „Psychoneuroimmunologie im Lauf des Lebens – Mensch beweg Dich!“ erwartet Sie ein interessantes Programm mit renommierten Experten, bei dem gezeigt wird, dass gesunde Bewegung aus dem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Prozesse entsteht. Themen sind u.a. die Wechselwirkungen zwischen Stress, Entzündung und körperlicher Leistungsfähigkeit/der Einfluss von Bewegung auf Immunalterung und Resilienz/neue Erkenntnisse zur Prähabilitation und Regeneration/die Rolle der Sportpsychologie im Breiten- und Leistungssport/die gesellschaftliche Bedeutung von Bewegung in einer zunehmend beschleunigten und leistungsorientierten Welt.<br />
</span></p>
<p><span class="fontstyle1">Ganz besonders freuen wir uns, Partner des diesjährigen Kongresses zu sein und unter dem Motto „PREHAB NEEDS YOU!“ am Samstag, den 3. Oktober einen Vortragsblock zum Thema „Prähabilitation und Psychoneuroimmunologie“ anbieten zu können. Als Kooperationspartner der Veranstaltung möchten wir Herrn Prof. Dr. Dr. Schubert für die Möglichkeit danken und Ihnen gemeinsam mit unseren Referenten zeigen, wie dies zusammenpasst. Referenten: <a href="https://sportaerztezeitung.com/author/erbeldinger-robert/">Robert Erbeldinger</a>, <a href="https://sportaerztezeitung.com/author/henze-alexander-stephan/">Dr. Alexander-Stephan Henze</a>, <a href="https://sportaerztezeitung.com/author/marshall-robert-percy/">Dr. Robert Percy Marshall</a>, <a href="https://sportaerztezeitung.com/author/welsch-goetz/">Prof. Dr. Götz Welsch</a>, <a href="https://sportaerztezeitung.com/author/post-felix/">PD Dr. Felix Post</a></span></p>
<p><span class="fontstyle1"><br />
</span><a href="https://www.psychoneuroimmunologie-kongress.at/"><span class="fontstyle0">www.psychoneuroimmunologie-kongress.at</span> </a></p>
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